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Start-up-FörderungNeue Forschungslabore in Köln: „Baustein, um Industrieland zu bleiben“

5 min
Matteo Veronese und Selin Bozkurt wollen Arbeitsplätze in den neuen Laboren mieten.

Matteo Veronese und Selin Bozkurt wollen Arbeitsplätze in den neuen Laboren mieten.

Projekt gegen Abwanderung: Mit einer Investition von rund einer Million Euro und neuen Laboren reagiert die Gateway Factory auf Engpässe im Start-up-Ökosystem.

Tanja Bloser hat einen Traum: „Das nächste Biontech soll nicht nach Mainz abwandern, weil es keine Labore in Köln findet. Es soll hier entstehen“, sagt sie auf dem Gelände des Bio Campus in Bocklemünd, wo am Mittwoch das neue „Shared Lab for Life Sciences“ eröffnet worden ist. 

Am rheinländischen Wirtschaftsstandort trauert man dem Weggang des inzwischen milliardenschweren Biotechnologieunternehmens, das 2020 den ersten Covid-19-Impfstoff auf den Markt brachte, noch immer hinterher. Die Grundlagen des Erfolgs legten die Gründer, der ehemalige Kölner Medizinstudent Uğur Şahin und seine Ehefrau, Wissenschaftlerin Özlem Türeci, schließlich in Köln – doch recht früh zog es sie nach Rheinland-Pfalz. 

Tanja Bloser, Director Future Health und Life Sciences der Gateway Factory, ist mit ihren Kollegen für die Umsetzung des Shared Labs verantwortlich.

Tanja Bloser, Director Future Health und Life Sciences der Gateway Factory, ist mit ihren Kollegen für die Umsetzung des Shared Labs verantwortlich.

Ein Grund: Fehlende Wachstumsmöglichkeiten und Engpässe in der Infrastruktur, so lautet die Erzählung. Zugängliche, ausgestattete Labore seien bis heute inexistent. Selbst leere Laborflächen, die kapitalintensiv ausgestattet werden müssten, seien rar oder nur nach langen Genehmigungsprozessen nutzbar zu machen, erklärt Bloser. Die Gateway Factory will an diesem Zustand etwas ändern. Das vom Bund geförderte Unternehmen der Universitäten Köln, Aachen und Düsseldorf fördert Deeptech-Start-ups in der Region – also junge, wissenschaftsbasierte Teams, die tiefgreifende technologische Durchbrüche in die Anwendung bringen, so wie einst Biontech. Bei der Gateway Factory verantwortet Tanja Bloser den Bereich Biowissenschaften und zukunftsweisende Gesundheitslösungen.

Innerhalb von nur sechs Monaten haben sie und ihre Kollegen das Shared Lab aufgebaut. Sonst dauert die Umsetzung solcher Projekte wohl auch mal mehrere Jahre. Hier habe es, auch dank privater Investoren, schneller geklappt. 

19 moderne, vollausgestattete Laborarbeitsplätze

Im vierten Stock eines eher unscheinbaren, älteren Gebäudes auf dem Bio Campus stehen nun also 19 vollausgestattete Laborarbeitsplätze mit modernen Geräten zur Verfügung, teils zur Einzel- und teils zur Gemeinschaftsnutzung. Die Nachfrage sei groß, alle privaten Labore seien bereits vor Eröffnung vermietet, die ersten Start-ups bereits eingezogen, so Bloser. 

Rund eine Million Euro hat die Gateway Factory gemeinsam mit Partnern in die Ausstattung der 450 Quadratmeter großen Fläche investiert. „Die Labore sind S2-fähig“, sagt die Abteilungsleiterin. „Das bedeutet: Arbeiten mit biologischen Materialien mittleren Risikos sind möglich – etwa mit humanen Zellkulturen, Blutproben oder Standard-Pathogenen.“ Sie zeigt Brutschränke für Bakterien, sogenannte Inkubatoren, Fluoreszenzmikroskope, Zentrifugen und Pipettierroboter. Auch ein Autoklavenraum, um Bioabfälle zu entkontaminieren, ist eingerichtet.

29.04.2026: Köln: Neue Laborflächen für Start-ups: Gateway Factory eröffnet Shared Lab for Life Sciences in Köln. Labor. Foto: Martina Goyert

Neue Laborflächen für Start-ups

Der Anblick der für Laien eher unspektakulären Geräte sorgt bei Matteo Veronese und Selin Bozkurt für leuchtende Augen. Die Laborräume sehen sie an diesem Tag zum ersten Mal – bald wollen sie hier den Mietvertrag für die Co-Working-Plätze unterschreiben. Der Italiener und die Türkin haben in Köln gemeinsam das Start-up Dye Mera gegründet und einen Farbstoff entwickelt, der das Fettrecycling in lebenden Zellen sichtbar macht und misst. „Lipo Fluddy“ nennen sie ihre Technologie, die Wissenschaftlern in Zukunft die Arbeit erleichtern soll. „Das ist wichtig, weil der Fettstoffwechsel eine bedeutende Rolle bei Krebs und Stoffwechselerkrankungen wie Fettlebererkrankung, Diabetes und Adipositas spielt, Forschende sich jedoch oft noch auf indirekte oder statische Methoden verlassen“, erklärt Veronese, der für seine Promotion nach Köln kam. 

Das Patent auf ihre Entwicklung ist angemeldet. Der Markteintritt liegt aber noch in weiter Ferne. Dye Mera steckt in der Frühphase, auch, weil die Gründer noch keine eigenen Laborflächen nutzen und schon gar nicht eigene Geräte anschaffen konnten. Die würden mehrere 100.000 Euro kosten, sagt der 29-Jährige. Das ist für ein junges Gründerteam, das sich größtenteils aus Fördermitteln finanziert, nicht drin. Nun aber sei die Miete erschwinglich. Vertragsdetails will er nicht nennen.

„Der größte Vorteil ist, dass wir Dinge direkter testen und verbessern können. In der Biotechnologie hängt Fortschritt oft von kleinen experimentellen Details ab: Protokolle, Timing, Konzentrationen, Reproduzierbarkeit. Das lässt sich nicht alles vom Schreibtisch aus lösen. Man muss im Labor sein, Dinge wiederholen, sie anpassen und sehen, was tatsächlich funktioniert. Das Shared Lab senkt die Hürde zwischen einer vielversprechenden Technologie und der Umwandlung in ein zuverlässiges Produkt“, sagt Bozkurt. 

Life-Science-Start-ups müssen heute oft Monate und erhebliche finanzielle Mittel investieren, bevor sie überhaupt mit ihrer Forschung beginnen können. Nicht selten scheitern Projekte bereits an dieser ersten Hürde.
Tanja Bloser, Director Future Health und Life Sciences der Gateway Factory

Die Herausforderungen, die die beiden Gründer beschreiben, sind kein Einzelfall. „Life-Science-Start-ups müssen heute oft Monate und erhebliche finanzielle Mittel investieren, bevor sie überhaupt mit ihrer Forschung beginnen können“, erklärt Bloser. „Nicht selten scheitern Projekte bereits an dieser ersten Hürde.“ Das will man hier verhindern.

Und noch in einer anderen Hinsicht will die Gateway Factory die Mieter des Shared Labs unterstützen: „Einige Themen haben die Wissenschaftler einfach nicht auf dem Schirm“, so Bloser. Um aus der Forschung ein skalierbares Unternehmen zu schaffen, brauche es etwa geeignete Business-Modelle und Kontakte zur Industrie und zur Wirtschaft. Start-ups profitieren auf dem Bio Campus auch von der Nähe zu weiteren Forschungseinrichtungen, Unternehmen und Gründerteams.

Wirtschaftliches Potenzial: „Baustein, um Industrieland zu bleiben“

Die Bedeutung der Eröffnung des Shared Labs betonte unter anderem Janina Jänsch vom Bundeswirtschaftsministerium. „Wir haben starke Hochschulen, eine exzellente Forschung und engagierte Talente. Und trotzdem gelingt es uns einfach noch viel zu selten, diese Forschungsergebnisse zu großen und erfolgreichen Unternehmen zu skalieren. Zu oft gehen Ideen im Labor unter oder Start-ups gehen ins Ausland.“ Das zeige aktuell das Beispiel Tubulis. Vor drei Wochen wurde das 2019 gegründete Start-up, ein Münchener Krebsspezialist, für fünf Milliarden Dollar in die USA verkauft. An solchen Unternehmen hängen allerdings nicht nur marktverändernde Innovationen, sondern auch schlicht Arbeitsplätze und Wachstum.

Die Europäische Union und der Bund wollen in der Branche ein Wörtchen mitreden und den Anschluss nicht verpassen. Auch NRW sieht Chancen. Life Sciences (Biowissenschaften) seien ein wichtiges Zukunftsfeld der nordrhein-westfälischen Wirtschaft und ein wichtiger Baustein, um Industrieland zu bleiben, sagte Staatssekretär Paul Höller (Grüne). Es gehe um industrielle Wertschöpfung und technologischen Fortschritt.

Im Kleinen haben den auch schon die Kölner Gründer von Dye Mera im Visier – wenn sie denn bald auch Investoren von ihren Plänen überzeugen können. „Das Shared Lab ist auch wichtig für das, was als Nächstes kommt“, sagt Matteo Veronese. Das Ziel sei es, neben dem Lipo Fluddy weitere fluoreszierende Tools zu entwickeln, die verborgene Stoffwechselprozesse in lebenden Zellen sichtbar machen. „Dafür ist es extrem wertvoll, einen Ort zu haben, an dem wir neue Ideen testen und die nächsten Sonden entwickeln können.“ Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Ort Köln ist, ist jetzt zumindest gestiegen.