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Der Kölner Hauptbahnhof, wie ihn kaum einer kenntEin verborgenes Reich tief unter den Gleisen

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21.07.2026 Köln. Reportage über die Unterwelt des Kölner Hauptbahnhofs. Für die Serie Köln von unten. Rundgang Zwei (Versorgung der Fernzüge).Foto: Alexander Schwaiger

Wie kommt das Sandwich in den ICE? Die Bordbistros der Fernzüge werden mit frischer Ware aus einem Logistikzentrum im Keller des alten Hauptpostamts beliefert. Der Weg zum Zug führt durch einen 300 Meter langen Tunnel direkt auf den ehemaligen Gepäckbahnsteig. 

180.000 Menschen nutzen täglich den Kölner Hauptbahnhof. Doch nur die wenigsten wissen, was sich in den Katakomben unter der riesigen Bahnhofshalle abspielt. Ein Besuch in der Unterwelt der Deutschen Bahn. 

Was sich hinter der unscheinbaren grauen Türe neben den Rolltreppen zum Gleis 5 verbirgt, dürfte kaum jemanden der 180.000 Menschen interessieren, die täglich durch den Kölner Hauptbahnhof hetzen. Selbst ein Blick durchs Bullauge verrät nicht, dass es sich hier um den Einstieg in die Katakomben unter der Gleisebene handelt.

Frederik Neumann zieht ein dickes Schlüsselbund aus der Tasche. Darunter auch der Generalschüssel. „Von hier aus kann man den gesamten Bahnhof unterqueren. Auf mehreren Ebenen.“

Seit 2016 arbeitet Neumann in der Unterwelt. Zunächst als Servicetechniker, jetzt als Chef. Sein erster Job sei die Überprüfung der rund 800 Brandschutztüren gewesen. Der Brandschutz hat im Hauptbahnhof oberste Priorität. Das hat er gleich am ersten Tag gelernt. „Damals hat man mir einen Plan in die Hand gedrückt und los ging es. Seither kenne ich mich hier aus.“

21.07.2026 Köln. Reportage über die Unterwelt des Kölner Hauptbahnhofs. Für die Serie Köln von unten. Rungang Eins. Foto: Alexander Schwaiger
Meine Aufgabe

Frederik Neumann steht vor einer der Anlagen für den Brandschutz unter dem Hauptbahnhof. Der Sicherheitschef ist mit seiner Truppe für den einwandfreien Zustand verantwortlich.

Der erste Weg führt Neumann in die Hauptzentrale. Dort stehen die große Sprinkleranlage und einer von zwei Wassertanks, ein Druckluftwasserkessel und ein Schiffsdiesel zur Stromerzeugung. In Sachen Sicherheit wird hier nichts dem Zufall überlassen. Die Sprinkler sind in mehrere Gruppen unterteilt, schalten sich im Ernstfall selbst ein. „Das sind Flüssigkeitsröhrchen, die sich bei Hitze ausdehnen, platzen und einen Brand punktgenau bekämpfen.“

Zwei Sprinklerzentralen für den Brandschutz

Bisher ist das nur einmal bei Bauarbeiten vorgekommen. Ostern 2015, erinnert sich Bahnhofschef Kai Rossmann, sei in den Katakomben die Hochdrucknebelanlage losgegangen, weil irgendwo in den Gängen ein paar Leute geraucht haben. Die Sprinkler seien „hochgradig staubempfindlich und in den Gängen installiert, die ein Mensch gar nicht oder nur unter erschwerten Bedingungen erreichen kann, weil sie zu niedrig und verwinkelt sind“.

Ein Großfeuer im Hauptbahnhof wäre das Horrorszenario schlechthin. „Deshalb haben wir hier auch eine Zweiteilung“, ergänzt Neumann. Auf der anderen Bahnhofsseite gibt es noch eine zweite Sprinklerzentrale – unter anderem für die Bundespolizei und das Bahnhofshotel. Deshalb sind die Wartungsintervalle engmaschig. Überdies werden alle zwölf Jahre die Wassertanks entleert und neu befüllt. „Wir reinigen die gesamte Anlage und versiegeln sie neu. Hier darf es keine Lecks geben, es darf nichts durchrosten.“

21.07.2026 Köln. Reportage über die Unterwelt des Kölner Hauptbahnhofs. Für die Serie Köln von unten. Rungang Eins. Foto: Alexander Schwaiger
Meine Aufgabe

Der Hauptbahnhof aus dem Jahr 1894 ist eigentlich eine Brücke, deren stählerne Sockel auf den Fundament der Vorgängerbahnhöfe lagern.

Bahnhofschef Kai Rossmann verspürt immer noch dieses Kribbeln, wenn er in den Katakomben zwei Stockwerke unter der Halle eine der Türen öffnet, hinter denen sich die alten Fundamente der Vorgängerbahnhöfe liegen. Auf ihnen ankern die Stahlsockel der riesigen Halle, die bei ihrer Eröffnung im Jahr 1894 als größte des europäischen Kontinents gefeiert wurde – und die noch immer ihren Dienst tun. Tatsächlich, und daran wird der Besucher erst in den Katakomben erinnert, ist der Hauptbahnhof eine lange Brücke. Die Gleise verlaufen wie die gesamten Bahnanlagen in der Innenstadt sechs Meter oberhalb des Straßenniveaus. Das war damals neu, weil die Eisenbahn nicht mehr den Straßenverkehr störte.

Das kilometerlange weit verzweigte Netz hat neben dem Brandschutz aber noch ganz andere Funktionen. Sämtliche Läden und Restaurants werden von hier aus mit Waren versorgt. Eine eigene Welt mit klaren Regeln. Jeder Mitarbeitende jeder Fremdfirma wird einem Sicherheitscheck unterzogen, bevor er sich hier bewegen darf.

21.07.2026 Köln. Reportage über die Unterwelt des Kölner Hauptbahnhofs. Für die Serie Köln von unten. Rungang Eins. Foto: Alexander Schwaiger
Meine Aufgabe

Oben von Reisenden eingeworfen und von dort automatisch in den Keller gebracht: Bis zu 1000 Gepäckstücke fasst die unterirdische Schließfachanlage, dei einzige in Deutschland.

Der Weg durch die Katakomben führt vorbei am Sockel des Alten Wartesaals, den Frederik Neumann liebevoll den „Orchestergraben“ nennt. 1915 ersetzte dieser das sogenannte Schlösschen in der Bahnhofshalle. Damals musste der Bahnhof erstmals erweitert werden. Die Dombrücke, wegen ihrer käfigartigen Konstruktion auch „Muusfall“ genannt, wurde durch die Hohenzollernbrücke ersetzt. Für Bahnhofsmanager Rossmann ist es einfach faszinierend, dass der Betrieb von rund 1200 Zügen pro Tag auf einem mehr als 150 Jahre alten Fundament der Vorgängerbahnhöfe abgewickelt wird.

1000 Gepäckstücke verschwinden im Bauch des Bahnhofs

Zwei Wege durch die Unterwelt können die Reisenden durchaus interessieren, weil es den Bahnbetrieb unmittelbar betrifft. Der eine führt zur deutschlandweit einmaligen unterirdischen Gepäckschließfachanlage: 1000 Fächer, drei Gassen, drei Stapel-Etagen. Jeder Koffer, der in den Automaten vor dem Reisezentrum geschoben wird, wird vollautomatisch mit Aufzügen zu seiner Parkstation gebracht.

„Die Anlage ist so schlau, die Fächer zunächst rund um die Aufzüge zu bewegen“, sagt Rossmann. „Damit das Abholen schneller geht.“ Eine zweite Station ist ein paar Meter weiter direkt neben der Bundespolizei. Auch bei dieser Anlage gilt: Sicherheit zuerst. Sollte ein verdächtiges Gepäckstück eingelagert werden, können Sprengstoffspürhunde jedes Fach im Bauch des Bahnhofs untersuchen.

21.07.2026 Köln. Reportage über die Unterwelt des Kölner Hauptbahnhofs. Für die Serie Köln von unten. Rundgang Zwei (Versorgung der Fernzüge).Foto: Alexander Schwaiger

Als Chef des Logistikzentrums muss Wolfgang Thelen dafür sorgen, dass möglichst kein Fernzug mit leerem Speisewagen den Kölner Hauptbahnhof verlässt.

Auf dem zweiten Weg erreichen wir nach 300 Metern unter dem alten Hauptpostamt das Logistik-Zentrum der Bahn. Hier werden täglich die Bistrowagen von bis zu 120 Fernzügen mit allem bestückt, was an Bord gebraucht wird. „Unser Job ist es, alles zu liefern, was für die Gastronomie an Bord benötigt“, sagt Standortleiter Wolfgang Thelen. „Das machen wir hier mit 70 Leuten rund um die Uhr. Bei allen Zügen, die in Köln beginnen und enden oder eine längere Standzeit haben, kümmern wir uns um die Grundversorgung.“

Dazu nutzen die Thelens Mitarbeitende auf den Gleisen 1 bis 7 die alten Tiefbahnsteige, auf denen früher die Post Pakete und Stückgut in die Züge lud.

21.07.2026 Köln. Reportage über die Unterwelt des Kölner Hauptbahnhofs. Für die Serie Köln von unten. Rungang Eins. Foto: Alexander Schwaiger
Meine Aufgabe

Ein Schiffsdiesel in den Gewölben unter dem Bahnhof dient als Notstromaggregat.

„Wir tauschen den kompletten Container-Satz aus und bestücken den Zug mit einem neuen, damit alles an Bord ist, was in einen ICE gehört. Wenn das alles reibungslos klappt, dauert das sieben Minuten. Unser Geschäft wird immer schwierig, wenn es Verspätungen gibt und es bei den Zügen zu Gleiswechseln kommt. Wenn wir dann mit unserer Ware auf einem Tiefbahnsteig stehen, wird es auch schon mal eng.“ Die Pünktlichkeit habe in der Regel Vorrang. „Im Zweifel fährt ein Zug auch ohne Beladung los.“

Zwischen 600 und 700 Artikel lagern in den Regalen und einem riesigen Kühlraum unter der Erde. Vom Kaffeelöffel bis zum Klopapier. Der schlimmste Fall bei der Beladung seien kaputte Aufzüge. „Wenn wir die Tiefbahnsteige nicht erreichen können, müssen wir improvisieren und auch die Personenbahnsteige nutzen. Da wird es dann schon mal hektisch.“ Auf den Besuch im Speisewagen könne er nicht verzichten. „Ich fahre selbst sehr gerne Bahn“, sagt Thelen. „Für mich gibt es nichts Schöneres als ein Frühstück im Bordrestaurant. Das genieße ich richtig.“