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„Mein Vertrauen hat gelitten“
Bayer-04-Boss Carro zeigt sich von der Politik enttäuscht

6 min
Fernando Carro guckt ernst.

Vorsitzender der Geschäftsführung bei Bayer 04 Leverkusen: Fernando Carro

Bayer-04-Klubchef Fernando Carro spricht über den Campus-Zoff mit der Stadt Monheim, die 50+1-Debatte, Angriffe des FC Bayern und die Krise der Fifa.

Herr Carro, was haben Sie sich für Ihre Zeit bei Bayer 04 Leverkusen noch vorgenommen?

Für einen Fußballverein ist der sportliche Erfolg das Wichtigste. Wir wollen konstant zu den besten vier Mannschaften in Deutschland und zu den besten 16 in Europa gehören. Nach dem Klubkoeffizienten sind wir derzeit sogar Neunter in Europa. Und wir wollen Titel gewinnen – ob im DFB-Pokal, in der Meisterschaft, der Europa League oder der Champions League. Nach Platz sechs in der vergangenen Saison müssen wir wieder unser gewohntes Niveau erreichen. Ein zweites zentrales Thema ist der Campus: Mit einer zukunftsfähigen Infrastruktur wollen wir den Verein langfristig absichern. Und wir brauchen beim Thema 50+1 endlich eine verlässliche und rechtssichere Lösung. Das liegt allerdings nicht allein in unseren Händen.

Zu den anderen Themen kommen wir gleich, bleiben wir erstmal beim Sportlichen: Bayer 04 investiert inzwischen deutlich größere Summen als noch vor einigen Jahren. Transfers um 30 Millionen Euro sind zum Standard geworden. Gleichzeitig steigen die Preise in Europa immer weiter. Wann müssen Sie Ihre Grenzen noch einmal nach oben verschieben?

Für den richtigen Spieler sind wir bereit, substanziell zu investieren – vorausgesetzt, wir sind vollständig von ihm überzeugt. Der Markt ist in den vergangenen Jahren deutlich teurer geworden. Trotzdem haben wir ein Budget, das wir einhalten wollen. Entscheidend sind für uns nicht nur die Ablösesummen, sondern die gesamten jährlichen Kosten eines Spielers, also auch sein Gehalt und die Abschreibung der Ablösesumme. Wir werden unser Gehaltsgefüge nicht für einen einzelnen Transfer grundlegend verändern.

Also bleibt die Vorgehensweise mit geringeren Mitteln besser zu arbeiten?

Darin liegt die Kunst: Wir wollen international erfolgreich sein und in Deutschland die Top vier erreichen, obwohl andere finanziell stärker sind. Wir sind in vielen Bereichen gewachsen, auch finanziell. Trotzdem verfügen andere Klubs über größere Möglichkeiten. Diese Unterschiede müssen wir durch kluge Entscheidungen und eine erfolgreiche Entwicklung von Spielern ausgleichen. Wir wollen den Kader nicht so teuer machen, dass wir ständig unter Verkaufsdruck stehen, nur um eine ausgeglichene Bilanz zu erreichen. Unser Ziel lautet immer, uns selbst zu tragen. Dafür müssen wir intelligent wirtschaften.

Bayer 04 hat in der vergangenen Saison die Champions League verpasst. Sie haben gesagt, eine Saison in der Europa League könne die Chance bieten, Bayern München wieder anzugreifen. Ist die Mannschaft dazu schon bereit?

Für diese Einschätzung ist es noch etwas früh. Die Bayern sind sehr gut. Um sie ernsthaft anzugreifen, muss vieles zusammenpassen. Wir sind dabei, unseren Kader noch gezielt zu verstärken und gleichzeitig eine Mannschaft zu formen, in der jeder seine Rolle annimmt, auch wenn er weniger zum Einsatz kommen sollte.

Wann rechnen Sie mit dem nächsten Angriff auf die Bayern?

Ich habe immer 2028 oder 2029 genannt. Ich hätte aber nichts dagegen, wenn es schon 2027 so weit wäre. Ich möchte eigentlich immer angreifen – aber das sollte auch für andere gelten, denn die Bundesliga braucht dringend mehr Abwechslung an der Spitze.

Fernando Carro feiert mit Meisterschale.

18. Mai 2024: Fernando Carro mit Sport-Geschäftsführer Simon Rolfes (l.) und Werner Wenning, dem Vorsitzenden des Gesellschafter-Ausschusses.

Die Infrastruktur ist eines Ihrer großen Themen. Wie groß war Ihre Verärgerung nach der Monheimer Ratssitzung zum geplanten Campus an der Alfred-Nobel-Straße?

Ich habe die Sitzung online aus der BayArena verfolgt und mich über den Verlauf und das Ergebnis sehr geärgert. Besonders enttäuscht hat mich, dass aus unserer Sicht viele sachliche Argumente und die Bereitschaft, das Vorhaben überhaupt ergebnisoffen zu prüfen, nicht berücksichtigt wurden. Bei einem Projekt dieser Größenordnung erwarte ich eine professionelle, fachliche und transparente Abwägung. Genau diese ergebnisoffene Auseinandersetzung hätten wir aus meiner Sicht erwarten dürfen.

Bleibt Monheim eine Möglichkeit für den Campus?

Wir bleiben hartnäckig und werden weiterhin versuchen, mit Fakten zu überzeugen. Monheim bleibt eine Möglichkeit – mit der Betonung auf „eine“. Gleichzeitig müssen wir natürlich weitere Optionen prüfen. Das wird nicht einfach. Die Fläche an der Alfred-Nobel-Straße ist nach umfassender Standortanalyse diejenige mit den geringsten Restriktionen und Stand jetzt die einzige Fläche, die in der uns zur Verfügung stehenden Zeit realistisch umsetzbar wäre.

Die Alternative ist also eine Satellitenlösung?

Das wollen wir vermeiden. Der ursprüngliche Antrieb für unser Projekt ist die notwendige Zentralisierung von Sport-Infrastruktur für moderneres und effizienteres Arbeiten. Streng genommen ist unser letzter, abermals reduzierter Vorschlag zum Campus bereits eine Satellitenlösung. Das Haus der Talente, Kurtekotten, Lagerflächen in Leverkusen - wir müssen schon jetzt und selbst mit dem Szenario des Campus in Monheim weiterhin dezentral denken und planen.

Wäre auch ein Standort weiter weg, zum Beispiel in Düsseldorf, eine Option?

Aus logistischen, politischen, lizenzrechtlichen und am Ende auch aus Gründen der Verwurzelung in unserer Heimat wollen und müssen wir in der Nähe der BayArena und unserem Kerngebiet bleiben.

Rechnen Sie im weiteren Verfahren noch mit politischer Hilfe?

Mein Vertrauen in die Politik, insbesondere kommunal, hat gelitten. Ich wünsche mir, dass die politisch Verantwortlichen die Situation noch einmal sachlich bewerten und einen konstruktiven Dialog ermöglichen. Wir haben bei aller Enttäuschung über den politischen Prozess auch viel Unterstützung aus Monheim wahrgenommen. Das gibt mir ein gewisses Maß an Zuversicht.

Bei 50+1 geht es ebenfalls seit Jahren kaum voran. Wie beurteilen Sie die Lage?

Ich bin vor allem enttäuscht, weil das Thema seit Jahren ungelöst ist. Wir benötigen eine Regelung, die allen Sicherheit gibt und zugleich die unterschiedlichen, historisch gewachsenen Modelle in der Bundesliga angemessen berücksichtigt. Dazu haben wir in den vergangenen drei Jahren immer wieder konkrete Vorschläge erarbeitet und eingebracht.

Was müsste das Kartellamt aus Ihrer Sicht tun?

Nötig ist aus unserer Sicht eine klare Bewertung der heutigen Ausgestaltung von 50+1. Viele Juristen haben erhebliche wettbewerbsrechtliche Bedenken und zweifeln, ob 50+1 im Fall eines Rechtsstreits zu halten wäre. Unser bevorzugter Weg bleibt eine Einigung innerhalb von 50+1.

Es gibt eine Arbeitsgruppe zu diesem Thema. Warum genießt eine Frage, die die Zukunft der Bundesliga so entscheidend berührt, offenbar keine größere Priorität?

Bei einem Thema von dieser Tragweite erwarten wir, dass alle Beteiligten ernsthaft, dialogorientiert und mit der notwendigen Intensität an einer belastbaren Lösung arbeiten. Ich bin aber nicht sicher, ob die Komplexität und die potenziell weitreichenden Konsequenzen allen Beteiligten immer bewusst sind.  Es muss allen klar sein, dass dieser Schwebezustand nicht dauerhaft bestehen bleiben kann und es eine Lösung im Sinne aller Mitglieder des Ligaverbandes benötigt. Alleine das schafft größtmögliche Rechtssicherheit. Wir sind weiterhin bereit, uns konstruktiv einzubringen.

Es klingt nicht so, als gebe es einen intensiven Dialog.

Der Dialog könnte intensiver sein. 50+1 fühlt sich leider immer noch wie ein Tabuthema an. Wir sind aber gezwungen, daran zu arbeiten, dass sich das ändert und dass wir weiterhin lösungsorientiert über die rechtlichen und wirtschaftlichen Fragen sprechen.

Welchen Zeitrahmen gibt es für eine Lösung?

Das kann ich nicht sagen. Entscheidend ist für mich aber nicht ein bestimmtes Datum, sondern, dass ernsthaft auf eine tragfähige Lösung hingearbeitet wird.

Wie bewerten Sie die Wahrscheinlichkeit einer Einigung im Vergleich zu einer Klage?

Wir bevorzugen selbstverständlich eine Einigung. Sollte eine stabile Lösung dauerhaft nicht gelingen, muss man davon ausgehen, dass der Rechtsweg eingeschlagen werden muss. Aber das ist eine Entscheidung der Bayer AG, nicht unsere.

Aus München kommt regelmäßig Kritik daran, dass andere Bundesligaklubs international zu wenig unternehmen. Fühlen Sie sich als Bayer 04 davon angesprochen?

Nein. Ich war vor einigen Wochen noch selbst in Brasilien mit einigen Mitarbeitern. Wir betreiben in Sao Paulo seit einem Jahr eine Fußballakademie an mittlerweile zwei Standorten und arbeiten an einer Ausweitung dieses Projekts, gemeinsam mit unseren Partnern vor Ort. Unser Trainingslager in Rio de Janeiro im vergangenen Jahr hat die Sichtbarkeit von Bayer 04 und der Bundesliga in Brasilien deutlich erhöht. Jeder Klub muss allerdings unter seinen eigenen wirtschaftlichen Bedingungen entscheiden, welche internationalen Maßnahmen sinnvoll und machbar sind. Wir werden Reisen immer nur dann unternehmen, wenn sie sportlich, strategisch und wirtschaftlich verantwortbar sind. Eine pauschale Kritik an anderen Vereinen wird den unterschiedlichen Voraussetzungen nicht gerecht.

Wie beurteilen Sie die jüngsten Vorgänge bei der Fifa?

Sie werfen aus meiner Sicht grundsätzliche Fragen nach Transparenz, Verlässlichkeit und guter Führung im Weltfußball auf. Entscheidungen müssen nachvollziehbar sein und für alle Beteiligten nach denselben Regeln getroffen werden. Positiv war, dass Aleksander Čeferin und die UEFA sehr schnell reagiert, die europäischen Verbände zusammengebracht und für eine klare gemeinsame Haltung gesorgt haben. Gemeinsam mit den Verbänden aus anderen Konföderationen entstand so deutlicher und entscheidender Widerstand gegen den kontroversen Vorschlag der Fifa. Trotzdem darf man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Die Fifa muss Vertrauen durch transparente Prozesse und verantwortungsvolle Entscheidungen zurückgewinnen.

Wen könnten Sie sich als Gegenkandidaten vorstellen?

Ich möchte keine Namen nennen und mich nicht an Spekulationen beteiligen. Entscheidend ist, dass die Fifa transparent und im Interesse des gesamten Fußballs geführt wird. Über mögliche Kandidaturen sollten zunächst die zuständigen Verbände beraten.