Nur einer hat es in Bonn gewagt, die Grundsatzfrage zu stellen. Dabei müssen die Aktionspläne für Deutschlands wichtigsten Fluss das gesamte Ökosystem in den Blick nehmen.
Sinkender RheinpegelDas Niedrigwasser ist nur Teil einer großen Wasserkrise


Niedrigwasser am Rhein: Blick vom Deutzer Ufer auf den Kölner Dom
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Mal abwarten, was von all den Aktionsplänen übrig geblieben ist, wenn der Rhein nach der aktuellen Niedrigwasserperiode das nächste Mal auf dem Trockenen liegt. Oder ob mit steigenden Pegelständen erneut das Interesse erlahmt, ihn endlich auf den Klimawandel vorzubereiten. Weil es auch in dieser Krise wie schon vor acht Jahren wieder nur um das Abreißen von Warenströmen und Lieferketten geht. Aber eben nicht um den Strom selbst.
Die Wasserstraße Rhein ist wie in jeder Krise zuvor eine Sache der Verkehrsminister und der Vertreter von Industrie und Binnenschifffahrt. Dabei wissen auch alle Branchenvertreter längst, die der neue Bundesverkehrsminister Steffen Bilger zum Krisengipfel gebeten hatte, dass es mit den Vertiefungen des Flussbetts und Binnenschiffen, die auch bei einer Handbreit Wasser unterm Kiel noch fahren können, allein nicht getan ist. Nur einer hat es in Bonn gewagt, die Grundsatzfrage zu stellen.
Klimawandel wird Krise um den Rhein weiter verschärfen
Wie lässt sich verhindern, dass dem Rhein zwischen der letzten Schleuse in Iffezheim und der Nordsee nicht sprichwörtlich das Wasser wegläuft, wenn es über Wochen oder Monate nicht regnet? Es ist ausgerechnet der Geschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Binnenschifffahrt, der beklagt, dass dieses Thema im Aktionsplan Niedrigwasser Rhein zwar angelegt sei, aber kaum Beachtung fände. Massenhaftes Fischsterben, steigende Wassertemperaturen, sinkender Sauerstoffgehalt, ausgetrocknete Auen – das Niedrigwasser sei kein rein wirtschaftliches, sondern auch ein ökologisches und damit ein gesellschaftspolitisches Thema.
Das ist erstaunlich. Ein Binnenschiffer, der den Rhein in der größten Krise bei immer neuen Rekordtiefs nicht bloß als Wasserstraße sieht. Und damit all die Fragen aufwirft, die sich bei der extremen Trockenheit stellen, unter der Deutschland und seine Flüsse seit Wochen leiden. Deren Niedrigwasser ist nur Teil einer Wasserkrise, die sich durch den Klimawandel weiter verschärfen wird.
Viele offene Fragen – nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht
Welche Folgen haben höhere Konzentrationen an Schadstoffen für die Trinkwassergewinnung aus dem Rheinuferfiltrat, das auch in Köln aus den Wasserhähnen fließt? Was hat es für Konsequenzen, wenn die Grundwasserspiegel weiter sinken und die Nebenflüsse des Rheins austrocknen? Wie halten wir mehr Wasser in der Landschaft? Wie machen wir die Flüsse widerstandsfähiger? Und sind immer neue Staustufen im Rhein wirklich eine Lösung? Ein Bundesverkehrsminister muss diese Fragen nicht beantworten. Das ist nicht sein Job. Aber Steffen Bilger kann sich auch nicht allein auf die Folgen der ausgetrockneten Wasserstraßen für die Wirtschaft konzentrieren, sondern muss als Mitglied der Bundesregierung das gesamte System im Blick haben. Am Kabinettstisch sitzen Menschen, die sich mit diesen Fragen besser auskennen.
Bis zu 60 Jahre könnte es dauern, bis die Tagebaue von Hambach und Garzweiler geflutet und zu den größten künstlichen Binnenseen Europas werden sollen. Die gigantischen Rohrleitungen werden von Dormagen über 45 Kilometer gerade gebaut, und bisher versichert alle Welt, dass der Rhein diesen Wasserverlust locker verkraften wird. Der Tagebausee Hambach wird ein Volumen von 4,3 Milliarden Kubikmeter Wasser schlucken, Garzweiler noch einmal zwei Milliarden Kubikmeter. Die Genehmigungen dazu stammen aus den Jahren 1977 und 1995. Da war der Klimawandel für die breite Masse noch kein Thema. Wenn man das Rinnsal sieht, das gerade durch Köln fließt, könnten einem da schon ein paar Zweifel kommen.
