In unserer Serie „Köln früher und heute“ stellen wir wichtige Kölner Bauwerke, Plätze und Siedlungen vor. Diesmal: die Bottmühle.
Köln früher und heuteEin Stück Kölner Stadtmauer wie aus einem Märchen

Die Bottmühle in der Südstadt scheint einem Märchen entsprungen zu sein. In der früheren Windmühle findet heute Jugendarbeit statt.
Copyright: Tobias Christ
Die Ulrepforte oder die Severinstorburg kennt jeder Kölner. Als Relikte der mittelalterlichen Stadtmauer prägen sie seit Jahrhunderten das pralle Leben in der Südstadt. Doch ganz in der Nähe gibt es ein Stück Stadtmauer, das im Stadtbild kaum präsent ist, sich fast versteckt. Zusammen mit der so genannten Bottmühle bildet es einen verwunschenen Ort, der den Märchen der Gebrüder Grimm entsprungen sein könnte. Man sieht förmlich den Königssohn, wie er den Turm emporruft: „Rapunzel, Rapunzel, lass mir dein Haar herunter.“
Historiker Wolfgang Uellenberg van Dawen sitzt in einem Café mit Blick auf die wildromantische Anlage am Ende einer kleinen Seitenstraße des Ubierrings. Auch innerhalb des etwa 20 Meter hohen Turms hat der 75-Jährige viel Zeit verbracht. Als er noch selbst viel jünger war, zeigte er hier Jugendlichen der sozialistischen Nachwuchs-Organisation „Die Falken“, wie demokratisches Engagement funktioniert.
Trotz Abbruch: Mühlenturm und 60 Meter Kölner Stadtmauer blieben stehen
Doch bis dahin war es ein langer Weg, der Mitte des 16. Jahrhunderts mit dem Bau einer halbrunden Geschützplattform an der Stadtinnenseite der Stadtmauer begann. 1587 entstand auf dieser auch Bott genannten Anhöhe eine hölzerne Bockwindmühle. Anders als bei einer klassischen Windmühle war hier nicht nur der Kopf drehbar, sondern der gesamte Aufbau. Etwa 100 Jahre später ersetzte Architekt Andreas von Gülich das Holzbauwerk durch einen zylinderförmigen Turm aus verschiedenen Naturwerksteinen. Als 1881 der Abbruch der Stadtmauer begann, blieb der mittlerweile außer Betrieb gesetzte Mühlenturm mit dem dazugehörigen Stück Stadtmauer von 60 Metern Länge stehen. Denn das Ensemble befand sich schon seit 1835 in Privatbesitz: Die Stadt hatte es für 1500 Taler an die Witwe Wasserfall verkauft.

Die Bottmühle war früher eine Windmühle, die direkt hinter der Stadtmauer auf einer Geschützplattform stand. Die „Liebeslaube“ auf der Mauer existiert nicht mehr. Das Foto stammt ungefähr aus dem Jahr 1910.
Copyright: Köln auf alten Ansichtskarten
Jakob Flamersheim war es schließlich, der dem Mühlenturm ab 1879 seine heutige Gestalt verpasste und ihn in romantisch-historistischer Manier zu seinem Wohnsitz umbaute. Aus dieser Zeit stammt auch das zinnenbekrönte Rundbogentor, das er am Eingang aufbaute. Es stammte aus dem mittelalterlichen Filzengrabentor am Rheinufer, an dem er sich in Zeiten der Entfestigung offenbar bedienen durfte. Noch heute müssen Besucher das Tor durchschreiten, wenn sie in die Bottmühler wollen. Der kleine Aufbau auf dem Mauerrest, den Uellenberg van Dawen auch „Liebeslaube“ nennt, ist jedoch nur noch auf historischen Aufnahmen zu sehen.
Äußerlich ist sich die Bottmühle, die 1921 zurück in städtische Hand kam, treu geblieben. Der Krieg hat kaum Schäden verursacht, aber das Leben innerhalb der runden Mauern verändert. Die alliierten Besatzer erlaubten 1945 der „Deutschen Jungenschaft“, sich hier niederzulassen. Die Nazis hatten die „Bündischen“ noch wegen ihres freien und selbstbestimmten Lebensstils verfolgt. 1971 folgten die Falken, ein SPD-naher Kinder- und Jugendverband. Die Bottmühle wurde zur politischen Heimat der Arbeiterjugend der Südstadt: „Sie wurde ein Ort, wo junge Leute Demokratie, Selbstverwaltung und politisches Denken lernen“, sagt Wolfgang Uellenberg van Dawen, der später als Gewerkschaftler Karriere machte. Noch immer ist die Bottmühle das Zentrum der Kölner Falken. Heute weht die rote Fahne, wo einst die Geschütze standen.