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„Loss mer all zesamme stonn“Köln feiert sein neues Dreigestirn

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09.01.2026, Köln: KARNEVAL - Proklamation des Kölner Dreigstirns 2026 Prinz Niklas I. (Niklas Jüngling), Bauer Clemens (Clemens von Blanckart) und Jungfrau Aenne (Stefan Blatt) im Gürzenich Köln - Einzug und Proklamation des Dreigestirns.. Foto: Thilo Schmülgen

Kölns neues Dreigestirn: Jungfrau Aenne, Prinz Niklas I. und Bauer Clemens

Rührend, unterhaltsam, lustig, auf positive Weise verrückt - so war die Proklamation des Kölner Dreigestirns Prinz Niklas I., Bauer Clemens und Jungfrau Aenne am Freitagabend

Mindestens fünf Menschen dürften auf diesen Abend im Januar mit etwas mehr Herzklopfen als an Standard-Freitagen geschaut haben: das designierte Dreigestirn, Prinz Niklas I., Bauer Clemens und Jungfrau Aenne von der Prinzen-Garde, das seit Freitagabend die Kölner Jecken regiert. Festkomitee-Präsident Christoph Kuckelkorn, der sein Amt nach dieser Session niederlegt und zum letzten Mal die Moderation im Gürzenich übernahm. Und Kölns noch immer recht neuer Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD), der naturgemäß nie zuvor einem Dreigestirn die Insignien der Macht verliehen hat. Zwei erste Male, ein letztes Mal, viel Neues, Herzklopfen.

1300 Gäste im Gürzenich

Der Abend vor 1300 geladenen Gästen wurde erneut in drei Akte gegliedert. Zunächst standen Redebeiträge im Vordergrund – und da wurde es gleich emotional: Christoph Kuckelkorn ehrte Grandseigneur Ludwig Sebus mit einer emotionalen Ansprache. Beide saßen in roten Ohrensesseln auf der Bühne, der Moderator hob Sebus' prägende, starke Charaktereigenschaften hervor, und der 100-Jährige bekam vom Festkomitee den Verdienstorden in Gold mit Brillanten. „Ich freue mich sehr. Ich habe mich noch nie zu einer Ehrung gedrängt, aber jede angenommen“, sagte Sebus mit seinem so typischen Witz.

09.01.2026, Köln: KARNEVAL - Proklamation des Kölner Dreigstirns 2026 Prinz Niklas I. (Niklas Jüngling), Bauer Clemens (Clemens von Blanckart) und Jungfrau Aenne (Stefan Blatt) im Gürzenich Köln - FK Präsident Christoph Kuckelkorn und Ludwig Sebus. Foto: Thilo Schmülgen

Noch-FK Präsident Christoph Kuckelkorn und Ludwig Sebus

Im Anschluss wagte Sebus mit Höhner-Gründungsmitglied Janus Fröhlich musikalisch einen „Blick in die kölsche Seele“ mit einer Auswahl kölscher Klassiker. Los ging es mit einem der größten Erfolge des Altmeisters „Lurr ens vun Düx noh Kölle“ .

Weitere Höhepunkte dieses ersten Teils: „Fastelovend-Komplett“ vom kölschen Streichquartett Kwartett Latäng, der Brassband Druckluft und dem Orchester Matthias Hesseler – ein erster Party-Moment des Abends im Gürzenich, der die Gäste nicht vor Rührung, sondern vor Begeisterung von den Stühlen holte. Spätestens bei der „Karnevalsmaus“, zu der verschiedene Tanzgruppen (genau: 159 Tänzerinnen und Tänzer) den Saal enterten, stand der Gürzenich kopf.

Festrede nach längerer Pause

09.01.2026, Köln: KARNEVAL - Proklamation des Kölner Dreigstirns 2026 Prinz Niklas I. (Niklas Jüngling), Bauer Clemens (Clemens von Blanckart) und Jungfrau Aenne (Stefan Blatt) im Gürzenich Köln - Monsignore Robert Kleine. Foto: Thilo Schmülgen

Monsignore Robert Kleine

Nach längerer Pause gab es bei der Prinzenproklamation, die Kenner nur „Pripro“ nennen, wieder eine Festrede. Dom- und Stadtdechant Monsignore Kleine orientierte sich am aktuellen Sessionsmotto „Alaaf – Mer dun et för Kölle“, das gezielt das Ehrenamt in den Fokus rückt. Dabei nahm er sich das kölsche Grundgesetz vor: Alle im Ehrenamt Tätigen lebten die darin formulierten elf Artikel Tag für Tag. „Dafür können wir heute Abend genau elfmal das tun, was sonst leider oft zu kurz kommt, nämlich Danke sagen“, sagte Kleine. Zu Artikel 1, „Et es wie et es“, was auf Hochdeutsch „Reg dich ab“ bedeuten soll, richtete sich Kleine an diejenigen, die sich für Miteinander und Füreinander entschieden haben: „Ihr schaut der Realität ins Auge. Meistens ist viel zu tun, aber es fehlt an Ressourcen: zu wenig Zeit, zu wenig Geld, zu wenig Hände. Eure Antwort darauf: Nun ja, wenn es so ist, machen wir einfach das Beste draus! Wir kriegen das hin. Und dann geht“s los.“

Kleine ergänzte das kölsche Grundgesetz noch um einen weiteren Artikel und erntete stehende Ovationen: „Mer dun et för Kölle.“ Im Anschluss stand der Auftritt des Herrengedecks auf dem Plan, bestehend aus „Sitzungspräsident“  Volker Weininger, Martin Schopps und JP Weber. Die drei schauten musikalisch zurück aufs vergangene Jahr, nahmen Ex-Kanzler Olaf Scholz und die Ampel aufs Korn, die Situation bei der Bundeswehr, Markus Söder („Bald erlass ich auch Gesetze in Aspik, wer braucht heute noch Politik“), den aktuellen Kanzler Friedrich Merz und dessen komplizierte Beziehung zu Lars Klingbeil – mit einer ganz fantastisch-umgedichteten Version des Schoko-Werbe-Songs „Merci“.

09.01.2026, Köln: KARNEVAL - Proklamation des Kölner Dreigstirns 2026 Prinz Niklas I. (Niklas Jüngling), Bauer Clemens (Clemens von Blanckart) und Jungfrau Aenne (Stefan Blatt) im Gürzenich Köln - Das Herrengedeck Martin Schoppe, JP Weber und Volker Weininger. Foto: Thilo Schmülgen

Das Herrengedeck: JP Weber, Volker Weininger, Martin Schopps

Burmester: „Ich bin der Neue“

Nach dem Auftritt des Kölner Männer-Gesang-Vereins und Tenor Thomas Heyer startete der zweite Akt: Unter dem besonderen Jubel der Jecken der Prinzen-Garde zogen die designierten Tollitäten einzeln in den Saal. Und noch einer stand erstmals im Fokus des Kölner Karnevals: „Ich bin der Neue“, stellte sich OB Torsten Burmester vor. Bei seiner Premiere gab er sich selbstbewusst, indem er verkündete, auch die nächsten neun Jahre das Dreigestirn proklamieren zu wollen, obwohl er nur für fünf Jahre gewählt ist.

09.01.2026, Köln: KARNEVAL - Proklamation des Kölner Dreigstirns 2026 Prinz Niklas I. (Niklas Jüngling), Bauer Clemens (Clemens von Blanckart) und Jungfrau Aenne (Stefan Blatt) im Gürzenich Köln - Einzug und Proklamation des Dreigestirns - OB Torsten Burmester. Foto: Thilo Schmülgen

Torsten Burmester proklamiert das Dreigestirn

Die finanzielle Situation mancher Karnevalsvereine sei vergleichbar mit der Haushaltslage der Stadt. „Stellen Sie sich vor, man ist gerade Präsident geworden, aber einen Tag später wird einem eröffnet, dass die Kasse leer ist.“

Zugleich witzelte er, dass es im Saal kein Kölsch gebe, aber der OB an diesem Abend so sprechen solle, als sei er vor 100 Jahren im Vringsveedel aufgewachsen. Der gebürtige Niedersachse blieb daher beim Hochdeutsch. „Aber aus meiner früheren Arbeit im Kanzleramt kann ich Ihnen sagen: Etwas nicht zu können, hat gerade in der Bundesrepublik noch niemanden davon abgehalten, es trotzdem zu tun.“ Tosender Beifall.

Bevor der OB zu Proklamation schritt und dem Trifolium mit Pritsche, Schlüssel und Spiegel die Insignien der Macht übergab, wünschte er den zukünftigen Regenten vor allem Gesundheit. Burmester: „Das ist eure Session, und die sollt ihr genießen. Köln wird euch tragen auf einer Welle der Sympathie und Herzlichkeit, da habe ich keine Zweifel.“

Dreigestirn will Brücken zwischen Menschen bauen

09.01.2026, Köln: KARNEVAL - Proklamation des Kölner Dreigstirns 2026 Prinz Niklas I. (Niklas Jüngling), Bauer Clemens (Clemens von Blanckart) und Jungfrau Aenne (Stefan Blatt) im Gürzenich Köln - Einzug und Proklamation des Dreigestirns.. Foto: Thilo Schmülgen

Prinz Niklas I.

Prinz Niklas richtete sich in bewegenden Worten an die Gäste: „Wir versprechen euch, dass wir Brücken zwischen Menschen bauen werden. Wir sollten uns nicht darauf konzentrieren, was uns trennt, sondern was uns eint.“ Bauer Clemens witzelte, er könne „endlich unsere Mutterstadt auf- und zuschließen, wie mir das gefällt“. Jungfrau Aenne, die sich nach ihrer verstorbenen Großmutter benannt hat, meinte: „Nur, wenn wir auch mal über uns selbst lachen können, wird unsere Welt ein klein bisschen besser – und damit starten wir genau jetzt.“

Danach sangen die Drei ihr Lied „Loss mer all zesamme stonn“, ein ohrwurmverdächtiger Appell für den Gemeinsinn und das Ehrenamt. Beim anschließenden Dreigestirns-Medley überzeugte Prinz Niklas mit seinem Können als ehemaliger Tanzoffizier, Bauer Clemens und Jungfrau Aenne griffen zu Trompete und Kastagnetten.

Danach war der dritte Akt eröffnet: Die Band Stadtrand und die Tanzgruppe Luftflotte begeisterten ebenso wie Stefan Knittler und Freunde, die mit David Bowies „Heroes“ die Helden des Ehrenamts feierten. Die Band, die danach folgte, setzte noch einen drauf: Cat Ballou. Party pur.

Der WDR zeigt am Sonntag, 11. Januar, 20.15 bis 22.30 Uhr, eine Aufzeichnung der Prinzenproklamation im Fernsehen.