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Cotti CoffeeEspresso für 99 Cent: Billig-Riese aus China will Köln erobern

7 min
Außenansicht der Cotti-Coffee-Filiale in der Südstadt

Die chinesische Kaffee-Kette „Cotti Coffee“ hat innerhalb weniger Wochen drei Filialen in Köln eröffnet, hier der Standort in der Bonner Straße. 

Espresso für 99 Cent, eine rasante Expansion, wenig Kundenkontakt: Im Kaffeemarkt ändern sich gerade die Spielregeln. Was das für Köln bedeutet.

Auf der Bonner Straße in der Kölner Südstadt liegen knapp 15 Meter zwischen zwei Welten. In der Hausnummer 13 betreibt Alexandra Hörsken ihr Café „Einspänner“, seit zwölf Jahren ist sie schon im Geschäft. Im Kaffeehaus stehen die Öffnungszeiten noch mit Kreide geschrieben neben der Eingangstür, es gibt Espresso aus der Siebträgermaschine und rustikale Holzmöbel. Wenn das Café voll besetzt ist, gibt es kaum ein Durchkommen. Gerade renovieren Hörsken und ihre Geschäftspartnerin Dagmar Göbel einen neuen Laden, drei Häuser weiter. Die Fenster sind noch mit Folie abgeklebt. Trotzdem sieht Hörsken von der Baustelle aus, was sich direkt gegenüber getan hat: Vor kurzem hat dort eine Filiale der chinesischen Billigkette Cotti Coffee eröffnet.

Es ist einer von drei Standorten in Köln, die anderen beiden befinden sich in der Innenstadt auf der Hohe Straße und in den Opernpassagen. Cotti Coffee expandiert rasant, auch in Düsseldorf, Berlin und Hamburg gibt es bereits Filialen. Mehr als 18.000 Standorte sind es weltweit – und das, obwohl die Firma erst im Sommer 2022 gegründet wurde. Seit September 2025 gibt es die deutsche Tochter, Hauptsitz ist Köln – am Hansaring, direkt über dem Sexshop Orion. 

Hinter Cotti Coffee steckt eine chinesische Holding, deren Gründer bereits der chinesischen Kaffee-Kette Luckin Coffee zum Höhenflug verhalfen – bis ein Bilanzbetrug die Firma erschütterte. Die Gründer zogen sich zurück und starteten Cotti Coffee, womit sie nun auch den deutschen Kaffeemarkt aufrollen wollen.

Daten im Tausch gegen Billig-Kaffee

Bei Cotti Coffee bestellen und bezahlen die Kunden per App. Wer sich mit seiner Handynummer registriert, bekommt die ersten drei Getränke für 1,99 Euro – egal ob Matcha mit Kokosmilch oder einen Americano to go. Der Espresso kostet dann sogar nur 99 Cent statt wie üblich zwei Euro. Da alles digital funktioniert, muss der Kunde mit den Mitarbeitern hinter der Theke nicht einmal sprechen und ist nach zwei Minuten wieder draußen. 

Statt herzlicher Begrüßung ist hier alles auf Effizienz getrimmt, statt uriger Atmosphäre gibt es hier ein Konzept von der Stange. Das vergleichsweise geräumige Lokal ist modern eingerichtet, mit braunen Sesseln in Lederoptik, bunten Pop-Art-Drucken an den dunkelgrauen Wänden und großer Fensterfront – mit direktem Blick auf die Baustelle vom Kaffeehaus „Einspänner“.

Papp- und Plastikbecher stehen auf der Ladentheke bei Cotti Coffee.

Bei Cotti Coffee gibt es die Getränke in To-go-Behältern – auch wenn man seinen Kaffee vor Ort trinkt.

Gastronomin Hörsken zeigt sich ob der neuen Konkurrenz gelassen. „Ehrlich gesagt sind die mir egal. Sie sprechen eine ganz andere Kundschaft als ich an“, sagt sie. Ins „Einspänner“ kämen die Leute wegen des Austauschs, wegen des leckeren Kaffees, weil sie dort Zeit verbringen wollen. Viele Gäste seien Stammkunden, seit Jahren. Ein kurzer Plausch an der Theke, dann schlagen sie am Tisch in der Ecke ihre Zeitung auf.

Ein Espresso kostet bei ihr 2,20 Euro – ein Vielfaches verglichen mit den Lockpreisen von Cotti Coffee. „So günstig könnte ich meinen Kaffee nicht anbieten. Schon allein wegen der Miete und der Personalkosten“, sagt Hörsken. Diese Kosten entstehen freilich auch beim Wettbewerber, doch hier macht es die Masse. Dennoch glaubt Hörsken: Die Billigkonkurrenz dürfte gerade in den ersten Jahren draufzahlen.

Die Ladentheke des Café Einspänner auf der Bonner Straße.

Beim Café „Einspänner“ in der Südstadt ist der Kaffee zwar etwas teurer, dafür gibt es Qualität und Gemütlichkeit.

Auch Lap Coffee startet in Köln

Einen Vorgeschmack auf den Preiskampf im Kaffeemarkt lieferte im vergangenen Jahr Lap Coffee. Die ersten Filialen in Berlin haben deutschlandweit für Schlagzeilen gesorgt: Einen Espresso gibt es hier für 1,50 Euro, ein Cappuccino kostet 2,50 Euro. Service am Tisch findet nicht statt, die Einrichtung ist simpel, die Prozesse sind effizient. Gründer Ralph Hage sagte jüngst in einem Interview, dass die Firma an jedem Kaffee Geld verdiene – nur eben mit deutlich geringerer Gewinnspanne als Cafés in Kreuzberg.

Bislang gibt es die Kette in Berlin, München und Hamburg. Auch für Köln und Düsseldorf ist je eine Filiale angekündigt – wo sie entsteht und wann sie öffnet, war auf Anfrage nicht zu erfahren. Auch Cotti Coffee äußerte sich auf Anfrage nicht zu seinen weiteren Plänen.

Vier junge Leute stehen in einem kleinen Verkaufsraum und warten auf ihren Kaffee.

Wenig Platz, dafür günstige Preise: Eine Lap-Coffee-Filiale in Berlin.

Nicht nur die Aggressivität der Expansion lässt den Markt aufhorchen, auch das digitale Geschäftsmodell und die Dumping-Preise für Kaffee markieren eine Zäsur in einem Markt, der sonst vor allem durch steigende Preise Schlagzeilen macht. An dieser Entwicklung zeigt sich eine Diskrepanz in der Branche: Muss ein Cappuccino vom hippen Barista wirklich fünf Euro kosten, wenn der Espresso nebenan spottbillig ist? 

Kaffeepreis schwankt stark

Die Antwort darauf ist komplex. Der Blick auf den Kaffeepreis verwirrt eher, als dass er eine eindeutige Erklärung liefert. Kaffee wird an der Börse gehandelt, im vergangenen Jahr schwankte der Kurs stark: Ein US-Pfund Kaffee (rund 454 Gramm) kostete am 11. Februar 4,38 US-Dollar, am 7. Juli waren es nur 2,86 US-Dollar. Aktuell ist Kaffee an der Börse mit 2,88 US-Dollar pro Pfund wieder ähnlich günstig. Schaut man allerdings auf den langfristigen Börsenkurs, zeigt sich: Noch vor zwei Jahren lag der Preis bei deutlich unter zwei Dollar.

Tchibo hat als Reaktion darauf Mitte Februar seine Preise für Röstkaffee um bis zu einen Euro pro Pfund angehoben. Schon ein Jahr zuvor hatten die Hamburger die Preise angepasst. Die Preisgestaltung von Tchibo gilt als wegweisend für die gesamte Branche, es ist also davon auszugehen, dass auch andere Kaffeeröster nachziehen dürften. 

Es geht aber auch andersherum, wie das Beispiel Aldi Süd zeigt. Der Lebensmitteldiscounter hatte seine Kaffeebohnen der Eigenmarke Barissimo zeitweise unter den Herstellungskosten verkauft, es ist die Rede von zwei Euro Verlust pro Kilo und mehr. Seit mehr als einem Jahr streiten sich Aldi Süd und Tchibo vor Gericht darüber, ob dieses Vorgehen rechtens ist. Zwei Rechtsprechungen gab es hierzu schon, zuletzt vom OLG Düsseldorf, das Aldi Süd recht gab.

Günstige Preise locken Kunden in die Geschäfte

Aldi Süd setzt, wie in der Branche üblich, auf eine Mischkalkulation. Sogenannte Eckpreisartikel wie Kaffee oder Butter haben im Lebensmittelhandel eine Zugkraft, weil hier besonders auf die Preise geachtet wird. Die Ketten bieten sie oft vergünstigt an, um Kunden in die Läden zu locken. Ähnlich funktioniert auch die Psychologie bei Lap und Cotti Coffee, erklärt Handelsexperte Carsten Kortum von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Heilbronn: „Der Preis lockt Kunden in die Filialen, nicht die Aufenthaltsqualität.“ Dieses Konzept gehe aber nur auf, wenn die Standorte in so prominenten Lagen sind, dass genügend Kunden kommen. 

Kaffee ist für die Gastronomie ein lukratives Produkt, erklärt Kortum: „Der Deckungsbeitrag ist mit 70 bis 80 Prozent enorm hoch.“ Kostet eine Tasse Espresso beispielsweise einen Euro, bleiben 70 bis 80 Cent davon beim Gastronomen hängen – je nachdem, wie teuer die verwendeten Kaffeebohnen sind. Von diesem Betrag gehen dann noch Fixkosten wie Personal und Miete ab. Und genau hier sparen die Billiganbieter wie Lap und Cotti Coffee: Das Personal ist auf ein Minimum reduziert, die Aufenthaltsqualität gering, die meisten Kunden nehmen ihren Kaffee mit nach draußen.  

Was sagen die Kölner Röster dazu?

Die Kölner Röster sind von der Billigkonkurrenz weitgehend unbeeindruckt. Das liegt unter anderem daran, dass sie einen anderen Teil des Marktes bedienen: hochwertiger Kaffee, fair entlohnte Erzeuger und regionale Verarbeitung. „Unsere Cafés sind Wohlfühlorte, sie bieten Raum für Entspannung, Begegnung, Austausch, Ablenkung und Genuss“, sagt Bernhard Eisheuer von der Kaffeerösterei Heilandt.

Ein Mann schaut in die Kamera. Vor ihm stehen zwei Tüten Kaffee und zwei Kaffeetassen.

Der Inhaber der Kölner Kaffeemanufaktur, Georg Hempsch, hat die Preise in seinem Café in Lindenthal erhöht.

Eisheuer berichtet, dass das Interesse an nachhaltig gehandeltem Spezialitätenkaffee wächst – „die gestiegenen Preise für Industriekaffee mögen dazu einen Teil beigetragen haben“, sagt er. „Lap oder Cotti Coffee haben hingegen Geschäftsmodelle, die auf stark standardisierten Prozessen, hoher Effizienz und Skalierbarkeit beruhen. Alles sehr funktional umgesetzt, nicht zum Verweilen gedacht – und zur Profilierung sind manche Getränke preisaggressiv kalkuliert.“

Auch Georg Hempsch von der Kölner Kaffeemanufaktur ist mit der Geschäftslage zufrieden. Im Februar 2025 hatte er die Preise erhöht, ein Espresso kostet im Lindenthaler Café inzwischen 2,50 Euro. „Dafür gibt es bei uns ein kleines Stück Kuchen dazu, unsere To-go-Becher sind umweltfreundlich, unser Personal kennt die Wünsche der Stammkunden. All das muss man in den Preis hineinrechnen“, sagt Hempsch. Es sei nur richtig, dass sich auch andere Konzepte auf dem Markt etablieren wollen. „Wer einen schnellen, günstigen Koffein-Kick unterwegs braucht und nicht so viel Wert auf Qualität legt, hat eine Alternative.“