Im Interview spricht der Verteidiger des Südstadt-Klubs über den Rassismusvorwurf gegen ihn, späte Siege und den Teamgeist der Kölner.
Fortuna Kölns David Al-Azzawe„Der Schaden nach außen wird immer bleiben“

Fortuna Kölns David Al-Azzawe (l.) versucht Bochums Aurel Wagbe den Ball wegzunehmen.
Copyright: IMAGO/Fotografie73
Herr Al-Azzawe, zum Jahresauftakt gewann die Fortuna in Bochum in letzter Sekunde noch 1:0. Wie wichtig sind solche Siege?
Der Sieg war superwichtig. Es wären zwei verschenkte Punkte gewesen. Bochum stand extrem tief, hatte nur wenige Nadelstiche. Die größte Chance hatten sogar sie – an einem anderen Tag schaut man sich dann richtig dumm an. Deshalb war ich sehr froh, dass Enzo Wirtz mit dem Schlusspfiff noch getroffen hat. Moralisch kann man dem Team ohnehin nichts absprechen, wir haben einen richtig guten Spirit. Aber so ein ganz spätes Tor gibt nochmal Aufwind. Gefühlt sind alle auf den Platz gerannt – das zeigt, wie stark die Mannschaft als Einheit funktioniert und wie wichtig dieser Sieg war.
Am Samstag treffen sie auf Borussia Mönchengladbach II. Das einzige Team, das die Fortuna bisher geschlagen hat.
Ich erwarte ein sehr enges Spiel gegen einen richtig guten Gegner. Wir haben gegen sie noch etwas gutzumachen, da ist eine Rechnung offen. Ich erwarte daher auch ein starkes Spiel von uns.
Im Winter war die Fortuna im Trainingslager in der Türkei. Welche Wirkung hat das gehabt?
Das Trainingslager war ein Segen. Erst jetzt merkt man, wie gut die Bedingungen dort waren. Als Verein sind wir alle näher zusammengerückt – Geschäftsstelle, Vorstandsriege, Fans, Mannschaft. Man hat sich auf einer ganz anderen Ebene kennengelernt. Jetzt sind wir in der Realität zurück, manchmal geht’s dann eben auf den Kunstrasen, weil die Wetterbedingungen dem Rasenplatz schaden. Aber aktuell geht’s noch. Wenn ich mit Freunden aus Berlin rede, ist es dort schlimmer – die müssen ständig zwischen Halle, Kunstrasen und Gym wechseln.
Alles zum Thema Borussia Mönchengladbach
- Fortuna Kölns David Al-Azzawe „Der Schaden nach außen wird immer bleiben“
- Europa League VfB siegt dank Last-Minute-Tor - Kein Fußball-Wunder
- Fußball-Bundesliga Steffen kämpft um Werder-Job: „Von der Arbeit überzeugt“
- Bundesliga Polanskis Forderung vor Bremen-Spiel: „Haltung zeigen“
- Fußball-Bundesliga Werder rat- und harmlos: Aber Steffen genießt Vertrauen
- Fußball-Bundesliga Fritz hält an Werder-Trainer Steffen fest
Sie sind im Sommer vom BFC Dynamo Berlin zur Fortuna gewechselt. Wie haben Sie Köln und Fortuna in den ersten Monaten erlebt?
Ich bin wirklich positiv beeindruckt. Es ist ein geiler, familiärer Verein. Die Leute im Klub und in der Stadt haben mich ebenfalls super aufgenommen. Die Menschen sind hier wirklich so nett, wie man immer hört. Wenn man aus Berlin kommt, denkt man zuerst, das sei ironisch gemeint – aber nein, sie sind einfach so. (lacht).
Al-Azzawe glaubt nicht an Rückrunden-Einbruch
In den letzten Jahren folgte bei der Fortuna nach einer starken Hinrunde oft ein Einbruch in der Rückrunde.
Ich bin kein Fan davon, in alten Bildern festzuhängen. Bei manchen Vereinen habe ich erlebt, dass die Vergangenheit alles überschattet. Bei Fortuna gab es das Thema SC Wiedenbrück – jahrelang nicht gewonnen, viele negative Erinnerungen. Wir sind hingefahren und haben sie geschlagen. So sollte es sein: Stück für Stück Siege erarbeiten, Fehler minimieren, weiterspielen und dann Erfolge feiern.
Was zeichnet das Team aus?
Das Team hat ein riesiges Herz. Ich habe selten erlebt, dass sich Spieler in Eigenregie so viel Motivation holen. Wir haben viele akribische Arbeiter, die an vielen Stellschrauben drehen. Manchmal nehmen wir dem Trainerteam dadurch sogar Arbeit ab. Wenn wir ehrlich wären: Wären wir Achter oder Neunter, würde jeder sagen, wir hätten zu viele neue Spieler. Aber man sieht, dass die Vereinsführung ein Händchen bei der Auswahl der Charaktere hatte. Es hat von Anfang an gepasst. Wir sind zudem auf jeder Position stark besetzt. Es gibt keinen Spieler, bei dem ich Bauchschmerzen hätte, wenn er spielen muss. Die Leistungsdichte ist extrem hoch. Das ist wichtig, damit es nie bequem wird. Neuzugänge wie Neo Telle (vorher 1. FC Köln II) sind Gold wert – sie sorgen dafür, dass man immer wieder alles geben muss.
Wie fällt Ihr Zwischenfazit der Saison aus?
Es ist eine richtig gute Saison – mit vielleicht ein paar Unentschieden zu viel. Ich will aber nicht unverschämt sein (lacht). Es macht einfach Spaß: die Stadt, das Team, die Atmosphäre. Wir haben die beste Defensive, das interessiert mich natürlich besonders. Dafür bin ich mit meinen Defensivkollegen verantwortlich. Stolz bin ich schon darauf. Aber als Abwehrchef würde ich mich nicht bezeichnen. Das sollen andere sagen.
Sie wurden im vergangenen Jahr nach dem 3:2-Sieg gegen Fortuna Düsseldorf II mit einem Rassismusvorwurf konfrontiert. Anschließend wurden sie freigesprochen. Wie sind Sie damit umgegangen?
Es war eklig, was da auf einen zukam. Es ist das Schlimmste, was einem nachgesagt werden kann. Viele Leute, die gar nicht dabei waren, hängen sich rein, kommentieren, urteilen. Es gibt Menschen, die nur darauf warten, an der Tastatur irgendetwas rauszuhauen. Ich finde es absolut richtig, wenn Menschen sich gegen Rassismus einsetzen. Aber wenn manche ihre Lebensaufgabe darin sehen, mich zu denunzieren und zwei Wochen später ist das Thema für sie wieder erledigt – dann sage ich: Setzt euch bitte dauerhaft für das Thema ein. Das Strafverfahren gegen mich wurde eingestellt. Auch gegen die „Bild“, die in einem Artikel den Vorwurf als Tatsache dargestellt hatte, habe ich wegen der unzulässigen Verdachtsberichterstattung gewonnen.
Ein Gerücht, das deinen Ruf zerstört, ist immer größer als die Tatsachen
Wie haben Sie diese Phase erlebt?
Als Sportler und als Mensch war es mental belastend. Man steht vor der Entscheidung: gehe ich in die Opferrolle – oder nehme ich die Situation an und mache weiter? Der Schaden nach außen wird immer bleiben. Ein Gerücht, das deinen Ruf zerstört, ist immer größer als die Tatsachen. Für mich war entscheidend, wie ich mit diesem Druck umgehe. Es war wie ein Schatten, der über mir lag. Aber am Ende des Tages wächst man an solchen Geschichten.
Wie erlebten Sie die Situation damals?
Der Junge (Mechak Quiala Tito, d. red.) hat während des Spiels geweint, aber es fielen keinerlei rassistische Beleidigungen. Es war der übliche Trashtalk auf dem Platz. Nach der Partie bin ich zu ihm gegangen, wollte fragen, was passiert ist und wollte das sofort klären. Aber ich wurde von Mitspielern und Verantwortlichen weggeschickt. So kam nie ein Gespräch zustande. Wir sahen uns später beim Sportgerichtsverfahren – aber nie außerhalb.
Kommen wir zurück zum Sport: Wie groß ist der Ehrgeiz vor dem Duell im Mittelrheinpokal gegen Alemannia Aachen? Letztes Jahr schied die Fortuna bitter mit 0:1 aus.
Ich selbst war damals nicht dabei – deshalb ist es für mich keine Revanche. Aber man spürt den Schmerz über die damalige Niederlage im Verein. Einige Spieler waren damals auf dem Platz, manche haben in der vergangenen Saison bei Spielen richtig auf die Fresse bekommen, etwa gegen Aachen. Für die will ich alles geben. Ich kenne das Gefühl, wenn man sich etwas beweisen will.
Wo liegen aktuell die größten Herausforderungen?
Wir sind eingespielt, wir haben unsere Abläufe. Die Qualität der Spieler ist nicht das Problem – aber wenn einer ausfällt und jemand reinkommt, der wenig Spielpraxis hat, kann der nicht sofort am Limit sein. Deshalb hoffe ich, dass wir alle gesund bleiben. Suheyel Najar ist verletzt – und wir spielen trotzdem eine geile Saison. Er war für mich wie ein super Joker. Als er sich den Kreuzbandriss im Hinspiel gegen Bochum zugezogen hat, dachten wir vor seiner Einwechslung: Jetzt bringen wir Su, und er regelt das mit einem Eins gegen Eins. Deswegen: bitte alle gesund bleiben.


