Herr Janßen, wie haben Sie Ihre ersten Tage beim Grasshopper Club Zürich erlebt?
Es waren sehr intensive Tage. Während einer Saison bei einem Klub dieser Größe einzusteigen, verbunden mit der Maßgabe, eine andere Spielidee auf dem Platz sehen zu wollen, ist eine große Herausforderung. Ich habe jedoch das Gefühl, dass allen Beteiligten klar ist, welche Bedeutung dieses Projekt hat. Ich erfahre große Unterstützung von allen Beteiligten. Es fühlt sich sehr gut an.
Haben Sie schon etwas von Zürich selbst sehen können?
Gegen Ende der Woche werde ich hoffentlich meine eigene Wohnung beziehen. Dann bin ich endgültig angekommen. Ich fühle mich sehr wohl, meine Erwartungen wurden übertroffen. Zürich kannte ich bereits aus privaten Besuchen. Es ist eine ganz besondere Stadt. Die Lebensqualität hier ist außergewöhnlich.
Wie sind die Verantwortlichen der Grasshopper auf Sie gestoßen?
Der Klub wurde vor rund vier Monaten von der Bridge Football Group übernommen (zum Portfolio der chinesischen Investorengruppe gehört unter anderem der niederländische Zweitligist FC Den Bosch; Anm. d. Red.). Ziel ist es, Strukturen zu schaffen, um nachhaltig erfolgreich zu arbeiten. Junge Spieler sollen aus- und weitergebildet und eine einheitliche Spielidee soll entwickelt werden, die geprägt ist von den Attributen, die mich als Trainer in den letzten Jahren in erster Linie bei Viktoria Köln ausgezeichnet haben.
Wie liefen die Gespräche?
Ich wurde von den Verantwortlichen auf Herz und Nieren geprüft und habe mit sehr vielen Personen gesprochen. Alle wissen: Wir haben gemeinsam noch eine Menge Arbeit vor uns.
Die goldenen Jahre des Klubs liegen lange zurück. Wie beurteilen Sie die Aufgabe?
Mit 27 Meistertiteln und 19 Pokalsiegen ist der Grasshopper Club Zürich der erfolgreichste Klub in der Schweizer Fußballgeschichte. Der letzte Titel liegt aber 13 Jahre zurück. Einen solchen Traditionsverein aus der Krise zu führen, ist eine große Herausforderung – und eine andere Aufgabe als bei Viktoria Köln oder in Sandhausen, wo das Umfeld ein ganz anderes ist. Die Aufgabe ist extrem spannend, extrem herausfordernd. Das macht es für mich so schön. Ich freue mich riesig.
Mit nur acht Punkten aus zehn Spielen ist Ihr neuer Klub Tabellenvorletzter. Wie bewerten Sie die Ausgangslage?
Der Grasshopper Club Zürich war in den letzten Jahren dreimal in Folge in der Relegation. Dazu wurde die Mannschaft noch einmal verjüngt. Das muss man im Kopf haben. Wir werden ein paar Tiefschläge aushalten müssen. Doch der Weg wird funktionieren, das weiß ich. Die Frage ist: Wie schnell bekommen wir das hin?
Was bedeutet es Ihnen, für einen Traditionsklub tätig zu sein?
Letzte Woche bin ich 60 geworden, der Wechsel nach Zürich war definitiv ein sehr schönes Geburtstagsgeschenk. Ich gebe zu: Ich hätte es nicht mehr unbedingt erwartet, in dieser Liga und für einen Klub dieser Bedeutung noch einmal arbeiten zu dürfen. Bei Trainern ist die Erfahrung zwar sehr wichtig. Wenn man aber die Entwicklung im Trainer-Business verfolgt, sieht man, dass die Cheftrainer eher jünger als älter werden.
Was nehmen Sie mit aus dem 0:2 gegen die Young Boys Bern zu Ihrem Einstand?
Sehr viel Positives. Meine Mannschaft hat ganz viel von dem, was wir uns in den wenigen gemeinsamen Tagen erarbeitet haben, versucht umzusetzen. Man spürt, dass die Jungs gewillt sind, unserer Idee zu folgen. Damit bin ich superzufrieden. In der zweiten Halbzeit haben wir bei beiden Gegentoren auf Abseits gespielt – das war nicht der Plan.
Wie nehmen Sie das Umfeld wahr?
Gemessen an der Vergangenheit des Klubs ist das Potenzial extrem groß. Dennoch blickt der Klub auf eine extrem lange Leidenszeit zurück. Hier redet niemand von der Meisterschaft. Unser Wunsch ist es, nicht wieder in der Relegation zu landen. Dafür müssen wir Zehnter werden. Bis Sommer wollen wir mit völlig anderen Strukturen ein Fundament gießen, um nachhaltig erfolgreich zu sein.
Wie sehen Sie die Schweizer Liga im europäischen Vergleich?
Die Schweizer Liga hat deutlich geringere wirtschaftliche Möglichkeiten als die Bundesliga, das ist klar. Dafür können Jugendspieler hier viel leichter nach oben durchstoßen, weil sie zu Einsatzzeiten kommen. Das wiederum ist in der Bundesliga ein Problem. Die Schweiz hat ganz viele Sachen richtig gemacht, insbesondere in der Nachwuchsarbeit. Sonst hätte sie nicht eine solche Nationalmannschaft und nicht so viele Spieler in europäischen Topligen. Die Schweizer Liga muss sich im Vergleich zu vielen europäischen Ländern wie den Niederlanden, Belgien, Österreich oder Dänemark nicht mehr verstecken. Sie hat sich sehr entwickelt und angenähert.
Ihr Ex-Klub Viktoria Köln liegt in der 3. Liga auf einem Aufstiegsplatz und bestreitet am Sonntag das Topspiel in Duisburg. Was trauen Sie der Viktoria in dieser Saison zu?
Das ist keine Momentaufnahme und auch kein Zufall. Das ist das Ergebnis von Entwicklung in allen Bereichen. Wir haben gemeinsam ein Fundament gegossen, in dem sich die Spieler entwickeln können. Der Klub weiß ganz genau, welche Spielertypen er braucht – und findet sie. Bei der Viktoria will jeder Spieler den nächsten Schritt gehen und spürt: Hier gehe ich den nächsten Schritt. Es hebt auch niemand ab. Marian Wilhelm führt den Weg in herausragender Art und Weise weiter. Das funktioniert, weil die Struktur so gefestigt ist. Der Klub kann nicht mehr umfallen. Es müssen sich in dieser Saison erstmal drei Mannschaften finden, die besser sind als Viktoria Köln. Ich bin überzeugt: Die Viktoria nimmt keinen Gang raus.
Bei der Viktoria hat auch Said El Mala den Durchbruch geschafft. Wie bewerten Sie sein Debüt in der Nationalmannschaft?
Said hat gezeigt, dass er etwas Besonderes hat, wenn es Richtung Tor geht – und dass es ein Fehler war, ihn nicht zur WM mitzunehmen. Er wird seinen Weg in der Nationalmannschaft gehen. Said ist bodenständig. Er weiß, wo er herkommt. Er liebt den Wettkampf. Und er ist nicht nervös. Mit Jürgen Klopp hat er einen Trainer, der gut einschätzen kann, was in einem jungen Spieler vorgeht und wie er ihn am besten packen kann. Ich bin überzeugt, dass Said ein fester Bestandteil der Nationalmannschaft wird.
War sein Verbleib beim FC die richtige Entscheidung?
Said geht überragend mit dem Druck um, der beim FC auf seinen Schultern lastet. Er hat ein Riesenpotenzial. Es ist genau richtig, dass Said beim FC spielt und nirgendwo anders. Hier kriegt er die Spielminuten, hier kann er sich in jedem Spiel entwickeln. Und seine Entwicklung ist noch lange nicht am Ende.

