Drei Top-Redner aus dem Kölner Karneval und ein Newcomer sprechen über Herausforderungen und Veränderungen in der Bütt.
Klartext von Kölner Top-RednernWarum es in der Bütt immer schwieriger wird

Redner-Gipfel beim Kölner Stadt-Anzeiger: Kai Kramosta, Guido Cantz, Martin Schopps und Volker Weininger.
Copyright: Arton Krasniqi
Die kölsche Musik-Szene boomt, fast jedes Jahr gibt es eine neue Band, die für Aufsehen sorgt. Bei den Rednern ist das anders, da sind es gefühlt immer dieselben, wenigen Gesichter. Gibt es eine Redner-Krise im Kölner Karneval?
Martin Schopps: Ich bin jetzt 25 Jahre dabei und schon vor damals wurde von einer Rednerkrise gesprochen. Es waren immer vier bis fünf, die als die sogenannten Top-Redner gegolten haben, und die haben sich in Köln die Klinke in die Hand gegeben. Dazu gab es immer noch einen Pool von mindestens fünf Leuten, die man in der zweiten Reihe sah, die dann so ein bisschen mehr im Umland unterwegs gewesen sind. Ich glaube, dass sich das bis heute nicht großartig geändert hat.
Guido Cantz: Sehe ich nicht ganz so. Ich glaube, mit der Anzahl an Rednern hast Du Recht, aber die Vielfalt der Redebeiträge hat sich deutlich verändert. Früher waren noch mehr Duette da, es gab auch noch Trios, die haben auch Musik gemacht. Das war auch ein humorvoller Beitrag, zum Beispiel Blom un Blömcher, diese Parodienummern – das gibt es alles nicht mehr.
Bei der Musik hat sich das ja in den letzten 20 Jahren sehr geändert: Da gab es ja früher das berühmte Kleeblatt und mittlerweile gibt es weitaus mehr als vier große Bands, die in den Sälen abräumen.
Schopps: Ja, die Qualität der Bands – auch die, die nachkommen – das ist überragend, finde ich. Was da aus der Stadt an Kreativität und Musikalität kommt, kann man schon mit London vergleichen.
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Volker Weininger: Das stimmt. Das sehen wir auch bei den Vorstellabenden immer. Wir haben immer Bands, die neu kommen. Immer. Und die sind immer gut – also viele davon. Und im Rednerbereich kommt tatsächlich nicht viel.
Wenn eine Band auftritt, über das schöne Kölle singt und alle Hände sehen will – dann trifft sie mit großer Sicherheit den Nerv des Publikums. Ist es für eine Einzelperson nicht weitaus schwieriger?
Weininger: Natürlich ist das schwieriger, wenn man allein auf einer Bühne steht und muss tausend Leute oder noch mehr in den Griff kriegen. Auf der anderen Seite ist die Konkurrenzsituation bei den Bands deutlich größer. Deswegen kann ich es nicht so richtig nachvollziehen, dass in unserem Metier so wenige Leute nachkommen. Denn: Die Chance erfolgreich zu sein, ist deutlich größer, als wenn man als 25. Band versucht, irgendwo reinzukommen.

Volker Weininger.
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Schopps: Das stimmt alles. Aber ich will noch mal an die Anzahl der Redner anknüpfen: Das ist doch auch in den letzten 25 Jahren überschaubar gewesen. Zuerst kamen der Marc (Marc Metzger, Anm d. Red.) und ich rein, irgendwann Volker (Weininger) und Ingrid (Kühne)…
Cantz: Naja, aber jetzt überleg mal, wie viele Namen wir jetzt schon genannt haben. Vor 25 Jahren, da waren Redner wie Hans Bols als „Botterblömche“ aktuell, da war natürlich Bernd und dein Papa (Fritz Schopps, „Et Rumpelstilzje“, Anm d. Red.) mit dabei. Der „Weltenbummler“, Willibert Pauels, Jürgen Beckers, Jupp Menth, Peter Radatz, da gab es die Schlawiner, da gab es auch mehr Duette, die aktuell waren. Also ich finde schon, dass die Anzahl der Redner, die in Köln stattgefunden haben, eine andere war.
Gibt es dafür eine Erklärung?
Cantz: Es liegt auch daran, dass es heute weniger Redner-Positionen in Sitzungsprogrammen gibt. Vor 25 Jahren waren fünf oder vier Redner gesetzt. Heute haben wir noch drei in Köln, außerhalb manchmal sogar nur noch zwei Redner im Programm. Das heißt, du brauchst auch viel weniger Redner als früher. Kai, vielleicht sagst du das mal aus deiner Sicht.
Kai Kramosta: Als neuer Redner hast du es unfassbar schwierig, weil alle sagen: „Handwerker Peters, super - aber ich kann dich nicht aufs Plakat schreiben. Für dich kauft keiner Karten.“ Und dann warten die erst ab. Ich habe jetzt zwei Jahre in Folge beim Vorstellabend des Klubs Kölner Karnevalisten abgeräumt, aber erst jetzt kommen dann Blaue Funken, Rote Funken und sagen: „Den testen wir mal.“

Kai Kramosta ist in der Bütt der „Handwerker Peters“.
Copyright: Arton Krasniqi
Die Rolle des „Handwerker Peters“ ist ja Ihre zweite Karriere im Karneval. Als Sie noch deutlich mehr auf die Waage brachten, waren Sie als „Pfundskerl“ unterwegs. Sie wurden zunächst gefeiert, dann ging’s bergab – warum?
Kramosta: Ich hatte eine Best-of-Rede und konnte dann die Qualität nicht mehr nachlegen.
Das werden Ihre Kollegen sicherlich kennen: Wie sehr belastet einen der Druck, nach einem Erfolg erneut liefern zu müssen?
Weininger: Der Druck ist jedes Jahr da. Sich selbst nicht zu enttäuschen, die Leute nicht zu enttäuschen, die eigene Erwartungshaltung– das ist immer wieder eine Aufgabe und keine einfache.
Holt man sich da auch Hilfe ins Boot, Stichwort: Co-Autoren?
Weininger: Ich mache das selbst, weil ich glaube, dass niemand für mich so gut schreiben kann, wie ich selbst. Karneval ist speziell, hat seine eigenen Gesetzmäßigkeiten, das haben ja auch viele Comedians erlebt, die versucht haben, in den Karneval zu gehen. Übrigens: Wenn Comedians in den Karneval wollen, halte ich das grundsätzlich erst mal für eine gute Sache. Das sind Leute, die wissen, wie das auf der Bühne funktioniert. Ich halte es aber für sehr wichtig, dass sie dann auch verstehen, dass der Karneval anders ist: Das ist kein Comedy-Bühnenprogramm, wo man viel mehr Zeit hat. Im Karneval muss das alles sehr schnell gehen. Und: Du musst auch Bock auf Karneval haben! Es gibt sehr viele Kollegen, die mir gesagt haben: „Ich finde Karneval eigentlich scheiße, aber die Kohle finde ich schon interessant.“
Kramosta: Aber die sind nach drei Jahren weg.
Cantz: Also ich arbeite seit 25 Jahren mit meinem Autor und guten Freund Paulus Vennebusch zusammen.
Weininger: Ja, da kennt man sich ja auch in und auswendig.

Guido Cantz
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Cantz: Wenn wir zum Beispiel etwas Aktuelles brauchen, dann setzen wir uns zusammen und spinnen ein bisschen rum. Und das funktioniert sehr gut.
Kramosta: Für meine Solo-Programme arbeite ich mit Autoren, aber ich habe gemerkt, dass die keinen Karneval schreiben können…
Cantz: … ja, aber was ist denn Karneval schreiben?
Kramosta: Alle dreißig Sekunden brauchst du eine Pointe.
Cantz: Pointen brauchst du ja überall.
Schopps: Man muss sich aufeinander einschießen. Der Paulus, der weiß, wie der Guido denkt, der kann sich da reinfuchsen. Ich habe auch mal mit zwei Autoren zusammengearbeitet, und das war beide Male so, dass ich mir das durchgelesen habe und musste auch hier und da mal schmunzeln. Aber ich habe gemerkt, dass das höchstens eine Inspiration ist, aber nicht das, was ich auf der Bühne bringen kann. Insofern handhabe ich es wie der Volker.
Als Außenstehender hat man oft Mitleid mit Rednern, wenn diese zu später Stunde nach Bands wie Kasalla oder Brings auftreten müssen. Und Newcomer haben es besonders schwer…
Kramosta: Natürlich, wenn Guido Cantz angesagt wird, dann wissen die Leute sofort, was Sache ist. Das Schwierige ist, so merke ich, den Zeitgeist zu treffen. Du musst heutzutage eigentlich jede Generation im Saal ansprechen. Die traditionellen Nummern, seien es Zwiegespräche oder Bauchredner, sind nicht mehr gefragt, weil die jungen Leute das sofort abstempeln: „Ah, 90er Jahre – interessiert uns nicht.“ Ich habe für mich gemerkt, und da war Volker das Vorbild, dass man Tradition mit Fortschritt zusammenbringen muss. Also eine Traditionsrede mit modernem Stand-up.
Cantz: Dass das natürlich nicht einfacher geworden ist im Karneval, ist ja klar. Das liegt ja auch an den ganzen Ablenkungen, die wir haben: das Smartphone zum Beispiel. Die Tik-Tok-Generation schaut sich ein paar Sekunden was an – zack, dann kommt das Nächste. Aber liefern musstest Du immer, und zwar schnell liefern. Wenn du unbekannter bist, hast du vielleicht noch weniger Zeit, um beim Publikum zu punkten. Bist du bekannter, geht’s: „Ah, der Martin kommt, warte mal, es lohnt sich, da zuzuhören.“ Aber auch da musst du in 90 Sekunden liefern, sonst wird es auch wieder laut.
Haben Sie mehrere Reden für eine Session?
Cantz: Das kann man gar nicht leisten.
Schopps: Du hast mehrere Schubladen vielleicht, aus denen Du Dich bedienst, aber nicht mehrere Reden.

Martin Schopps
Copyright: Arton Krasniqi
Weininger: So ein Programm muss eine gewisse Qualität haben. Wer sich das aus dem Ärmel schütteln kann und in der Session mal eben noch zwei, drei nachschießen kann – Chapeau.
Cantz: Das kann keiner. Das konnte aber auch noch nie jemand und was ich ein bisschen unfair finde, dass angeblich heute die Typenredner fehlen. Volker ist doch das beste Beispiel, dass es sie gibt. Und auch deshalb ist die Forderung, dass es wieder kölscher werden müsste, totaler Quatsch!
Inwiefern?
Cantz: Schauen wir mal zurück: Als ich angefangen habe, da war Fred van Halen die Nummer eins. Der kam vom Bodensee, und wenn du nach Fred van Halen dran warst, konntest du gleich nach Hause gehen. Der hat 35 Minuten gemacht, alle Leute durchbeleidigt, das Publikum hat sich kaputtgelacht, danach ging der ganze Satory pinkeln – und dann kam ich und habe verzweifelt Boris Becker nachgemacht…
Aber es gab auch das Colonia Duett …
Cantz: Sicherlich, auch Et Rumpelstilzje – aber Martins Vater hat auch nicht klassisch kölsch geredet, den konnte man bundesweit sehr gut verstehen. Bernd Stelter kommt aus Westfalen, kam 1988 zum Vorstellabend, hat was ganz Neues gemacht mit Werbung und seitdem eine super Karriere im Karneval hingelegt - auch nichts Kölsches! Wolfgang Reich stammt aus Düsseldorf, Hans Bols – über Jahrzehnte Topmann in der Bütt – der kam aus Krefeld. Also, woher die Leute kommen, das ist für mich zweitrangig.
Ksta: Worauf kommt es stattdessen an?
Cantz: Ich glaube, dass die Qualität und Ausstrahlung wichtig ist – nicht umsonst setzen sich dann Redner durch oder eben auch nicht.
Früher hieß es doch auch, dass der Redner in der Bütt der Gesellschaft den Spiegel vorhält. Das ist bei Rednern wie Markus Krebs, der in Düsseldorf nur Witz an Witz reiht, nicht der Fall….
Weininger: Ja, das war aber früher ja bei den Namen, die eben gefallen sind, nicht anders…
Schopps: Aber trotzdem wollten die Leute auch, wenn ich das zum Beispiel bei meinem Vater sehe, dass auch lokale Themen angesprochen werden. Dabei ging es auch um Politik und Haltung. Der Ursprung des Karnevals ist, nicht nur einfach Witze zu erzählen, sondern es geht auch darum, der Obrigkeit den Spiegel vorzuhalten. Und der kölsche Jeck will das auch. Ich mache seit ungefähr zehn Jahren zum Schluss immer so ein Zukunfts-Krätzchen, also eine traditionelle Liedform, aber mit modernen aktuellen Inhalten. Und da merke ich immer, dass das eine gewisse Wärme in den Saal bringt. In der Alaaf-Region spielen Herz und Seele auch eine große Rolle.
Kramosta: Ich habe bei meinen Auftritten gemerkt, dass die Leute Politik nicht mehr wollen. Vor zehn Jahren kamen AfD-Witze noch an, jetzt bleibt der Saal ruhig. Ein Drittel sagt: „Geh‘ mir weg mit dem braunen Park“, ein Drittel sagt: „keine Politik“. Und ein Drittel sagt: „Ich wähle die doch.“ Also, was willst du da noch? Politik ist zu einer reinen Empörungssache geworden.
Wie wichtig ist die Aktualität in einer Rede?
Cantz: Aktualität schlägt Pointe. Ich glaube, wenn du was Aktuelles machst, was gerade passiert ist, honorieren die Sitzungsbesucher, dass du deine Hausaufgaben gemacht hat. Da ist dann vielleicht auch die Stärke der Pointe nicht unbedingt entscheidend.
Schopps: Das ist richtig. Aber noch wichtiger ist in meinen Augen, dass man authentisch ist.
Und das haben einige Comedians unterschätzt, die jetzt nicht mehr dabei sind?
Schopps: Du kannst Dir im Karneval leicht viele Ohrfeigen holen. So manche Künstler sind es gewohnt, dass die Leute nur wegen dir hier sind, wo du eine hundertprozentige Aufmerksamkeit hast – und dann weißt du, dass es funktioniert. Aber wenn Du im Karneval als letzter Redner auf irgendeiner Herrensitzung auf dem Land bist, kann es sein, dass die Leute „üm“ sind.
Weininger: Man muss es einfach wollen.
Cantz: Und muss Niederlagen verdauen können.
Schopps: Es sind auch Kollegen schon mit Bierdecken beworfen worden.
Solche Niederlagen sind euch allen schon mal passiert?
Alle: Natürlich!
Cantz: Wer was anders behauptet, lügt natürlich.
Weininger: Absolut. Wir haben uns inzwischen natürlich etwas erarbeitet: Wenn wir heute angekündigt werden, dann gehen wir erst mal mit Vorschusslorbeeren auf die Bühne. Und dann liegt es zum großen Teil auch an uns, das zu bestätigen und es nicht zu versemmeln. Manchmal sind die Rahmenbedingungen allerdings auch so, dass man sich mühen kann, wie man möchte, und es klappt nicht. Ich werde auch meinen ersten Auftritt nie vergessen, das war ganz schlimm.
Was ist da passiert?
Weininger: Das war 2013, das Jahr, wo Marc ausgefallen war. Da wurde dann hektisch nachbesetzt, und niemand wusste, wer ich war. Und dann hat der Sitzungspräsident damals auch noch die grandiose Anmoderation gemacht: „Jetzt würde eigentlich Marc Metzger kommen.“
Cantz: Das ist immer sehr hilfreich. Sehr, sehr hilfreich (lacht)
Weininger: Und niemand kannte mich. Und die Leute haben halt alle gedacht: „Um Gottes Willen, der ist strunzevoll da oben.“ Die Leute sind aber nicht laut geworden. Da war Totenstille. Und du hast gesehen, wie der Saal sich immer mehr gelehrt hat.
Was denkt man danach?
Weininger: Dass es vorbei ist, bevor es angefangen hat. Ich hatte eine schlechte Nacht. Am nächsten Tag gab es eine Herrensitzung von den Ostermännern im Satory. Das war das erste Mal, dass ich in so einem Riesensaal gespielt habe. Das hat zum Glück mega gut funktioniert. Und das ist ja auch das Schöne im Karneval: Wenn du dir mal eine blutige Nase holst, hast du sehr schnell die Möglichkeit, wenn es nicht der letzte am Abend war, das zu korrigieren. Damit ins Bett zu gehen, ist immer schwierig.
Ist es so, dass ihr mittlerweile auch sagen könnt: „Ich trete da auf, aber bitte nicht nach der Band x?“
Cantz: Du weißt ja gar nicht, wie ein Programm gebucht wird. Da gibt es eine Uhrzeit und die nimmst du dann oder nimmst du nicht.
Schopps: Es ist aber okay, weil die Bands mittlerweile in der Regel so fair sind zu sagen, da kommt nach uns ein Redner, wir hören mit einer ruhigen Nummer auf.
Cantz: Da haben wir aber viel für gekämpft. Also ich habe das ganz oft eingefordert.
Schopps: Ich habe schon zuletzt die Erfahrung gemacht, dass sowohl die Kassallen als auch die Brings oder Domstürmer dann sagen: „Komm, ruhige Nummer.“
Weininger: Fragst du denn, wer vorher dran ist?

Volker Weininger ist „der Sitzungspräsident“.
Copyright: Daniela Decker
Schopps: Beim Buchen frage ich nicht, wer vor mir spielt. Ich frage nach dem Start der Sitzung. Wenn die mir sagen, dass es um 11 Uhr losgeht und ich vor der Schlussnummer um 16 Uhr auf die Bühne soll – dann weiß ich, dass das schwierig werden kann. Und dann sage ich auch schon mal „lieber nicht“. Aber immer, wenn ich realistisch eine Chance sehe, dass das für mich funktionieren kann, dann sage ich zu.
Kann sich das ein Newcomer schon leisten?
Kramosta: Nicht wirklich. Inzwischen regelt das eine Agentur für mich. Aber ich habe die Literaten in den Ohren, die zu mir meinten: „23.45 Uhr, das ist immer unsere Nachwuchsposition.“
Cantz: Diese Erfahrungen haben wir alle gemacht. Und es ist gut, dass wir sie gemacht haben. Wir wissen, wie Karneval funktioniert. Das ist die Champions League in Sachen Humor. Das ist einfach schwer, was wir da machen. Diese Ablenkungen mit Kellnern, mit Fotografen und wer da alles noch rumläuft. Wenn du der letzte Redner bist: Dann laufen die Kellner rum und kassieren. Bei einer Band steht das Publikum und beim Redner sitzen sie, da ist der beste Zeitpunkt dafür. Und dann machen die das zum Teil so laut, dass du da oben stehst und denkst: „Das kann jetzt nicht deren Ernst sein!? Zugleich sind wir schon in der glücklichen Situation, dass wir mit dem Karneval auch gut Geld verdienen können und auch eine Bekanntheit gewonnen haben über die Jahre.
Wie sehr ist Political Correctness zum Thema in der Bütt geworden?
Cantz: Es ist gut so, dass bestimmte Witze nicht mehr gemacht werden, auch wenn das ältere Kollegen vielleicht nicht verstehen. Es hat sich schon einiges geändert. Ich glaube trotzdem, Sachen, die du im Karneval noch machen kannst, funktionieren in der Comedy oder im Fernsehen schon lange nicht mehr.
Weininger: Ich finde, es ist umgekehrt.
Cantz: Finde ich nicht – mach mal ein Beispiel!
Weininger: Meiner Meinung nach muss man im Karneval vorsichtiger sein. Im Solo-Programm kann ich schärfer, satirischer sein, ist meine Erfahrung. Der Sitzungspräsident kommt ja ursprünglich aus dem alternativen Karneval. Und da wird alles noch sehr viel kritischer gesehen. Da gab es einmal so einen Gag: „Eine Karnevalssitzung in Stuttgart macht so viel Spaß wie Minenräumen in Afghanistan.“ Und ob der Gag jetzt gut ist oder nicht, sei mal dahingestellt – da ist mir auf jeden Fall dringend abgeraten worden, damals, das auf einer Karnevalsbühne zu erzählen.

Volker Weininger und Martin Schopps wurden bei der Prinzenproklamation auf gefeiert.
Copyright: Daniela Decker
Schopps: Es ist schon anstrengend, finde ich, teilweise. Bei einem Auftritt hatte ich gesagt, dass ich ganz normal rede und Frauen auch damit gemeint sind, auch wenn ich „man“ sage. Da hat sich dann eine Frau gemeldet und wollte, dass ich gendere. Oder beim Herrengedeck, unserem Trio mit Volker und JP Weber: Da haben wir hinterher Post von einer jungen Frau bekommen, die alles missverstehen wollte, was man missverstehen kann. Die hat keine Ironie verstanden, die hat nur da gesessen, auf ihre Triggerpunkte gewartet, um sich dann darüber aufregen zu können. Und es ist schon etwas, das mit zunehmender Zeit anstrengender wird: Es wächst eine Generation ran, die anders als wir aufgewachsen ist, die sprachlich anders angesprochen werden möchte.
Gendert ihr?
Alle: Nein.
Weininger: Also, mich triggert das null, wenn jemand gendert, das kann jeder so handhaben, wie er möchte. Ich mach's allein aus sprachästhetischen Gründen nicht. Aber das Thema ist so ausgelutscht. Das ist durch.
Ksta: Als Newcomer in der Szene gilt auch Djavid, der auch seine Flucht aus Afghanistan zum Thema macht. Er wurde bei Vorstellabenden gefeiert, kommt aber in konservativen Karnevalskreisen nicht an. Ist so jemand zu realitätsnah?
Cantz: Der Karneval ist nun mal konservativ. Dabei ist es längst überfällig, dass jemand – egal wo er jetzt herkommt – sein Blick auf die Dinge schildert. Wir müssten das auch im Fernseh-Karneval haben. Aber der Karneval tickt nun mal langsamer und viele Karnevalisten möchten auch in ihrer vertrauten Bubble bleiben und möchten keine neuen Redner hören.
Warum kommt dann ein Dave Davis, ein Schwarzer, der einen Klo-Mann spielt, besser an?
Weininger: Der ist ja auch schon viel länger dabei. Ich glaube, du musst einfach tatsächlich Ausdauer haben. Das ist, wie Guido es eben sagte, alles ein bisschen langsamer. Karneval ist wie ein Öltanker.
Schopps: Das ist so. Die meisten von uns sind irgendwo auch schon mal auf die Schnauze geflogen und dann musst du wirklich Ausdauer haben. Du musst immer wieder gegen diese Gürzenich-Tür rennen, bis sie irgendwann auf ist.

Seit Jahren ein Garant in der Bütt: Guido Cantz
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Cantz: Ich habe früher immer gesagt, dass es zehn Jahre dauert, bis jemand richtig etabliert bist. Bernd Stelter war aus meiner Sicht der Einzige, der damals was komplett Neues gemacht hat, mit Gitarre, mit Werbung und alle sagten: „boah, super.“ Und der Bernd ist immer in dieser Spitzengruppe dabeigeblieben. Bei allen anderen gab es schon Wellenbewegungen. Insgesamt würde es uns aber allen guttun, wenn da noch zwei bis drei Frauen dazukämen, damit es ein bisschen abwechslungsreicher ist. Wir kennen ja die ganzen Gesichter, die Karnevalsprofis von Prinzengarde und Funken. Und die wissen genau, was wir erzählen…
Weininger: Ja, die haben dann immer noch den Anstand, freundlich zu sein. Aber lachen natürlich nicht mehr so euphorisch. Gerade zum Ende der Session denkt man sich: Ach, jetzt sitzen die da schon wieder alle.
Wen gäbe es denn, die mehr Auftritte in Köln haben sollten?
Schopps: Zum Beispiel Willi und Ernst, das ist ein Zwiegespräch, beide sind schon länger unterwegs, aber noch nicht so viel in den großen Sälen. Oder Julie Voyage als Travestie-Nummer – unterhält die Leute auch super. Und über Djavid haben wir eben schon gesprochen.
Warum gibt es so wenig Frauen in der Bütt?
Cantz: Auch in der Comedy sind die Männer in der Überzahl, weil Männer sich nicht so hinterfragen wie Frauen. Männer glauben, wir sind total lustig, und Frauen gehen viel kritischer mit sich um.
Könnt ihr verstehen, dass eure Kollegin Ingrid Kühne der Bütt Tschö sagt?
Cantz: Erst einmal ist es schade, weil sie eine großartige, authentische Entertainerin ist und dem Karneval fehlen wird. Ich habe mich nur mit ihrer Erklärung schwergetan, dass sie nach 15 Jahren sagt, dass das nicht mehr ihr Karneval sei. Sie könnte sich auch einfach die 60 besten Termine raussuchen und den Rest weglassen.
Wie lange werdet ihr Euren Karnevals-Job noch machen?
Weininger: Das ist jetzt meine 14. Session. Aber natürlich merkt man auch, dass ich jetzt Mitte 50 bin und so eine Session schlaucht halt schon. Und der Druck, immer wieder neue Ideen zu haben und das Rad immer wieder neu zu erfinden, wird von Jahr zu Jahr natürlich auch schwieriger. Ich habe mir noch keine konkreten Gedanken darüber gemacht. Solange ich noch Ideen habe, solange mir das noch Spaß macht, mache ich das auch noch weiter. Da wir alle ungefähr eine Altersstruktur haben, ist es ja auch nicht so unwahrscheinlich, dass zum Zeitpunkt x - der Marc ist ja auch so alt wie wir…
Schopps: … dass wir alle dann aufhören, meinst du?
Cantz: Dass vielleicht eine ganze Redner-Generation wegbricht in einer relativ kurzen Zeit – das kann schon sein. Ich mache das jetzt seit 34 Jahren. Mir macht das immer noch total Spaß. Ob ich die 50 Jahre vollmache, glaube ich nicht. Also noch 16 Jahre, dann wäre ich auch schon 70.

Martin Schopps ist einer der gefragtesten Redner im Kölner Karneval.
Copyright: Daniela Decker
Schopps: Ich glaube nicht, dass ich in dem Alter noch auf der Bühne stehen werde. Das Publikum heute hat ein unterschiedliches Wissen. Die Älteren, die kennen überhaupt gar keine Tik-Toker, YouTuber oder sonst irgendwie sowas. Und die Jüngeren, die kennen nicht mehr die alten Haudegen, die wir kennen. Wenn früher ein Skandal gewesen ist, dann stand das in der Zeitung und dann haben das alle Generationen gewusst und Du konntest einen Witz darüber machen. Jetzt ist das nicht mehr der Fall. Und wenn du dann irgendwann 70 bist, bist du sehr weit weg.
Cantz: Deswegen sage ich ja, es müsste jemand Junges nachkommen, der sagt: „Von wegen, was die Alten da erzählen – jetzt machen wir mal den jungen lustigen Karneval.“ Das würde ich mir schon wünschen.
Kramosta: Dafür müssten die Programmgestalter auch mal umdenken. Ich habe ganz oft den Satz gehört: „Super, neue Gesichter, super. Bei uns jetzt nicht – aber super.“
Cantz: Die Erfahrung haben wir alle gemacht.
Kramosta: Das Publikum hat immer Recht, das ist der wichtigste Grundsatz, den ich lernen musste.
