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HaushaltskriseFür 500.000 Euro im Jahr soll Kölns römische Geschichte verschwinden

Das Römisch-Germanische Museum soll für mindestens drei Jahre schließen. Aus Kulturszene und Wissenschaft kommt scharfe Kritik.

Das Römisch-Germanische Museum am Dom wird für 177 Millionen Euro saniert.

Das Römisch-Germanische Museum am Dom wird für 177 Millionen Euro saniert.

Die geplante Aufgabe des Interims des Römisch-Germanischen Museums (RGM) hat in der Kölner Kulturszene scharfe Kritik ausgelöst. Sollte die Ausstellung im Belgischen Haus Mitte 2027 schließen, hätte das Museum für mehr als drei Jahre keinen festen Ausstellungsort.

Kritiker bezweifeln, dass die Stadt dadurch tatsächlich 1,5 Millionen Euro sparen würde. Abgezogen werden müssten entfallende Eintrittseinnahmen sowie die Kosten für Räumung, Transport und Lagerung der Exponate. Zudem wäre Kölns römisches Erbe jahrelang nicht mehr in einem Museum sichtbar.

Mehrheit im Rat gilt als sicher

Grüne, CDU und SPD wollen das Belgische Haus wie berichtet voraussichtlich Ende 2027 aufgeben und jährlich rund 500.000 Euro Miete sparen. Bis zur für Ende 2030 erwarteten Wiedereröffnung des Stammhauses am Dom, dessen Sanierung 177 Millionen Euro kostet, könnten einzelne Exponate lediglich an wechselnden Orten gezeigt werden. Da die Räumung voraussichtlich ein halbes Jahr dauert, müsste die Ausstellung allerdings bereits Mitte 2027 schließen.

Der Vorschlag gehört zu den Änderungen am städtischen Doppelhaushalt für 2027 und 2028. Im Finanzausschuss am Freitag spielte das geplante Aus für das Interim – abgesehen von einem Wortbeitrag der AfD – kaum eine Rolle. Mit den Stimmen von Grünen, CDU und SPD empfahl das Gremium dem Rat, den geänderten Entwurf zu beschließen. Die abschließende Entscheidung fällt am 12. November. Da die drei Fraktionen 58 der 90 Mandate stellen, gilt eine Mehrheit als sicher.

„Kölsche“ Venus im Belgischen Haus

„Kölsche“ Venus im Belgischen Haus

Grünen-Fraktionschefin Christiane Martin begründete den Vorstoß am Donnerstag auch mit der geringen Publikumsresonanz. Die Besucherzahl sank von 49.227 im Jahr 2023 über 37.842 im Jahr 2024 auf 35.319 im vergangenen Jahr. 2018, im letzten Jahr des Stammhauses am Dom, waren 193.200 Gäste gekommen.

Von den Besuchern des Jahres 2025 zahlten laut Stadt 16.511 Eintritt, 18.808 kamen kostenlos. Die Einnahmen betrugen 91.887 Euro. Von Januar bis September 2026 wurden 26.618 Besucher gezählt und 63.940 Euro eingenommen. Wie sich die freien Eintritte auf Schulklassen, den Köln-Tag und andere Angebote verteilen, teilt die Stadt nicht mit.

Mit 35.319 Besuchern lag das RGM 2025 nahezu gleichauf mit dem Kölnischen Stadtmuseum. Dessen Interim im früheren Modehaus Sauer zählte 35.831 Gäste. Die Stadt zahlt dafür jährlich rund 725.000 Euro Miete – etwa 45 Prozent mehr als für das RGM im Belgischen Haus.

Stadt Köln kann Kosten nicht beziffern

Wie viel dessen Aufgabe kosten würde, kann die Stadt auf Anfrage dieser Redaktion nicht beziffern. Ausgaben für den Rückbau der Ausstellung, Verpackung und Transport der Exponate, deren Unterbringung sowie den Auszug von Direktion, Verwaltung und Stadtarchäologie ließen sich kurzfristig nicht ermitteln, sagt eine Sprecherin. Eine valide Schätzung und einen neuen Standort für die Büros gebe es nicht. Auch ob genügend geeignete Depotflächen verfügbar sind, ist offen. Im Haushaltsplanentwurf der Verwaltung sind die Folgekosten nicht berücksichtigt, weil dieser keine Aufgabe des Interims vorsieht.

Kulturdezernent Stefan Charles äußert sich zurückhaltend zu dem Vorstoß. „Ich bin überzeugt, dass es den haushaltstragenden Fraktionen nicht leichtgefallen ist, die Schließung des RGM vorzuschlagen. Angesichts der angespannten Haushaltslage haben sie sich erkennbar um einen verantwortungsvollen Umgang mit den finanziellen Ressourcen der Stadt bemüht. Als Kulturdezernent würde mich die Schließung jedoch sehr schmerzen“, sagt Charles.

SPD-Fraktionschef Christian Joisten hatte allerdings betont, die Sparpläne der drei Fraktionen seien mit der Verwaltung abgestimmt: „Hier steht nichts drin, was nicht auch mit der Fachverwaltung rückgekoppelt ist.“ Ob Charles vorab davon wusste und zustimmte, beantwortete die Stadt nicht. Die Haushaltsberatungen seien die „Königsdisziplin des Rates“ – die Verwaltung wolle der Entscheidung nicht vorgreifen. Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD) wollte sich auf Anfrage nicht zu dem Vorgang äußern.

Die FDP/KSG-Fraktion hält es für falsch, die Schließung mit niedrigen Besucherzahlen zu begründen. Sie verweist auf die verzögerte Sanierung, die Kosten für die Einrichtung des Ausweichquartiers und dessen aus ihrer Sicht unzureichende Unterstützung. „Wer ausgerechnet hier den Rotstift ansetzt, sollte sich fragen, welche Bedeutung ihm die Kulturgeschichte Kölns eigentlich noch wert ist“, sagt Fraktionsgeschäftsführer Ulrich Breite.

„Ich bin fassungslos, das ist eine Bankrotterklärung der Politik“, sagt Klaus Burghard, Vorstandsvorsitzender der Miqua-Freunde. Nachdem bereits das Wallraf-Richartz-Museum geschlossen sei, gebe es offenbar keine Hemmungen mehr, weiteren Häusern ihren Ausstellungsort zu nehmen.

„Dabei stimmt noch nicht einmal die Rechnung, die Stadt wird damit keine 1,5 Millionen Euro sparen“, sagt Burghard. Das RGM müsse ausgeräumt, die Exponate gelagert werden, zugleich brächen Einnahmen weg. Seiner Kenntnis nach habe es keine Gespräche mit der Museumsleitung gegeben. „Diese Ignoranz ist das Schlimmste. Köln ruiniert mit dieser Entscheidung den Ruf als Kulturstadt.“

„Es ist bodenlos und unglaublich kulturlos, wenn wir so unsere Geschichte über Bord werfen“, sagt Christof Gaudig von der Archäologischen Gesellschaft. „Unsere römische Geschichte ist es, was uns ausmacht und Köln zusammen mit Dom und Karneval nach außen trägt.“

Das Dionysosmosaik im Römisch-Germanischen Museum

Das Dionysosmosaik im Römisch-Germanischen Museum

Stadtführerin Ilona Priebe, Vorsitzende des Vereins Guides Köln, sagt: „Wir haben keine Highlights mehr zu bieten. Wir machen das wie ein Dorf in der Eifel.“ Köln verfüge über „irrsinnige Schätze“ wie den 113 Meter langen römischen Abwasserkanal unter der Großen Budengasse. Dieser ist seit 2018 geschlossen, eine Perspektive für die Wiedereröffnung fehlt. Auf ihren Führungen zeige sie nur noch „das Letzte, was man noch kriegen kann“ – vor allem Reste der Stadtmauer und römischer Türme.

„Alles, was wir zeigen, zeigen wir mit Dreck, Uringestank oder Graffiti“, sagt Priebe. „Weil wir so wenig haben, ist alles, was wir noch schließen, eine Katastrophe. In dem Punkt sind wir Provinzstadt, nur würde jede Provinzstadt ihr Erbe besser präsentieren.“ Schulklassen müssten demnächst nach Xanten fahren, statt römische Spuren in Köln kennenzulernen.

Auch Eckhard Deschler-Erb, Professor für Archäologie der Römischen Provinzen an der Universität zu Köln, reagiert „mit großer Verwunderung“. Der finanzielle Effekt tendiere gegen null, weil die Funde weiter gepflegt und gesichert sowie Räume für Beschäftigte und Stadtarchäologie bereitgestellt werden müssten. Das Institut kooperiere eng mit dem RGM, Lehrveranstaltungen fänden vor den Vitrinen statt. Für die universitäre Ausbildung entstünde eine „schmerzhafte Lücke“.

Die Debatte fällt in eine Zeit, in der Kölns Umgang mit seinem römischen Erbe zunehmend kritisiert wird. Im Jahr 2050 jährt sich die Verleihung der Stadtrechte zum 2000. Mal. Bis dahin soll die Verwaltung Zugänglichkeit, Sanierungsbedarf und Kosten sämtlicher Außen- und Bodendenkmäler erfassen.

Der Handlungsbedarf zeigt sich rund um den Dom: Dionysos-Mosaik und Poblicius-Denkmal sind wegen der RGM-Sanierung nicht zugänglich. Die römische Hafenstraße fristet ein Schattendasein, das Hafentor am Kurt-Hackenberg-Platz wartet weiter auf seine Öffnung. Angesichts der Haushaltslage ist offen, woher das Geld für die notwendigen Sanierungen kommen soll.