Seit März ist Schuldenexit.de online – Menschen in finanzieller Not können sich kostenlos und anonym von einer KI beraten lassen.
Zahlungsunfähig„Bei Schulden kann jeder Tag entscheidend sein“ – Kölner entwickeln Beratungs-KI

Ab einem Zahlungsrückstand von zwei Abschlägen und mindestens 100 Euro darf der Energieversorger Strom oder Gas abstellen – Mahnungen zu ignorieren ist dann der falsche Weg. Schuldner-Beratungsstellen können helfen.
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„Ich bin Rentner und kann meine Rechnungen nicht mehr bezahlen. Jetzt soll mein Strom abgeschaltet werden. Welche Optionen habe ich?“ Oder: „Ich bin mit drei Kindern alleinerziehend, habe meinen Job verloren und das Geld reicht nicht mehr für die Miete. Was kann ich tun?“ So könnten erste Nachrichten an die KI von Schuldenexit aussehen, eine anonyme und kostenlose Online-Plattform, die das Kölner Unternehmen Gruner Richter und Partner entwickelt hat. Seit Ende März ist die Website online. Sie soll Betroffenen dabei helfen, ihre finanzielle Situation zu analysieren, Forderungen zu strukturieren, Schreiben zu verstehen, mit Gläubigern zu kommunizieren und Wege aus der Krise zu finden – ist aber „keine Rechtsberatung!“, wie in dicken Lettern auf schuldenexit.de zu lesen ist.
Eher sei das Portal eine Unterstützung, eine Ergänzung zu den bestehenden Angeboten, sagt Rebecca Kehrl, die das Projekt als Geschäftsführerin betreut. In Deutschland galten im vergangenen Jahr rund 5,7 Millionen Menschen laut Auskunftei Creditreform als überschuldet – etwa 110.000 Menschen mehr als noch 2024. Das entspricht einem Anstieg um zwei Prozent. Es ist der erste Zuwachs seit 2018.
Köln: Jeder Zehnte hat Schulden
Ein Blick auf Köln zeigt: Hier hat fast jeder Zehnte Zahlungsschwierigkeiten. Hilfe bieten zwar gemeinnützige Beratungsstellen. In der Bundesrepublik gibt es etwa 1400 dieser Einrichtungen. Sie arbeiten karitativ und werden von Wohlfahrtsverbänden oder Kommunen getragen. „Wir sehen einfach: Die sind überlastet“, sagt Kehrl.
Die Termine seien teils Wochen im Voraus ausgebucht, das bestätigen auch Medienberichte. Etablierte Online-Beratungen, wie die der Caritas oder Diakonie, weisen auf Antwortzeiten innerhalb von zwei Werktagen hin. „Doch gerade beim Thema Schulden oder wenn Privatinsolvenzen drohen, kann jeder Tag mehr oder weniger entscheidend sein“, sagt die 28-jährige Rechtsanwältin.

Schuldenexit.de ist eine digitale Plattform für Schuldenfragen. Nutzer können sich in zehn Sprachen von der KI beraten lassen.
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Trotzdem seien automatisierte, rund um die Uhr verfügbare Online-Beratungen bislang rar, das habe den Ausschlag für die Entwicklung der Plattform gegeben. Eigentlich ist LegalTech – die Digitalisierung der juristischen Arbeit – gerade ein Riesenthema: Es werden zahlreiche Start-ups gegründet, die Software für Kanzleien entwickeln oder Programme verkaufen, die bei der Dokumenterstellung helfen. Beim Thema Schulden sei das anders, so Kehrls Eindruck: „Da halten sich scheinbar alle ein wenig zurück“ – und zwar nicht nur die Entwickler.
Vor allem Betroffene scheuen sich davor, offen über ihre finanziellen Nöte zu sprechen. Es geht um mehr als blanke Zahlen auf einem Konto, die emotionale Belastung ist groß.

Rebecca Kehrl, Geschäftsführerin Gruner Richter und Partner
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Manchmal gibt es auch Verständnisprobleme. Schuldenexit.de kann ein erster Anlaufpunkt sein. Die Beratung erfolgt nicht nur anonym, sondern ist auf zehn verschiedenen Sprachen möglich, genauso wie in einfacher Sprache. Die KI erinnert zum Beispiel daran, Arbeitslosengeld zu beantragen. Sie hilft bei der Formulierung von Mails für die Bank, beim Ausfüllen von Formularen, dabei, einen Vollstreckungsbescheid zu verstehen, klärt über die Schritte einer Privatinsolvenz auf oder über Schutzmaßnahmen wie das Einrichten von Pfändungskonten. Ab einem bestimmten Punkt verweist sie an Experten.
KI basiert auf aktueller Gesetzgebung und Fachwissen aus der Praxis
Doch wo liegt der Unterschied zu ChatGPT, Gemini oder Microsoft Copilot? „Schuldenexit ist für diesen konkreten Einsatzbereich hochspezialisiert und kann deshalb sehr gezielt helfen“, sagt Kehrl. Anders als bekannte Bots greift die KI nicht auf die gesamte Fülle der im Internet verfügbaren Informationen zurück, was häufig zu Fehlern führt und „verwässerten Antworten“, so nennt Kehrl es. Die KI der Kölner basiert auf aktuellen gesetzlichen Regelungen, justiznahen Informationen und wurde zudem mit Daten aus der Praxis gefüttert, mit Fachwissen von Insolvenzanwälten und Schuldenberatern zum Beispiel.
Was die Programmierung das Unternehmen mit Sitz am Hohenstaufenring gekostet hat, kann Kehrl nicht beziffern. Für Ratsuchende soll es zumindest weiterhin kostenlos bleiben. „Unser Anspruch ist es, einen gesellschaftlichen Mehrwert damit zu schaffen. Die wirtschaftliche Tragfähigkeit entsteht nicht dadurch, Menschen zur Kasse zu bitten, die ohnehin finanzielle Schwierigkeiten haben“, sagt die Kölnerin.
Geld verdient Gruner Richter und Partner perspektivisch aber trotzdem, indem sie die Anwendung an Schuldenberater oder Kanzleien für Insolvenzrecht verkaufen. Das KI-Programm könne etwa dabei helfen, den Papierkram zu erledigen und ganze Mandantenakten zusammenzustellen. Das wiederum entlaste die Mitarbeitenden und spare Zeit, „weil Kapazitäten geschaffen werden, wenn die nervige Vorarbeit, wie Dokumente sammeln und scannen, entfällt“.
Ob der Bedarf tatsächlich da ist, wird sich in den kommenden Wochen und Monaten zeigen. Etwa 300 Betroffene haben das Tool laut Kehrl in den ersten Tagen genutzt, die Nutzerzahlen nehmen demnach langsam zu. Bis zum Einsatz in einer der karitativen Einrichtungen dürfte es noch etwas dauern. „Man merkt schon, dass Behörden etwas langsamer arbeiten. Bis man da in die Pilotphase starten kann, sind einfach ein paar mehr Steps zu erledigen.“
