Sinneswandel nach AnfrageKölner Altenheim hielt Mundschutz nicht für nötig

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Im Clara-Elisen-Stift leben 82 Bewohner, 53 Angestellte arbeiten hier.

  1. Ein Altenheim, in dem die Verantwortlichen es aktuell nicht für nötig halten, dass ihre Angestellten eine Atemmaske tragen, scheint undenkbar.
  2. Im Kölner Clara-Elisen-Stift am Karthäuserwall allerdings soll genau diese Regel gegolten haben, bis der „Kölner Stadt-Anzeiger“ sich am Montagmorgen danach erkundigte.
  3. Wir erzählen die absurde Geschichte eines leichtsinnigen Umgangs mit Covid-19.

Köln – Die Corona-Krise ist eine Zeit der Widersprüche, in der man sich über vieles nicht mehr wundert. Ein Alten- und Pflegeheim, in dem das Personal keinen Mund-Nasenschutz trägt, weil die Verantwortlichen das nicht für nötig halten, ist aber denn doch noch eher ungewöhnlich.

Im Clara-Elisen-Stift am Karthäuserwall soll diese Regel gegolten haben, bis der „Kölner Stadt-Anzeiger“ sich am Montagmorgen danach erkundigte. So berichten es mehrere Menschen aus dem Umkreis der Einrichtung – von der Heimleitung wird die Groteske nicht dementiert.

Keine Maskenpflicht in Heimen

„Wir konnten es nicht begreifen: Da wurde völlig unnötig ein Einfallstor für das Virus geöffnet, eine Entscheidung, die man höchstens Donald Trump zutrauen würde“, sagt ein Angehöriger. „Wir waren in großer Sorge. Noch am Wochenende hat in dem Heim niemand einen Mundschutz getragen. Der Heimleiter hat das damit begründet, dass die alten Menschen sonst irritiert seien und es ja gar nicht erwiesen sei, ob ein Mundschutz überhaupt helfe“, sagt eine Angehörige.

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Die Rezeptionistin habe ihr gesagt, dass seit Montagmittag plötzlich jeder in dem Heim einen Mundschutz tragen müsse. Tatsächlich betreten am frühen Montagnachmittag zwei Angestellte das Haus ohne Mundschutz – Pflegerinnen, die das Haus verlassen, tragen Maske.

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Obwohl seit Montag auch Erstklässler in Bus, Bahn und Supermarkt einen Mundschutz tragen müssen, gibt es keine allgemeine Mundschutzpflicht für Alten- und Pflegeheime in NRW.

Das Gesundheitsministerium NRW bewertet die Empfehlung des Robert-Koch-Insituts, dass Personal im Umgang mit der Risikogruppe Mundnasenschutz tragen solle, indes als „bindend für die Pflegeeinrichtungen“. Das Stift hat bislang die Empfehlungen eines Hygienevortrags der Feuerwehr vom 9.April in dem Heim frei interpretiert. In dem Vortrag heißt es: OP-Masken schützen nicht vor Coronaviren. Sie könnten vom Personal getragen werden, dies sei aber die Entscheidung des Trägers.

Bewohnerin aus Kölner Heim bestätigt Arbeitsweise

Bei einem Anruf am Montagmorgen will sich der Einrichtungsleiter nicht äußern. Pfarrer Mathias Bonhoeffer, Leiter des Kuratoriums des Clara-Elisen-Stifts, in dem es bei einer Sitzung Ende März keine Mehrheit für eine Maskenpflicht in dem Heim gegeben haben soll, verweist darauf, dass er sich mit der Pressestelle der Diakonie besprechen will – die den Fall zunächst gar nicht kennt. 53 Angestellte arbeiten in dem Heim.

Dass sie bis zuletzt ohne Maske gearbeitet haben, bestätigt auch eine Bewohnerin, für die indes schwerer wiegt, dass sie ihre Angehörigen nicht mehr sehen dürfe. „Seit Anfang vergangener Woche sind Treffen im Außenbereich nicht möglich – vorher konnten wir uns auf Abstand und mit Mundschutz auf einer Bank vor der Tür treffen. Ich fühle mich hier wie im Gefängnis“, sagt sie. Zwischendurch sei es nur möglich gewesen, die Angehörigen durch eine halb geöffnete Scheibe zu sehen. In einem Heim, in dem das Personal keinen Mundschutz trägt, erscheint das eigenwillig.

Fragen bleiben unbeantwortet

Auch hier hat sich der Wind auf öffentlichen Druck hin offenbar schnell gedreht: Die Pressestelle schreibt in einer allgemein gehaltenen Antwort: „Alle Bewohnerinnen und Bewohner dürfen, wenn Sie körperlich dazu in der Lage sind, das Haus jederzeit unter der Beachtung der Hygienemaßnahmen verlassen.“ „Auch diese Kehrtwende ist ungeheuerlich. Damit wird ein neues Einfallstor geöffnet“, wundert sich ein Angehöriger.

Fragen dazu, wie der Verzicht auf Masken für das Personal zustande kam und warum die Empfehlungen von Gesundheitsamt und Robert-Koch-Institut nicht umgesetzt wurden, werden nicht beantwortet. Es heißt lediglich: „Die Leitung des Clara-Elisen-Stiftes bewertet die Situation regelmäßig neu.“