Der Zurich-Deutschlandchef spricht über explodierende Kosten durch den Klimawandel, warum es sich auch heute noch lohnen kann, eine Lebensversicherung abzuschließen und wie KI die Versicherungsbranche umkrempelt.
Carsten Schildknecht„Wir versichern keine Kohle- und Ölexplorationen mehr“

Carsten Schildknecht, Vorstandschef Zurich Versicherung Deutschland, sagt: „KI ist für uns ein Gamechanger.“
Copyright: Alexander Schwaiger
Herr Schildknecht, die Zurich Versicherung hat sich besonders stark gemacht für das Erkennen und Absichern von Klimarisiken. Aus der öffentlichen Debatte ist das Thema verschwunden. Auch aus den Köpfen Ihrer Kunden?
Carsten Schildknecht: Das Thema ist faktisch vorhanden und relevant - auch für unsere Kunden, sowohl Privatpersonen als auch Unternehmen, die das Thema weiterhin bewegt. In den 1980er Jahren lagen die unwetterbedingten Schäden in Europa noch bei etwa 10 Milliarden Euro pro Jahr. In der Periode zwischen 2010 und 2019 lag der Wert schon doppelt so hoch – die Inflation herausgerechnet. Jetzt, in den ersten fünf Jahren dieses Jahrzehnts reden wir über 45 Milliarden pro Jahr! Das zeigt, dass wir es mit einer exponentiellen Zunahme zu tun haben.
Um welche Schäden geht es da üblicherweise?
Das sind auf der einen Seite Starkregen, Überflutungen, andererseits Dürren und Waldbrände. Wir als Versicherer sehen die Schäden, wir können das vollkommen ideologiefrei bewerten. Und wir halten es daher für falsch, dass dieses Thema von der politischen Agenda verschwunden ist. Denn das Problem wird nicht weggehen, im Gegenteil, es verschärft sich. Wenn der Klimawandel nicht begrenzt wird und nicht mehr für die Prävention von Schäden getan wird, sind bestimmte Risiken eines Tages nicht mehr versicherbar.
„Es gibt also tatsächlich so etwas wie eine Katastrophendemenz“
Passiert das schon heute?
Wir haben dazu eine Einheit, die Zurich Resilience Solutions, die vor allen Dingen große Unternehmen berät. Wir können die gesamten Standortdaten inklusive der dahinter liegenden Logistikketten der Produktion durchleuchten und dann bewerten, welche Standorte bei welchen Szenarien für die Erderwärmung betroffen wären. Und dann kommen wir tatsächlich an den Punkt, an dem wir sagen, für diesen oder jenen Standort werdet ihr 2030 oder 2035 keine Versicherungslösung mehr finden. Das wirkt sich also ganz konkret auf Investitionsentscheidungen in Unternehmen aus.
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Carsten Schildknecht ist seit 2018 Vorstandschef der Zurich Gruppe Deutschland. Vor seinem Wechsel zu dem Versicherer war der Wirtschaftsingenieur unter anderem in leitenden Positionen bei der Deutschen Bank und der Generali Insurance Group tätig. 2017 arbeitete er außerdem als Berater und Investor für Start-ups im Banken- und Versicherungssektor (Fintechs).
Braucht es hin und wieder eine Naturkatastrophe, damit das Thema wieder Aufmerksamkeit bekommt?
Wir sind der zweitgrößte Industrieversicherer weltweit. Wir reden mit sämtlichen DAX-Unternehmen. Die Industriekunden sind da natürlich professionell aufgestellt, die leiden nicht unter einem Vergessen. Bei Privatkunden ist das anders. Da geraten Naturkatastrophen wie zuletzt im Ahrtal schnell wieder in Vergessenheit und dann wird doch wieder in Risikogebieten gebaut oder der Hochwasserschutz vernachlässigt. Es gibt also tatsächlich so etwas wie eine Katastrophendemenz.
Grüne Geldanlagen galten lange als Hebel, um Geld dahin zu bringen, wo es beispielsweise dem Klimaschutz hilft. Wollen die Kunden solche Produkte noch?
Ja. Als Versicherer spielen wir auch eine Rolle als Kapitalsammelstelle. Und in dieser Funktion haben wir uns das Ziel gesetzt, das alles, in das wir investieren, bis 2050 klimaneutral werden soll. Bei den fondsgebundenen Lebensversicherungen haben zudem dieses Jahr 90 Prozent aller neu eingeworbenen Beiträge einen Nachhaltigkeits-Bezug.
„Alles, in das wir investieren, soll bis 2050 klimaneutral werden“
Ziehen Sie sich auch als Versicherer aus dem Geschäft mit fossilen Brennstoffen zurück?
Wir versichern keine neuen Kohle- und neue Ölexplorationen mehr. Gas als politisch gewollte Übergangstechnologie versichern wir aber. Irgendwie muss ja auch die Versorgungs- und Wettbewerbssicherheit im Land gewährleistet bleiben.
Wie gehen Sie mit Rüstung um?
Der Privatkunde, der bei uns eine fondsgebundene Lebensversicherung abschließt, kann natürlich Fonds wählen, in denen Rüstungsaktien enthalten sind. Diese sind dann aber nicht nachhaltig entsprechend unserer Nachhaltigkeits-Definition.
Sind diese Kriterien überholt?
Darüber muss man in der Tat nachdenken. Wir haben bei Rüstung im Kopf, dass Deutschland wieder verteidigungsfähig gemacht werden muss. Das ist wichtig und richtig. Aber es gibt eine zweistellige Anzahl von Konflikten weltweit, die bewaffnet ausgetragen werden. Auch dorthin gelangen Waffen aus einem Rüstungsportfolio, ohne den Einsatzzweck genau zu kennen. Wir haben diese Diskussion also intern geführt und uns entschieden, keine Rüstungsunternehmen in unsere Nachhaltigkeits-Produkte aufzunehmen.

Carsten Schildknecht (r.), Vorstandschef Zurich Versicherung, im Interview mit den Redakteuren des „Kölner Stadt-Anzeiger", Thorsten Breitkopf (l.) und André Weikard.
Copyright: Alexander Schwaiger
Wie verändert künstliche Intelligenz die Versicherungsbranche?
KI ist für uns ein Gamechanger. Die Digitalisierung hat in der Versicherungsindustrie nicht die Spreu vom Weizen getrennt. Bei KI wird das ganz anders sein. Das fängt damit an, dass wir Risiken besser bewerten können, wenn wir mehr Daten miteinander verknüpfen. In drei bis fünf Jahren wird es einen riesigen Unterschied geben zwischen einem Versicherer, der KI intelligent einsetzt und anderen, die das nicht machen.
Haben Sie ein Beispiel?
Industriekunden hatten in der Vergangenheit Cyberrisiken typischerweise in ihrer Versicherung für Anlagen und Gebäude mit drin. Ob das aber tatsächlich der Fall ist, lässt sich nur schwer nachvollziehen. Es geht da um zehntausende Policen, oft mit 60 Seiten Umfang. Statt die alle zu durchforsten, jagen wir all diese Verträge heute durch die KI. Wir finden so schnell heraus, welcher Kunde wirklich versichert ist und welcher nicht. Darauf können wir hinweisen und den Versicherungsschutz, wenn gewünscht, anpassen. KI kann aber auch Schäden erkennen und die Schadenbearbeitung unterstützen. Sie kann zum Beispiel Fotos mit der Beschreibung des Schadenhergangs vergleichen und erkennen, ob das zusammenpasst oder ob ein Betrugsversuch vorliegt. In Summe wird sich KI massiv auf die Profitabilität auswirken.
„KI massiv auf die Profitabilität auswirken“
Es werden aber auch Arbeitsplätze zum Beispiel in der Schadenbearbeitung verloren gehen…
…und an anderer Stelle werden neue Arbeitsplätze geschaffen. Wir gehen davon aus, dass unsere Belegschaft konstant bleibt, weil diejenigen Unternehmen, die KI erfolgreich einsetzen, Marktanteile gewinnen. Wir sind seit 2018 etwa doppelt so schnell gewachsen wie der Markt. Aber es ist richtig, wären wir nicht gewachsen, wäre die Beschäftigung durch die gestiegene Effizienz leicht rückläufig.
Braucht es den Versicherungsberater in der Zukunft noch?
Den Abgesang auf die persönliche Versicherungsberatung hören wir schon seit 30 Jahren. Und es ist nie passiert – und wird auch nicht passieren. Wenn unsere Kunden persönliche Beratung und einen entsprechenden Service wünschen und beispielsweise im Schadensfall einen Ansprechpartner vor Ort aufsuchen möchten, der bei der Regulierung hilft, dann sind sie bei unseren Exklusivpartnern richtig. Entsprechend gehe ich nicht davon aus, dass der physische Vertrieb verschwinden wird.
Abgesänge gibt es auch auf die Lebensversicherung. Spielt die angesichts der Konkurrenz von ETF-Sparplänen noch eine Rolle?
Zunächst bieten wir auch ETF-Depot-Modelle an, die sehr kostengünstig sind. Die kapitalbildende Lebensversicherung hat aber viele Vorteile gegenüber ETF Sparplänen. Erträge innerhalb des Versicherungsmantels werden beispielsweise erst bei Auszahlung besteuert und können so über die gesamte Laufzeit Renditen generieren. Außerdem gibt es einen Todesfallschutz. Bei Bedarf kann auch eine Berufsunfähigkeitsversicherung integriert werden. Entscheidend ist aber: Die Versicherung hat eine Verrentungsoption. Wer das angesparte Kapital seines ETF Sparplanes an sich selbst auszahlt, hat es irgendwann aufgebraucht, vielleicht mit 85 Jahren. Was aber, wenn ich viel älter werde? Mit der Versicherung haben Sie die Gewissheit, dass Sie bis zu Ihrem Lebensende versorgt sind.
Dennoch wollen auch Sie weiterhin Altverträge loswerden, richtig?
Wir bieten weiter alle Arten von Lebensversicherungen an, also zur privaten und betrieblichen Altersvorsorge sowie zur Absicherung von Todesfall und Berufsunfähigkeit. Das wird auch so bleiben. Nichtsdestotrotz haben wir uns entschieden, einen großen Bestand an Altverträgen, die hochverzinst sind, zu veräußern, weil deren Kapitalbelastung einfach sehr, sehr groß ist und nicht zu unserem strategischen Fokus passt.
Gibt es einen Zeitraum, in dem die Bestände veräußert werden sollen?
Wir haben das Portfolio, das wir verkaufen wollen, in einer eigenen Gesellschaft ausgegliedert. Wann wir es veräußern, hängt vom Markt ab. Wir sind nicht in Eile.

