- Die Schiedsrichter-Kritik im deutschen Fußball reißt nicht ab. Jetzt wollen Ex-Profis als Video-Schiedsrichter eingesetzt werden.
- Unser Autor findet, dass dieser Gedanke nicht unwidersprochen bleiben kann. Ehemalige Fußballer haben dafür nicht mehr Qualifikation als Fans, Juristen oder Chirurgen.
Köln – Das Ärgerlichste an der anhaltenden Schiedsrichter-Debatte im deutschen Fußball ist nicht der Ruf nach Veränderungen. Dass die Absprachen zwischen Video-Assistenten (VAR) und Hauptschiedsrichtern verbessert werden müssen und die Kompetenzen einer klareren Verteilung bedürfen, liegt nach der Häufung spektakulärer Fehlentscheidungen auf der Hand. Irritierend ist die Behauptung ehemaliger Fußball-Profis, ihre Anwesenheit im so genannten Kölner VAR-Keller würde die Probleme beheben.
Das wird seit Tagen weitgehend unwidersprochen durch die Republik trompetet, und den massiv in die Defensive geratenen Unparteiischen kommt schon über die Lippen, dass sie dafür offen seien. VAR-Projektleiter Jochen Drees kann sich, so erklärt er, vorstellen, die Kompetenz ehemaliger Spieler in dieser Frage zu nutzen.
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Hier muss allerdings von dritter Seite eine entscheidende Frage gestellt werden: Worin soll diese Kompetenz bestehen? Was befähigt ehemalige Fußballer, deren Karrieren zudem oft Jahrzehnte zurückliegen, zur besseren regelkundlichen Interpretation bewegter Bilder als, zum Beispiel, Hardcore-Fans, die nichts anderes tun als Fußball-Bilder zu konsumieren? Oder Juristen, denen die Interpretation von Paragrafen das tägliche Brot ist? Oder Chirurgen, die als Kenner der Anatomie besser als alle anderen sagen können, was Arm, Hand und Fuß ist? Oder beliebige Menschen mit Fußballinteresse und guten Augen?
Wenn die größte Sorge ehemaliger Fußball-Profis die Gerechtigkeit in der Spielleitung wäre, könnten sie sofort die Schiedsrichter-Laufbahn einschlagen, so wie sie selbstverständlich nach ihren Karrieren Trainer, Berater oder Experten werden. Es ist aber bis heute kein einziger prominenter Fall dieser Art bekannt geworden. Schiedsrichterei ist harte Arbeit, bringt wenig Anerkennung und nur in der Spitze einen halbwegs angemessenen Ertrag, der aber nicht verhindert, dass Unparteiische die einzigen Menschen in kurzen Hosen sind, die in der Bundesliga nicht reich werden.
Außerdem sind sie "Unparteiische", die stets ihre Neutralität und Unabhängigkeit glaubhaft machen müssen, was einem Ex-Fußballer, dessen Karriere eng mit Vereinen verflochten war und der jetzt als freier Unternehmer seine Marke pflegt, sehr schwer fallen würde. Außerdem werden Schiedsrichter, wenn mal wieder etwas nicht funktioniert, als Blinde, Deppen, Trottel und Versager beschimpft, die sich ein Beispiel an allen Ex-Profis nehmen sollen, die gerade nichts Besseres zu tun haben, als sich zu empören.
Wenn etwas empörend ist an dieser Debatte, dann das.

