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Spektakuläre Kriminalfälle„Im Ablauf der Verbrechen gibt es immer etwas Kölsches“

Lesezeit 5 Minuten
Jürgen Roters Bernd Imgrund

Bern Imgrund (l.) und Jürgen Roters

  • Der Autor Bernd Imgrund rekonstruiert in seinem neuen Buch „Köln Kriminell“ 15 Kriminalfälle aus der Kölner Nachkriegszeit.
  • Im Interview spricht er über Kölsche Verbrechen, die Verrohung der Gesellschaft und den Brückenskandal am Aachener Weiher.
  • Und gewährt den KStA-Leserinnen und -Lesern exklusive Leseproben von zwei spannenden Fällen.

Gibt es etwas spezifisch Kölsches an einem Verbrechen oder einem Verbrecher? Zumindest in den Abläufen und Kontexten der Verbrechen gibt es immer etwas sehr spezifisch Kölsches. Das beste Beispiel ist das Vortragekreuz von Kardinal Meisner, das am Ende von Schäfers Nas zurückgebracht wurde, einer damals schillernden Rotlichtgröße. Man sollte das aber nicht allzu folkloristisch sehen, finde ich, weil es dadurch schnell billig wird. Man sollte – und das habe ich versucht – immer möglichst viele Details und Informationen zusammentragen, um ein Gesamtbild zu bekommen. Aber tatsächlich kann man auch bei einem ernsten Thema wie der Entstehung des El-De-Hauses sagen, dass es da viele kölsche Implikationen gibt.

Welche?

In dem ehemaligen Gestapo-Keller am Appellhofplatz waren ja die alten Zellen noch vorhanden, voll mit tausenden Inschriften der ehemaligen Gefangenen. Die Stadt Köln nutzte das Haus dann als Standesamt und diese Folterzellen als Archiv. Kurz bevor das Ganze renoviert und verputzt werden sollte, sodass alles verloren gewesen wäre, ließ sich der engagierte Bürger Kurt Holl mit einem Fotografen nachts einschließen, brachte einen Stein ins Rollen und heute sind wir alle unglaublich stolz darauf, dass wir das El-De-Haus mit angeschlossenem NS-Dokumentationszentrum haben. Diese Kölsche Laissez-Faire-Haltung kann man da schon ganz gut herauslesen. In anderen Städten wäre das womöglich ganz anders gehandhabt worden.

Alles zum Thema Lufthansa

Also lässt man in Köln auch bei Kriminalität gerne schon mal Fünfe gerade sein?

Womöglich, ja. Dieses „et hätt noch immer jot jejange“ hat sich ja in diesem Fall positiv ausgewirkt, tut es aber eben im Leben nicht immer. Man muss schon den Arsch hochkriegen, um gewisse Dinge zu bewegen. Das wird in Köln zu selten gemacht. Nicht umsonst sagt fast jeder hier, dass Köln eine dreckige Stadt ist. Man muss sich nur mal ansehen, wie Köln aussieht im Vergleich zu anderen Städten wie München oder Wien. Das „kölsche Grundgesetz“ ist halt so etwas wie ein Perpetuum Mobile, das sich irgendwann in die Hirne und Seelen der Menschen einschreibt. Und auf Dauer kommt dann eben so ein Gebilde wie Köln heraus.

Köln galt lange Zeit als Chicago am Rhein, weil es so unsicher war. Der frühere Oberbürgermeister und Polizeipräsident Jürgen Roters sagte, die Schatten in Köln seien dunkler als anderswo. Ist das wirklich so?

Es war zumindest mal so. In den 60er und 70er Jahren führte Köln bundesweit alle Kriminalitätsstatistiken an. Es ging dabei allerdings immer um die Rotlicht- und Zuhälterszene auf und an den Ringen. Ich wollte aber lieber ein journalistisches Buch mit größerer Bandbreite schreiben. Deshalb sind da auch Geschichten drin über einen terroristischen Anschlag drin, den Missbrauch des Affen Petermann und das Attentat an der Schule in Volkhoven.

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Was sagen denn Kriminalfälle aus den vergangenen Jahrzehnten über die kölsche Mentalität der Nachkriegszeit aus?

Letztlich schon einiges. Denn – das war zumindest mein Anspruch – erzählen die Fälle auch immer ein Stück Zeitgeschichte. Nehmen wir zum Beispiel den eigentlich recht unscheinbaren Anschlag auf das Lufthansa-Gebäude 1986 in Deutz, bei dem niemand verletzt wurde. Aus dem Fall kann man die halben 80er-Jahre herauslesen und gleichzeitig auch die heutige Zeit. Da gab es die revolutionären Zellen, die die Lufthansa angegriffen haben, weil die Abschiebungsflüge von Flüchtlingen geflogen hat. Das ist ja immer noch ein sehr aktuelles Thema. Obwohl niemand getötet werden sollte, gingen die Täter damals sehr brutal vor. Da bekommt man einen Eindruck, welches gesellschaftliche Klima in den 80ern angesichts dieses Linksterrorismus geherrscht hat.

Viele sagen heute, dass die Gesellschaft verroht, unempathisch wird. Dass soziale Medien eher die soziale Verwahrlosung fördern. War das nicht immer schon so?

Ich habe schon persönlich den Eindruck, dass die Zeiten härter werden. Das kann aber eine Alterserscheinung sein und das haben wir in den 80ern auch schon gesagt. Ich finde, in vielen Fällen ist aber durchaus das bürgerschaftliche Engagement aufgekommen, das von starker Menschlichkeit zeugt und heute bei vielen sicher noch genauso vorhanden ist. Wie bei der Gründung des El-De-Hauses, oder auch bei der Brücke am Aachener Weiher.

Das ist Ihr Lieblingsfall, stimmt’s?

Ja, irgendwie schon. Weil er gleichzeitig absurd und skandalös ist. Ich habe mich da damals total drüber geärgert. Das war ein Fall in einer groß angelegten Korruptionsaffäre. Die Bohlen der Brücke bestanden ursprünglich aus Bongossi und wurden gegen Eiche ersetzt.

Was war denn daran kriminell?

Der erste Ansatz war schon an sich kriminell. Der städtische Angestellte hat jeweils die Aufträge so berechnet, dass sie unter dem Wert von 2000 Mark lagen, sodass er das selbst unterschreiben konnte, ohne dass es jemand prüfen musste. Dann hat immer derselbe Handwerker ein paar Bohlen ausgewechselt, bis zwar alle ausgetauscht waren, aber eben langsam verrotteten, weil es sich um schlechteres Holz handelte. Was die 16 Jahre danach passiert ist, bis die Brücke endlich wieder stand, ist eine Mischung aus Posse, Desinteresse und durchaus Korruption. Übrigens hat damals der Holzhändler Schumacher aus der Südstadt angeboten, der Stadt dieses Bongossiholz für die Brücke ökozertifiziert zu besorgen, die Bohrungen zu machen und alles zum Selbstkostenpreis anzuliefern. Das wurde vom Brückendezernat abgelehnt, und die Jahre zogen ins Land.

Da wären wir wieder beim kölschen Umgang mit solchen Fällen...

Genau (lacht).

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