Der Kölner Schriftsteller Navid Kermani über die Liebe zu seiner Stadt, den Dom-Eintritt, kölschgemachte Katastrophen und die Einzigartigkeit Kölns.
Navid Kermani über Köln„Lieber unter Gutmenschen leben als unter Zynikern“

Schriftsteller Navid Kermani am Eigelstein in Köln
Copyright: Alexander Schwaiger
Herr Kermani, in der Werbung für Ihr neues Buch „Köln. E Jeföhl“ hieß es sinngemäß, sobald Sie das Abitur in der Tasche gehabt hätten, hätten Sie nur eines gewollt: raus aus Siegen, Ihrer Heimatstadt, raus aus der Provinz, rein in die Großstadt. Die eine von uns beiden kommt nun zufällig auch aus Siegen. War Siegen wirklich so schlimm?
Ich glaube, als Jugendlicher in der Provinz findet man die eigene Stadt fast immer schlimm. Ich war wirklich froh, als ich weg war. Aber ich wäre wahrscheinlich auch aus jeder anderen kleineren Stadt gerne weggegangen. Inzwischen komme ich gerne wieder hin. Ich finde, Siegen hat sich ganz gut entwickelt.
Köln auch?
Geht so.
Sie sprechen von einer calvinistisch-pietistischen Prägung. Wie macht sich die bei Ihnen bemerkbar?
Ich kann ziemlich stur sein – und wortkarg.
Wortkarg? Sie?
In meiner öffentlichen Rolle nicht. Aber im Privaten schon. Bei bestimmten Arten von Feiern, auch beim Karneval, bin ich zuverlässig raus. Und offensichtlich habe ich dieses protestantische Arbeitsethos. Alles nicht so das Köln-Übliche…

Navid Kermani
Copyright: Alexander Schwaiger
Als Teenager waren Sie auf Klassenfahrt in Köln, schauten am Dom hoch und beschlossen: In dieser Stadt will ich mal leben. Wie kann einen die Domfassade zum Wahlkölner machen?
Bei mir in Kombination mit dem FC. Ich bin Fan, seit ich vier bin, das muss ich dazu sagen. Die Aussicht, samstags zu den Heimspielen ins Stadion gehen zu können, das war ein entscheidender Pluspunkt für Köln. Und der Dom? Na ja, das ist ja nun mal ein extrem beeindruckendes Bauwerk, das bei mir schon das Gefühl aufkommen ließ: Wow, ist das toll hier! Und viel, viel höher als bei uns zuhause. (lacht)
Der Dom, haben Sie mal befunden, sei „vor allem Fassade“. Dann wär’s nicht schlimm, dass der Innenraum jetzt Eintritt kostet.
Den Satz, geschrieben im Kontext eines Essays, sollten Sie nicht auf die Goldwaage legen. Und trotzdem, das mit dem Eintritt tut schon weh. Der Dom ist dadurch so museal geworden. Früher bin ich sehr oft einfach mal kurz reingegangen…
… seit Einführung der Tickets nicht mehr?
Nein. Aber unter uns: Ich habe jetzt einen Aufnahmeantrag für den Zentral-Dombau-Verein gestellt.
Andere Kirchen in Köln berühren mich mehr als der Dom.
„Der Dom preist nicht Gott, sondern die Kölner.“ Noch so ein Aphorismus von Ihnen, über den man lange nachdenken könnte. Finden Sie das wirklich?
Das war im selben Text, auch hier weniger analytisch als assoziativ gemeint. Aber schon mit einer gewissen Wahrheit. Dieser Gestus des Großartigen, dieses Überwältigende - bis hin zum Herrschergehabe der Preußen im 19. Jahrhundert: So, jetzt bauen wir das hier mal fertig, wir preisen Gott – und uns selbst auch, ein bisschen. Für mich kann ich sagen, dass mich andere Kirchen in Köln mehr berühren.
Die romanischen haben Sie in Ihren Texten öfters erwähnt.
Ja, da gehe ich viel lieber hin, wenn ich in die Versenkung kommen möchte.
Klar, der Dom ist weniger Versenkung als …
… Erhebung, Demonstration, genau! Und in dem Sinne stimmt es dann auch wieder, dass er vor allem „auf Fassade“ gebaut ist. Aber das soll jetzt nicht abwertend klingen. Ich mag den Dom, wirklich! Und jedes Mal, wenn ich nach einer Reise am Hauptbahnhof ankomme und zu den Türmen hochschaue, denke ich, ja, das ist Teil des Köln-Gefühls. Welches Gebäude sonst schafft das schon, dass sein Anblick einem nie langweilig wird?
Gerade mit seinen Brüchen ist Köln so besonders.
Kunst nimmt in Ihrem Buch breiten Raum ein. Was bedeutet die Kunst für das Köln-Gefühl?
Kunst gehört zur Identität dieser Stadt. Köln hat sich immer über Kultur, über Kunst definiert. Und Köln war bis zur Zerstörung 1945 als Stadt selbst ein Kunstwerk, eine der schönsten Städte Europas. Das heutige Köln-Gefühl mit seinem Hauch Melancholie hat auch mit diesem Verlust zu tun. Als Bürger denke ich, wie schön wäre es, wenn Köln immer noch so wäre. Aber als Autor, der Zeitenläufe beschreibt, ist Köln für mich gerade mit seinen Brüchen, den Relikten der Vergangenheit, den bis heute sichtbaren Wunden so besonders. Wie man halt auch für einen Menschen, der verletzt ist oder verwundbar, mehr Gefühle entwickelt als für einen scheinbar perfekten.
Hat sich Ihr eigenes Köln-Gefühl über die Jahre verändert?
Ja, schon. Köln war, als ich kam, eine Kulturstadt – die Kulturstadt in Deutschland und eine der zentralen Kulturmetropolen in Europa. Das heute zu sagen, wäre … absurd. Dabei zogen noch in Achtzigerjahren viele Menschen nach Köln wegen der Kultur und insbesondere wegen der Kunstszene. Ich werde manchmal gefragt, ob ich das rückschauend nicht verkläre, aber ich glaube, nein. Es gab die Neue Musik, den Jazz, die Popkomm als Vorläufer der c/o pop, die Oper, die Clubszene, die Galerien, die Artcologne als wichtigste Kunstmesse Europas, es gab an vielen Orten den Beginn dessen, was man heute Weltmusik nennt – alles auf höchstem Niveau. Was ist davon geblieben? Die Museen, die in dieser Zeit entstanden oder angestoßen worden sind, also das Museum Ludwig mit der Philharmonie, das Wallraff Richartz Museum und so weiter. Das tolle Publikum, ja, die Begeisterungsfähigkeit für Kultur. Aber zugleich merkt man: Der Anspruch lässt ein bisschen nach. Man ist schneller zufrieden in Köln. Das ist die Kehrseite der Begeisterung. Man könnte ja mal fragen: Ist denn wirklich alles so gut, wofür wir Kölner uns begeistern?
Die Lieblosigkeit mag bei der Kölner Stadtverwaltung enden. Aber sie beginnt bei jedem Einzelnen.
Woran liegt das?
Wir hatten das Desaster mit den Bühnen, wir hatten den Archiveinsturz. Beides hat nicht zuletzt wahnsinnig viel Geld gebunden, das anderswo fehlt. Jetzt könnte man sagen, Köln kann nichts dafür. Aber doch, Köln kann etwas dafür. Solche Katastrophen passieren eben nicht „einfach so“. Da sind über Jahre Dinge schief gelaufen – schlechtes Management, schlechte Verwaltung, Fahrlässigkeit, wenig Obacht, zu wenig Ernsthaftigkeit. Alles in allem wird man nicht sagen können, Person X oder Y ist schuld, und doch sind es menschengemachte, kölschgemachte Katastrophen.
Sie attestieren den Kölnern ja insgesamt den größten Lokalpatriotismus, der zugleich am wenigsten gelebt wird.
Wir hatten die Debatte im Zusammenhang mit der „Verwahrlosung“ der Stadt. Der Befund stimmt ja. Aber wie es in Köln aussieht, das kann man eben nicht immer „den anderen“ in die Schuhe schieben. Die Lieblosigkeit mag bei der Stadtverwaltung enden. Aber sie beginnt bei jedem Einzelnen.
Was hat Sie über die Jahre am meisten enttäuscht in Köln?
Also, ich muss jetzt auch mal raus aus dieser Negativ-Spirale. Es zwingt mich niemand, in Köln zu leben, und ich lebe sehr, sehr gern hier. Wenn ich in Köln etwas kritisch sehe, dann eben, weil ich es liebe. Aber zu meinen persönlichen Enttäuschungen würde ich sagen: Zwei Dinge sind in den bald 40 Jahren wirklich abgestiegen, die Kultur und der FC. Und dummerweise ist beides mir das Wichtigste an Köln. Ich liebe die Kultur. Und ich liebe den FC. Zumindest mit dem FC geht`s jetzt hoffentlich mal kontinuierlich bergauf. Bei der Kultur hingegen fürchte ich, dass die nächsten Kürzungen die Befürchtungen noch übertreffen.
In Köln kann man die Menschen mobilisieren für eine gute Sache.
Was macht für Sie den Kölner, die Kölnerin aus? Wenn man bedenkt, dass heute nur jeder dritte Einwohner auch in Köln geboren ist. Von uns dreien schon mal keiner.
Das ist – Klischee hin, Klischee her – schon das Einladende. Man findet schnell Freunde in Köln. Wenn man aus Siegen kommt, weiß man das zu schätzen. Die große Bereitschaft zum Engagement für alles Mögliche und gern für etwas Gutes, auch das zeichnet die Kölner aus. Ich erinnere mich noch gut an das erste „Arsch huh“-Konzert in Köln. 100.000 Leute für Toleranz… So was gab es anderswo nicht. Und im Grunde ist das bis heute so, dass man in Köln die Menschen mobilisieren kann für eine gute Sache. Jetzt kann man sagen, ach, diese ganzen Gutmenschen halt… Aber, mal ehrlich, ich lebe lieber unter Gutmenschen als unter Zynikern.
„Arsch huh“ ist aber schon auch ein Stück nostalgischer Selbstvergewisserung inzwischen, oder?
Ich sage Ihnen ein anderes, aktuelleres Beispiel: „Birlikte“, das Festival in Mülheim als Reaktion auf die NSU-Morde. An seiner Ausweich-Spielstätte hat das Schauspiel da etwas hinbekommen, was so in keiner anderen Stadt gelungen ist: einen brachliegenden Ort in einer nicht sehr angesagten Nachbarschaft zum Leben zu bringen und ein Gefühl von Gemeinschaft zu stiften. Das war über die Jahre wirklich toll, zu sehen, wie sich das mischte. Wie die Leute aus Lindenthal und Junkersdorf über den Rhein gefahren kamen – und wie stolz die Leute aus der Keupstraße waren. Ich habe in vielen Veranstaltungen selbst erlebt, wie viel Selbstbewusstsein es den Menschen in Mülheim gegeben hat, dass auf einmal die ganze Stadtgesellschaft da war. Schade, dass das inzwischen etwas eingeschlafen ist. Und es wird jetzt weiter abbrechen, wenn das Schauspiel wieder an den Offenbachplatz zieht. Aber es zeigt dennoch, wie viel man mit Kultur in der Stadt leisten kann. Und Mülheim steht heute als Stadtteil ganz anders dar als vor dem Interim des Schauspiels. Das bleibt.
In Ihrem Roman „Das Alphabet bis S“ steht eine Liebeserklärung: Abends im Sommer, im Rot der untergehenden Sonne, sei Köln „für eine halbe Stunde die schönste Stadt der Welt“. Eine Liebe mit Zeitschaltuhr – geht das eigentlich?
Also, wem bei diesem Blick auf den Rhein, auf den Dom, Groß St. Martin und das Stadtpanorama nicht das Herz aufgeht, dem ist schon mal nicht zu helfen. Dieser kleine Ausschnitt eines Tages – besser geht’s nicht. Und ich meine: Welche andere Stadt Deutschlands ist jemals für eine halbe Stunde die schönste Stadt der Welt?
Zur Person & zum Buch
Navid Kermani, geb. 1967, ist Schriftsteller, Reporter, Essayist und Orientalist. Er lebt in Köln. 2015 erhielt Kermani den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Cover Navid Kermani: Köln. E Jeföhl
Copyright: Verlag C.H. Beck
Kermanis Anthologie „Köln. E Jeföhl“ mit ausgewählten Texten über Köln aus Kermanis umfangreichem Oueuvre ist soeben im Verlag C.H.Beck erschienen , 175 Seiten, 23 Euro.
Sein Köln-Buch stellt Kermani am 15. Oktober im Rahmen der lit.Cologne Spezial vor. Gesprächspartner des von Musik begleiteten Abends ist Henning Krautmacher, der ehemalige Frontmann der Höhner. Die Moderation übernimmt die Kölner Autorin, Produzentin und ehemalige Fußballerin Shary Reeves.
Karten gibt es ab sofort unter: www.litcologne.de. (jf)
