Die beliebtesten Farben sind derzeit Braun, Bordeaux – und Matchagrün, passend zum Getränk. „Da müssen wir immer nachlegen. Der Run ist einfach riesig“, sagt Maike Beyreuther und freut sich. Sie hat gerade ihre „Villa Wolle“ an der Mittelstraße eröffnet und offensichtlich einen Nerv getroffen. Stricken und Häkeln erlebt seit längerem einen Boom, und der scheint nicht abzuebben.
Allein in der Innenstadt gibt es nun drei Woll-Geschäfte – die anderen sind in der Schwertnergasse und der Gertrudenstraße gleich in der Nähe. Maike Beyreuther hat in einem der Läden als Angestellte gearbeitet und will sich nun mit ihrem besonderen Angebot ihren Platz am Markt sichern: Sie ist spezialisiert auf Wolle aus Skandinavien und auf die Fans einer dänischen Strick-Influencerin, die unter dem Namen „Petite Knit“ ihre Anleitungen in Sozialen Medien verbreitet.

Farbenprächtige Wolle aus Skandinavien
Copyright: Alexander Schwaiger
Bei ganz jungen Anfängerinnen ist der „Sophie Scarf“ sehr beliebt, erzählt Beyreuther – ein einfacher schmaler Schal mit spitzen Enden. Er wird online für seinen „minimalistischen Look“ gefeiert. Auf Deutsch: Da kann man wirklich nicht viel falsch machen. Außerdem gern gestrickt von den jüngeren Kundinnen würden Ponchos und bauchfreie Croptops.
Insgesamt kommen aber Kundinnen aus allen Altersschichten, sagt Maike Beyreuther (40). Da ist zum Beispiel die Frau, die hilfesuchend mit ihrem halbfertigen Pullover vor Mitarbeiterin Kirsten Mieß steht. „Der ist viel zu weit, was habe ich falsch gemacht?“ Oder die Dame, die sich intensiv für ein neues Projekt beraten lässt und deren Mann sich derweil die Apostelnkirche anschauen will. „Das hier ist meine Kathedrale, geh‘ du in deine“, sagt die Frau und lacht. Er hätte aber auch am kleinen Tisch im Fenster Platz nehmen und einen Kaffee trinken können.
Stricken als Ablenkung vom Alltag
Was den Reiz des Strickens ausmacht? Maike Beyreuther sagt: „Wenn die Hände beschäftigt sind, schaltet der Kopf ab. Die Leute suchen nach Entspannung und Entschleunigung und finden es spannend, etwas beim Entstehen zuzusehen.“ Den ersten großen Boom hat es in der Corona-Zeit gegeben. Da wurde viel gestrickt und genäht. Doch das Selbernähen von Kleidung verlor bald wieder an Bedeutung. Weil man Nähmaschinen nicht überall mit hinnehmen kann, Strickzeug aber schon. Strick- und Häkelgarne waren 2025 mit rund 400 Millionen Euro das größte Einzelsegment der Handarbeitsbranche, ein Plus von sieben Prozent gegenüber 2024. Der Stoffumsatz dagegen halbierte sich von 2000 auf 2024.
85 Prozent aller Frauen in Deutschland beschäftigen sich zumindest ab und zu mit Handarbeit, hat das Marktforschungsinstitut GfK 2004 ermittelt. Doch es gab eine wichtige Verschiebung: Während 2000 noch der größte Anteil der Frauen über 50 Jahre alt war, gibt nun die große Mehrheit der 18- bis 29-Jährigen an, dass sie handarbeiten. Wichtigster Grund: Sie möchten Ablenkung vom Alltag.
Demnächst auch Stricktreffs in der MittsraßKurse in der Mitten
Maike Beyreuther beschreibt ihren liebsten Entspannungsmoment: „Für mich ist es das Schönste, wenn ich mit meinen Kindern im Café sitze: Ich stricke, meine Tochter macht Perlenarmbänder und mein Sohn sortiert seine Pokémon-Karten.“ Demnächst will sie im Laden auch Kurse und Stricktreffs organisieren – für das Gemeinschaftsgefühl.
Sie ist froh, dass sie ausgerechnet auf der Mittelstraße gelandet ist. Die einst als Luxusmeile geltende Straße hat in den vergangenen Jahren ein paar Federn lassen müssen, befindet sich aber in der Erholungs- und Umbruchsphase. Die Nachbarn hätten sich über den Neuzugang jedenfalls sehr gefreut. Vorher waren die Räume an einen Handyladen vermietet. Das wollte man nicht wieder haben.
