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Unverhofftes GlückWarum einer Tänzerin unter der Severinstorburg die Tränen kommen

7 min

KStA-Redakteurin springt als Hebemädchen ein

Wenn eine Tänzerin ausfällt und spontan eingesprungen wird: Das Tanzcorps Original Matrosen vom Müllemer Böötche zeigt, wie viel Mühe und Liebe im Ehrenamt steckt.

Petrus muss ’ne Original Matrose vom Müllemer Böötche sein. Anders ist nicht zu erklären, dass an einem Tag, der wettertechnisch hervorragend in einen ultrakalten April passen würde, genau in den Minuten, in denen das Tanzcorps aus dem Rechtsrheinischen an der Severinstorburg losläuft, der Himmel aufreißt.

KStA-Redakteurin Julia Hahn-Klose (2. v. r.) ist zum ersten Mal als Hebemädchen im Kölner Rosenmontagszug unterwegs. Getragen wird sie von Kai Brewe. Beide tanzen bei den Original Matrosen vom Müllemer Böötche.

KStA-Redakteurin Julia Hahn-Klose (2. v. r.) ist zum ersten Mal als Hebemädchen im Kölner Rosenmontagszug unterwegs. Getragen wird sie von Kai Brewe. Beide tanzen bei den Original Matrosen vom Müllemer Böötche.

Julia Hahn-Klose wird also an der Severinstorburg von Kai Brewe in die Luft gestemmt. Sie lächelt so breit, wie ein Mensch überhaupt nur lächeln kann, und über ihr ist mit sehr viel gutem Willen sogar ein bisschen Himmelblau und ein Fitzelchen Sonne zu sehen.

Premiere als Hebemädchen

Vielleicht ist Petrus die Wichtigkeit seiner Aufgabe bewusst: Denn es ist Hahn-Kloses Premiere als Hebemädchen im Zug. „Ich freue mich wahnsinnig, Rosenmontag ist mein liebster Tag im Jahr – mit dem Tanzen habe ich überhaupt nur angefangen, weil ich unbedingt im Zoch mitlaufen wollte“, sagt sie vor wenigen Tagen. Eigentlich hätte ihr Rosenmontag anders ausgesehen. Eigentlich hätte sie am Boden getanzt, Fähnchen geschwenkt wie die anderen Reihenmädchen, und in der Luft wäre nicht Julia, sondern Natascha Menen durch die Severinstorburg gehoben worden. Doch es kam anders.

Koelner Karneval Rosenmontagszug 2026 in Koeln Eindruecke und Impressionen einer Gardetanzgruppe mit jubelnden Taenzerinnen in einer Hebefigur beim Rosenmontagszug 2026 durch die Koelner Innenstadt, Koeln, 16.02.2026 Koeln NRW Deutschland *** Cologne Carnival Rosenmontagszug 2026 in Cologne Impressions of a guard dance group with cheering dancers in a lifting figure during the Rosenmontagszug 2026 through the city center of Cologne, Cologne, 16 02 2026 Cologne NRW Germany

Die Original Matrosen vom Müllemer Böötche auf ihrem Zug durch die Stadt

Denn 23 Tage zuvor bricht Natascha Menens Welt in Rösrath zusammen. Ihr Tanzpartner Kai Brewe will sie gerade in die Hebung stemmen, wie er es zuvor schon unzählige Male gemacht hat, doch dann geht etwas schief. Was genau, das kann im Rückblick keiner mehr sagen. Menen stürzt und weiß sofort: Das Knie ist kaputt. Sie liegt auf der Bühne, drei andere Tänzerinnen der Müllemer Originalmatrosen versuchen, sie zu verdecken.

Menen wird im Bensberger Krankenhaus behandelt, und anstatt direkt danach heimzufahren und sich zu schonen, bittet sie ihren Freund, sie am Abend in den Gürzenich zu fahren. „Das war unser einziger Auftritt dort, den wollte ich nicht verpassen“, sagt sie. Dass ihr Kreuzband gerissen ist, dass sie Anfang März operiert werden muss, weiß Natascha Menen zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Und Julia Hahn-Klose wiederum weiß noch nicht, dass dieser Auftritt in Rösrath auch ihre restliche Session komplett durcheinanderwirbeln wird.

Am 11.11. vergangenen Jahres war Natascha Menen noch gesund und konnte mit Kommandant Kai Brewe tanzen.

Beide tanzen bei den Original Matrosen vum Müllemer Böötche, dem Tanzcorps der KG Müllemer Junge. Die Gruppe besteht aus 47 Tänzerinnen und Tänzern: 15 Hebe-Paare plus 17 junge Frauen, die auf dem Boden tanzen. Bis 2018 gab es drei hervorgehobene Tanzpaare, heute ist jeder mal vorn, und alle sind gleich wichtig. Wer gehoben wird, wird Hebemädchen genannt, die anderen Reihenmädchen. Julia Hahn-Klose, die als Redakteurin beim „Kölner Stadt-Anzeiger“ arbeitet, ist normalerweise ein solches Reihenmädchen. Sie war vor Jahren, in einer anderen Tanzgruppe, schon in der Luft, aber nicht in Mülheim – und nicht im Duo mit Kai.

Choreografieren, trösten, helfen

29.01.2026, Köln: Lisa Tschinse, Tanztrainerin beim Tanzcorps Original Matrosen vum Müllemer Böötche. Foto: Arton Krasniqi

Trainerin Lisa Tschinse (3. v.l.) bei einem Auftritt am 11.11. (Archiv)

Trainiert die Gruppe mit Lisa Tschinse und tanzt selbst seit mehr als 20 Jahren bei den Original Matrosen: Michael Zarbock (Archiv)

Artur Tschinse ist Tanzcorpsleiter und regelt zuverlässig alles nicht-Sportliche

Lisa Tschinse und Michael Zarbock trainieren die Gruppe gemeinsam und tanzen auch noch selbst: sie seit zehn, er seit rund 23 Jahren. Das Team choreografiert Tänze, checkt Entwicklungsstände, tröstet, hilft – und regelt einfach, was sportlich zu regeln ist. Mehrere Stunden in der Woche investieren sie in ihr Ehrenamt, und damit sind sie im Tanzcorps nicht allein: Artur Tschinse organisiert alles jenseits des Sports, Silke Dick ist Pressesprecherin, Familien und Partnerinnen und Partner unterstützen mittelbar – se alle dun et för de Matrose.

Fällt eine Tänzerin oder ein Tänzer aus, greift ein mehrstufiges Verfahren. Geht es nur um eine Erkältung, etwas, das hoffentlich flugs wieder vorbei ist, stellt das Trainer-Duo die Tänze minimalinvasiv um und schickt einen aktualisierten Ad-hoc-Plan an die ganze Gruppe. Das kommt oft vor. „Ich würde sagen, wir kommen nur an einem von 50 Tagen ohne Umstellungen aus“, sagt Tschinse. Zumal gerade ja Erkältungszeit ist.

Kommunikation geht über eine App

Vernetzt sind alle Original Matrosen über eine App, jede und jeder kann und muss in einer sehr großen und für Außenstehende unübersichtlichen Excel-Tabelle sehen, was sich an dem Tag ändert. Während die Verantwortlichen kurz nach Nataschas Unfall noch hofften, sie bräuchten nur für ein paar Tage einen Ersatzplan, steht nach ein paar Tagen und der Diagnose Kreuzbandriss fest: Eine tragfähige Lösung für den Rest der Session muss her. 

29. Januar, sechs Tage nach dem Unfall, Stadthalle Mülheim. Natascha, die auf Krücken immer wieder Auftritte ihrer Truppe besucht, sagt zu Julia, „Du, der Kai möchte dich was fragen“, und dann fragt Kai, ob sie sich vorstellen könnte, einzuspringen. Julia denkt erst, das sei ein Witz. „Ich habe mich gefreut, dass sie an mich gedacht haben, und dann war ich sehr aufgeregt“, erinnert sie sich. Und schon in dem Moment findet sie beeindruckend, dass Natascha es schafft, von sich weg und zur Gruppe und zu Kai hin zu denken. „Ich will, dass du dich jetzt auch freust“, sagt Natascha zu Julia. Und das, obwohl ihr Herz schwer ist. „Ich habe nicht mal die Hälfte der Auftritte in der Session geschafft.“

Paar probt Minimal- und Maximalvariante

Die nächsten Tage werden wild für alle Beteiligten: anstrengend und aufregend. Lisa und Michael, die Trainer, stricken Tänze um, denken sich eine Minimal- und eine Maximalvariante aus, eine sichere und eine herausfordernde. Am 30. Januar trifft sich das Neu-Tanzpaar das erste Mal in der Halle. Die beiden proben, was gehen würde. Und so wird Julia schon am Samstagsauftritt beim Ein- und Ausmarsch von Kai gehoben, einen Tag später ist sie bereits Teil des sogenannten Schlussbilds, bei dem sich die ganze Tanzgruppe noch mal besonders fotofertig präsentiert. Angst hat sie nicht, dass theoretisch immer etwas passieren kann, weiß jeder.

In der Session finden normalerweise keine Trainings statt – da an dieser Situation aber nichts normal ist, treffen sich die vier am Montag in der Halle und probieren, die Hebungen in Echtzeit und mit Musik in den Tanz einzubauen. Zwei nimmt das Trainerpaar heraus: „Wir sind jetzt bei der sicheren Variante“, erzählt Julia. Und alle gemeinsam glauben: Das geht.

Sogar der kleine Finger tut weh

Julia tut mittlerweile jeder Muskel im Körper weh, sogar der kleine Finger schmerzt. Dass sie Dienstagabend bei der „Loss mer singe“-Sitzung auf der Bühne stehen soll, ist wegen des Muskelkaters aus der Hölle gerade unvorstellbar. Beim Mittagessen liegen bunte, kleine Post-it-Spicker neben ihr, die ihr sagen, wo sie wie wann stehen und sich bewegen soll. Auch Tänze kann man aufschreiben wie einen Text, und Julia lernt ihren Tanz-Text auswendig. Jeder und jede habe da so seine oder ihre Technik, erzählt Michael Zarbock: Die eine schreibt sich ihre Änderungen noch einmal gesondert per Hand auf, der andere gleicht immer wieder die alten mit den neuen Plänen ab. Und Julia lernt für die Sondersituation mit kleinen, bunten Spickzetteln.

Vor dem ersten kompletten Auftritt ist sie aufgeregt – aber alles geht gut und genau so, wie es sich die Trainer ausgedacht haben. „Julia bleibt immer ruhig, wird nicht hektisch“, sagt Natascha, „das ist gut. Wer hektisch wird, macht leichter Fehler.“

18 Auftritte absolvieren die Original-Matrosen in der neuen Konstellation bis an den Rosenmontag heran. „Wir spielen uns immer besser ein“, sagt Hebepartner Kai nach rund der Hälfte der Auftritte, das Trainer-Duo sagt das Gleiche. Und Julia sagt zum Ende der Session: „Ach, wir hätten vielleicht doch die Maximalvariante versuchen sollen.“ 

Gegen 12 Uhr tritt das Tanzcorps auf die Severinstraße

Als es dann so weit ist, als die Gruppe in den Zoch startet und gegen 12 Uhr in den sichtbaren Bereich auf die Severinstraße tritt, platzt Julias Herz fast vor Glück. Gemeinsam machen sich die Matrosen auf den rund acht Kilometer langen Zugweg, vorbei an vielen Menschen, die den Zugweg säumen – man spricht in Köln gern von rund einer Million Zuschauenden. Petrus vernachlässigt seine Aufgabe temporär, sodass die Matrosen zwischenzeitlich Regenponchos überziehen. Die dennoch klammen Uniformen halten die Kälte nur sehr rudimentär ab, 18 Auftritte und ein viereinhalbstündiger Marsch samt Hebungen durch halb Köln stecken Julia in den Knochen.

Um 15.45 Uhr, der Zoch für die Original Matrosen vom Müllemer Böötche ist beendet, ist das alles egal. Was bleibt? Nur Glück, wenn man Julia zuhört: „Ich habe geweint, als Kai mich in der Severinstorburg hochgehoben hat.“


Neue Matrosen gesucht

Was Wer Lust hat, bei den Original Matrosen vom Müllemer Böötche mitzutanzen, kann bei einem der anstehenden Probetrainings mitmachen.

Wann Am Montag und Mittwoch, 23. und 25. Februar, können Interessierte von 20.15 Uhr bis 22 Uhr zum Probetraining kommen.

Infos muellemerjunge.de/anmeldung-zum-probetraining/