Steine fliegen, Polizeikräfte werden angegriffen, Menschen verletzt. Die Bilder aus Köln und anderen deutschen Großstädten sind erschreckend. Gewalt ist kein legitimes Mittel politischer Auseinandersetzung. Wer Einsatzkräfte attackiert, Menschen gefährdet oder fremdes Eigentum zerstört, muss mit den Konsequenzen unseres Rechtsstaates rechnen. Daran darf es keinen Zweifel geben.
Aber es wäre ein schwerer Fehler, wenn sich unsere gesellschaftliche Debatte jetzt ausschließlich um diese Bilder drehen würde. Denn auch viele junge Menschen sind friedlich auf die Straße gegangen. Sie wollten gehört werden. Stattdessen drohen ihre Anliegen nun hinter den Bildern der Gewalt zu verschwinden.
Demokratie bedeutet auch Widerspruch
Wir dürfen nicht zulassen, dass diejenigen, die friedlich für ihre Überzeugungen eintreten, mit jenen gleichgesetzt werden, die Proteste für Gewalt missbrauchen. Gerade eine wehrhafte Demokratie muss hier unterscheiden können. Dabei geht es nicht darum, jede Forderung der jungen Generation für richtig zu erklären. Demokratie bedeutet auch Widerspruch. Aber wer politische Forderungen ablehnt, sollte sie zuvor wenigstens ernsthaft angehört haben. Und wer junge Menschen für mangelndes politisches Interesse kritisiert, darf nicht wegsehen, wenn sie sich einmischen.

Polizisten überwältigen einen Demonstranten in Köln. Die Initiative „Gen Z regelt“ hatte für den 31. Oktober zu Protesten in rund 30 Städten aufgerufen. (Archivbild)
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Die Proteste sollten uns deshalb auch eine unbequeme Frage stellen lassen: Haben wir als Politik eigentlich noch ausreichend Zugang zu den Lebenswirklichkeiten junger Menschen? Wir dürfen nicht unterschätzen, unter welchen Bedingungen diese Generation aufwächst. Die Corona-Pandemie hat jungen Menschen in einer entscheidenden Lebensphase vieles genommen: unbeschwerte Schuljahre, Begegnungen, gemeinsame Erlebnisse.
Viele junge Menschen erleben eine Welt, in der eine Krise die nächste ablöst. Von ihnen erwarten wir Zuversicht, Leistungsbereitschaft und Vertrauen in die Zukunft. Aber geben wir ihnen auch genügend Gründe dafür? Wie bekommen wir das für unsere Bundesrepublik konstitutive Aufstiegsversprechen wieder eingelöst? Diese Frage muss sich die Politik stellen.
Politische Teilhabe beginnt mit guter Kommunikation
Viele politische Entscheidungen betreffen ihre Zukunft unmittelbar. Die Qualität unserer Schulen, die Kosten des Wohnens, die Folgen des Klimawandels, die Finanzierung unseres Sozialstaates. Gleichzeitig erleben junge Menschen eine politische Debatte, in der häufig über sie gesprochen wird, aber zu selten mit ihnen. Die Entscheidungsträger sind meist deutlich älter als diejenigen, die mit den langfristigen Folgen ihrer Beschlüsse leben müssen.
Dabei beginnt politische Teilhabe mit guter Kommunikation. Wer junge Menschen erreichen will, muss verstehen, wie sie sich informieren, wie sie diskutieren und welche Fragen sie beschäftigen. Auch staatliche Institutionen müssen deshalb auf digitalen Plattformen präsent sein. In Köln nutzen wir dafür unterschiedliche soziale Medien und seit 2025 auch TikTok.
Dass gerade diese Plattform aus guten Gründen kritisch diskutiert wird, etwa mit Blick auf Datenschutz und Abhängigkeiten von großen Technologiekonzernen, ist uns bewusst. Diese Debatte müssen wir führen. Zugleich dürfen wir uns nicht aus den digitalen Räumen zurückziehen, in denen sich ein erheblicher Teil der öffentlichen Meinungsbildung vollzieht.
Wir brauchen neue Formen demokratischer Beteiligung
Dabei gilt eine klare Grenze: Staatliche Kommunikation muss informieren, erklären und zum Dialog einladen. Sie darf nicht zur Werbung für politische Amtsträger werden. Gerade bei jungen Zielgruppen ist Glaubwürdigkeit wichtiger als jede Reichweite.
Doch selbst die beste Kommunikation ersetzt keine echte Beteiligung. Wir müssen jungen Menschen nicht nur erklären, warum Entscheidungen getroffen werden. Wir müssen ihnen mehr Möglichkeiten geben, an diesen Entscheidungen mitzuwirken. Dafür brauchen wir neue Formen demokratischer Beteiligung. Jugendforen, digitale Dialogangebote, direkte Gespräche mit politischen Entscheidungsträgern und Beteiligungsformate, die nicht erst dann beginnen, wenn die wesentlichen Entscheidungen längst gefallen sind. Und wir müssen bereit sein, Verantwortung und Einfluss tatsächlich zu teilen.
In Köln neuen Dialog mit jungen Menschen anstoßen
Als Oberbürgermeister einer Millionenstadt sehe ich darin eine besondere Aufgabe der Kommunen. Denn hier wird Demokratie konkret. Hier geht es um Schulen, Mobilität, öffentliche Räume, Sport- und Freizeitangebote. Hier können junge Menschen unmittelbar erleben, dass ihre Stimme etwas verändert.Deshalb möchte ich in Köln einen neuen, dauerhaften Dialog mit jungen Menschen anstoßen. Offen für unterschiedliche Positionen, auch für deutliche Kritik an der Politik. Nicht als symbolische Veranstaltung, sondern mit dem Anspruch, daraus konkrete Veränderungen entstehen zu lassen.

Die jungen Teilnehmenden demonstrierten nach eigenen Angaben für „Bildung, Gesundheit, Klimaschutz und ein bezahlbares Leben, gegen die Wehrpflicht und gegen einen Sparkurs auf unserem Rücken“. (Archivbild)
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Aber diese Aufgabe dürfen wir nicht allein den Städten und Gemeinden überlassen. Auch Bund und Länder müssen Jugendbeteiligung stärker als dauerhafte demokratische Aufgabe begreifen. Wir brauchen eine politische Kultur, in der junge Menschen selbstverständlich an der Gestaltung ihrer Zukunft beteiligt werden – nicht erst dann, wenn sie lautstark protestieren.
Wahlalter bei Bundestagswahlen auf 16 Jahre senken
Dazu gehört für mich auch, das Wahlalter bei Bundestagswahlen auf 16 Jahre zu senken. Wer mit 16 Jahren bei Europawahlen seine Stimme abgeben darf, sollte auch über die Zusammensetzung des Deutschen Bundestages mitentscheiden können. Gerade junge Menschen werden die langfristigen Folgen heutiger Entscheidungen besonders lange tragen.

Polizeikräfte umstellen eine Gruppe von Demonstranten in Köln, um deren Personalien aufzunehmen. Die Initiative «Genz Z regelt» hatte für den 31. Oktober zu Protesten in rund 30 Städten aufgerufen. (Archivbild)
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Deshalb sollten wir ihnen früher die Möglichkeit geben, demokratische Verantwortung zu übernehmen. Politische Mündigkeit beginnt nicht automatisch mit dem 18. Geburtstag. Und Demokratie lernt man nicht allein im Politikunterricht, sondern auch dadurch, dass man sie selbst ausübt. Wer von jungen Menschen verlangt, Verantwortung für unsere Gesellschaft zu übernehmen, muss ihnen auch das Vertrauen entgegenbringen, politische Entscheidungen mitzugestalten.
Jugendbeteiligung darf kein wohlmeinendes Zusatzangebot sein, das bei knappen Kassen als Erstes infrage gestellt wird. Sie muss zu einem selbstverständlichen Bestandteil demokratischer Entscheidungsprozesse werden. Denn das Vertrauen in unsere Demokratie entsteht nicht allein durch gute Gesetze oder richtige Entscheidungen. Es entsteht durch die Erfahrung, gehört und ernst genommen zu werden. Diese Erfahrung müssen wir gerade der jungen Generation ermöglichen.
Die Gewalt der vergangenen Tage verlangt eine klare Antwort des Rechtsstaates. Der friedliche Protest der jungen Generation verlangt eine Antwort der Politik. Wir sollten beides nicht miteinander verwechseln. Und wir sollten vor allem nicht zulassen, dass die Lautesten und Gewalttätigsten darüber bestimmen, ob die Anliegen einer ganzen Generation gehört werden.
Zur Person: Torsten Burmester ist seit 2025 Oberbürgermeister von Köln. Der 1963 geborene SPD-Politiker war zuvor Vorstandsvorsitzender des Deutschen Olympischen Sportbunds.

