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DrogenszeneKölner Neumarkt verwahrlost zunehmend – Anwohner in Sorge

Lesezeit 6 Minuten
Neumarkt Dealer

Zwei Männer bei einem mutmaßlichen Drogendeal auf der Treppe zur U-Bahn

  • Vor neun Monaten sprach Oberbürgermeisterin Henriette Reker von „dringendem Handlungsbedarf“ am Neumarkt.
  • Wenig bis nichts habe sich seitdem verbessert, klagen Anwohner – eher im Gegenteil.
  • Unsere Reporter haben sich nachts und am Tag am Neumarkt umgesehen und beschreiben Eindrücke einer zunehmenden Verwahrlosung.

Köln – Die beiden Männer versuchen nicht einmal, unauffällig zu sein. Breitbeinig stehen sie am Montagabend dieser Woche um 22.05 Uhr mitten auf der Treppe, die auf dem Neumarkt schräg gegenüber von Thalia in die U-Bahn-Passage führt. Für jeden sichtbar tauschen sie Heroin gegen Bargeld. Weder von drei spanisch sprechenden Touristen, die sich an ihnen vorbei drücken müssen, lassen sie sich stören noch vom Sirenengeheul eines Streifenwagens, der oben vorüber fährt. Nach dem Deal bückt sich einer der Männer, zieht sein rechtes Hosenbein hoch und setzt sich eine Spritze in die Wade.

Szenen wie diese lassen sich dieser Tage wieder massenhaft beobachten am Neumarkt – neuerdings auch und insbesondere am späten Abend. „Dann werden die Zustände unerträglich“, klagt Guido Köhler von der Bürgerinitiative Zukunft Neumarkt. In vielen Ecken liegt benutztes Spritzbesteck vom Tag, Alufolie vom Heroin-Aufkochen und anderer Müll. Die Anwohner sind genervt vom Gebrüll der Junkies und Dealer, regelmäßig müssen Polizei und Ordnungsamt nach Einbruch der Dunkelheit für Ruhe sorgen, vor allem im Bereich des Josef-Haubrich-Hofs, der U-Bahn-Zwischenebene „Hugo“ und in der Lungengasse hinter dem Gesundheitsamt.

Kölner Neumarkt: Polizei fahndet nach Randalierer

Wer sich an diesem Abend nach 23 Uhr über den Josef-Haubrich-Hof bewegt, trifft auf mehrere Gruppen junger Männer. Viele tragen Käppies, Bauchtaschen und Turnschuhe. Sie stehen scheinbar gelangweilt im Dunkeln beisammen, manche halten Bierflaschen in der Hand.

Alles zum Thema Henriette Reker

Sie mustern jeden, der über den Platz geht. Zwei schlendern gezielt auf den Reporter zu, der schon zum zweiten Mal vorbeiläuft und sich damit offenbar verdächtig macht. Einer der Männer kommt nahe heran, die Hände in den Taschen, und raunt etwas, das nicht zu verstehen ist. Eine unbehagliche Situation.

Zustände am Neumarkt waren „nur einmal schlimmer“ als zurzeit

Nichts ist aus Sicht vieler Anwohner und Geschäftsleute besser geworden, seit der „Kölner Stadt-Anzeiger“ im vergangenen Herbst ausführlich über die Zustände auf dem Neumarkt berichtet hat. „Die Situation ist nicht hinnehmbar. Es besteht ohne jeden Zweifel dringender Handlungsbedarf“, hatte Oberbürgermeisterin Henriette Reker im September gesagt – und hinzugefügt, die Probleme seien „nicht kurzfristig“ zu lösen. Neun Monate bis heute scheinen jedenfalls nicht gereicht zu haben. „Es war in all den Jahren nur einmal schlimmer als im Augenblick“, sagt Guido Köhler: „2019, kurz vor Beginn der Pandemie, als Junkies auch auf den Wiesen vor den Museen gesessen und offen Drogen konsumiert haben. Diesen Zustand haben wir glücklicherweise noch nicht wieder erreicht, aber wir sind nahe dran.“

Der nächste Vormittag auf dem Neumarkt: Drei junge Männer, ein Deutscher, ein Osteuropäer und ein Schlacks mit Sonnenbrille und über den Kopf gezogener Hoodie-Kapuze teilen sich das Drogengeschäft heute offensichtlich. Wobei der Osteuropäer, nahezu ständig umringt und damit geschützt von einigen Landsleuten, der momentane Platzhirsch zu sein scheint. Die anderen beiden verschwinden wieder, nachdem sie immer wieder aufmerksam in Richtung der Osteuropäer geschaut haben, zu denen sie auf Distanz bleiben. 

Junkies schließen sich auf Café-Toilette am Haubrich-Hof ein

„Im Einsatz für dich und für Köln“, steht in weißen Großbuchstaben auf dem roten Bürocontainer der Stadt, der an der Seite zur Schildergasse auf dem Neumarkt steht. Der Container ist verwaist, wie oft. Im Fenster hängt ein Zettel und eine Handynummer: „Ich bin auf dem Neumarkt für Sie unterwegs. Sie erreichen mich unter der Mobilnummer oder unter zvs@stadt-koeln.“ Zehnmal klingeln, zum Test, dann geht jemand dran. Und fragt, ob und wie er helfen kann. Immerhin. 

Walter Schuch, Inhaber des Orthopädie-Geschäftes Stortz, sitzt gegen 14 Uhr im Eiscafé am Haubrichhof. Mittagspause, Schuch hält ein Schwätzchen mit den Nachbarn. Das Café solle verkauft werden, sagt eine Mitarbeiterin des Lokals. Der ständige Ärger mit den Drogensüchtigen, die sich immer wieder auch auf der Toilette einschließen würden. Aus Angst schließe man mittlerweile zwei Stunden früher, um 18 statt um 20 Uhr. 

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„Wenn ich könnte, würde auch ich meinen Laden an einen anderen Ort umsetzen. Das ist nicht mehr zu ertragen“, betont Schuch. „Durch den seit 2016 geplanten und jetzt erst umgesetzten Drogenkonsumraum im Gesundheitsamt, der viel zu klein ist und keinerlei Aufenthaltsqualität hat, kommen immer mehr Süchtige, die sich dann sediert im Umfeld aufhalten.“ Geplant sei der Raum für bis zu 300 Abhängige, „vorsichtig geschätzt kommt mittlerweile vermutlich die dreifache Zahl“. 

Aber für das „ganze Drumherum, für die Dealer und das Desaster mit der Gewalt und die Randale durch die Abhängigen“ sei „von der Stadt offenbar keinerlei Vorsorge“ getroffen worden, sagt Schuch. In Sichtweite, etwa 100 Meter entfernt, hocken zwei junge Männer vor einer kleinen Mauer und setzten sich eine Spritze.

Kölner Geschäftsleute beschäftigen einen Sicherheitsdienst

Ein Wachmann kommt gerade von einem Einsatz, bei dem er einen aggressiven Drogensüchtigen überwältigt hat, der mit einer Flasche zuschlagen wollte. Fünf Minuten später stellen acht Polizisten drei verdächtige Männer hinter der Kirche St. Peter. 15 Minuten dauert der Einsatz. Die Osteuropäer müssen ihre Taschen leeren, sich ausweisen. Eine Polizistin findet mit einer trüben Flüssigkeit gefüllte Spritzen im Gepäck. Ein Kollege sucht offenbar erfolglos nach weiteren Drogen unter Pflastersteinen, die gelockert wurden und womöglich als Versteck dienen könnten. „Das ist der traurige Alltag hier, nichts besonders mehr“, sagt Schuch und winkt ab. „Wenn wir alles zusammenrechnen, summieren sich die jährlichen Kosten für die Security im Umfeld locker auf einen siebenstelligen Betrag.“

Kurz vor 17 Uhr: Ein Rettungswagen verlässt den Neumarkt mit einem Patienten. „Womöglich ein Drogenkollaps, wir wissen es noch nicht“, sagt der Fahrer. Der Feierabend-Verkehr dient den Dealern als Tarnung. Abverkauf im Akkord. Ein Jugendlicher schluckt vier Tabletten, die er gerade gekauft hat. „Ihr werdet immer teurer“, raunt er. Der Händler ruft zurück: „Die Preise machen andere, ich bekomme nur zehn Prozent.“

Aber nicht nur Sicherheitsdienste und die Polizei, auch das Ordnungsamt ist im Umfeld des Neumarkts im Dauereinsatz, um wenigstens die größten Auswüchse zu bekämpfen. Montagabend, kurz nach 23 Uhr: Drei Einsatzkräfte laufen Streife auf dem Haubrich-Hof. Einer hält einen gelben Eimer in der Hand. Sie gehen dunkle Ecken ab, Garageneinfahrten, Hauseingänge und die Hugo-Passage, leuchten mit Taschenlampen auf den Boden, sammeln benutzte Spritzen auf und werfen sie in den Eimer – so wie jeden Tag. Im Behördendeutsch ist das eine „Maßnahme zur Gefahrenabwehr“.

Brüllt jemand zu laut herum oder setzt sich einen Schuss vor aller Augen, sprechen sie diejenigen an, fordern sie auf, leiser zu sein oder sich zu entfernen. Sie könnten auch eine Geldbuße verhängen, eine Anzeige schreiben wegen „Belästigung der Allgemeinheit“, Paragraf 118, Ordnungswidrigkeitengesetz. Aber nutzt das etwas? Viele der Junkies sind obdachlos. Ein Ordnungsdienstler sagt: „Die haben ja nicht mal eine Zustelladresse.“

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