Kölner Stadt-Anzeiger · Community

Kommentare · 0

Abo

Europapreis des Handwerks NRWNavid Kermani als intellektueller Vordenker geehrt

Von
03.11.2026 Köln. Verleihung des Europapreis des Handwerks 2026 an Navid Kermani. V.Li.: V.Li.: Andreas Ehlert, Navid Kermani, OB Burmester, Thomas Radermacher. Foto: Alexander Schwaiger

Verleihung des Europapreis des Handwerks 2026 an Navid Kermani. V.Li.: V.Li.: Andreas Ehlert, Navid Kermani, OB Burmester, Thomas Radermacher.

Der Kölner Schriftsteller und Publizist Navid Kermani ist dem Europapreis des Handwerks ausgezeichnet worden. Der Präsident des Handwerks NRW, Andreas Ehlert, würdigte den 58-Jährigen als „einen der profiliertesten intellektuellen Vordenker Europas“. Kermani stehe ein für ein Europa, das sich durch offenen, toleranten Pluralismus auszeichne und als Prämisse auf die Verflechtung der Kulturen setze, nicht auf deren Zusammenprall oder gar Kampf, wie ihn der US-Politikwissenschaftler Samuel Huntington am Ende des vorigen Jahrhunderts heraufziehen sah. „Wir brauchen Intellektuelle, die der Politik Orientierung geben über den Tag hinaus“, sagte Ehlert an den Preisträger gewandt. Kermani verkörpere eine Autorität, die „aus intellektueller Integrität und Unbestechlichkeit erwächst“, sowie eine „Weltbürgerlichkeit“ mit kritischer Sympathie für die Idee des Westens.

An der Feierstunde zur Preisverleihung in der Piazzetta des Kölner Rathauses nahmen auch OB Torsten Burmester (SPD) und NRW-Wissenschaftsminister Ina Brandes (CDU) teil. Burmester verband seine Gratulation mit dem Hinweis, dass Kölns bedeutendstes, emblematisches Bauwerk – der Dom – seit Jahrhunderten eine Baustelle für Handwerker sei, die dort Anfang an - trotz des Wissens, dass sie den Bau nie würden vollenden können – mit höchster Sorgfalt tätig wurden. Das sei auch ein Bild für den Umgang mit Europa. Burmester wies dabei auch der Kommunalpolitik eine wichtige Aufgabe zu: „Ob eine Stadt ihre Aufgaben löst, entscheidet darüber, ob die Menschen an Europa glauben können.“

Die Antwort auf die Probleme ist nicht weniger Europa, sondern ein besseres Europa.
Thomas Radermacher, Handwerkskammer zu Köln

Brandes sah die von Kermani im Hinblick auf Europa vertretene Überzeugung, dass Vielfalt eine Quelle von Stärke ist, gespiegelt im Land Nordrhein-Westfalen, seinem Miteinander der Regionen und von Menschen unterschiedlichster Herkunft.

Für die Handwerkskammer zu Köln lobte Präsident Thomas Radermacher den Preisträger als Persönlichkeit, die die europäischen Werte „lebt und vertritt“ und für sie streite in der Überzeugung, „dass Verständigung wichtiger ist als Abgrenzung“. Europa stehe im Gegenwind, sei unter Druck, sagte Radermacher. Die Antwort auf die Probleme des Kontinents sei aber nicht weniger Europa, sondern „ein besseres Europa“.

Take back control kann nur europäisch gelingen.
Navid Kermani

Daran knüpfte Kermani in seiner Dankesrede an, nachdem er den Preis mit Hinweis auf mangelnde eigene handwerkliche Fähigkeiten scherzhaft als „Bekenntnis zur Inklusion Minderbegabter“ gedeutet hatte.

Europa sei in seiner gegenwärtigen Struktur blockiert, kritisierte Kermani. Der große Schwachpunkt seien die um sich greifenden Nationalismen, die ein gemeinsames Handeln verhinderten. Ein „Take back control“ könne aber nur europäisch gelingen, sagte Kermani in Anspielung auf den Slogan der britischen Nationalisten, der mit zum Brexit geführt hatte, dem Austritt Großbritanniens aus der EU im Jahr 2020. Jeder EU-Mitgliedstaat sei für sich allein zu klein und zu schwach, um zwischen den Großmachtinteressen der USA, Chinas und auch Russlands bestehen zu können. „Die einzige Chance, uns zu behaupten, ist Europa.“

03.11.2026 Köln. Verleihung des Europapreis des Handwerks 2026 an Navid Kermani. Navid Kermani. Foto: Alexander Schwaiger

03.11.2026 Köln. Verleihung des Europapreis des Handwerks 2026 an Navid Kermani.

In seiner Krisendiagnostik ging Kermani auch auf grassierende Verlust- und Abstiegsängste in Deutschland ein. Dass der einstige „Modellstaat“ an vielen Stellen offenkundig nicht mehr funktioniere, führe zu Angst vor jeder Veränderung. Hier treffe die AfD „einen Kern“.

Mentalitätsgeschichtlich habe die gegenwärtige Krise nach der Wende von 1989/90 begonnen, als der Westen sich im Systemstreit mit dem kommunistischen Ostblock „zu Tode gesiegt“ zu haben schien, im „Triumph des Neoliberalismus“ seinen Anspruch überdehnte und sich dann mit dessen Scheitern – zum Beispiel im Fall des Irak-Kriegs oder des militärischen Einsatzes in Afghanistan – auf sich selbst zurück zog. Die Geschichte lehre: „Imperien gehen zugrunde, wenn sie arrogant werden.“

Wir sehen die Dinge nicht mehr kommen, weil wir nichts mehr von ihnen wissen.
Navid Kermani

Es mache ihn nervös, dass „wir unsere Neugierde auf die Welt und unser Wissen um die Welt verlieren“, sagte Kermani. Er erinnerte daran, dass so schreckliche Katastrophen wie die erste, nachweislich vom Klimawandel induzierte Hungersnot auf Madagaskar international kaum wahrgenommen worden seien. „Wir sehen die Dinge nicht mehr kommen, weil wir nichts mehr von ihnen wissen.“

Den Blick für die Welt zu verschließen, sei aber „eine Katastrophe auch für uns, weil dann die Welt zu uns kommt“, warnte Kermani mit Blick auf weltweite Flucht- und Migrationsbewegungen.

Auf die Frage Ehlerts nach den aktuellen Protesten der „Gen Z“ in Deutschland ermunterte Kermani die junge Generation zum „Weitermachen“ – auf friedliche Weise, wie er ausdrücklich hinzufügte. „Wir nehmen jungen Menschen auf so vielfältige Weise die Zukunft“, warnte Kermani und zählte unter anderem den Klimawandel, die Krise der sozialen Sicherung, die Staatsverschuldung und das marode Bildungssystem auf. Dass sich hier etwas zum Besseren wenden müsse, sei die „Erfahrung einer Notwendigkeit, aus der der Mut der Verzweiflung erwächst“.

Der Europapreis des Handwerks in NRW wird seit 1992 in der Regel an Persönlichkeiten des internationalen öffentlichen Lebens verliehen, die sich „in besonderer Weise um die europäische Integration verdient gemacht haben“. Kermani ist der 23. Träger des mit 10.000 Euro dotierten Preises. Vor ihm wurden unter anderem Helmut Kohl, Jean-Claude Juncker, Joachim Gauck und Udo Di Fabio geehrt. 2024 ging der Preis an den israelischen Botschafter in Deutschland, Ron Prosor.