Köln – In einem weitläufigen Gebäudekomplex in der Stolkgasse beginnt der Morgen schon lange, bevor der Rest der Stadt erwacht. Gelb lackierte Lieferwagen und Räder parken im Hof. Drinnen wuseln ebenso gelb gekleidete Gestalten in einem Labyrinth aus Metallregalen umher. Auf ihrer Arbeitskleidung prangt ein Symbol, das wohl jeder auf Anhieb erkennt: Ein schwarzes Posthorn.
Auch bei Mohamed Nfinif. Er steht in seinem kleinen, U-förmigen Arbeitsbereich und sortiert Briefe in die vielen kleinen Fächer vor ihm. Nach fast 20 Jahren im Geschäft kennt er seine Routine: Zuerst die Großbriefe ordnen. Dann nach den Mitarbeitern schauen. Eine Stichprobe der Post abzählen. Weiter sortieren. Als die Uhr an der Wand 7.30 Uhr zeigt, hat der 45-Jährige, der als Teamleiter für zehn Postbezirke in Köln verantwortlich ist, gut ein Viertel des Arbeitstages hinter sich.
"Wir schaffen das". Nach diesem Motto arbeiten sie hier, sagt Nfinif. Schon bevor Angela Merkel den Ausdruck im Kontext ihrer Flüchtlingspolitik prägte. Die Arbeit in der Branche ist härter geworden. Die Menge der verschickten Briefe geht zwar immer weiter zurück - um etwa zwei bis drei Prozent im Jahr. Das wirkt sich jedoch auf die Route der Zusteller aus: "Früher waren die Bezirke kompakter", sagt Nfinif. "Wir hatten größere Postladungen, aber weniger Straßen." Heute muss er weiter laufen. Etwa acht bis zehn Kilometer sind es am Tag. Die Arbeitsbelastung hat zugenommen; gleichzeitig steigt die Konkurrenz im Geschäft: das Monopol der Deutschen Post ist lange Geschichte. Die Wahlbenachrichtigungen zur Bundestagswahl beispielsweise stellte ein anderer Anbieter zu.

Für viele Häuser hat Mohamed Nfinif den Schlüssel.
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Die Post versucht, auf die Veränderungen zu reagieren. Gerade stellt sie in einem Pilotprojekt freiwilligen Testern die Post nur noch an einem oder drei Tagen nach Hause oder wahlweise an fünf Tagen an ihre Arbeitsadresse zu. "Die Kundenbedürfnisse haben sich geändert - es gibt zum Beispiel einige Leute, die fünf Tage die Woche nicht zu Hause sind", sagt Postsprecher Dieter Pietruck. Er betont aber, dass die Post abseits des Projekts weiterhin an sechs Wochentagen ausgeliefert wird. "Das ist nur ein Markttest."
Am Zustellstützpunkt spricht an diesem Morgen niemand von Pilotprojekten und Branchenwandel. Die Atmosphäre ist geschäftig, aber entspannt. Männer und Frauen in gelb werfen sich Wortfetzen durch die Regale zu. Eine Durchsage ist in der ganzen Halle zu hören: "Erster Verteilschluss. Die Teamleiter achten bitte darauf, dass die Fächer geleert werden." Nfinif kontrolliert die Regale mit den Briefen, die nicht maschinell einem Bezirk zugeordnet werden konnten. Die Technik spielt eine immer größere Rolle, der wachsame menschliche Blick ist am Ende aber noch immer unverzichtbar.
Der Raum füllt sich mit gelben Postwagen, die Postwagen füllen sich mit Inhalt. Großbriefe, Standardbriefe, Wochenzeitungen. Alles sortiert in der Reihenfolge der Häuser, die die Zusteller später ablaufen werden. "Das Wichtigste ist eine gute Vorbereitung. Dann läuft alles super.", sagt Nfinif und zurrt eine gelbe Plastikplane über die Papierstapel. Einen Teil der Briefe verstaut der Zusteller in separaten Kisten; eine Fahrerin wird sie in einer Ablagestelle auf Nfinifs Weg verstauen. Die gesamte Tagesladung - gut 1500 Briefe - passt nicht komplett in seinen Karren.

Briefe landen im Akkord in den Schlitzen.
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Gut zehn Minuten läuft Nfinif von der Stolkgasse zu seinem Bezirk. Er läuft schnell, viel schneller als die Passanten auf seinem Weg, trotz des Gewichts der Postladung. Umgerechnet wiegt seine komplette Fuhre etwa so viel wie 14 Wasserkästen. Am Ebertplatz streckt der gebürtige Marokkaner die Arme aus und deutet auf die Häuserreihen vor ihm. "Das ist mein Bereich." Er winkt der Konkurrenz von UPS und steuert den Postkasten eines Bürogebäudes an. Hier sitzen Anwälte und Berater. 85 Prozent der Post, die Nfinif zustellt, ist gewerblicher Natur, darunter viel Werbung. Private Korrespondenz, die sich in Zeiten der Digitalisierung immer weiter ins Internet und auf die Smartphones verlagert, macht schon jetzt nur noch einen geringen Teil der Postsendungen aus.
Postsprecher Pietruck zeigt sich wegen des hohen Anteils von Geschäftsbriefen auch zuversichtlich, was die Zukunft der Postboten angeht. Während in Frankreich Zusteller bereits zu Sozialhelfern weitergebildet werden, sind solche radikalen Projekte bei der Deutschen Post nicht geplant. "Der Brief wird ein sehr wichtiges Kommunikationsmittel bleiben, trotz E-Mail", sagt Pietruck. "Und der Beruf des Zustellers wird weiterhin eine starke Zukunft haben. Auch wenn sich die Ausrichtung vielleicht zum Paket verschiebt."
Nfinif bleibt aber zunächst für das bedruckte Papier verantwortlich. Er erzählt, dass er eigentlich nur vorübergehend bei der Post arbeiten wollte, neben dem BWL-Studium. Sein damaliger Chef überzeugte ihn, zu bleiben. "Sie boten mir nach einem Jahr einen Festvertrag an. Also dachte ich mir, solange ich zufrieden bin, mache ich das weiter." Das ist jetzt knapp 18 Jahre her.
Im Akkord schiebt er Briefe in Schlitze, läuft ein Haus nach dem nächsten ab. Für die meisten Häuser, bei denen die Postanlage im Flur hängt, besitzt er einen Schlüssel. Nfinif muss nur selten klingeln. Manchmal lässt ihn auch ein Ladenbesitzer in das angrenzende Haus. "Hallo, Mr. Post", grüßt ein älterer Herr. Man plaudert ein wenig. "Klar, ich kenne die Leute", sagt Nfinif. "Wir unterhalten uns manchmal ein bisschen: Wie geht es dir, wie war der Urlaub?"
In dieser Gegend sind die Flurdecken hoch und die Böden gekachelt. Oft liegen die Postkästen in der ersten Etage. Nfinif muss viele Treppen laufen - ein Innenstadtproblem. Neulich erst brach sich ein Kollege bei einem Treppensturz die Hand. Über die körperlichen Anforderungen sagt Nfinif: "Wir brauchen kein Fitnessstudio." Obwohl es draußen nicht viel mehr als zehn Grad sind, trägt er nur ein T-Shirt. Seine Jacke hat er einen halben Häuserblock zuvor abgelegt.
Ob er die zunehmende Belastung spürt? "Ja, schon. Gerade im Winter, bei Regen und Schnee." Zum schlechten Wetter kommt dann auch die steigende Postmenge - die Monate vor Weihnachten sind für die Postboten die geschäftigsten im ganzen Jahr. Anders ist es im Sommer: "Dann ist es der schönste Job. Ich kann mir auch gar keinen anderen mehr vorstellen." Er habe sich an das Leben als Postbote gewöhnt. Um fünf Uhr morgens, wenn die Stadt noch schläft, braucht Nfinif nicht einmal mehr einen Wecker zum Aufwachen.
