Kölner Stadt-Anzeiger · Community

Kommentare · 0

Abo

Schließung geplantUni und Kultur laufen Sturm gegen Sparpläne für das Römisch-Germanische Museum

Grüne, CDU und SPD wollten durch die Aufgabe des Belgischen Hauses Geld sparen. Jetzt wächst der Protest gegen die Pläne.

Von
Das Römisch-Germanische Museum ist derzeit im Belgischen Haus untergebracht.

Das Römisch-Germanische Museum ist derzeit im Belgischen Haus untergebracht.

Rund 1,5 Millionen Euro wollten Grüne, CDU und SPD sparen, indem sie das Interim des Römisch-Germanischen Museums (RGM) im Belgischen Haus schließen – und das Fell des erlegten Bären hatten sie auch schon verteilt, an die freie Szene. Nun zeigt sich: Die Rechnung des Haushaltsbündnisses war offensichtlich zu optimistisch.

58 von 90 Stimmen im Kölner Stadtrat

Denn die drei größten Fraktionen im Stadtrat, die gemeinsam über 58 der 90 Stimmen verfügen, hatten die Kosten nicht eingerechnet, die mit einer Schließung des Museums zwangsläufig entstehen. Exponate müssten fachgerecht verpackt, transportiert und eingelagert werden. Für das Personal wären andere Räume nötig, zugleich fielen Einnahmen aus dem Ticketverkauf weg. Der vermeintliche Sparcoup droht damit zu einer Blamage zu werden.

Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD) hatte im Gespräch mit dieser Redaktion bereits angedeutet, dass von der erwarteten Entlastung für den Haushalt womöglich wenig übrig bleibt. „Wir werden als Verwaltung jetzt prüfen müssen, ob das zu solchen Entlastungen führen kann. Durch die Verlagerung der Bestände und die Anmietung anderer Räume werden ja Kosten entstehen, die noch nicht eingerechnet sind“, sagte Burmester. Darüber müsse die Stadtverwaltung mit den Fraktionen sprechen – und das werde er auch tun.

Wie hoch die Folgekosten ausfallen können, zeigt ein früherer Vorschlag. Zwischenzeitlich war erwogen worden, das RGM-Interim in das Kulturzentrum am Neumarkt auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu verlagern. Diese Idee wurde wieder verworfen, weil allein dieser Umzug dem Vernehmen nach rund 750.000 Euro gekostet hätte.

Während die Kalkulation des Haushaltsbündnisses auf den Prüfstand muss, wächst in Köln der Widerstand gegen die geplante Schließung. Gleich drei offene Briefe haben Burmester sowie die Fraktionsspitzen von Grünen, CDU und SPD erhalten: einen von Prominenten, einen aus der Universität zu Köln und einen weiteren von Freundeskreisen verschiedener Kölner Kulturinstitutionen.

Prominente Kölnerinnen und Kölner wie Annette Frier, Navid Kermani, Wolfgang Overath, Frank Schätzing, Henning Krautmacher und Ludwig Sebus haben sich dem Protest angeschlossen und fordern, von einer Interimsschließung Abstand zu nehmen. Alle Unterzeichner des Aufrufs stehen auf der Liste der 150 wichtigsten Kölnerinnen und Kölner, die im „Kölner Stadt-Anzeiger“ und der „Kölnischen Rundschau“ erschienen ist.

Kritik verschiedener Kulturinstitutionen

Zu den Unterzeichnern des zweiten Schreibens gehören unter anderem die frühere Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner vom Zentral-Dombau-Verein, der Rechtsanwalt Konrad Adenauer von den Freunden des Kölnischen Stadtmuseums, der frühere Merck- und Lufthansa-Manager Karl-Ludwig Kley von den Freunden des Wallraf-Richartz-Museums und des Museum Ludwig sowie der Althistoriker Werner Eck von der Archäologischen Gesellschaft Köln.

„Wir bitten die Fraktionen im Rat der Stadt Köln, die geplante Schließung zu überdenken und vor einer Entscheidung eine vollständige Wirtschaftlichkeitsrechnung sowie eine Bewertung der kulturellen und standortwirtschaftlichen Folgen vorzulegen“, heißt es in dem Brief. Das römische Erbe sei das historische Fundament Kölns und ein wesentlicher Teil seiner kulturellen Identität und internationalen Ausstrahlung. Es während der Sanierung des Stammhauses am Dom öffentlich zugänglich und erlebbar zu halten, liege im Interesse der gesamten Stadt.

Kölns römisches Erbe sei mehr als ein touristisches Aushängeschild, betonen die Unterzeichner. Das Römisch-Germanische Museum bewahre Stadtgeschichte, unterstütze Forschung und vermittle sie jungen Menschen. Historische Orte stärkten zudem den Tourismus, der 2025 rund 5,5 Milliarden Euro Umsatz erzielt habe. Die zuletzt rund 35.000 Besucherinnen und Besucher des eingeschränkten Interims sagten wenig über den tatsächlichen Wert des Museums aus.

Das Stammhaus des Römisch-Germanischen Museums wird noch bis 2030 saniert.

Das Stammhaus des Römisch-Germanischen Museums wird noch bis 2030 saniert.

Auch Vertreterinnen und Vertreter der Archäologie und Altertumswissenschaften an der Universität zu Köln reagieren mit deutlichen Worten. Sie äußern in ihrem offenen Brief „Entsetzen“ über die Pläne und fordern, das Interim bis zur Wiedereröffnung des Stammhauses am Dom zu erhalten. Nach Angaben von Eckhard Deschler-Erb, Professor für Archäologie der Römischen Provinzen, haben rund 200 Lehrende und Studierende unterzeichnet.

Enge Zusammenarbeit mit der Wissenschaft

Wie diese Redaktion berichtet hat, wollen Grüne, CDU und SPD das Belgische Haus voraussichtlich Ende 2027 aufgeben. Dadurch soll die Stadt jährlich rund 500.000 Euro Miete sparen. Weil die Räumung etwa ein halbes Jahr dauern soll, müsste die Ausstellung allerdings schon Mitte 2027 schließen. Bis zur für Ende 2030 erwarteten Wiedereröffnung des Stammhauses am Roncalliplatz hätte das RGM dann mehr als drei Jahre keinen eigenen Ausstellungsort. Der Rat entscheidet am 12. November über die Pläne.

Die Universitätsangehörigen verweisen in ihrem Brief auf die jahrzehntelange Zusammenarbeit mit dem Museum. Zahlreiche Kolloquien und Fachtagungen seien nur dank der Gastfreundschaft im Belgischen Haus möglich gewesen. Das RGM sei ein „Lehr- und Forschungsort von größter Bedeutung“ für Schulen, die Universität und die breite Bevölkerung.

Für Studierende ein „Pfeiler der Ausbildung“

Auch in der universitären Lehre spiele das Museum eine zentrale Rolle. RGM-Direktor Marcus Trier unterrichtet seit Jahren an der Universität, die Exponate würden dabei regelmäßig einbezogen. Für Studierende sei das Museum zudem ein Ort praktischer Ausbildung: Sie lernten dort Museums-, Bildungs- und Vermittlungsarbeit kennen und könnten nachvollziehen, wie Stadtarchäologie, Öffentlichkeitsarbeit und die Präsentation von Funden zusammenspielten. Die Kooperation sei ein „unverzichtbarer Pfeiler“ ihrer Ausbildung.

Die Unterzeichner des offenen Briefs verweisen außerdem auf Kölns Bedeutung für die Erforschung der römischen Provinzen. Der Verlust eines Museums, das bedeutende Funde aus dieser Epoche bewahrt und vermittelt, wäre aus ihrer Sicht ein „erheblicher Einschnitt für Forschung, Lehre und die Vermittlung des archäologischen Erbes“.

Museumsdirektor Marcus Trier im RGM-Interim im Belgischen Haus

Museumsdirektor Marcus Trier im RGM-Interim im Belgischen Haus

Dass die Stadt angesichts ihrer schwierigen Haushaltslage auch bei Kultur und Bildung sparen müsse, stellen die Verfasser des offenen Briefs nicht grundsätzlich infrage. Doch aus ihrer Sicht darf die Haushaltsnot nicht dazu führen, gewachsene Bildungsnetzwerke zu zerstören, die sich später nur mit großem Aufwand wieder aufbauen ließen. Sie appellieren an Rat und Oberbürgermeister, das RGM so zu fördern, dass der Betrieb im Belgischen Haus fortgesetzt werden kann.

Ausgerechnet der Direktor des von der Schließung bedrohten Museums kann sich derzeit nicht selbst zu den Plänen äußern. Das Presseamt der Stadt teilte auf Anfrage mit, Marcus Trier stehe nicht für ein Interview zur Verfügung, weil die Verwaltung den politischen Auftrag noch prüfe.

Während die Grünen an den Plänen für die Schließung festhalten wollen, deuten CDU und SPD nach dem Protest aus Kultur und Wissenschaft an, sich das Ganze noch einmal genauer anschauen zu wollen. Die Frage, warum sie die Kosten für Umzug, Lagerung und die Unterbringung der Exponate nicht vorab eingerechnet hatten, ließen allerdings alle drei Fraktionen unbeantwortet.

„Den Verzicht auf das RGM-Interim hat das Haushaltsbündnis gründlich abgewogen und sich dafür entschieden. Unserer Kenntnis nach gibt es hier Sparpotenzial, das wir gerne nutzen würden“, sagt Grünen-Fraktionschefin Christiane Martin. Sie fordert zugleich, dass Umzugs- und Lagerkosten nicht zu hoch angesetzt werden dürften. Als Ausgleich schlagen die Grünen einen „römisch-germanischen Pfad“ durch Köln vor.

CDU-Fraktionschef Bernd Petelkau klingt bereits deutlich zurückhaltender. „Wir wollen mit dieser Maßnahme vor allem den Druck auf die Beteiligten erhöhen, dass die Wiederinbetriebnahme des Baus am Roncalliplatz beschleunigt wird“, sagt er. Das betreffe sowohl die Bauarbeiten als auch die Vorbereitung der überarbeiteten Ausstellung.

SPD-Fraktionschef Christian Joisten schwächt die ursprüngliche Position seiner Fraktion ab. „Wir schätzen das große Engagement aus Kultur und Wissenschaft für das Römisch-Germanische Museum sehr, nehmen die Einwände ernst und beziehen diese in die weiteren Beratungen mit ein“, sagt er. Ob die Kündigung des Interims trotz aller Folgekosten tatsächlich Geld spare, werde nun geprüft.