Luigi La Vergata hält Jugendliche im Park zusammen, nebenan herrscht Drogenalltag. Reportage über ein Kölner Viertel der Gegensätze.
Abgehängt in KölnZwischen Bolzplatz und Blaulicht – Kalk, Kokain und die Frage, wie man hier aufwächst
In seinem hellblauen Trainingsanzug, auf dem das Wappen Argentiniens prangt, sieht Luigi La Vergata so aus, als könnte er gerade auch bei der Fußball-WM in Amerika an der Seitenlinie stehen, um sein Heimatland zum nächsten Titel zu coachen. Doch den Sommer verbringt Luigi wie immer im Bürgerpark in Kalk, direkt hinter den Arcaden. Sein Stadion ist ein in den Boden eingelassener Beton-Bolzplatz. Seine Mannschaft sind die Mädchen und Jungs aus dem Viertel.
An einem wolkenfreien Frühlingstag spaziert La Vergata, 79 Jahre alt, mit ausgebreiteten Armen in den Park und begrüßt jeden der rund ein Dutzend Jugendlichen, die auf dem Platz kicken, mit Namen. Der Bürgerpark wurde 2007 fertiggestellt; seitdem ist Luigi fast jeden Nachmittag hier, um den Jugendlichen beim Kicken zuzusehen, ihnen Tipps zu geben – oder einfach nur zu reden. Für viele hier ist er der „Papa von Kalk“.
Kalk gilt seit Jahren als Hotspot der Drogenkriminalität
Früher, erzählt La Vergata, habe er selbst als Profi gespielt, in Italien und Argentinien. „Fußball ist mein Leben“, sagt er. Seit er vor rund zwanzig Jahren mit seiner Familie nach Kalk gezogen ist, spielt sich dieses Leben vor allem hier ab, am Rand des Bolzplatzes. „Der erste Teil des Tages gehört meiner Familie zu Hause, meiner Frau und meinen Kindern. Der zweite Teil“, sagt er und zeigt auf die Jugendlichen, „gehört meiner Familie hier“. Viele hat er aufwachsen sehen. „Ein paar sind richtig weit gekommen“, sagt er, einige seien sogar Profis geworden. Und die anderen?

La Vergata wird von vielen im Bürgerpark nur Papa von Kalk genannt.
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Kalk gilt seit Jahren als Kriminalitätsbrennpunkt. Im städtischen Masterplan Sicherheit wurde die Straßenkriminalität bis hinunter auf Quartiersebene analysiert. Zwei Kalker Quartiere gehören demnach zu den zehn am stärksten von Straßenkriminalität betroffenen der Stadt. Passantenbefragungen zeichnen ein verheerendes Bild: Die Kalk-Mülheimer-Straße, die Trimbornstraße und die Innenhöfe rund um die Kalker Hauptstraße gelten als Angsträume.
Zugleich ist Kalk geprägt von hoher Arbeitslosigkeit und einem hohen Anteil von Menschen mit Migrationsgeschichte. Armut, prekäre Arbeit, Probleme bei der Integration, kaum Perspektiven: In Kalk kommt zusammen, was Kriminologen immer wieder als klassische Risikofaktoren für Kriminalität beschreiben (siehe Interview). Schaut man sich die Quartiersanalyse genauer an, fällt auf: Abgesehen von der Innenstadt und den Ausgehvierteln ist die Kriminalität dort besonders hoch, wo es auch viel Armut und Erwerbslosigkeit gibt, neben Kalk etwa in Mülheim. Was macht diese Gemengelage mit jenen, die in Kalk aufwachsen? Wie sehen junge Menschen ihr eigenes Viertel und dessen Probleme? Und: Wie kommt es überhaupt zu solchen Zahlen? Beruht der Ruf von Kalk als Kriminalitätsbrennpunkt darauf, dass hier tatsächlich mehr Straftaten begangen werden – oder daran, dass hier besonders viel kontrolliert wird?

Abgehängt in Köln. Wenn die Postleitzahl entscheidet. Eine Recherche über eine geteilte Stadt – und die großen Fragen an den Sozialstaat
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Ahmad ist an diesem Nachmittag nicht zum Fußballspielen in den Bürgerpark gekommen. Er steht mit einem Freund am Rand des Bolzplatzes, raucht Zigaretten und schaut den Jugendlichen zu, wie sie über den Asphalt dribbeln. Vor 13 Jahren ist Ahmad, ein Kurde aus Syrien, nach Deutschland geflüchtet. „Wie so viele andere Flüchtlinge bin ich in Kalk gelandet“, sagt er. Seitdem ist der Park ein fester Ort in seinem Leben. Kalk ist für Ahmad so etwas wie eine zweite Heimat geworden. Für Familien mit Kindern sei das Viertel trotzdem kein guter Ort, sagt er. Zu nah seien die Drogen, zu sichtbar der Konsum. „Überall wird verkauft, überall sieht man Leute, die drauf sind.“

Für Ahmad ist Kalk eine zweite Heimat, für Familien sei das Viertel aber nichts, sagt er.
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Ahmad hat ein einnehmendes Lächeln. Doch wenn er anfängt, von seiner Vergangenheit zu erzählen, wird sein Gesicht hart. Zuerst lief es gut für ihn. Ahmad fand Arbeit, als Dachdecker, als Maler. „Immer harte Arbeit, wo man dreckig wird“, sagt er. „Das hat mir Spaß gemacht.“ Später wollte er sich mit seinem Bruder mehr aufbauen, sich als Dachdecker selbstständig machen. Doch daraus wurde nichts. Ein Kreditgeber habe sie übers Ohr gehauen, sagt Ahmad. Dann kam vieles zusammen: der Tod des Vaters in Syrien, Corona, Schulden, Druck – irgendwann auch die Drogen. Ahmad erzählt seine Geschichte in immer knapperen Sätzen, immer schneller. Vieles lässt sich nicht überprüfen. 2024 wurde er, so erzählt er, mit größeren Mengen Cannabis erwischt. Er kam ins Gefängnis, eineinhalb Jahre.
Wenn Ahmad über die JVA spricht, ist von seinem Lächeln nichts mehr übrig. Er erzählt von Rassismus, von verächtlichen Blicken, davon, wie Dreck behandelt worden zu sein. Viel Reue hört man in diesen Sätzen nicht. Gleichzeitig sagt er, er wolle mit dem Handel nichts mehr zu tun haben. Seit zwei Monaten ist er wieder draußen. Er will arbeiten, neu anfangen, auch wenn noch nicht klar ist, wo. „Mal schauen“, sagt er.

Der Bürgerpark in Kalk ist für viele Jugendliche und junge Erwachsene wichtiger Anlaufpunkt.
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Das Cannabis habe ihn noch immer nicht ganz losgelassen. Seit zwei Wochen rauche er wieder. In Kalk sei es schwer, Abstand zu gewinnen, sagt Ahmad. „Überall hier wird geraucht.“ Dann blickt er über den Bürgerpark und sagt: „Was erwartet man denn, wenn das überall verfügbar ist?“
Neben dem Bolzplatz im Kalker Bürgerpark stehen Fézane Tobias, Markus Zettelmeyer und Karoline Mandel mit ihrem Lastenrad. Im Rad liegen Fuß- und Basketbälle, die sie an die Jugendlichen verleihen. Auf dem Lastenrad haben sie eine kleine Bar aufgebaut und schenken kostenlos Tee aus. Ab und zu organisieren sie hier ein kleines Fußballturnier. Meistens geht es darum, einfach da zu sein, wo sich Jugendliche und junge Erwachsene ohnehin aufhalten. „Klassisches Streetwork im öffentlichen Raum“, sagt Tobias. Die Aufgaben kämen mit der Zeit von selbst auf sie zu.

Fézane Tobias, Markus Zettelmeyer und Karoline Mandel (v.l.) sind Streetworker in Kalk.
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Ein großer Teil ihrer Arbeit, erzählen sie, finde in Behörden statt. Viele ihrer Klienten sind Geflüchtete. Es geht um Aufenthaltstitel, Leistungen, Arbeitserlaubnisse. „Wenn du keinen aktuellen Aufenthaltsstatus hast, kannst du nicht arbeiten“, sagt Mandel. „Wenn du nicht arbeiten kannst, kannst du keine Miete zahlen. Dann bekommst du irgendwann gar nichts mehr.“ So beginne oft auch der Weg in die Kriminalität.
Seit 2022 wird Kalk videoüberwacht
Viele junge Menschen, sagt Zettelmeyer, wüchsen in Verhältnissen auf, die ihnen wenig Möglichkeiten böten – während Social Media ihnen täglich zeige, was andere haben: teure Schuhe, Uhren, Autos. „Wenn man diese Mittel nicht hat, ist man vielleicht schneller versucht zu sagen: Ich kenne jemanden, der das anders gemacht hat.“ Prävention heiße für sie deshalb vor allem: Lebenslagen stabilisieren – finanziell, aufenthaltsrechtlich, sozial.
Die hohe Polizeipräsenz in Kalk bekommen ihre Klienten natürlich mit, sagen sie. Manche fühlen sich dadurch sicherer, andere wie eine Zielscheibe. Aber Kalk vor allem über Razzien, Drogen und Kriminalität zu beschreiben, finden die drei falsch. „Man stellt sich alles schlimmer vor, als es ist“, sagt Mandel. Tobias spricht von einem Viertel, das gut vernetzt sei, mit vielen Hilfsangeboten und Menschen, die einander kennen. „Diese defizitäre Sicht muss man aufbrechen. Es gibt hier viele Beispiele für gelungene Integration, für ein gutes Zusammenleben“, sagt Zettelmeyer. „Hinter der Fassade ist sehr viel Potenzial.“ Kalk sei ein extrem vielfältiges Viertel. Längst wurde Kalk auch von Studierenden, Künstlern und Gastronomen entdeckt. Die linke Szene ist sehr präsent. „Oft erfährt Kalk aber nicht die Aufmerksamkeit, die es verdient“, sagt Zettelmeyer.
Zwei Monate früher, keine 400 Meter vom Bürgerpark entfernt, auf der Kalk-Mülheimer-Straße: Mehrere Mannschaftswagen der Polizei fahren vor, dazu Mitarbeitende von Ordnungsamt, Zoll und Ausländeramt. Kontrolliert werden an diesem Nachmittag Objekte in Kalk und Höhenberg. Es geht um Straßen- und Clankriminalität, um Drogen, illegales Glücksspiel und Aufenthaltsfragen. Rund 130 Menschen kontrollieren die Beamten. Am Ende stehen neun Strafverfahren, eine Festnahme, versiegelte Objekte, Bargeld, Drogen. Solche Szenen gehören zum Alltag in Kalk, vor allem rund um die Kalk-Mülheimer-Straße.
Schon vor rund eineinhalb Jahren hat diese Redaktion recherchiert, wie hochprofessionalisiert der Drogenhandel in Kalk funktioniert: Barbershops, Cafés und Kioske dienen als Umschlagplätze und Verkaufsorte für Crack, Kokain und Cannabis. Gesteuert werden die Geschäfte häufig von türkischen, arabischen oder albanischen Familien. Die Polizei reagierte darauf mit noch mehr Präsenz, mehr Kontrollen, mehr Razzien. Seit 2022 werden Teile des Viertels mit Videokameras überwacht.
Auf der zweiten Etage des Kalker Polizeipräsidiums erklären Frank Winter, Erster Polizeihauptkommissar und Leiter des Polizeisonderdienstes (rechtsrheinisch), und Polizeidirektor Jürgen Mehlem, Leiter der Polizeiinspektion 6 (Südost), warum es so schwierig ist, die Handelsstrukturen im Viertel zu durchbrechen. „Aus Ermittlungen und regelmäßigen Kontrollen wissen wir, dass das Kokain irgendwo in Kalk gelagert und portioniert, in verschiedene Geschäfte wie zum Beispiel Cafés oder Kioske gebracht und von dort aus verteilt wird“, erklärt Winter. Kalk sei nicht nur Verkaufsort, ergänzt Mehlem. Von hier aus würden auch andere Stadtteile beliefert, bis hin zu den Drogenhotspots in der Innenstadt.
Bei Durchsuchungen in den Cafés finde die Polizei selten große Mengen. Häufig liege die Ware in Nachbarhäusern oder Kellern, die teilweise miteinander verbunden seien.
Kriminalität in Kalk: Reul sieht in Drogenkriminalität Treiber von Unsicherheit
„Wir haben es bei unseren täglichen Maßnahmen insbesondere mit der Verkäuferstruktur zu tun“, sagt Mehlem. „Die werden schnell ersetzt, wenn sie festgenommen werden. Am nächsten Tag ist ein Neuer da.“ Die Hinterleute dagegen seien oft seit Jahren im Geschäft. Einige hätten selbst einmal mit Drogenhandel begonnen, seien aufgestiegen und wirkten nach außen längst sauberer – etwa als Geschäftsleute oder Automatenaufsteller. Sie müssten nicht mehr selbst verkaufen. „Bei den Ermittlungen gegen die Hintermänner benötigen wir als Polizei daher einen langen Atem“, sagt Mehlem.
Warum also die Razzien, wenn die Szene sich immer wieder neu sortiert? Weil sie stören, sagen Winter und Mehlem. Weil sie Abläufe unterbrechen, Druck erzeugen – und neue Erkenntnisse über die Strukturen liefern. Und weil sich die Dimension des Drogenhandels in den vergangenen Jahren verändert habe. Seit Jahren wird der Schwarzmarkt in Europa von immer mehr Kokain geflutet. Das scheint sich auch auf den Straßen Kalks niederzuschlagen.
Und doch sagen beide: Es gibt auch positive Entwicklungen. Der offene Drogenkonsum im Straßenbild des Viertels sei zurückgegangen. Am Bürgeramt, wo vor einigen Jahren noch eine offene Drogenszene gewesen sei, säßen heute ältere Menschen auf der Bank. Die Deals seien weniger sichtbar geworden. „Doch das heißt eben nicht, dass das Problem verschwunden ist.“
Für NRW-Innenminister Herbert Reul ist Drogenkriminalität ein Treiber für Unsicherheit: Sie wirke „im Kleinen wie im Großen“ stark auf das Sicherheitsgefühl, sagt er gegenüber unserer Redaktion. Die Polizei setze deshalb auf eine Doppelstrategie aus Präsenz und „konsequenter Strafverfolgung“ – und auf Prävention. Es gehe nicht nur um „kleine Fische“, so Reul, sondern auch um Hintermänner; zugleich könne die Polizei das Problem nicht allein lösen. Gerade bei Jugendlichen müsse Prävention früh ansetzen, Wege aus der Kriminalität zeigen – als Aufgabe, bei der „viele Rädchen“ ineinandergreifen müssten, um „Kinder und Jugendliche auf den richtigen Pfad zurückzubringen“.
Die Kriminologin und Sonderpädagogin Lisa Tölle mahnt zu einem differenzierteren Blick auf Kalk. Dass der Stadtteil in den Statistiken auffällt, hänge auch mit den starken Kontrollen dort zusammen: „Wenn die Polizei mehr Menschen kontrolliert und mehr Videoüberwachung einsetzt, findet sie auch mehr Straftaten.“ Das lasse Kalk gefährlicher erscheinen, als es im Alltag vieler Bewohnerinnen und Bewohner sei. Gleichzeitig sieht Tölle strukturelle Probleme, die Kriminalität begünstigen können: Kalk hat den stadtweit niedrigsten Anteil von Grünflächen und kaum Räume für Jugendliche.
In einer Seitenstraße der Kalk-Mülheimer-Straße wohnt Mofasser, 26 Jahre alt, in einem kleinen WG-Zimmer. Razzien wie die zwei Monate zuvor bekommt er regelmäßig mit. Manchmal stehen die Mannschaftswagen direkt vor seinem Haus. Er erzählt von einer Nacht, in der zwei Männer mit Messer aufeinander losgegangen seien – innerhalb weniger Sekunden seien überall Polizeiautos gewesen. Er wolle wegziehen, sagt er. Wegen des Rufs, wegen der Drogen, wegen der Angst, ohne Grund angegriffen zu werden. „Hier nehmen schon Jugendliche Drogen, manche sind erst 13. Das ist einfach schlimm.“

Mofasser wohnt nicht weit von der Kalk-Mülheimer-Straße entfernt.
Copyright: Arton Krasniqi
In einem anderen Viertel eine Wohnung zu finden, sei leider so gut wie unmöglich, sagt er. Mit 15 Jahren flüchtete Mofasser aus Afghanistan nach Deutschland. In Kalk besuchte er die Schule und begann eine Ausbildung, brach sie aber wieder ab. „Ich musste mehr Geld verdienen, um meine Familie zu unterstützen, also bin ich arbeiten gegangen.“ Seit über einem Jahr arbeitet er nun in einem Autolackierbetrieb in Kalk, eine Arbeit, die ihm gefällt. Doch sein Vertrag ist befristet – sein Flüchtlingsstatus verhindert eine Entfristung. Die Einbürgerung, auf die er seit Jahren hofft, lässt auf sich warten. Bis dahin hangelt sich Mofasser von einer Aufenthaltsgenehmigung zur nächsten.
Irgendwann, sagt Mofasser, wenn die Hangelei vorbei sei, werde es auch mit einer neuen Wohnung klappen. Davon ist er überzeugt. In Kalk wolle er eigentlich nicht bleiben. Vielleicht, sagt er, reicht ihm am Ende aber schon ein Umzug ein paar Straßen weiter – in eine ruhigere, freundlichere Ecke, wie es sie auch in Kalk gibt.

