Was passiert nach dem Tod? Der Kölner Alexander Tietz-Latza hat sich für eine ungewöhnliche Antwort entschieden: Er will sich tiefkühlen lassen.
Ewiges LebenWie ein Kölner auf Trockeneis in die Zukunft gelangen will

Der Kölner Alexander Tietz-Latza will so viel leben wie nur möglich. Der Wissenschaft traut er da viel Grenzüberschreitendes zu. „Vor 500 Jahren schien es uns auch unmöglich, dass Menschen dereinst fliegen können.“
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Als er nach einer Blinddarmoperation die Augen öffnet, überkommt ihn eine seltsame Unruhe und in seinem von der Pharmazie benebelten Kopf nehmen plötzlich zwei Frage allen Raum ein: War ich tot? Und wenn ja: Wie lange? Wenn Alexander Tietz-Latza heute von dieser Begebenheit erzählt, dann lacht er einnehmend. Wie jemand, der weiß, dass der andere ihn für verrückt hält. Aber auch wie jemand, der sich am Ende wünscht, dass man ihn mag. Selbst wenn man seine Pläne für hanebüchen hält.
Alexander Tietz-Latzas Pläne sind tatsächlich ungewöhnlich. Und reichen weit in die Zukunft. Denn nach seinem Tod will er sich für eine spätere Erweckung kryokonservieren lassen. Einfrieren sagt man wohl landläufig, wobei Menschen, die sich damit schon mal beschäftigt haben, dieses Verb meiden, weil es in die Irre führt. Schließlich geht es gerade darum, dass eben nichts einfriert. Aber davon später mehr.
Zunächst kreist diese Geschichte gar nicht um das Sterben, sondern um das Leben, das vielleicht nicht ewig, aber immerhin länger währen soll, als die Natur das vorgesehen hat. Als Tietz-Latza zwölf Jahre alt war, starb sein Vater an einer unheilbaren Krankheit. Wenn man ihn fragt, wann er den Gedanken ans Kryokonservieren zum ersten Mal fasste, dann spult Tietz-Latza sein Leben zurück bis zu diesem einschneidenden Moment. „Ich war nicht nur traurig. Ich war geschockt. Und entsetzt, dass man in einer Welt, in der man alles für möglich hält, die Endlichkeit des Lebens für eine unverrückbare Tatsache hält.“ Tietz-Latza, 45 Jahre alt, von Beruf Jurist, sitzt in einem Café in Sülz. Er bestellt einen Matcha-Latte, über seinem lilafarbenen Hemd trägt er ein graues Jackett. Er lehnt sich weit im Sessel zurück und ehe er zu seinem Getränk greift, bürstet er sich die Haare aus der Stirn und lächelt.
Am wichtigsten: Eiskristalle vermeiden
Die Idee der Kryonik klingt einfach: Wer stirbt, wird sofort runtergekühlt in einen biologischen Stillstand versetzt und wartet dann in einer mit flüssigem Stickstoff gefüllten Kapsel auf die Möglichkeit einer Wiederbelebung. Tietz-Latza hat dafür einen Vertrag bei einem Kryonikunternehmen in Berlin abgeschlossen. Die Prozedur, die ihn erwartet: Sofort nach seinem Ableben wird er in eine Eiswanne gelegt, Blut und Flüssigkeiten aus dem Leichnam gespült, stattdessen so etwas wie Frostschutzmittel in seine Adern gespritzt. Schließlich dürfen keine Eiskristalle entstehen. Die würden Gefäße zerstören. Dann: Abkühlung auf minus 196 Grad. Chemische Prozesse kommen bei derartigen Tiefsttemperaturen zum Erliegen, Moleküle zerfallen nicht mehr, Neuronen bleiben intakt, so beschreibt es der Anbieter.
Zur Lagerung geht es in einen Stickstofftank in die Schweiz. Für Jahrzehnte. Oder Jahrhunderte. Wer weiß das schon? Jedenfalls so lange, bis irgendjemandem eingefallen ist, wie man den toten und eiskalten Tietz-Latza, der heute in seinem lilafarbenen Hemd seinen Matcha genießt, nicht nur als intakte Hülle auftauen, sondern auch wieder mit so etwas komplexem wie Leben füllen kann: Die Erinnerung an diesen Tag im Frühsommer in einem Kölner Café, die Freude über Milchreis, den er schon seit seiner Kindheit liebt, das Lachen im Beach Club am Rhein, die Ausgelassenheit beim Skifahren und natürlich das Herzklopfen beim Kölner Karneval.
Für mich ist ausreichend, dass es keinen Grund gibt, warum eine Wiederbelebung in Zukunft nicht möglich sein soll
Nach heutigem Stand der Wissenschaft ist das unmöglich. Das weiß auch Tietz-Latza. „Aber vor 500 Jahren hielt man es auch für undenkbar, dass Menschen dereinst fliegen können werden.“ Fragt man ihn nach einem Grund für seinen Optimismus, dann schiebt er die Frage zurück wie ein Paket, das er nicht bestellt hat. „Für mich ist ausreichend, dass es keinen Grund gibt, warum eine Wiederbelebung in Zukunft nicht möglich sein soll.“
Die Forschung schreitet tatsächlich voran. Gerade was die Konservierung von Zellen angeht, lässt sich von Durchbrüchen berichten. Wissenschaftler haben Gewebe mit Frostschutzmitteln und Nanopartikeln so konserviert, dass beim Auftauen keine Schäden entstehen. Kaninchennieren wurden durch Verglasung – extremer Schock-Frostung – erfolgreich konserviert und aufgetaut. In der Wissenschaftszeitung Nature publizierten Forschende zudem, dass kryokonservierte Mäusehirne nach dem Auftauen ihre neuronalen Aktivitäten wiederaufnahmen. Längst werden Spermien routinemäßig eingefroren, auch Eierstockgewebe lässt sich konservieren – freilich komplexer. All das ist in Deutschland reguliert und etabliert. Aber den ganzen Großvater in Stickstoff einlagern, auf dass er in 300 Jahren wiederbelebt und geheilt werden könnte, um mit den Ururururenkeln spielen zu können? Das klingt vielen dann doch zu sehr nach Science-Fiction-Film.

Eine Ruhestätte, die nur vorläufig sein soll, finden Kryostase-Kunden in solchen Tanks in der Schweiz. Emil Kendziorra vom Berliner Start-Up Tomorrow Bio veranlasst Kühlung und Transport.
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Dabei holt die Realität die Fantasie manches Mal schneller ein, als man das für möglich gehalten hätte, wie der Kölner Bestattungsexperte Christoph Kuckelkorn im Gespräch mit dieser Zeitung argumentiert. „Denken Sie an die Serie Star-Trek: Da liefen schon alle mit ihren Transpondern rum, mit denen man in allen Sprachen kommunizieren konnte. Damals schien das absurd. Heute nutzen wir Google-Translate selbstverständlich im Urlaub." Der Kölner Unternehmer will auf den Fortschritt zumindest vorbereitet sein und arbeitet als Bestatter deshalb auch mit der amerikanischen Stiftung „Alcor Life Extension Foundation“ in Arizona zusammen. Dort liegen derzeit etwa 200 Tote in Stickstofftanks. Damit Mitglieder aus Deutschland äußerlich unbeschadet nach Arizona gelangen, leitet Kuckelkorns Team die Erstversorgung. „Wir kühlen langsam, um eine Schädigung des Gewebes zu vermeiden und die Gefäße zu schützen", sagt er. So vorbereitet, werden die Alcor-Kunden in speziellen Überführungssärgen auf Trockeneis per Flugzeug nach Phoenix transportiert.

Der Kölner Bestatter Christoph Kuckelkorn sagt: „Für mich ist ewiges Leben nicht erstrebenswert. Ich denke, wir Menschen geraten irgendwann auch im Kopf an unsere Grenzen."
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Kuckelkorn sagt, er unterstütze die Forschung, die auch dazu diene, die Kühlprozesse zu optimieren. So könnte es eines Tages gelingen, menschliche Organe zu konservieren und damit die Möglichkeiten einer Transplantation zu erhöhen. „Selbst das Militär investiert in Kühltechnik, um Verletzte bis zur klinischen Behandlung zu stabilisieren." Aber den Tod gänzlich überlisten? Wie realistisch das sei, könne er nicht einschätzen. Darum gehe es ihm auch nicht: „Wir erfüllen letzte Wünsche: Für die einen eine Heliumballonfahrt mit der Urne über dem Atlantik, für andere die Konservierung in Stickstoff – wenn das ihr Wille ist“, sagt Kuckelkorn.
Manchmal wanderten auch nur Teile in die Kühlung. In der „Sparks Brain Preservation“ in Oregon lagert beispielsweise das Gehirn einer Frau. Der Rest ihres Körpers wurde eingeäschert. Kuckelkorn selbst verzichtet auf solche Pläne. „Für mich ist ewiges Leben nicht erstrebenswert. Ich denke, wir Menschen geraten irgendwann auch im Kopf an unsere Grenzen." Sein letzter Ruheort steht längst fest: die Familiengruft auf Melaten.
Professor Stefan Schlatt, Direktor des Centrums für Reproduktionsmedizin und Andrologie an der Universität Münster, arbeitet selbst mit Kryokonservierung – und kritisiert das Geschäft mit der Kryonik umso schärfer. „Wenn Sie eine Fensterscheibe einwerfen und die ganzen Scherben aufsammeln, dann können Sie die nicht wieder fehlerfrei zusammensetzen, egal wie sehr sie sich bemühen“, sagt Schlatt im Gespräch. „Sie können höchstens das Glas einschmelzen und eine neue Scheibe daraus machen. Genau das tut die Natur im übertragenen Sinn, wenn ein Lebewesen stirbt. Das ist das Grundprinzip der Evolution.“
Wenn Sie eine Fensterscheibe einwerfen und die ganzen Scherben aufsammeln, dann können Sie die nicht wieder fehlerfrei zusammensetzen, egal wie sehr sie sich bemühen
Dem Wunsch, einen menschlichen Körper unbeschadet einfrieren zu können, stehe schon die Physik im Wege. Was bei einfachen Organismen gelänge, scheitere bei komplexen. „Wir bräuchten unterschiedliche Konservierungstemperaturen für verschiedene Zelltypen. Was einer Zelle nutzt, schadet der anderen. Bei einem Körper ist das unmöglich zu lösen." Zudem: Es sei unrealistisch, alles Blut aus den kleinsten Kapillaren zu entfernen. „Selbst wenn ein Körper reaktiviert werden könnte, hätte er gute Chancen, innerhalb von Stunden an einem Gefäßverschluss zu sterben."

Professor Stefan Schlatt ist Direktor des Centrums für Reproduktionsmedizin und Andrologie der Universität Münster.
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Und philosophisch: Der Gedanke an Ewigkeit widerspreche seinem Menschenbild. „Wir sollten täglich dankbar sein, dass wir aufwachen. Keiner garantiert uns, dass das morgen wieder klappt.“ Der Reproduktionsbiologe wettert: Das Kryonik-Versprechen sei „pervers", es handle sich um „Geschäftemacherei" mit der „Angst vor dem Tod", „Unsinn", „Scharlatanerie".
In der Tat ist die „Wette auf die Zukunft“, wie Emil Kendziorra, der Chef des Berliner Kryonik-Start-Ups „Tomorrow Bio“, sein Experiment nennt, nicht ganz kostengünstig. Insgesamt zahlen Kunden 200.000 Euro. Etwa 120.000 Euro gehen laut Kendziorra in eine Stiftung für Langzeitlagerung und Forschung, der Rest finanziert Material, Kühlung und Transport. Gerade junge Kunden müssten aber dennoch nicht vermögend sein. Tietz-Latza nutzt beispielsweise eine Risikolebensversicherung, in die er zu Lebzeiten monatlich 50 Euro einzahlt und die im Falle seines Todes an Tomorrow fällt. Dazu kommt nochmal dieselbe Summe für den monatlichen Mitgliedsbeitrag. Insgesamt wirbt das Unternehmen mit gut 1000 Mitgliedern. Die Schwelle zur Kühlung in der Schweiz haben demzufolge schon 20 Menschen und zehn Haustiere überschritten. Laut Geschäftsbericht hat die Stiftung im Jahr 2024 rund eine Million Schweizer Franken an Spendengeld eingenommen. Laut Kendziorra könnte das Unternehmen ab etwa 1.500 Kunden profitabel arbeiten.
Fragt man Tietz-Latza, warum er die Lebensgrenzen gerne etwas weiter fassen würde, dann kann er eine ganze Liste an Unternehmungen herunterrattern, die unter dem Strich immer wieder dieses eine Ergebnis ergeben: Tietz-Latza liebt das Leben. Und er kann nicht genug davon kriegen: „Ich bin zum Beispiel ein leidenschaftlicher, aber sehr schlechter Schlagzeugspieler. Wenn ich aber nochmal hundert Jahre Zeit hätte, dann könnte ich das vielleicht ganz passabel lernen.“ Er könnte es aber auch mal mit Pfeil-und-Bogen-Schießen probieren. Oder Töpfern. Oder sogar Yoga, obwohl ihn Sport im Allgemeinen wenig reizt.
Angst vor der Zukunft hat er nicht. „Wenn es tatsächlich zu einer Naturkatastrophe kommt oder dergleichen, dann wird man mich nicht auftauen, entweder es gibt ohnehin niemanden mehr, der das machen kann, oder man hat ganz andere Sorgen als sich um Konservierte zu kümmern“, sagt Tietz-Latza lachend. Und grundsätzlich gründet seine Entscheidung ja gerade auf der Neugier auf das Leben, seine Möglichkeiten. „Sprachen, Kulturen, Wissenschaften – all das interessiert mich.“ Und wie toll wäre es bitteschön, wenn er all das auch in Zukunft kennenlernen könnte? Außerdem: Was sei denn die Alternative? „Ein Weiterleben auf der Wolke nach christlichem Verständnis?“ Kommt Tietz-Latza noch unrealistischer vor. Nach dem Tod habe er also nichts mehr zu verlieren. Mit dieser Aussage argumentiert auch Tomorrow-Chef Kendziorra. Wer ihn anruft, erlebt einen engagierten und dennoch realistischen Mann, der früher selbst als Arzt arbeitete und in der Krebsforschung tätig war: „Niemand möchte kryokonserviert werden. Die Menschen möchten leben. Aber sie haben die Wahl zwischen einer Beerdigung, nach der nichts mehr passiert, und einer Chance. Auch wenn sie klein ist. Warum sollte man sich diese nicht mit seinem eigenen Geld finanzieren, wenn man diesen Wunsch hat.“

Emil Kendziorra von Tomorrow Bio fährt mit seinen Kollegen in einer Art Rettungswagen raus, wenn sich abzeichnet, dass ein Kunde verstirbt. Je schneller gekühlt wird, umso besser die Konservierung.
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Neben der Neugier prägen auch menschliche Beziehungen das Leben. Spricht man Tietz-Latza auf die Einsamkeit an, die ihn erwarten könnte, wenn er in ein paar hundert Jahren erwacht, all seine Liebsten aber ja verstorben sind, dann verschattet ein Zaudern seinen Blick. „Mein bester Freund hat sich bereits ebenfalls für die Kryokonservierung entschieden. Aber in der Tat konnte ich beispielsweise meinen Mann noch nicht davon überzeugen, diesen Weg mit mir zu beschreiten.“ Aber an Abschiede will Tietz-Latza ja nun eben gerade nicht denken. Und schließlich ist er Optimist. „Wir haben ja noch Zeit. Vielleicht kann ich ihn ja noch überzeugen.“ Erstmal will er ohnehin das Leben genießen, das er ganz ohne Tiefkühlung erreichen kann: Den Sommerurlaub in Kroatien, den Wind und das Sonnenlicht am Meer, Schokolade, ein gutes Glas Wein. Genetisch scheint der Weg bis zur Stickstofftankschwelle ohnehin noch weit. Gerade feierte er mit seiner Großmutter deren 106. Geburtstag. Eine gute Prognose.
