Mit dem Gewicht der Amtskette spüre er auch die Verantwortung, sagte Torsten Burmester vor genau einem Jahr. An seinem ersten Tag im Kölner Rathaus sprach er davon, dass viele Kölnerinnen und Kölner offenbar an der Funktionsfähigkeit der Stadt zweifeln und vieles nicht klappe. Es gehe ihm als Oberbürgermeister vor allem darum, die Dinge wieder zum Laufen zu bringen.
Die Last der Verantwortung dürfte in den vergangenen 365 Tagen nicht kleiner geworden sein. Burmester führt die Stadt durch eine Zeit voller Krisen. Die Finanzlage ist dramatisch. Es gibt nichts zu verteilen; es gilt zu sparen, Erwartungen zu dämpfen und Projekte zu streichen. Gestaltung ist dadurch nur noch begrenzt möglich. Der OB hat dennoch betont, dass die Stadt auch in dieser Lage weiterentwickelt werden müsse und Chancen genutzt werden sollten.
Die Stadt ist an vielen Orten sauberer geworden
In den ersten Monaten hat Burmester bewusst dort Signale gesetzt, wo sich schnell etwas bewegen ließ: bei Sicherheit und Sauberkeit. Es gibt so viele Fotos von ihm in orangefarbener Arbeitskleidung, dass man meinen könnte, er habe einen Zweitjob bei den Abfallwirtschaftsbetrieben angetreten. Dass das Bild eines zupackenden OB wirkt, weiß Burmester. Es als Symbolpolitik abzutun, wäre dennoch unfair: An vielen Stellen ist die Stadt tatsächlich sauberer geworden, etwa am Bahnhof Ehrenfeld, rund um den Dom und in der Altstadt, wo inzwischen großformatige Abfallbehälter in beeindruckender Zahl stehen. Sie sind nicht unbedingt eine Zierde, aber sie fassen viel. Die klare Ansprache des OB kommt in der Stadt an.
Burmester hat keine Traumschlösser versprochen, wohl aber vieles angekündigt. So soll es Hilfe für Suchtkranke geben und eine Beruhigung der Lage am Neumarkt. Bislang ist das nur auf Kosten einer Verdrängung gelungen. Das Suchthilfezentrum in der Innenstadt wird frühestens Mitte des kommenden Jahres stehen; ob der Plan aufgeht, ist offen. Auch einen Bürokratieabbau hat Burmester in Aussicht gestellt. Von dieser Offensive ist bislang wenig zu sehen. Beim Geißbockheim fehlt noch immer eine große Lösung. Bei der Liste Coesfeld hat der OB die Probleme aufgearbeitet und so noch größeren Schaden verhindert. Das Thema wird die Stadt weiter begleiten.
Zwei Mal gegen München verloren
Zwei Niederlagen musste Burmester zudem einstecken: Olympische Spiele wird es nicht an Rhein und Ruhr geben, am Ende fiel die Entscheidung klar für München. Auch die Gedenkstätte Yad Vashem wird nicht in Köln, sondern in der bayerischen Landeshauptstadt eingerichtet. Der OB hat das sportlich genommen und sich schnell den drängenden Themen zugewandt. Davon gibt es genug: die Personalkosten im Rathaus, die er drücken muss (er hat Boni gestrichen), die maroden Brücken und die Museen, deren baulicher Zustand nicht besser aussieht.
Da hilft nur die Wahrheit, und die ist bitter. Die Stadt fährt ihre Infrastruktur seit vielen Jahren auf Verschleiß. Burmester hat klare Pläne vorgelegt. Die Brücken sollen Schritt für Schritt saniert werden. Dabei gilt auch das Prinzip Hoffnung: Auf der Zoobrücke sollten bis 2040 tunlichst keine neuen Schäden auftreten, vorher wird sie nicht saniert. Dasselbe gilt für die Museen, wo der Sanierungsstau ebenfalls riesig ist. Die Politik wird das Vorhaben, dem Römisch-Germanischen Museum auch noch das Interimslicht auszuknipsen, hoffentlich bald verwerfen. Der OB will Schnittstellen prüfen, ohne „Denkverbote“, wie er sagt. Das muss er einlösen.
Er wisse, dass er einen langen Atem brauche, hatte der 63-Jährige vor einem Jahr gesagt. Inzwischen genießt er Respekt in der Stadt, und er weiß das. Natürlich wolle er länger als eine Amtszeit Oberbürgermeister bleiben. Burmester wird die Zeit brauchen, um seine Ziele zu erreichen.


