Endlose Tage in UngewissheitWie ein Knochenkrebs-Patient in Köln gerettet wurde

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Julian Binner kämpfte in der Kinderklinik Amsterdamer Straße gegen den Krebs. 

  • Der 19-jährige Julian Binner war an Knochenkrebs erkrankt.
  • Viele Monate kämpfte er in der Kinderklinik Amsterdamer Straße um sein Leben.
  • Der Onkologe Aram Prokop, der ihn rettete, ist für Julian ein Held.
  • Die Geschichte eines jungen Mannes, der den Mut nicht verloren hat.

Köln – Im Zimmer des 19-jährigen Julian hängt nirgendwo ein Poster von einem Idol. Das muss auch nicht sein. Julian Binner weiß genau, wer sein Held ist. Der befindet sich eine halbe Autostunde entfernt auf der Station 5A der Kinderklinik Amsterdamer Straße. Die 5A ist die Station für Kinderonkologie und Kinderhämatologie; die Station, die für Julian im Laufe vieler Monate zu einem zweiten Zuhause wurde. Julians Held ist der 52-jährige Mediziner Aram Prokop. Er ist es, weil er Julian das Leben gerettet hat. So sieht es der Gymnasiast und so sehen es auch seine Eltern.

Fünf Jahre sind inzwischen vergangen, seitdem die im oberbergischen Remerscheid lebende Familie Binner mit einer niederschmetternden Diagnose konfrontiert wurde: Julian hatte das Ewing-Sarkom, eine bösartige Form von Knochenkrebs. Für Birte und Jörg Binner brach eine Welt zusammen. Dabei wusste da noch keiner – auch der damals 14-jährige Julian nicht – wie viele Höllen ihm bevorstanden und wie viele endlose Tage in Ungewissheit, ob er es schaffen würde.

„Es waren sechs große und acht kleine Chemotherapien, Bestrahlungen, zwei Operationen und Stammzellentransplantationen“, zählt Julian auf. Er tut dies so beiläufig, als würde er davon berichten, gerade beim Bäcker eine Apfeltasche gekauft zu haben. Fast immer, wenn der 19-Jährige spricht, huscht ein Lächeln über seinen Mund, und irgendwie wird man den Eindruck nicht los, dass die Wärme im Raum nicht nur von der durchs Fenster scheinenden Sonne herrührt. Auffallend ist, dass sich in Julians Gesicht keinerlei Anzeichen für die Schmerzen finden lassen, die er erlitten haben muss; beispielsweise im Zusammenhang mit der Operation, bei der man ihm die komplette rechte Seite des Beckens entfernt hat.

Seit zweieinhalb Jahren ist er krebsfrei. Er hat inzwischen den Führerschein gemacht und versucht, Dinge nachzuholen, die er durch die jahrelange Isolation verpasst hat. Er habe „einen Übungsleiterschein gemacht im Bereich Kinderturnen“ erzählt er und habe gelernt zu „unterscheiden, was wichtig ist und was nicht“.

Aufgrund der Diagnose habe er von Anfang an gewusst, dass es nicht gut für ihn aussah“, erklärt der 19-Jährige. Aber er habe immer daran geglaubt, es zu schaffen. „Man darf den Kopf nicht hängenlassen, denn dann endet es nicht gut.“ Woher hat er die Kraft genommen, die Chemos und all die anderen Torturen durchzustehen? „Von der Familie vor allem.“

Das Leben genießen

Fragt man Julian, der in zwei Jahren sein Abitur macht, was Glück für ihn bedeutet, tritt wieder dieses Lächeln in sein Gesicht: „Da zu sein und das Leben zu genießen.“ Das fällt Birte Binner immer noch schwer, je näher der Termin für die alle drei Monate fällige Kontrolluntersuchung rückt. Denn ob Julian langfristig tumorfrei bleiben wird, weiß niemand.

Prognosen kann auch sein Arzt Aram Prokop nicht abgeben. Dass der Leiter der Abteilung Kinderonkologie in der Kinderklinik Amsterdamer Straße von seinem Patienten zum Helden erklärt wurde, wird dem habilitierten Mediziner und promovierten Chemiker eher unangenehm sein, obwohl es dem 52-Jährigen und seinem Team schon mehrfach gelungen ist, junge Patienten selbst bei aussichtslos scheinenden Diagnosen ins Leben zurückzuholen.

Betrachtet er das als Wunder? „Ich betrachte das Leben an sich als ein Wunder“, betont der gebürtige Berliner, dem Bescheidenheit ein ganz ernstes Anliegen ist. „Es geht hier nicht um die Einzelleistung einer Person, sondern um eine ganze Klinik.“

Bevor er nach Köln wechselte, hat Prokop elf Jahre an der Berliner Charité gearbeitet. Die Forschung habe ihm immer schon am Herzen gelegen, obgleich er dafür nicht bezahlt werde. Verbesserungen von Behandlungen erforscht er deshalb in der Freizeit, wobei er ohnehin nicht zwischen Dienst und Freizeit differenziert. „Das ist mein Leben.“ Sein Handy sei immer eingeschaltet, auch im Urlaub. Und wenn man ihn nachts aus dem Tiefschlaf reiße, habe er die Blutwerte seiner Patienten im Kopf.

Behandlungserfolge durch Forschung

Durch die onkologische Forschung haben heute selbst solche Patienten eine Chance, die als „austherapiert“ gelten. Dass solche Behandlungen bei der einer Person Erfolg hätten, bei der anderen nicht, hängt laut Prokop damit zusammen, dass nicht nur jeder Mensch, sondern auch jede Zelle – auch jede Tumorzelle – einzigartig sei.

Die durchschnittliche Überlebensrate bei bösartigen Erkrankungen im Kindesalter liege heute bei 80 Prozent. Das sei viel gegenüber früher, dennoch wolle man ebenso den übrigen 20 Prozent helfen. Um bestmögliche Therapiemöglichkeiten zu finden, behandeln die Forscher zuvor entnommene Tumorzellen im Labor mit Zytostatika und verfolgen, ob die Tumorzellen sterben. Oder sie versuchen das Tumorwachstum mittels eines komplexen Verfahrens zu stoppen, das Prokop vereinfachend mit einem Lichtschalter vergleicht, den man umlegen kann: „Dann ist es dunkel, aber die Lampe als solche ist noch da.“

Um weiterhin forschen zu können, benötigt das Team monatlich etwa 10 000 Euro. Da sie keinerlei Zuschüsse bekämen, seien sie auf Spenden angewiesen, sagt Prokop.

Wenn der Mediziner an diesem Samstag – natürlich wieder mit eingeschaltetem Handy in der Jacketttasche – zum Köln-Ball ins Maritim-Hotel kommt, dann macht er dies vor allem, weil er Initiatorin Brigitte Christoph „unendlich dankbar“ ist. Seit 30 Jahren unterstützt die Kölnerin die Kinderklinik Amsterdamer Straße – vor allem die experimentelle Onkologie. Vergangenes Jahr konnte man unter den vielen zum Teil prominenten Gästen auch den Smoking tragenden Julian Binner sehen.

Spendenerlös des Köln-Balls geht an die Klinik

An diesem Samstag findet der 1988 von Brigitte Christoph ins Leben gerufene Köln-Ball im Hotel Maritim zum 30. Mal statt. Musikalischer Stargast ist Thomas Anders, Oberbürgermeisterin Henriette Reker ist auch bei der Jubiläumsausgabe Schirmherrin. Brigitte Christoph freut sich auf zahlreiche Besucher, darunter Gäste aus Politik, Gesellschaft und Showbusiness. In drei Jahrzehnten sammelte der Köln-Ball über sechs Millionen Euro an Spendengeldern, die verschiedenen Kinderkrankenhäusern und Institutionen zugutekamen. Der Spendenerlös der diesjährigen Gala geht erneut an die von Professor Aram Prokop geleitete Arbeitsgruppe „Experimentelle Onkologie“ an der Kinderklinik Amsterdamer Straße. (red)

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