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KommentarEine Utopie als Befreiungsschlag

3 min

Neugestaltung der Domumgebung: Mitten im Herzen Kölns, in bester Lage am Roncalliplatz im Norden der Altstadt und in unmittelbarer Nähe zu Dom, Rathaus und Hauptbahnhof, entsteht das Laurenz Carré.

Ob sich Köln im Wettbewerb der Metropolen behauptet, ist ungewiss. Ein Plan kann da nur helfen

Ein neuer Fernbahnhof in Kalk? Eine begrünte Hohenzollernbrücke? Radwege statt Ferngleise im Deutzer Bahnhof? Grüne Trassen als neue Lebensadern für Köln? Eine neue Mitte für die Millionenstadt? Haben wir keine anderen Probleme?

Das ist der erste Reflex in Krisenzeiten, die der Stadt Köln in den kommenden Jahren einen rasant wachsenden Schuldenberg bescheren und sie zwingen werden, mit einem Kraftakt sondergleichen wenigstens 250 Millionen Euro jährlich einzusparen, um ihre Finanzhoheit nicht zu verlieren und sich von anderen diktieren zu lassen, in welchem Umfang sie überhaupt noch Kredite für Investitionen aufnehmen darf.

In so einer Krise soll sich ein Oberbürgermeister ernsthaft mit der Frage beschäftigen, ob Köln eine Neue Mitte braucht, ob der Hauptbahnhof neben dem Dom noch zeitgemäß ist und sich die Flächen langfristig nicht besser für Wohnungen, Grünflächen und neue Verbindungen zwischen den beiden Rheinseiten nutzen lassen?  Der Verein Neue Mitte Köln wirbt für den großen Wurf und spricht von einer gedanklichen Frischzellenkur im Wettlauf der Metropolen.

Große Würfe gelingen selten im ersten Versuch. Das hat Köln mit dem städtebaulichen Masterplan Innenstadt von Albert Speer schmerzlich erfahren müssen. Als Regiebuch im Jahr 2009 vom Kölner Stadtrat verabschiedet, ist die Strategie der kleinen Schritte bisher nur Stückwerk geblieben.

Das Opernquartier ein finanzielles Desaster, die Wiederbelebung der Innenstadtplätze allenfalls Stückwerk wie der Innere Grüngürtel. Einzig der Rheinboulevard, die kontinuierliche Entwicklung der Deutzer Werft und das Radwegekonzept für die Innenstadt lassen sich als Erfolge verbuchen. Die Neugestaltung der Domumgebung lässt sich noch nicht abschließend bewerten. Sie ist und bleibt eine Dauerbaustelle.

Große Würfe gelingen selten im ersten Versuch

Kann man den Speer-Plan deshalb als gescheitert bezeichnen? Mitnichten. Er ist nicht mehr als eine Vision. Die passenden Werkzeuge für die Planung und Entwicklung Kölns müssen Politik und Verwaltung selbst entwickeln. Wie schwierig das sein kann, macht der Dauerstreit um den U-Bahn-Bau in der Innenstadt deutlich.

Jetzt also die Neue Mitte Köln. Eine großartige Idee, von der heute niemand weiß, ob sie nach dem Jahr 2060 wenigstens in Teilen Realität geworden ist. Weil auch der klügste Stadtplaner nicht derart weit in die Zukunft blicken kann.

Wo Köln im Wettbewerb der Metropolen in 40 Jahren stehen wird, kann heute niemand sagen. Wird die Stadt vom Strukturwandel im Rheinischen Revier direkt vor ihrer Haustüre profitieren? Wird es noch eine Autoindustrie geben? Was wird aus den Chemie-Giganten am Rhein? Sie kann sich nur darauf vorbereiten, auch indem sie kluge Pläne macht, die über Wirtschaftskrisen und Wahlperioden hinausreichen. Reagieren und reparieren ist das Alltagsgeschäft. Und was das bedeutet, müssen Köln und das Rheinland bei der Verkehrsinfrastruktur gerade leidvoll erfahren.

In so einer schwierigen Lage einen Plan auf dem Tisch zu haben, der sich utopisch anhört, kann auch ein Befreiungsschlag sein. Weil er neue Sichtweisen möglich macht. Und damit Perspektiven eröffnet.

Der Hauptbahnhof tut dem Dom nicht gut. Sagen die Verfechter der Neuen Mitte Köln. Das muss er auch nicht. Schließlich kann er nichts dafür, dass sein direkter Nachbar Weltkulturerbe-Status hat. Aber es lohnt, darüber nachzudenken, wie die Stadt aussähe, wenn er nicht ständig Menschenmassen bewältigen müsste. Dann – sagen die Studienmacher – hätte Köln wieder eine Visitenkarte, die dem Dom angemessen wäre. Das ist doch eine schöne Vision.