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50 Kilo auf dem RückenDer Mann, der Köln mit Kartoffeln versorgte

6 min
Kurt Erler mit seiner Ladung vor dem Päffgen an der Friesenstraße.

Kurt Erler mit seiner Ladung vor dem Päffgen an der Friesenstraße 

Kurt Erler (88) belieferte jahrzehntelang Großbetriebe und Haushalte mit Kartoffeln – ein heute aussterbender Beruf.

Früher hatte Kurt Erler in diesen Wochen immer besonders viel zu tun. Schleppen, Ausliefern. Spargelzeit und damit auch Kartoffelzeit. Kurt Erler (88) war jahrzehntelang Kartoffelhändler im Köln – damals wurden Kartoffeln noch nicht im kleinen Ein-Kilo-Netzchen im Supermarkt gekauft, sondern zentnerweise mit dem Lastwagen ausgefahren. Als Kartoffeln noch das wichtigste Grundnahrungsmittel, die wichtigste Beilage auf dem Teller waren.

Kurt Erler stammt aus einer Familie, die Landwirtschaft in Immekeppel betrieb. „Da wurde zuhause geschlachtet und auf dem Feld haben wir auch geholfen. Kartoffelernte gehörte natürlich dazu“, erinnert er sich. Einen Teil der Familie verschlug es dann nach Köln. Kurt Erler lernte nach dem Krieg zunächst Metzger. Doch dann, Mitte der 1950er Jahre, begann er damit, die Kölner mit Kartoffeln zu versorgen.

Kurt Erlers Kartoffellanger im Mülheimer Hafen

Kurt Erlers Kartoffellanger im Mülheimer Hafen

„Am Anfang hatte ich einen Opel Blitz mit 6,5 Tonnen“, sagt Erler. Die Kartoffeln holte er oft selbst in der Lüneburger Heide ab, bis heute wegen der sandigen Böden das größte Anbaugebiet Deutschlands. Oder er kaufte im Großmarkt. Gelagert wurde die Ware in einer Halle im Mülheimer Hafen.

Seine Kunden waren zunächst vor allem Großabnehmer: Krankenhäuser, Waisenhäuser, Altenheime, Brauhäuser. Zum Beispiel das Päffgen an der Friesenstraße. Stolz zeigt Erler ein Foto: Er inmitten von 50-Kilo-Kartoffelsäcken vor dem Eingang. Etwa alle zwei Wochen lieferte er Dutzende Säcke an. „Drinnen waren ältere Frauen in einem Raum und schälten den ganzen Tag Kartoffeln. Die fragten mich mal, ob ich ihnen nicht einen Bollerwagen geben könnte zum Hin- und Hertransportieren.“ Hat er dann gemacht.

Kölner Kartoffelhändler erzählte gerne von Tünnes und Schäl

Auch das Seniorenheim St. Bruno in Klettenberg belieferte er. „Da saßen immer die feinen Damen vor der Tür, mit Stola und Zigarette, die Haare zurecht gemacht.“ Der Besuch des Kartoffelhändlers sei für sie eine schöne Abwechslung gewesen. „Die Leute kannten mich ja dann. Ich habe auch immer gerne Witze erzählt.“ Meistens ging es darum, dass er Tünnes und Schäl getroffen hatte.

Auch das Eduardus-Krankenhaus kaufte seine Kartoffeln: 15 Zentner pro Woche. „Die Köchin dort hieß Mücke, das werde ich nie vergessen.“ Es kam öfter vor, dass er in die Großküchen kam und dann sah, welche Fehler beim Zerteilen von Fleisch gemacht wurde – auch das wurde damals noch in großen Stücken angeliefert – und wie wertvolles Filet verschwendet wurde. Er war ja schließlich gelernter Metzger. „Da habe ich schon mal schnell Rinderviertel fachgerecht zerteilt und ein paar Tipps gegeben.“

Kurt Erler (88) mit dem Modell seines Lastwagens und den vielen Holzmodellen, die er gebaut hat.

Kurt Erler (88) mit dem Modell seines Lastwagens und den vielen Holzmodellen, die er gebaut hat.

Erler belieferte auch Privathaushalte, vor allem in seinem Veedel Mülheim. „Wenn ich heute die Straßen lang gehe, dann denke ich: Denn Keller kenne ich, den Keller auch und da war ich auch. Manchmal gingen die Treppen soweit in die Tiefe, dass man glaubte, schon unter dem Rhein zu sein.“ Viele der Keller hätten Durchgänge zu den Kellern der Nachbarhäuser gehabt. Erler vermutet, dass es die heute noch gibt und so mancher Ganove sich da feine Fluchtwege suche.

Auch die Bestellungen der Privatleute waren groß, denn es war viele Jahrzehnte üblich, sich „Einkellerkartoffeln“ für ein ganzes Jahr einzulagern. Also schleppte Erler die 50-Kilo-Säcke die Treppen hinunter. Die Hausfrauen – so war es damals noch – holten die Kartoffeln dann portionsweise jeden Tag zum Kochen herauf. Die Kartoffeln hielten ohne zu keimen, weil die Keller dunkel und kühl waren. Nur Frost durften sie nicht bekommen.

Kölner sagt, er habe die Drillinge in die Stadt gebracht

Mit der Zeit änderten sich jedoch die Gewohnheiten – und Erler erzählt stolz, dass er daran mitgewirkt hat: Er habe die „Drillinge“ in Köln eingeführt. Drillinge ist keine Sorte, sondern die Bezeichnung für kleine Kartoffeln, so festgelegt 1985 in der „Verordnung über gesetzliche Handelsklassen für Speisekartoffeln“.

„Irgendwann habe ich den Händlern in der Großmarkthalle gesagt: Die älteren Leute wollen nicht die dicken Kartoffeln zu ihren Spiegeleiern essen, sondern lieber kleine. Sagt doch mal in der Lüneburger Heide Bescheid, dass die die auch anbauen sollen.“ Da die Begeisterung zunächst nicht groß war, holte er die Drillinge am Anfang selbst aus Frankreich ab.

Mit seinem Laster fuhr Kurt Erler durch Köln.

Mit seinem Laster fuhr Kurt Erler durch Köln.

„Die sind festkochend, gelbfleischig und am besten für Kartoffelsalat und Bratkartoffeln. Die Schale ist noch dünn und essbar. Eine ganz feine Kartoffel.“ Früher seien die kleinen Kartoffeln oft auf dem Feld liegengelassen worden – und wurden von armen Leuten aufgesammelt. Ab den 1990er Jahren wurden sie Mode, auch weil sie so gut zur mediterranen Küche passten.

Der Opel Blitz wurde von einem 15-Tonner und dann von einem Lastwagen mit Anhänger abgelöst. „Und das alles durch die engen Straßen von Köln. Ich kam um jede Ecke.“ Noch heute hilft er manchmal Lkw-Fahrern, die sich im Gewirr festgefahren haben. Einen Unfall habe er nie gehabt. Nur einmal, da wäre ihm fast ein Schuljunge unter die Räder geraten. Bei dem Gedanken wird ihm immer noch flau.

Großabnehmer stellten auf Convenience um

Irgendwann war es vorbei mit seinem Geschäftsmodell. Kartoffeln verloren an Bedeutung, es gab nun auch andere Beilagen, zum Beispiel Nudeln und viel Gemüse. Kliniken und Restaurants bestellen heute häufig Convenience-Ware, also schon geschälte und manchmal vorgegarte Kartoffeln. Bauern liefern direkt an Supermärkte oder die Verbraucher – ohne Zwischenhändler. Und eingekellert wird nicht mehr. 

Bis zu seinem 74. Lebensjahr hat Kurt Erler gearbeitet, die 50-Kilo-Säcke geschultert und geschleppt. „Das geht alles hier drauf“, sagt er und klopft sich auf die Schulter. „Und auf den Rücken. Der Rücken sagt aber nichts. Ich kann das auch heute noch.“ Manchmal besorgt er besonders gute Sorten für seine Nachbarn bei den Händlern seines Vertrauens, aber nur in kleinen Säckchen.   

Er hat eine neue Leidenschaft gefunden: Er baut Gebäude und Fuhrwerke in Miniaturform nach, die mit seinem Kartoffelhandel zu tun haben, außerdem Windmühlen und natürlich auch den Dom. Das kleine Reihenhaus in Mülheim ist voll davon. Gerne würde er Brauhäuser oder Firmen finden, die seine Stücke übernehmen und ausstellen wollen.

Oft geht er mit seiner Lebensgefährtin essen und dann wird natürlich auf die Qualität der Kartoffeln geachtet. Kürzlich hätten sie mal wieder den „Reinfall von Schaffhausen“ erlebt, so nennt er gerne Pleiten: Die Kartoffeln waren süß. „Zu kalt gelagert“, sag der Fachmann. Vier bis acht Grad sind der Maßstab.

Seine Lieblingskartoffeln ist die Annabelle aus Zypern, eine festkochende Frühkartoffel. Kurt Erler hat eine kleine Menge davon im Keller. Spuren des roten Lavabodens vom Feld sind noch daran. Die Annabelle hat gerade Hauptsaison, auch wegen des Spargels. Sie darf nicht lange gelagert werden, weil ihre Schale so zart ist. Er fasst sie fast liebevoll an. „Eine ganz wunderbare Kartoffel.“