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„Wer nicht investiert, der verliert“NRW will sich an neuer Raumstation beteiligen

9 min
Entwurf der Raumstation Starlab - ein großes rundes Gebilde mit Flügeln vor schwarzem Himmel und blauer Erde

Die Entwürfe der kommerziellen Raumstation Starlab sehen eine Höhe von 17 Metern und einen Durchmesser von acht Metern vor.

Der europäische Konzern Airbus und seine Partner planen das Erbe der ISS, die 2030 abgestürzt werden soll. Die Landesregierung wittert Potenzial – und vereinbart die Zusammenarbeit.

In nicht allzu weiter Ferne, irgendwann rund um das Jahr 2030, wird eine neue Ära in der internationalen Raumfahrt anbrechen. Seit Anfang der 2000er war die Internationale Raumstation (ISS) dann durchgehend bemannt. Sie gilt nicht nur als eine der wertvollsten Maschinen der Menschheit und wichtigstes Labor für die Forschung unter Weltraumbedingungen, sondern auch als Friedensprojekt zwischen Ost und West – ein bemerkenswertes Beispiel für die Zusammenarbeit zwischen den USA, Europa, Kanada, Japan und Russland. Fast 300 Menschen aus 26 Ländern haben sich auf die Mission ins All begeben.

Doch damit ist bald Schluss, denn die ISS ist altersschwach und die globale Situation eine andere. Mehr als ein Vierteljahrhundert, nachdem die ersten Teile der Kapsel in den Erdorbit geschickt wurden, wird in wenigen Jahren eine letzte Crew die Station verlassen – dann für immer. Nachfolgende Raumstationen sind bereits in Planung. Und Nordrhein-Westfalen möchte dabei ein Wörtchen mitreden.

Was passiert mit der ISS nach ihrem Abschalten?

Die Weltraumagenturen planen einen kontrollierten Absturz des fußballfeldgroßen, 450 Tonnen schweren Objekts. Für 843 Millionen US-Dollar hat die Nasa das Unternehmen SpaceX von Elon Musk damit beauftragt, ein Abschleppvehikel zu bauen, das die ISS gezielt aus ihrer Umlaufbahn holen und sekundengenau in die Atmosphäre zurücktauchen soll. Vieles wird verglühen, eine Menge Trümmer in einem abgelegenen Gebiet im Südpazifik versenkt. Risiken für bevölkerte Gebiete sollen so vermieden werden, teilte die US-amerikanische Weltraumbehörde mit.

Wie wird die Nachfolge der ISS geregelt?

Während die Internationale Raumstation ein politisches Konstrukt war, bringen sich jetzt privatwirtschaftliche Betreiber ins Spiel. Die Kommerzialisierung des Weltraums spiegelt sich also nicht nur in Weltraumtourismus oder Satellitenkommunikation wider, sondern auch in der Entwicklung moderner Raumschiffe, die lange Zeit staatliches Hoheitsgebiet waren. Auch wegen der immensen Kosten von mehreren Milliarden Euro pro Jahr planen die Behörden, sich nun aber zurückzuziehen, zumindest was den Betrieb der Station angeht. Ihr Fokus liegt auf der Umsetzung anderer Ziele, etwa Flügen zum Mars oder Mond. Das zeigten erst Ende Dezember die Schlagzeilen um eine Mondmission mit europäischer und deutscher Beteiligung.

Die Forschungsarbeit auf Raumstationen wollen die Weltraumagenturen dennoch nicht aus den Augen verlieren. Um den Astronauten weiterhin den Zugang zum erdnahen All zu ermöglichen, fördert die Nasa Projekte von Privatunternehmen, die die Zukunft sichern sollen. Ihre Dienste könnten Agenturen und Unternehmen dann buchen und sich auf den Stationen einmieten.

Manfred Jaumann, Geschäftsführer der Starlab Space GmbH

Manfred Jaumann ist Geschäftsführer der Starlab Space GmbH.

Im Rahmen des „Commercial Low Earth Orbit Development Program“ sind deshalb seit 2021 umgerechnet fast 400 Millionen Euro geflossen, etwa an das Unternehmen Axiom Space aus Houston und Blue Origin, dem Raumfahrtunternehmen von Amazon-Gründer Jeff Bezos. Mit zugesagten 217,5 Millionen US-Dollar hat die Nasa aber auch ein transatlantisches Projekt im Blick: Starlab Space, ein Joint Venture des US-amerikanischen Konzerns Voyager Space und dem europäischen Luft- und Raumfahrtunternehmen Airbus. Gemeinsam mit Partnern aus Japan (Mitsubishi Corporation) und Kanada (MDA Space) tüfteln sie am „Starlab“, einem aussichtsreichen Kandidaten für den Außenposten im All.

Was sind die Unterschiede zwischen ISS und der privaten Raumstation Starlab?

Die Funktionen und Kapazitäten seien ähnlich, sagt Manfred Jaumann, Airbus-Manager und Deutschland-Geschäftsführer bei Starlab. Der Entwurf des Airbus-Joint-Ventures sehe Platz für vier Astronauten vor, temporär auch acht, beispielsweise während eines Crew-Wechsels. Die Architektur verfolgt hingegen einen komplett anderen Ansatz. Bei einer Höhe von 17 Metern und einem Durchmesser von acht Metern soll Starlab eine „Station der kurzen Wege“ und „hinsichtlich Arbeits- und Wohnumgebung großzügiger“ werden. Neu sei auch die Installation. Die Starlab soll auf der Erde aufgebaut und mit nur einem Raketenstart ins All transportiert werden. Zum Vergleich: Bei der ISS benötigte man für mehr als 40 Aufbauflüge mehr als zehn Jahre. Auch aufwendige und gefährliche Außeneinsätze von Astronauten entfallen damit, so Jaumann.

Eine Aufnahme aus der Kamera des Nasa-Astronauten Thomas Marshburn zeigt die Internationale Raumstation ISS und die Erde darunter.

Die ISS ist altersschwach – 2030 soll sie abgeschaltet werden.

Was hat Nordrhein-Westfalen mit den Plänen zu tun?

Mit der Starlab Space GmbH, der europäischen Tochter des Betreibers, hat das Wirtschaftsministerium im September eine Absichtserklärung vereinbart, die den gemeinsamen Willen formuliert, künftig zusammenzuarbeiten. Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne) sieht für NRW „beste Voraussetzungen, das neue Weltraumzeitalter entscheidend mitzugestalten“. Ziel sei es, den Standort „als führendes Zentrum für Raumfahrt in Europa zu profilieren und ein innovationsfreundliches Ökosystem zu schaffen, das Wissenschaft, Unternehmen und Start-ups miteinander vernetzt“, so das Ministerium. Bereits im Frühjahr ließ Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) verlauten: „Der Weg ins Weltall führt über Nordrhein-Westfalen.“ Das manifestierte die schwarz-grüne Regierung durch die Zusage des Ausbaus des Spacehubs Cologne und verbundene Investitionen in Höhe von 20 Millionen Euro, die sich das Land und die Esa teilen. 

Das Netzwerk im Rheinland – bestehend aus den Einrichtungen des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), Universitäten, Instituten und Partnern wie Luftwaffe und Flughafen Köln/Bonn – schätzt man auch bei Airbus und Starlab. Manfred Jaumann sagt: „Wir stehen bereit, mit unserer Starlab-Raumstation den gesicherten Zugang zu den benötigten Infrastrukturen im All zu ermöglichen und so zu helfen, gezielt und effizient Innovationen dieser Player voranzutreiben.“ Für den langfristigen Betrieb einer solchen Station brauche es ein hohes Maß an Expertise – und zwar am Boden. Inwiefern die Raumfahrtstrukturen in NRW eine Rolle spielen können, wird deshalb geprüft. Außerdem „liegt es natürlich in unserem Interesse, für unsere Raumstation eine Vielzahl hochwertiger Anwender aus Forschung und Industrie zu gewinnen, die die Möglichkeiten der Mikrogravitation später als Kunde nutzen wollen“, sagt Jaumann über die Absichten in Nordrhein-Westfalen. Auch gegenüber der Nasa sei es ein bedeutendes Zeichen, zu demonstrieren, „dass wichtige Player in Deutschland dem Projekt unterstützend zur Seite stehen“.

Was hat das Land von einer Kooperation mit dem Airbus-Joint-Venture?

Mona Neubaur nennt die wirtschaftlichen Vorteile erheblich. Die Raumfahrt gilt als Wachstumsbranche. 2024 lag das Marktvolumen dem Space Report der US-amerikanischen Space Foundation zufolge bei 613 Milliarden US-Dollar. Bis 2032 soll der Markt demnach auf über eine Billion US-Dollar anwachsen. Eine weitere Prognose der Bank of America Merrill Lynch, die vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie zitiert wird, rechnet für 2045 sogar mit 2,7 Billionen US-Dollar.

Das Potenzial will das Land nutzen. „Durch neue Technologien und Anwendungen entstehen hochwertige Arbeitsplätze, neue Märkte und starke Impulse für mehr Wettbewerbsfähigkeit, Widerstandskraft und Nachhaltigkeit“, so die Wirtschaftsministerin. „Die Kooperation mit Starlab bietet unseren Unternehmen, Forschungseinrichtungen und innovativen Mittelständlern die Möglichkeit, sich aktiv in diese Entwicklung einzubringen.“

Volker Schmid vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt

Volker Schmid vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Köln leitete die ISS-Missionen der deutschen Astronauten Alexander Gerst und Matthias Maurer.

Volker Schmid vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) schätzt die Ambitionen der Landesregierung. Mit der Internationalen Raumstation kennt er sich aus. Schmid leitete unter anderem die Missionen der Deutschen Astronauten Alexander Gerst und Matthias Maurer für das DLR. Die Politik habe erkannt, welche Möglichkeiten im All stecken. „Für eine Industrienation wie Deutschland oder eine europäische Gemeinschaft ist ein Tag ohne Raumfahrt nicht mehr denkbar. Als Staat und auch als Land muss man sehen, dass nicht alles nach Amerika abwandert und dass es mit den Investitionen, die wir in den letzten 30 Jahren in das Feld getätigt haben, weitergeht.“ Die Expertise sei schließlich da und die Forschung im niedrigen Erdorbit auch in Zukunft unverzichtbar.

Warum will man sich auf eine transatlantische Zusammenarbeit einlassen?

„Klarer Vorteil und Hauptgrund für diese Zusammenarbeit: die Kosten“, sagt Manfred Jaumann von Airbus. Eine rein europäische Station mit den geplanten Kapazitäten zu entwickeln, zu bauen und über 30 Jahre hinweg zu betreiben sei „nicht günstig“ und „schlicht nicht darstellbar“ – deshalb die globale Partnerschaft. Auch wenn Starlab US-amerikanisch geführt sei, werde der Zugang für die nicht-amerikanischen Nutzer dadurch zumindest vereinfacht, erklärt der Airbus-Manager.

Trotz angespannter Wirtschaftsbeziehungen sieht auch das Land diese „klaren Vorteile“ in einer Zusammenarbeit. „Sie ermöglicht den Austausch und die breite Anwendung hochinnovativer Technologien und eröffnet Marktzugänge auf beiden Seiten des Atlantiks.“ Die Wettbewerbsfähigkeit profitiere von „europäischen Ingenieursfähigkeiten mit amerikanischer Dynamik und Investitionskraft“, so das Wirtschaftsministerium.

Wie abhängig ist die europäische Raumfahrt von den USA – und wie stellt man sich für die Zukunft auf?

Nicht nur finanziell ist Europas Raumfahrt von anderen Playern abhängig – Unabhängigkeit zu erreichen, sei etwa im Hinblick auf Sicherheit die Herausforderung, so Volker Schmid. Auch für den Flug zu einer Raumstation gibt es keinen eigenen Zugang. „Stichwort Rakete, Stichwort Kapsel – das haben wir nicht. Wir können selbstständig keine Menschen in den Weltraum transportieren“, sagt der promovierte Luft- und Raumfahrttechniker. „Astronautisch wurde das zwar 2008 versucht, jedoch ohne Konsens – damals war Finanzkrise.“

Also nutzte man andere Weltraumbahnhöfe. Allerdings scheint das kooperative Vorzeigemodell der ISS vor dem Hintergrund angespannter Verhältnisse nicht zukunftstauglich. „Daher braucht es praktikable Alternativen, oder Europa muss selbst in die Lage kommen, diese Fähigkeiten aufzubauen“, sagt Schmid und macht deutlich: „Wer nicht investiert, der verliert.“

Schon im Alltag ist die Verbindung zum Weltraum unersetzlich: Navigation, Kommunikation, Erdbeobachtung und das Wetter, auch Weltraumwetter – alles hänge mit dem Zugang zum All zusammen. „Außerdem brauchen wir ausfallsichere Systeme, da geht es um Sicherheit, Schutz kritischer Infrastrukturen und Resilienz.“ Wirtschaftlich werden Exploration und Produktion in der Schwerelosigkeit sicherlich an Bedeutung gewinnen, prognostiziert Schmid.

Alles Gründe, warum die politischen Verantwortlichen aus 23 Nationen bei der Esa-Ministerratstagung in Bremen jüngst ein Rekord-Budget von 22,1 Milliarden Euro beschlossen haben. Esa-Chef Josef Aschbacher bat auch deshalb um mehr Geld, weil seine Behörde wirtschaftlich aufholen müsse. Von den globalen Investitionen landeten nur zehn Prozent hier, obwohl Europas Raumfahrtwirtschaft weltweit gesehen etwa 20 Prozent ausmache. „Wir sind deshalb wirklich im Rückstand. Wir müssen einen Gang zulegen und wir müssen das jetzt tun“, sagte Aschbacher. Für mehr Autonomie brauche es unter anderem mehr Investitionen in die eigene Technologie.

Auf die baut Starlab. Der Erfolg hänge unter anderem von Kundenverträgen durch die Esa ab, genauso wie von Investitionen weiterer Unternehmen, sagt Jaumann. Den Start sehen Airbus und seine Partner bereits für 2029 vor, der operative Betrieb würde 2030 anlaufen. Ob es dazu kommt, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Bei Airbus ist man aber zumindest „sehr, sehr zuversichtlich“. Die konkrete Bedeutung für Nordrhein-Westfalen steht hingegen noch in den Sternen. Doch eine gewisse Unberechenbarkeit ist typisch für die Branche. Volker Schmid drückt es optimistisch aus: „NRW investiert in die Zukunft, denn vielleicht kommen neue Innovationen und Technologien dabei heraus.“