Leverkusen – Wer an seinem Höhenflug gehindert wird und unsanft auf dem Boden aufschlägt, dessen sehnsüchtiger Blick geht zwangsläufig zurück in Richtung Komfortzone. So auch bei Bayer Leverkusen. Nach guten Spielen in München, gegen Schalke und Turin hatte sich die Werkself schon auf dem richtigen Weg nach Europa gewähnt. Der erschreckende Fußball in Köln und gegen Hertha hat aber gezeigt: Zum Hinrunden-Abschluss am Samstag in Mainz (15.30 Uhr/Sky) geht es für Bayer 04 nur darum, an Weihnachten die Spitze des Bundesliga-Tannenbaums überhaupt noch in Sichtweite zu haben.
„Wir haben dort die Chance, einen Teil wieder gut zu machen“, sagt Trainer Peter Bosz. Die Sphären, die man zwischenzeitlich geglaubt hatte, erreicht zu haben, werden aber auch bei einem Auswärtssieg in weiter Ferne bleiben.
Havertz „ein Geschenk des Himmels“
Zu schwach waren die Auftritte gegen Hertha und vor allem in Köln, zu verärgert sind die Fans. Am Mittwochabend entlud sich die Wut auf Kai Havertz. Die Pfiffe gegen seinen Spieler fand der Trainer unverständlich. „Hier wird immer von der Bayer 04-Familie geredet. Spieler, Mitarbeiter und Fans. Ich würde meine Familie nicht so beschimpfen.“ Auch Rudi Völler nimmt Havertz aus der Schusslinie. Für Bayer 04 sei er „ein Geschenk des Himmels.“ Der Sportchef weiß ganz genau, dass er den 20-Jährigen nun in Schutz nehmen muss, damit Havertz sein Selbstvertrauen zurückerlangt.
Kein Problem in Sachen Selbstvertrauen hat Gegner Mainz 05. Seit der kurz davor in Köln entlassene Achim Beierlorzer dort übernommen hat, haben sich die 05er etwas Abstand zu den Abstiegsrängen verschafft. Mit der von Beierlorzer gepredigten breiten Brust gewannen die Mainzer 5:0 in Bremen, 5:1 in Hoffenheim und 2:1 gegen Frankfurt. Dazwischen setzte es Niederlagen in Augsburg (1:2) und gegen Dortmund (0:4). „Das wird ein sehr schweres Spiel. Das ist eine gute Mannschaft“, sagt Bosz. In den vergangenen Wochen zeigte Beierlorzers Team wiederholt die Einstellung, die der Werkself zuletzt abhanden gekommen war.
Bosz dachte, er wäre schon weiter
Blutleer brachten die Leverkusener das Derby in Köln wie eine lästige Pflicht hinter sich, ohne diese allerdings zu erfüllen. Und gegen Hertha bewiesen sie, dass dieser Auftritt nicht nur ein Ausrutscher war. „Ganz ehrlich: Ich habe meine Mannschaft schon weiter gesehen. Nach den Spielen gegen Bayern, Schalke und Juve so tief zu fallen, so schlecht zu spielen, das erwartet man nicht.“ Selbstkritisch genug seien seine Spieler, „sonst würde ich dabei helfen“, so Bosz.
Das Gefüge zwischen Mannschaft und Coach scheint intakt, überhaupt deutet trotz der insgesamt enttäuschenden Hinrunde nichts auf einen Trainerwechsel hin. Das Vertrauen ist da. Bosz-Vorgänger Heiko Herrlich wurde vor einem Jahr mit nur einem Punkt weniger entlassen. Obwohl er sein letztes Spiel mit Bayer 3:1 gewonnen hatte. Gegen Hertha. Auch keine Selbstverständlichkeit.
„Wir haben gezeigt, dass wir es besser können“
Alles schlechtreden lassen möchte sich Bosz aber nicht. In Krisen hilft die Rückschau auf bessere Zeiten dem Wohlergehen. „Im Fußball bleibt das Letzte immer am hängen. Aber vorher haben wir nicht schlecht gespielt“, betont der Niederländer. „Gegen Juve, das war ganz ordentlich, sehr gut sogar. Da haben wir gezeigt, dass wir es besser können. Das müssen wir jetzt in Mainz wieder zeigen.“
Das könnte Sie auch interessieren:
Alles andere würde in der dritten Enttäuschung binnen einer Woche münden. Eine Vorweihnachtswoche voller Tristesse. Sollte Bayer 04 in Mainz nicht die Kurve kriegen, wird es ungemütlich in Leverkusen. Obwohl eine weiße Weihnacht so weit entfernt scheint wie die Werkself momentan von der Bundesliga-Spitze, droht Bayer 04 über die Feiertage in eine Eiszeit zu schlittern.



