Kinderarmut auf RekordhöheHilft die Kindergrundsicherung?

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Ein kleiner Junge mit längeren blonden Haaren türmt Münzgeld aufeinander.

Die Kindergrundsicherung soll bewirken, dass so viel Geld bei den Kindern ankommt, dass sie gesund und gut aufwachsen können.

Es gibt hierzulande so viele arme Kinder wie nie. Abhilfe schaffen soll die geplante Kindergrundsicherung. Wirkt sie effizient gegen die Kinderarmut? Zwei Sozial-Experten geben Antworten. 

Die Kinderarmut befindet sich hierzulande auf einem historischen Höchststand: Beinahe jedes vierte Kind ist armutsgefährdet, Inflation und Energiekrise werden die Situation verschärfen. Von „einer Schande“ spricht der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes Hans Hilgers, von einem „strukturell bedingten Langzeitskandal“ der Kölner Armutsforscher Christoph Butterwegge.

Abhilfe schaffen soll die von der „Ampel“ als wichtiges Zukunftsprojekt geplante Kindergrundsicherung, über die aber in den Koalitionsverhandlungen jetzt offenbar kein Wort verloren wurde. Was beinhaltet sie? Wie viel bekommt welches Kind? Und welche Kritik gibt es daran? Gemeinsam mit den beiden Sozial-Experten beantworten wir die wichtigsten Fragen.

Wie arm sind Deutschlands arme Kinder?

Laut den Endergebnissen der aktuellen Mikrozensus-Auswertung sind 21,3 Prozent und damit knapp drei Millionen von etwa 14 Millionen Jungen und Mädchen unter 18 Jahren armutsgefährdet, sprich: Sie leben in Familien, die weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens zur Verfügung haben. Derzeit liegt der Schwellenwert des Armutsrisikos für einen alleinerziehenden Elternteil mit einem Kind unter 14 Jahren bei 1489 Euro netto im Monat, für ein Paar mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2405 Euro. Besonders armutsgefährdet sind Kinder von Alleinerziehenden, mit zwei oder mehr Geschwistern.

Welche Kinder sind hierzulande arm und warum?

„Ein Großteil der von Armut betroffenen Kinder kommt nicht aus Hartz-IV-Haushalten, eine große Mehrheit der Eltern dieser Kinder ist Vollzeit beschäftigt“, sagt Hilgers. Butterwegge führt den Anstieg der Kinderarmut ebenfalls auf die Zunahme der prekären Beschäftigungsverhältnisse und auf zu niedrige Mindestlöhne zurück, „die deutlich angehoben werden müssten, um Kindern ein gutes und gesundes Aufwachsen zu ermöglichen.“

„Ein Großteil der von Armut betroffenen Kinder kommt nicht aus Hartz-IV-Haushalten, eine große Mehrheit der Eltern dieser Kinder ist Vollzeit beschäftigt
Hans Hilgers, Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes

Fakt ist: Arbeitslosigkeit und geringe Einkommen der Eltern sind die wichtigsten Auslöser für Kinderarmut in Deutschland. „Ein Kind, das in Armut aufwächst, leidet täglich unter Mangel, Verzicht, Scham und Ausgrenzung, es hat deutlich schlechtere Lebenschancen und ist mit hoher Wahrscheinlichkeit auch im Erwachsenenalter arm“, sagt Butterwegge.

Wie äußert sich Kinderarmut in Deutschland?

Kinderarmut ist kein neues Phänomen: „Seit Mitte der 90er Jahre verjüngt sich die Armut nachweislich“, sagt Hilgers. Lange Zeit sei es bei der Frage, welches Kind arm sei, darum gegangen, inwieweit es an Kultur- und Freizeit-Angeboten und Bildung teilhaben kann. Derzeit gehe es um warmes Essen und warme Kleidung, um die Existenzsicherung. „Dabei ist die kulturelle oder gesellschaftliche Teilhabe kein Luxus, sondern zwingend nötig für eine gute Kindheit – und die Chance, dass die Armut nicht vererbt wird“, sagt Hilgers.

Laut Bertelsmann Stiftung fehlt es Betroffenen auch an genügend Wohnraum, einem ruhigen Ort zu Hause, um zu lernen. Viele haben keinen Computer, WLAN, kein Internet-Zugang.

Was genau ist die Kindergrundsicherung?

Die von Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne) geplante KGS basiert auf zwei Säulen: Ab 2025 soll jedes Kind bis 18 Jahre einen fixen Grundbetrag – und einen flexiblen, also vom Alter des Kindes und Einkommen der Eltern abhängigen Zusatzbetrag erhalten. Wer nach dem 18. Lebensjahr eine Ausbildung macht, kann die KGS bis zum 25. Geburtstag bekommen, Studierende bis zum 27..

Der Grundbetrag ist als Garantiebetrag geplant, also nicht mit anderen Sozialleistungen zu verrechnen. Er soll mindestens dem Kindergeld, aktuell in Höhe von 250 Euro im Monat entsprechen – und alle zwei Jahre anhand des Existenzminimum-Berichts der Regierung angepasst werden. Der Zusatzbetrag soll eine Pauschale für Bildung und Teilhabe (derzeit 15 Euro) und eine Kinderwohnkostenpauschale (gerade 120 Euro) enthalten.

Warum soll die Kindergrundsicherung eingeführt werden?

Der bisherige Familienleistungsausgleich, also Kindergeld, Kinderfreibetrag, Kinderzuschlag, Teile des Bildungs- und Teilhabepakets sowie Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch, war kompliziert und wenig passgenau. Manche dieser Leistungen erreichten nur ein Drittel der anspruchsberechtigten Familien, was zu einer verdeckten Armut der Kinder führte.

Bei 70 Prozent der anspruchsberechtigten Familien kommt das Geld für die Kinder gar nicht an
Christoph Butterwegge, Armutsforscher aus Köln

„Viele wissen nicht, dass sie Anrecht auf den Kinderzuschlag haben, sind überfordert mit den Anträgen, die sie auf unterschiedlichen Wegen bei verschiedenen Behörden stellen müssen oder schämen sich, die Leistungen in Anspruch zu nehmen“, sagt Butterwegge. Zudem käme das erhöhte Kindergeld bei den Ärmsten nicht an, weil es bei Transferleistungsempfängern mit Leistungen wie dem Bürgergeld verrechnet wird.

Wie soll das Geld künftig zu den Kindern kommen?

Mit der neuen KGS soll aus der Holschuld der Bürgerinnen und Bürger eine Servicepflicht des Staates werden, indem die bisherigen Leistungen gebündelt und mit Geburt des Kindes möglichst automatisch ausgezahlt werden – über ein Online-Portal der geplanten neuen Kindergrundsicherungsstelle. Diese soll die Einkommensnachweise der Eltern demnächst direkt vom Finanzamt erhalten.

Was wird das kosten?

Lisa Paus rechnet bislang mit mindestens 12 Milliarden Euro, der DGB mit mehr als 12,5 Milliarden Euro, Finanzminister Christian Lindner (FDP), der die KGS vor allem als Digitalisierungsprojekt versteht, veranschlagt für die Automatisierung der Leistungen lediglich zwei bis drei Milliarden Euro. „Lindner agiert damit ignorant und merkt nicht, dass er mit der Unterfinanzierung der jüngsten Generation den Fachkräftemangel von morgen forciert“, sagt Hilgers dazu.

Hilft sie wirksam gegen Kinderarmut?

„Das hängt davon ab, wie die Kindergrundsicherung konstruiert ist. Wir müssen von fast drei Millionen Kindern ausgehen, die in einkommensarmen Familien aufwachsen, aber nur jedes zweite Kind befindet sich im Transferleistungsbezug“, sagt Butterwegge. Da wäre die von Lindner veranschlagte Summe nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Damit könne man, so Butterwegge, nicht einmal die verdeckte Armut jener Kinder beseitigen, deren Eltern bislang keinen Antrag auf ihnen zustehende Leistungen stellen.

Für eine armutsfeste und bedarfsgerechte Kindergrundsicherung sind mindestens 20 Milliarden Euro jährlich nötig
Christoph Butterwegge, Kölner Armutsforscher

Außerdem müsse der Zusatzbetrag so hoch sein, dass alle Kinder von Transferleistungsbeziehern gesund ernährt, gut gekleidet und zur Teilnahme am sozialen und kulturellen Leben befähigt werden. „Für eine armutsfeste und bedarfsgerechte Kindergrundsicherung sind mindestens 20 Milliarden Euro jährlich nötig“, meint Butterwegge.

Garantie- und Zusatzbetrag müssten im Durchschnitt zusammen mindestens 100 Euro höher sein als die Regelsätze des Bürgergeldes für Kinder. Geht es nach Butterwegge, muss der steuerliche Kinderfreibetrag für Besserverdienende gestrichen werden oder im Garantiebetrag aufgehen: „Topverdienende dürfen steuerlich nicht länger um 354,16 Euro pro Monat und Kind entlastet werden, während Normalverdienende, die viel eher finanzielle Unterstützung brauchen, nur 250 Euro Kindergeld bekommen.“

Was braucht es zudem, um Kinderarmut zu beseitigen?

Um das strukturelle Problem der Kinderarmut umfassend zu beseitigen, müsste zusätzlich die soziale Infrastruktur reformiert und ausgebaut werden: mehr Kita-Plätze, flexiblere Öffnungszeiten, mehr sozialpädagogisches Personal in Schulen, mehr Jugendfreizeitheime und Spielplätze. „In sozialen Brennpunkten müssen die Klassen kleiner und das Personal aufgestockt werden. Je früher man in ein Kind investiert, desto größer sind die Chancen, dass Armut nicht weiter vererbt wird und die soziale Schere noch weiter auseinanderdriftet“, sagt Hilgers – „Je später gefördert wird, desto teurer wird es für den Sozialstaat und damit für jede und jeden.“

Schließlich sei eine KGS, die ihren Namen verdient und soziale Ungerechtigkeiten beseitigt, notwendig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt – „ein gutes Leben für alle ist die Grundvoraussetzung für ein friedliches Miteinander.“

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