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Interview mit dem Kölner OB Burmester„Im Moment verteilen wir Pflaster“

Ein Jahr nach seinem Amtsantritt zieht Kölns Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD) Bilanz. Im Interview geht es um sichere Schulwege, den Ausbau der Suchthilfe und die Zukunft der Kölner Museen.

Kölns Oberbürgermeister Torsten Burmester

Interview mit Kölns Oberbürgermeister Torsten Burmester im Historischen Rathaus

Herr Burmester, in der Phase des Kommunalwahlkampfs haben viele das Gefühl geäußert, Köln funktioniere nicht mehr richtig. Hat sich das nach einem Jahr geändert?

Ich kann nicht für andere sprechen, ich bin da befangen. Ich glaube aber, dass es einen neuen Politikstil gibt, im Rat und in der Interpretation des OB-Amtes – geprägt von Nähe und Pragmatismus. Beim Gefühl, dass es eine funktionierende Verwaltung gibt, und beim Gefühl, dass die Stadt sauberer ist, sind wir einen Schritt weitergekommen. Ohne Zweifel gibt es aber noch viel zu tun. Was gut läuft, ist die zielorientierte Zusammenarbeit zwischen Verwaltung und Rat. Das liegt auch an den wechselnden Mehrheiten: Man muss Projekte und Ideen im Vorfeld mit den Fraktionen besprechen und viel erklären. Aus meiner Sicht haben wir dadurch mehr Spielraum, als wenn wir eine feste Kooperation und uns auf ein 40-Seiten-Papier geeinigt hätten, das wir nur abarbeiten würden.

Praktisch entscheidet der Rat aber das meiste doch mit den Stimmen der drei großen Fraktionen: Grüne, CDU und SPD.

Es gibt unterschiedliche Mehrheiten, immer sachorientiert. Beim Thema FC hatten wir eine Mehrheit mit acht von zehn Linken. Nur deshalb ging es. Grundsätzlich halte ich aber den Ansatz der Linken, die Gewerbesteuer so lange zu erhöhen, bis der Haushalt ausgeglichen ist, nicht für ein tragfähiges politisches Programm. Meine Skepsis wird im Moment auch durch ein häufiges Nein-Sagen im Stadtrat bestätigt, beispielsweise bei der Wahl der Beigeordneten.

Das Suchthilfezentrum am Perlengraben soll im August 2027 öffnen. Warum gibt es bis dahin keine Übergangslösung am Neumarkt?

Auch für ein Interim müssen Sie Vorarbeiten leisten, schon für die Aufstellung von Containern brauchen wir ein Genehmigungsverfahren. Aus meiner Sicht hätten wir keinen nennenswerten Zeitgewinn. Im Übrigen haben wir in Kalk einen weiteren Drogenkonsumraum in Betrieb genommen, der ab 1. November bis zu 13 statt fünf Stunden am Tag geöffnet hat und weiter ausgebaut wird. Die Botschaft an die Bürgerinnen und Bürger ist aber: Bis dahin müssen wir mit Verdrängungseffekten leben. Und wir werden gemeinsam mit der Polizei weiterhin die Drogendealer bekämpfen. Im Theodor-Heuss-Park am Ebertplatz stehen sie zum Beispiel in Reihe.

Ein einziges Suchthilfezentrum hat mit dem von der Stadt Köln als Vorbild genannten Zürcher Modell nicht das Geringste zu tun, dort sind es mittlerweile vier. Wenn in Köln nur ein Zentrum öffnet, wird sich alles auf diese Stelle konzentrieren. Versorgt werden können vielleicht 120 Menschen, suchtkrank sind zehnmal so viele. Wie ist diese Strategie zu verstehen?

In dem Sinne, dass wir den Konsum auf öffentlichen Plätzen unattraktiv machen und dieser in Suchthilfezentren stattfindet. Ob wir weitere Suchthilfezentren brauchen, hängt auch von Zahlen ab, die wir auswerten und immer wieder diskutieren. Ich habe ja eben schon darauf hingewiesen, dass wir den Drogenkonsumraum in Kalk derzeit zu einem zweiten Zentrum ausbauen. In diesen Tagen unterzeichnen wir den Mietvertrag für Aufenthaltsräume in Kalk und ergänzen das Angebot damit um einen wertvollen Baustein, damit die suchtkranken Menschen nach dem Konsum nicht gleich wieder auf die Straße müssen.

Die Zürcher haben es geschafft, innerhalb weniger Monate mehrere Suchthilfezentren hinzustellen. Ist da Magie am Werk?

Zürich hat inzwischen jahrzehntelange Erfahrung. Wir geben am Perlengraben neun Millionen Euro für die Errichtung und weitere zehn Millionen für den Betrieb aus, ohne dass wir irgendeine Unterstützung von Bund oder Land bekommen – obwohl wir hier die Probleme des Bundes, des Landes, der Region und teilweise weit darüber hinaus lösen müssen. Verbindlich muss es bei uns in Köln ein Rückführmanagement geben: Wenn Drogenabhängige aus anderen Städten kommen, dann müssen sie dort versorgt werden, wo sie ihren Wohnsitz haben.

Wie sieht es auf den Schulwegen in der Innenstadt aus? Am Friesenplatz wurden die neuen Fünftklässler zum Beginn des Schuljahres von der Bahnhaltestelle zur Königin-Luise-Schule eskortiert.

Da hat sich inzwischen aus meiner Sicht etwas verbessert. Bei meinen Rundgängen mit dem Ordnungsdienst morgens um 8 Uhr habe ich auf dem Weg zur Königin-Luise-Schule eine Spritze gefunden. Der Ordnungsdienst hat jetzt Daueraufträge, diesen Bereich zu bestreifen, auch in den großen Pausen und bei Schulschluss. Der Friesenplatz war auch wegen der Methadonpraxen schon immer ein Treffpunkt der Drogenszene: Nach der Substitution gehen die Leute raus und haben ihren Beikonsum – meistens Crack, häufig Alkohol. Wir brauchen bei diesen Praxen auch eine verstärkte sozialpsychiatrische Betreuung, die findet nicht immer statt.

Viele Familien haben kaum noch Hoffnung, eine Wohnung zu finden. Können Sie ihnen Hoffnung machen?

Die Situation auf dem Wohnungsmarkt ist angespannt, viele Menschen suchen verzweifelt eine bezahlbare Wohnung. Dabei war klar, dieses Problem ist nicht in einem Jahr zu lösen. Mit dem Bauturbo, den der Rat im Dezember beschlossen hat, können wir jetzt aber schneller planen. Die Ergebnisse werden wir in ein, zwei Jahren sehen. Aktuell werden so 3500 Wohneinheiten bearbeitet, davon circa 750 öffentlich gefördert. In diesem Jahr haben wir bereits 4623 Wohnungen fertiggestellt. Mit „Köln baut bezahlbar“ sind wir bei den Standards um 900 Euro Baukosten pro Quadratmeter runtergegangen und wollen über Verwaltungsvereinfachungen weitere 400 Euro einsparen. Gleichzeitig sorgen wir für einen besseren Mieterschutz. Es wird weitere soziale Erhaltungssatzungen wie in Kalk geben.

Was ist Ihr Ziel? Bleibt es bei jährlich 6000 neuen Wohnungen?

Dauerhaft braucht Köln 6000 neue Wohnungen pro Jahr. Das ist mein Ziel. Auch wenn mir klar ist, dass ich es nicht jedes Jahr erreichen kann.

Sie haben für den Herbst ein Programm zum Bürokratieabbau in der Stadtverwaltung angekündigt. Kommt es?

Ja. Wir wollen Mitarbeitende, Bürgerinnen und Bürger und Unternehmen von Bürokratieaufwand entlasten. Das heißt, Verfahren müssen einfacher, schneller und auch KI‑gestützt laufen. Zum Beispiel bei der Berechnung der Elternbeiträge für Kitas.

Der Rat verlangt mit dem Haushalt auch eine Überprüfung der Museumslandschaft. Was heißt das?

Einzelinvestitionen machen keinen Sinn ohne die Gesamtschau, die jetzt in gut einem Jahr erarbeitet sein muss. Ohne Denkverbote. Es muss möglich sein, darüber nachzudenken, ob und was man zusammenlegen kann. Es darf nicht sein, dass wir in einem Haus für Flächen zahlen, die gar nicht genutzt werden.

Im Haushalt haben Grüne, CDU und SPD das Interim des Römisch-Germanischen Museums gekürzt. Das sorgt für viel Unmut.

Es ist Aufgabe der Politik, Entscheidungen zu treffen, wenn sie den Haushaltsentwurf verändert. Das haben die Fraktionen getan. Sie haben einen Vorschlag zur Gegenfinanzierung über 500.000 Euro gemacht und dafür die Kündigung eines Interim-Mietvertrags vorgeschlagen. Wir werden als Verwaltung jetzt prüfen müssen, ob das zu solchen Entlastungen führen kann. Durch die Verlagerung der Bestände und die Anmietung anderer Räume werden ja Kosten entstehen, die noch nicht eingerechnet sind. Darüber muss man mit den Fraktionen sprechen, und das werde ich auch tun. Der Vorschlag zum Interim des RGM ist nur ein Bruchteil des Veränderungsnachweises, zugegebenermaßen aber ein Vorschlag, der umstritten ist. Das liegt sicher auch daran, dass es wohl niemanden in Köln oder der Region gibt, der nicht schon als Schüler zum ersten Mal das RGM besucht hat – mich eingeschlossen.

Bei Philharmonie und Museum Ludwig kursieren Zahlen von weit über einer Milliarde Euro für eine Sanierung.

Wir wissen ja gar nicht, ob es eine Milliarde ist. Deswegen weigere ich mich, jetzt Zahlen in die Diskussion zu werfen. Im Dezember soll der Rat eine 360-Grad-Analyse für Philharmonie und Museum Ludwig beauftragen, insbesondere der technischen Gewerke. Danach können wir einschätzen, wie lange der Betrieb ohne Generalsanierung noch aufrechterhalten werden kann. Im Moment verteilen wir Pflaster, damit das noch eine Zeit lang funktioniert. Würden Sie sich vorstellen wollen, dass drei Jahre lang keine moderne Kunst im Museum Ludwig zu sehen wäre? Klar ist, der Spielraum für große Investitionen ist beschränkt. Bei neuen Investitionen haben wir einen jährlichen Deckel von 350 Millionen Euro eingeführt.

Allein die Instandsetzung der Rheinbrücken wird diesen Spielraum stark beanspruchen.

Wir haben einen Sanierungsplan für die Brücken vorgestellt, also ein geordnetes Verfahren. Wir machen jetzt die Mülheimer Brücke zu Ende, der nächste Schritt ist die Severinsbrücke. Klar ist aus den bisherigen Untersuchungen, dass die Rampen ausgetauscht werden müssen. Zwischen 2030 und 2035 wird sie saniert, und wir sind in Gesprächen mit der Landesregierung, dass wir dafür einen hohen Anteil an Fördermitteln bekommen. Dann kommen die Deutzer Brücke und die Zoobrücke an die Reihe.

Ist dieser Zeitplan zu halten?

Ich kann zu Sanierung, Neubau oder Denkmalschutz jetzt noch keine Aussage treffen. Aber Brücken sind technische Bauwerke, die funktionieren müssen, und da müssen wir einen vernünftigen Kompromiss mit dem Denkmalschutz finden. Erstes Ziel muss immer die Sanierung sein. Aber manchmal ist ein Neubau die günstigere Variante. Wenn es einen Neubau geben muss, kann er sich nur auf die bisherige Planungsgrundlage beziehen – sonst hätte ich planungsrechtlich komplett neue Sachverhalte und das hieße enorme Verzögerung.

Für das Depot in Mülheim steht plötzlich ein völlig neues Konzept als privater Musicalstandort im Raum. Kritiker sprechen von Hinterzimmerpolitik.

Das weise ich energisch zurück, weil noch gar nichts entschieden ist. Frank Blase hat uns einen Vorschlag unterbreitet: den Mietvertrag für Depot 1 und 2 zu übernehmen und insgesamt zehn Millionen über zehn Jahre für die freie Szene zur Verfügung zu stellen, ohne mitsprechen zu wollen. Und er will der freien Szene mindestens 15 Spieltermine geben. Damit unterstützt Frank Blase uneigennützig die freie Szene in Köln, und deshalb halte ich diesen Vorschlag auch für diskutierenswert. Das Depot macht bei den Bühnen 2,8 Millionen Euro im Jahr aus, und die Bühnen sind defizitär. Da muss ich doch zumindest darüber nachdenken, ob ich diese Chance nutze. Im Dezember kommt die Ratsvorlage dazu. Dann wird der Rat über den Vorschlag der Verwaltung entscheiden.

Bei der Olympiabewerbung hat Köln gegen München verloren. Was ist schiefgelaufen?

Da ist nichts schiefgelaufen. Wenn man sich auf einen sportlichen Wettbewerb einlässt, muss man auch damit rechnen zu verlieren. Wir haben knapp verloren und hatten ein überragendes Konzept, das von vielen Seiten gelobt wurde. Und wir haben es geschafft, für ein nach vorne gerichtetes Projekt 57,5 Prozent der Stimmen in Köln zu bekommen. Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass wir das Gute aus der Bewerbung für Olympische und Paralympische Spiele mitnehmen, deshalb habe ich die Initiative Veedel in Bewegung angestoßen. Wir müssen auch erreichen, dass die mit der Bewerbung vorgesehenen Infrastrukturprojekte wie der Autobahnanschluss in Blumenberg auf der Prioritätenliste des Landes oben bleiben.

Rutscht der neue Stadtteil Kreuzfeld ohne Olympia in der Priorität nach hinten?

Mit dem Deutzer Hafen und der Parkstadt Süd haben wir aktuell zwei große Stadtentwicklungsprojekte. Und auch im Mülheimer Süden muss es endlich vorangehen. Da muss ich aufpassen, dass wir uns nicht übernehmen. Das ist kein Argument, um Kreuzfeld aufzuschieben, aber ich warne vor übertriebenen Erwartungen.

Das klingt so, als würde Kreuzfeld auf Priorität vier rutschen.

Nein. Man muss sehen, dass man vier Bälle in der Luft hält.

Warum sind Sie bei der Einführung einer Verpackungssteuer so zaghaft?

Das bin ich nicht: Die Verwaltung hat berechnet, dass wir anderthalb bis zwei Jahre Vorbereitung und 3,5 Millionen Euro für das nötige Personal bräuchten – und einnehmen würden wir nicht mehr als drei bis vier Millionen Euro. Deswegen ist es doch viel besser zu prüfen, ob wir mit einer Selbstverpflichtung die gleichen Ziele erreichen. Die Weihnachtsmärkte könnte ich zum Beispiel zu Mehrweggeschirr verpflichten. Mein Angebot an die Gastronomen ist: Ergreift die Chance. Man kann mit der Politik ein Datum festlegen, bis wann das nach nachvollziehbaren Kriterien erreicht werden muss. Wenn nicht, wird die Verpackungssteuer eingeführt. Da bin ich der Letzte, der Nein sagt.

Zum Abschluss wollen wir noch über das Geißbockheim sprechen. Der Bau neuer FC-Trainingsplätze war für Sie ein zentrales Thema im Wahlkampf, gelöst ist das Thema aber immer noch nicht. Woran liegt das?

Das läuft im ständigen Austausch und geräuschlos. Wir treffen uns regelmäßig mit dem FC. Und deshalb werden wir in diesem Jahr erste Fortschritte sehen. Das geht schrittweise, aber ein erster Schritt wird kommen.


Zur Person

Torsten Burmester, geboren am 15. Januar 1963 im niedersächsischen Uchte, ist seit dem 1. November 2025 Oberbürgermeister der Stadt Köln. Er zog mit seinen Eltern im Alter von zwei Jahren nach Remscheid, wo er aufwuchs. Vor der Bundestagswahl 1998, nach der Gerhard Schröder Bundeskanzler wurde, arbeitete Burmester, selbst Parteimitglied, in der SPD-Wahlkampfzentrale. Danach war er Mitarbeiter des SPD-Parteivorstands. 2002 wechselte er in das Bundeskanzleramt. Zunächst als Mitarbeiter im Referat für Sport und bis 2005 als persönlicher Referent des Bundeskanzlers. Danach folgten Stationen in verschiedenen Ministerien. Vom 1. Februar 2022 bis Dezember 2024 war Burmester Vorstandsvorsitzender des Deutschen Olympischen Sportbundes. (red)