„Begegnungsinseln“ sollen Nachbarn ins Gespräch bringen, Entfremdung und Einsamkeit im Veedel entgegenwirken. Für die Idee gab es auch eine Förderung vom Land.
Neues Projekt in Köln„Aktion Nachbarschaft“ lädt zum Klaaf auf der „Begegnungsinsel“

Sonja Bühler, Fabienne Wella und Thomas Wydra laden Menschen zum Gespräch an Begegnungsinsel ein.
Copyright: Hans-Willi Hermans
Schon seit Anfang des Jahres fallen an drei Orten in Bickendorf, Müngersdorf und Bocklemünd Menschen auf, die mit dem Lastenrad ankommen, Klappstühle aufstellen und Passanten Kaffee, Mineralwasser oder Apfelschorle in Bechern anbieten. Umsonst wohlgemerkt, und für vierbeinige Begleiter haben sie sogar eigens einen Trinknapf dabei. „Natürlich fragen sich die Leute, was wir da machen, einige halten uns auch für Freaks“, erzählt Thomas Wydra.
Aber Wydra ist kein Freak, und wie Fabienne Wella, Sonja Bühler und Sophia Adorf, seine Kolleginnen vom der Aktion Nachbarschaft, freut er sich über jede Kontaktaufnahme. Denn Sinn des neuen Projekts „Begegnungsinseln“ ist es, Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen und Erfahrungen miteinander ins Gespräch zu bringen. Weil die Nachbarn in manchen, speziell sozial schwierigen Wohngebieten, aneinander vorbeilebten, ohne dass daraus eine wirkliche Begegnung entstehe, so die Analyse des Vereins.
Die Sozialarbeiter der Aktion Nachbarschaft haben Orte in den drei Stadtteilen ausgewählt, in denen der Verein für Gemeinwesenarbeit teils seit mehr als zehn Jahren vertreten ist. An jeweils zwei Tagen in der Woche parken die Lastenräder für mehrere Stunden auf der Westendwiese an der Kreuzung Ossendorfer Weg/Mathias-Brüggen-Straße, an der Ecke Ollenhauerring/Alfred-Döblin-Straße und an der Kreuzung Stolberger Straße/Vitalisstraße. „Teilweise sind schon Gruppen von sieben bis zehn Leuten entstanden, die sich über ganz unterschiedliche Themen unterhielten“, berichtete Sophia Adorf bei der Vorstellung des Projekts.
Klappstühle, Kunstrasen und Sonnenblumen
Noch befinde man sich allerdings in einer Anlaufphase, in der die Passanten sich an den Anblick der Lastenräder und Klappstühle gewöhnen. Da müsse Berührungsangst überwunden und Vertrauen aufgebaut werden, auch von der anstehenden wärmeren Witterung versprechen sich die Mitarbeiter des Vereins größeren Zulauf. „Für einige ist das Wetter natürlich auch ein gutes Thema, um ins Gespräch zu kommen“, so Sonja Bühler. Andere wiederum erzählten gleich ihre ganze Lebensgeschichte oder klagten über Probleme mit der Verwaltung.

Thomas Wydra, Sophia Adorf, Sonja Bühler, Udo Hanselmann, Marco Schmitz, Fabienne Wella und Stadtrat Martin Erkelenz (CDU) stehen hinter dem Projekt Begegnunsinseln.
Copyright: Hans-Willi Hermans
Damit kein Missverständnis aufkommt: Die „Begegnungsinseln“ sind keine mobile Beschwerdestellen. Einige Passanten, die begeistert kundtaten, am nächsten Tag würden sie ihre „ganzen Unterlagen“ mitbringen, mussten enttäuscht werden. Denn für eine tiefergehende Beschäftigung mit solchen Problemen haben die Sozialarbeiter vor Ort keine Zeit, ihre eigentliche Aufgabe ist schließlich die Herstellung von Kontakten innerhalb der Nachbarschaften, was in einzelnen Fällen allerdings auch zu gemeinsamen politischen Aktionen führen mag. „Aber wenn jemand kommt und ein Problem hat, können wir ihn an die zuständige Stelle verweisen, die Schuldnerberatung zum Beispiel“, sagt Fabienne Wella. Im Übrigen würde an jedem Tag ein Bericht über die Situation vor Ort geschrieben, um das Projekt nach und nach zu optimieren.
Derzeit arbeitet man bei der Aktion Nachbarschaft noch daran, die „Begegnungsinseln“ möglichst attraktiv zu gestalten, mit Kunstrasen oder künstlichen Sonnenblumen zum Beispiel. Auch habe sich herausgestellt, dass die Passanten eher halt machen, wenn zwei Mitarbeiter vor Ort sind und mindestens eine Frau dabei ist. Während Bühler, Wydra und Adorf ihre festen Stationen haben, ist Fabienne Wella abwechselnd an einem der drei Orte aktiv.
Das Konzept des auf drei Jahre angelegten Projekts „Begegnungsinseln“ überzeugte die Sozialstiftung NRW so sehr, dass sie als Anschubfinanzierung eine Förderung in Höhe von 409.000 Euro gewährte. Ein Schwerpunkt der Förderung sei schließlich Diversity, und die sei an den ausgewählten Stationen zweifellos gegeben, erklärte Marco Schmitz, CDU-Landtagsabgeordneter und Vorsitzender des Stiftungsrats. „Ich könnte mir auch vorstellen, dass die Begegnungsinseln ein Modell für andere Wohngebiete sind.“
Erleichtert war auch Udo Hanselmann, stellvertretender Ehrenfelder Bezirksbürgermeister (SPD) und Vorstandsmitglied der Aktion Nachbarschaft: „Die städtische Förderung für den Verein läuft in diesem Jahr aus, mit dem Geld der Stiftung können wir uns in den nächsten drei Jahren über Wasser halten.“
Aktuelle „Insel- Zeiten“: Bickendorf, Kreuzung Ossendorfer Weg/Mathias-Brüggen-Straße: montags von 9.30 bis 11.30 Uhr und donnerstags von 14.30 bis 17 Uhr; Müngersdorf, Kreuzung Stolberger Straße/Vitalisstraße: montags von 11 bis 13.30 Uhr, donnerstags von 14.30 bis 17 Uhr; Bocklemünd, Ecke Ollenhauerring/Alfred-Döblin-Straße: montags von 15 bis 17.30 Uhr, donnerstags von 10 bis 12.30 Uhr
