Im Grab von Pater Joseph Becker werden einzelne Organe aus dem Institut für Rechtsmedizin bestattet. Für diese würdige Lösung haben sich zwei Männer besonders eingesetzt.
Ein Grab für LeichenteileSo verfährt die Kölner Rechtsmedizin mit Herzen und Gehirnen

Markus Rothschild und Josef F. Terfrüchte (v.l.) stehen vor dem Institut für Rechtsmedizin am Melatengürtel.
Copyright: Susanne Esch
Der Körper liegt auf dem Südfriedhof, das Herz ruht auf Melaten. Eine solche Trennung kann geschehen, aus rechtsmedizinischen Gründen. Dass einzelne Herzen und Hirne in Köln auch angemessen beerdigt werden, ist Professor Markus Rothschild, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Köln zu verdanken, der sich Unterstützung holte, bei einem, der sich mit Gräbern auskennt, nämlich Josef F. Terfrüchte, dem ehemaligen Geschäftsführer der Genossenschaft Kölner Friedhofsgärtner.
Beschlagnahmte Leichen landen in der Kölner Rechtsmedizin
Seit über 15 Jahren finden obduzierte Organe auf dem Melatenfriedhof ihre letzte Ruhe – und zwar im Grab vom Kartäusermönch und „Tulpenkönig“ Pater Joseph Becker, der 1812 dort beerdigt wurde. Es sei nicht die Regel, dass sie in der Rechtsmedizin verbleiben, erläutert Rothschild. Leichen landen dort, wenn die Staatsanwaltschaft sie beschlagnahmt hat, weil die Todesursache unklar ist. Um sie festzustellen, werden die Toten obduziert.

In diesem Grab, in dem 1812 der Mönch Joseph Becker bestattet wurde, finden auch einzelne Organe ihre letzte Ruhestätte.
Copyright: Susanne Esch
Rothschild und seine Mitarbeiter öffnen Kopf, Brust und Bauchhöhle und entnehmen den Organen kleine Stücke in der Größe eines Spielwürfels, zudem winzige Mengen an Körperflüssigkeiten. „Dann kann die Staatsanwaltschaft den Toten oder die Tote zur Bestattung freigeben“, erklärt Rothschild. Die Proben würden tiefgekühlt drei Jahre aufgehoben. So könne die Behörde auch noch längere Zeit nach dem Tod ermitteln, etwa, weil sich doch noch ein Zeuge gemeldet habe und noch gezielte Untersuchungen anstünden.
Herzen oder Gehirne werden oft lange aufbewahrt in der Rechtsmedizin Köln
Doch in manchen Fällen, erläutert der Rechtsmediziner, ordne die Staatsanwaltschaft an, dass ein Organ aufgehoben wird. „Der Klassiker ist der, dass die Frage im Raum steht, ob der behandelnde Arzt einen Herzinfarkt übersehen hat, an dem der Patient oder die Patientin später verstorben ist.“ Wenn die Rechtsmedizin feststelle, dass der Infarkt schon zum Zeitpunkt der ärztlichen Untersuchung vorlag, stehe der Vorwurf fahrlässiger Tötung im Raum. Die Staatsanwaltschaft vertraue zwar dem Urteil der Rechtsmediziner, wenn es aber zu einem Verfahren gegen den Arzt oder die Ärztin komme, würden deren Anwalt oder Anwältin manchmal ein Gegengutachten beauftragen. Dafür würden die ganzen Organe noch benötigt und daher ganze Herzen aufgehoben, bei Schlaganfällen beispielsweise, auch Gehirne.

Hinweistafel auf dem Grab, in dem die Rechtsmedizin Leichenteile bestatten lässt.
Copyright: Susanne Esch
Wenn das Verfahren abgeschlossen oder eingestellt sei, würden die Asservate freigegeben. „Und dann stehen wir da mit dem Herzen oder dem Gehirn“, sagt Rothschild. „Der Leichnam ist dann längst beerdigt.“ Lange blieb dann nur eine Lösung: Mülltonne auf und weg damit. Die Organe wurden schlicht mit dem medizinischen Müll abtransportiert und verbrannt. Das widerstrebte dem Rechtsmediziner sehr: „Ein Herz oder ein Gehirn derart im Abfall zu entsorgen, fand ich befremdlich. Es handelt sich schließlich um Organe, die wir je nach philosophischer oder religiöser Anschauung als Sitz des Individuums und der Seele ansehen.“ Rothschild hatte das Bedürfnis, nach einer ethisch geeigneteren Lösung zu suchen. So fragte er Josef Terfrüchte, ob es nicht die Möglichkeit gebe, die Organe in einem Sammelgrab würdig zu bestatten.
Und dieser fand die Lösung: Die Genossenschaft Kölner Friedhofsgärtner hat die Patenschaft für das denkmalgeschützte Grab des tulpenzüchtenden Kartäusermönches Joseph Becker inne. Die Stadt erhebt mittlerweile auch keine Gebühren mehr dafür. Die Genossenschaft als Patin muss das Grab aber instand halten und pflegen. Das Bestattungshaus Hoffmann erklärte sich bereit, den Transport der Organe zum Krematorium und die Einäscherung kostenlos vorzunehmen. So kommen die entnommenen Herzen und Hirne nun alle ein bis zwei Jahre zusammen in einen Holzsarg und in den Ofen. Anschließend findet auf Melaten eine besondere Bestattung statt, bei der Rothschild und seine Kolleginnen und Kollegen ein bis zwei Urnen mit der Asche ihrer gesammelten Organe zum Grab von Joseph Becker begleiten und sie würdevoll verabschieden.
