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Kölner Mädchenwohnheim
Wo junge Frauen ihren Weg finden

Bewohnerinnen des Mädchenheims sitzen mit der Praktikantin Liz aus Uganda und der Leiterin Nina Ryans an einem Tisch und halten das „Gut drauf“-Zertifikat in die Höhe.

Bewohnerinnen des Mädchenheims mit der Praktikantin Liz aus Uganda und der Leiterin Nina Ryans.

Im Teresa-von-Avila-Haus bereitet der Verein „In Via“ 45 junge Frauen, die das Jugendamt vermittelt hat, auf ihre Zukunft vor. Sie stammen aus Kriegsgebieten oder aus einem toxischen Zuhause.

„Gut drauf, bewegen, essen, entspannen“ – die bundesweite Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung für Schulen, Sportvereine und Jugendeinrichtungen hat zum Ziel, bei jungen Menschen einen gesunden Lebensstil zu fördern. „Wir fanden die Aktion für unsere Mädchen und jungen Frauen bestens geeignet und haben beschlossen, mitzumachen. Das Bewusstsein für eine gesunde Lebensführung fängt ja nicht mit drei Äpfeln zum Frühstück und einem Hüftschwung mit dem Hula-Hopp Reifen an“, sagt Nina Rynas, die gemeinsam mit Sabine Reichert das Teresa-von-Avila-Haus, ein internationales Wohnheim für Mädchen und junge Frauen in der Kölner Südstadt leitet.

Platz für 45 Mädchen und junge Frauen

Träger ist „In Via“, der katholische Frauenverband unterstützt unter anderem jungen Frauen im Alltag, bei der schulischen und beruflichen Ausbildung. Im Kölner Wohnheim ist Platz für 45 Frauen zwischen sechzehn und siebenundzwanzig Jahren. Die meisten von ihnen werden vom Jugendamt vermittelt.

Es kommen immer mehr Mädchen, die psychisch stabilisiert werden müssen
Nina Rynas, Leiterin des Mädchenwohnheims Teresa-von-Avila-Haus

Ihre Biografien könnten nicht unterschiedlicher sein. Viele haben Probleme in ihren Familien, etwa mit dem neuen Lebenspartner der Mutter, und wollen deshalb nicht mehr zu Hause wohnen. Andere waren monatelang auf der Flucht, sind als unbegleitete Minderjährige aus Äthiopien, Syrien oder dem Irak nach Köln gekommen. Wie lange die jungen Frauen im Teresa-von-Avila-Haus bleiben, ist offen, es hängt in erster Linie von der Entwicklung ihrer Lebensumstände ab.

Gemeinsam, geborgen, gesund

Gemeinsamkeit und Geborgenheit haben höchste Priorität – auch beim Projekt „Gut drauf“. Unter Anleitung der Hauswirtschafterin Daniela Steinhoff haben die Teilnehmerinnen beim Einkaufen und Kochen großen Wert auf gesunde Lebensmittel gelegt. Regelmäßige Fitnesskurse sorgten für Bewegung – beim Meditieren und der Arbeit mit Antistressbällen übten sie Entspannungstechniken ein. Die monatelange Anstrengung hat sich gelohnt: Das Mädchenwohnheim erhielt als einzige stationäre Jugendhilfeeinrichtung in Köln das Zertifikat.

Hauswirtschaftlerin Daniela Steinhoff und eine 19-jährige Bewohnerin des Teresa-von-Avila-Haus stehen in der Küche des Mädchenwohnheims.

Hauswirtschaftlerin Daniela Steinhoff und eine 19-jährige Bewohnerin.

„Eine offizielle Anerkennung ist für unserer Bewohnerinnen enorm wichtig. Viele sind stolz darauf, etwas geschafft, nicht vorzeitig aufgegeben zu haben“, sagt Rynas, die seit elf Jahren als Sozialarbeiterin in der – auch von „wir helfen“ unterstützen – Einrichtung tätig ist.

Probleme mit der Tagesstruktur und Fluchttraumata

Das Team der pädagogischen Mitarbeiterinnen steht täglich vor vielen Herausforderungen, es leistet vierundzwanzig Stunden Erziehungsarbeit. „In der Praxis müssen einige Mädchen etwas enger an die Hand genommen werden, weil sie Schwierigkeiten haben, eine feste Tagesstruktur einzuhalten: Aufstehen, Anziehen, Frühstücken, pünktlich in der Schule erscheinen. Andere sind durch Ihre Flucht so verunsichert, dass es viel Zeit braucht, bis sie sich öffnen und in der Lage dazu sind, ihren Lebenslauf zu erzählen“, sagt Sandy Müller. Die Sozialpädagogin hat bei „In Via“ (lateinisch für „auf dem Weg“) schon viele Mädchen bei der Gestaltung ihres Beruf- und Lebensweges begleitet und freut sich, wenn die jungen Frauen irgendwann in der Lage sind, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Jugendamt befreit von toxischem Zuhause

„Ich komme aus einem toxischen Haushalt, zwischen meiner Mutter, dem Onkel, der Tante und sogar der Oma gab es immer Stress, deshalb habe ich mich an das Jugendamt gewandt und bekam hier ein Zimmer. Das war die beste Entscheidung. Das hier ist für mich eine richtige Familie“, erzählt die 19-jährige Sabine S.* (Namen geändert).

Janina M.*. ist achtzehn Jahre alt und wohnt seit zwei Monaten im Mädchenwohnheim. „Zu Hause ging es gar nicht mehr, nur Stress mit meiner Mutter und ihrem neuen Typen. Hier gefällt es mir sehr gut, ich kann alleine sein, wenn ich es will, muss es aber nicht! Es gibt immer Gesprächspartnerinnen. Das hilft mir sehr und auch das Verhältnis zu meiner Mutter ist wesentlich besser geworden.“

Sozialpädagogin Sandy Müller steht vor dem „In via“-Mädchenwohnheim, an dessen Wand die Zertifikate hängen.

Sandy Müller arbeitet als Sozialpädagogin im „In via“-Mädchenwohnheim.

Die Mädchen bleiben im Schnitt drei bis vier Jahre im Wohnheim, eine Nachbetreuung gibt es aber nicht, auch wenn zu vielen Ehemaligen noch Kontakt besteht. Deshalb lässt sich auch schwer beurteilen, ob die betreuten Mädchen auch längerfristig ihren Weg gehen. Erfolge der Sozialen Arbeit seien ohnehin schwer zu messen, betont Rynas. Sie habe auch beobachtet, dass sich die Qualität der Betreuung in den vergangenen Jahren stark verändert habe.

Mehr psychische Probleme

„Früher kamen überwiegend Mädchen und junge Frauen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr zu Hause wohnen konnten. Und während der Schulzeit oder beruflichen Ausbildung auf ihrem Weg in die Verselbstständigung sozialpädagogische Unterstützung brauchten.“ Zwischenzeitlich habe sich der Bedarf verändert: „Es gibt sehr viele junge Mädchen, die eine umfassende Betreuung einer unserer Mitarbeiterinnen brauchen und sehr häufig auch psychisch stabilisiert werden müssen.“

„wir helfen“ unterstützt Kölner Mädchenwohnheim

Die Kosten für Unterbringung, Betreuung und Lebensunterhalt werden vom Jugendamt finanziert, doch auch eine Kostenübernahme seitens das Jobcenter ist möglich. Was etwas zu kurz käme, weil das Geld einfach fehle, sei eine Auszeit für die häufig gestressten Mädchen. „Ein Kurzurlaub, für ein paar Tage zum Abschalten ans Meer, oder ein Ausflug ins Phantasialand, das wäre eine gute Motivation fürs neue Jahr“, so Nina Rynas, die hofft, dafür auch die erforderlichen Mittel zu finden.

Das „Gut drauf“-Zertifikat hängt inzwischen gut sichtbar im Eingangsbereich des Wohnheims und soll die jungen Bewohnerinnen stets daran erinnern, dass sich ihre monatelangen Mühen gelohnt und auch eine offizielle Wertschätzung erfahren haben.

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