Nachts müht sich das Thermometer gerade noch so über den Gefrierpunkt und auch tagsüber steigen die Temperaturen derzeit nicht stark genug, um sich vorstellen zu können, dass versprühter Wassernebel am Rudolfplatz irgendwie angenehm sein könnte. Dabei liegt die Extremhitze-Episode, die auch dieser Stadt viele Rettungseinsätze und Todesfälle bescherte, gerade einmal etwa drei Monate zurück. Feuerwehr und Rettungsdienste unterstützten Notaufnahmen, in der Messe Köln wurden ein Notfallbehandlungszentrum und eine zentrale Kälteinsel eingerichtet. Und die lebensbedrohlich heißen Tage werden wieder kommen.
Hitze steht selten auf einem Totenschein. Aber wenn das Thermometer die 30-Grad-Grenze dauerhaft überschreitet, können Herz-, Nieren- oder Atemwegserkrankungen schlimmer werden und gerade bei älteren Menschen dann doch zum Tod führen. Für Europas Städte schätzt eine Modellrechnung des Londoner Imperial College für den Sommer 2026 rund 50.000 Hitzetote. Etwa 32.000 davon seien der menschengemachten Erwärmung zuzuschreiben. Das sind keine einzeln registrierten Todesfälle, sondern modellierte Werte für 854 Städte, die nur rund 40 Prozent der europäischen Bevölkerung abbilden. Eine Hochrechnung auf den ganzen Kontinent wäre unzulässig, ein Warnsignal ist die Zahl dennoch.
Erreichen die Maßnahmen die Menschen?
Der Befund fällt in die Woche vor die UN-Klimakonferenz COP31. Vom 9. bis 20. November verhandeln in Antalya fast 200 Vertragsparteien über die Umsetzung des Pariser Abkommens. Die Türkei ist Gastgeber, Australien führt die offiziellen Verhandlungen. Die Präsidentschaftsagenda nennt klimaresiliente Gesundheitssysteme als Schwerpunkt. Immer wird es um die Frage gehen: Erreichen die Mittel und Maßnahmen die Menschen, die am stärksten gefährdet sind? Geld für Maßnahmen, die Menschen schützen sowie ein konkreterer Fahrplan weg von fossilen Energien dürften zu den Streitpunkten zählen.
Fragt man bei der Stadt nach, dann erfährt man, dass Köln schon eine Reihe von Maßnahmen umgesetzt hat. Man setzt auf DWD-Warnungen, ein medizinisch begleitetes Hitzetelefon, Schulungen in Kitas und Einrichtungen, Informationsarbeit und einen Runden Tisch. Im zurückliegenden Sommer suchten nach Angaben der Stadt mehr als 4.100 Menschen Kontakt zum Hitzetelefon, das städtische Hitzeportal wurde knapp 10.000-mal aufgerufen. Die Wasserverneblung an innerstädtischen Hotspots erfreut sich laut Stadt großer Beliebtheit.
Eine Broschüre verhindert noch keine Todesfälle
Doch die Stadt sieht auch eine Lücke zwischen Anstrengung und Ertrag: „Der Erfolg der Maßnahmen ist in definierten Endpunkten (Verhinderung von Mortalität und Morbidität) schwer messbar.“ Viele verteilte Hitzeknigge-Broschüren sind noch nicht zwingend ein Beweis dafür, dass die Menschen auch ihr Verhalten ändern. Aufrufe und Anrufe messen Reichweite, wie viele Todesfälle dadurch verhindert werden, bleibt unklar.
Wie schwer Warnungen durchdringen, zeigte eine Kölner Befragung im Rahmen des Hitzeaktionsplans aus dem Jahr 2019/20: Von 258 Menschen zwischen 65 und 93 Jahren in ausgewählten Stadtteilen kannte nur etwa jede fünfte Person die offiziellen DWD-Hitzewarnungen, rund ein Drittel fühlte sich dabei deutlich oder sehr stark belastet. Die Erhebung ist nicht repräsentativ für ganz Köln, aber sie zeigt doch einen Befund: Gerade Ältere, Vorerkrankte und Alleinlebende Menschen müssen aktiv und persönlich zu Hause angerufen oder besucht werden, sonst erreichen sie Warnungen wohlmöglich nicht.
Dafür plane die ämterübergreifende Ad-hoc-Arbeitsgruppe ein Hitzeeinsatzkonzept mit vier Warnstufen nach DWD-Vorbild. Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen sollen sich demzufolge auf Extremhitze vorbereiten, in den Stadtbezirken sollen dezentrale Kälteinseln entstehen. Das Hitzetelefon und die Seniorennetzwerke sollen dann Menschen, die zu Hause in ihren Dachwohnungen schwitzen, mit diesen Schutzorten verbinden.
Köln strebe dabei in gewisser Weise einen Umbau der Stadt an. Flächen sollen entsiegelt werden, die Wasservernebelung vom Rudolfplatz soll an mehreren Stellen fest installiert werden. Man will Grünflächen und sogenannte Pocket Parks, also Miniatur-Grünräume zwischen dicht gebauten Häusern, angelegt, Wasservernebelung fest installieren.
Mit dem Hitzeeinsatzkonzept bereitet sich die Stadt Köln auf die kommenden Hitzewellen vor, um den gesundheitlichen Schutz vulnerabler Personen sicherzustellen
Die voraussichtlichen Gesamtkosten für das so genannte Integrierte Klimaanpassungskonzept (IKA): rund 150 Millionen Euro. Etwa 104 Millionen sollen nach Erwartung der Stadt aus dem Länder-und-Kommunal-Infrastrukturfinanzierungsgesetz (LuKIFG) fließen, dazu hofft man auf weitere Drittmittel. Die Finanzierung der Maßnahmen sei bereits beschlossen, die IKA-Vorlage selbst befinde sich aber noch im Gremienlauf und soll am 10. Dezember dem Rat vorgelegt werden.
Oberbürgermeister Torsten Burmester nennt Klimaanpassung auf Anfrage dieser Redaktion „eine zentrale Zukunftsaufgabe, um unsere Stadt widerstandsfähiger zu machen“. Die Stadt fordert klimaresiliente Ausstattung für Krankenhäuser, Pflege- und Eingliederungshilfe, Schulen und Kitas, Kühlgeräte für Kälteinseln, Entsiegelung und Begrünung im öffentlichen Raum sowie funktionierende Klimaanlagen in Bussen und Bahnen.
Verlässliche Finanzierung zentral
Kölns aktuelle Bilanz zeigt, wie komplex die Lage ist: Für 2025 verzeichnete die Stadt 36 Maßnahmen des Hitzeaktionsplans , darunter Warnungen, aber auch kühle Rückzugsorte. Doch Pocket Parks brauchen Pflege, Kälteinseln Personal und Betriebsmittel. Auf die Frage, ob es an Geld oder gesetzlicher Grundlage fehle, antwortet die Stadt knapp: „Beides“. Sie will Klimaanpassung als kommunale Pflichtaufgabe verankern und Bauleitplanung sowie Bestandsschutz konkretisieren. Eine Pflicht ohne Personal und verlässliche Finanzierung würde die Rechnung nur nach unten durchreichen.
Bund und Land NRW sollen deshalb Mindeststandards, klare Zuständigkeiten und mehrjährige Mittel bereitstellen. Burmester verspricht: „Mit dem Hitzeeinsatzkonzept bereitet sich die Stadt Köln auf die kommenden Hitzewellen vor, um den gesundheitlichen Schutz vulnerabler Personen sicherzustellen.“ Jetzt muss der Rat aus diesem Versprechen allerdings noch einen finanzierbaren Auftrag machen.
Für COP31 ist Köln mehr als ein lokales Beispiel. Die Präsidentschaft nennt klimaresiliente Gesundheitssysteme als Priorität; die Stadt zeigt, woran sich das messen lässt: Erreicht die Warnung den alleinlebenden älteren Menschen? Ist der kühle Raum tatsächlich zugänglich – und im nächsten Sommer noch geöffnet? Die Präsidentin des Global Health and International Development Institute, Magda Robalo, fordert, im Pressegespräch allgemeine Gesundheitsversorgung und Klimaanpassung zusammenzudenken. In Köln heißt das: Pflege, Rettungsdienst und Stadtplanung dürfen nicht getrennt geplant und finanziert werden.
Kollege Lachlan McIver, Gesundheitsberater im gemeinsamen Klima- und Gesundheitsbüro der Weltgesundheitsorganisation (WHO), sagt: „Das Problem ist nicht, dass wir nicht wissen, was geschieht. Das Problem ist, dass wir nicht handeln.“

