Die alte Kölner Synagoge an der Glockengasse war nicht nur ein bedeutendes Zeugnis jüdischen Lebens in Köln, sie ist auch ein Beleg für die Produktivität in der Stadt im 19. Jahrhundert. Nach der Grundsteinlegung am 30. Juni 1857 dauerte es nur gut vier Jahre, bis das von Dombaumeister Ernst Zwirner entworfene Gotteshaus im maurischen Stil am 29. August 1861 feierlich eingeweiht werden konnte.
Es war der erste Neubau einer Synagoge in Köln seit dem Mittelalter, vollständig finanziert vom Kölner Bankier Abraham Freiherr von Oppenheim. Das schmucke Gebäude mit der markanten Kuppel galt als eine der schönsten Synagogen ihrer Zeit. 77 Jahre lang war sie ein Zentrum des jüdischen Gemeindelebens in Köln, ehe sie in der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 von Nationalsozialisten geschändet, in Brand gesetzt und schwer beschädigt wurde. Die verbliebene Gebäudefassade wurde laut Stadt bei einem Bombenangriff 1943 zerstört.
Heute erinnert im Stadtbild nichts mehr an die alte Synagoge an der Glockengasse. Doch das wird sich bald ändern. Am kommenden Sonntag, 8. November, wird Oberbürgermeister Torsten Burmester gemeinsam mit Vertretern der Synagogengemeinde Köln am Vormittag eine Gedenktafel aus Bronze enthüllen. Sie wird an der Nordostecke des Offenbachplatzes aufgestellt, am ursprünglichen Standort der Synagoge – dort, wo die Glockengasse in die Tunisstraße (Nord-Süd-Fahrt) einmündet.

Ansicht der alten Synagoge in der Kölner Glockengasse. Sie wurde von 1857 bis 1861 nach Plänen des Dombaumeisters Ernst Zwirner errichtet.
Copyright: Rheinisches Bildarchiv
Die Gedenktafel zur Erinnerung an die zerstörte Synagoge hatte die Familie von Oppenheim bereits im Jahr 1966 gestiftet. Sie hing jahrzehntelang an der Nordostecke der Oper. Als 2012 die Generalsanierung der Bühnen begann, wurde sie zum Schutz abmontiert und sicher eingelagert. Entworfen hat die Tafel der Künstler Jürgen Hans Grümmer, der auch den Offenbachplatz gestaltet hat. Sie war zunächst als Bodenplatte konzipiert. Später kamen jedoch Bedenken auf, es sei pietätlos, die Tafel mit Füßen zu treten. Deshalb wurde sie an der Außenwand des Opernhauses befestigt.
Gedenktafel wurde 1966 gestiftet
Birte Klarzyk ist wissenschaftliche Mitarbeiterin für jüdische Geschichte am NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln (NS-DOK). Zu ihren Aufgaben gehört die Begleitung und Betreuung von Nachfahren von als jüdisch verfolgten Opfern der NS-Diktatur, die zu ihrer Kölner Familiengeschichte recherchieren. Aus ihrer täglichen Erfahrung wisse sie, so Klarzyk im Gespräch mit unserer Redaktion, „dass das Interesse von Nachfahren, mehr über das Schicksal ihrer in der NS-Zeit verfolgten Angehörigen aus Köln zu erfahren, seit Jahren zunimmt. Wir haben Anfragen aus der ganzen Welt, unter anderem aus den USA, Israel, Großbritannien, den Benelux-Ländern sowie Argentinien oder Uruguay.“ Meist handele es sich um Nachkommen von Menschen, die in der NS-Zeit aus Deutschland geflüchtet sind, aber auch um Überlebende der Shoah.

Eine zeitgenössische Darstellung zeigt den Innenraum der 1861 fertiggestellten Synagoge an der Kölner Glockengasse.
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„Dass künftig wieder eine Gedenktafel auf dem Offenbachplatz an die alte Synagoge erinnert, ist sehr wichtig für die gesamte Stadtgesellschaft“, betont Klarzyk. „Dort war ja seit 14 Jahren eine Leerstelle. Passanten bekamen keinen Hinweis darauf, dass sie sich an einem einstmals so zentralen Ort für das jüdische Leben in Köln befinden.“ Durch die Gedenktafel, aber auch durch Aktionen wie die am Sonntagabend geplante Großprojektion werde die Geschichte dieses Ortes wieder sichtbar gemacht.
Solche Gedenkorte haben für die Nachfahren der NS-Opfer eine sehr große Bedeutung
„Solche Gedenkorte haben für die Nachfahren der NS-Opfer eine sehr große Bedeutung“, unterstreicht Klarzyk. „Es ist für sie wichtig zu sehen, dass sich die heutige Gesellschaft mit der Geschichte auseinandersetzt und sie nicht in Vergessenheit gerät.“ Es sei wohltuend für die Betroffenen zu erleben, „dass das Bewusstsein wachgehalten wird, dass jüdisches Leben damals ein wichtiger Teil der Stadtgesellschaft war und wie bunt und vielfältig und bereichernd es für die Stadt gewesen ist“.
Die Aktion „Stolpersteine“ des Künstlers Gunter Demnig, bei der kleine Pflastersteine aus Messing mit den Namen und Lebensdaten von NS-Verfolgten im Boden vor ihren ehemaligen Wohnäusern eingelassen werden, ist laut Klarzyk für viele Angehörige eine besonders wichtige Form des Gedenkens. „Nach meinem Empfinden hat das individuelle Erinnern durch Stolpersteine für viele Nachkommen eine noch größere Bedeutung als das kollektive Erinnern über Gedenktafeln und Mahnmale.“
Nachfahren reisen aus der ganzen Welt an
Häufig würden Nachfahren von Opfern der NS-Verfolgung die Verlegung von Stolpersteinen selbst initiieren. „Es gibt aber auch Angehörige, die diese Art des Gedenkens ausdrücklich nicht wünschen.“ In Köln verlege man in der Regel zweimal im Jahr neue Stolpersteine, so Klarzyk. „Häufig reisen Nachfahren der betroffenen Menschen dafür eigens an. Jährlich kommen mehrere Dutzend Menschen aus diesem Anlass nach Köln. Teils treffen sich dabei Personen, die aus einer Familie stammen, aber auf unterschiedlichen Kontinenten leben.“
Für die meisten seien das „sehr emotionale Begegnungen. Mich hat es persönlich sehr berührt, dass eine Familie bei einer Verlegung gesagt hat: Ein Stück weit sind jetzt unsere Vorfahren wieder in ihrer Heimat zurück mit den Stolpersteinen.“ Um so unverständlicher sei das Vorgehen der sächsischen Stadt Heidenau, keine Stolpersteine mehr im öffentlichen Straßenraum zu verlegen, sondern nur noch zentral. „Nachfahren von jüdischen Kölnern, mit denen ich sprechen konnte, waren schockiert über diese Entscheidung.“
Videoprojektion zur Synagoge
Zur Einweihung der Gedenktafel wird am Sonntagabend von 18.30 bis 21 Uhr an der Glockengasse eine Videogroßprojektion zur ehemaligen Synagoge gezeigt. Gestaltet wurde sie von der Kölner Künstlerin Kane Kampmann. Sie projiziert Bilder zur Geschichte der Synagoge auf die Fassade des Büro- und Geschäftshauses an der Glockengasse 2. Interessierte sind herzlich eingeladen, der Eintritt ist frei.
