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Interview

Vor 100 Jahren
Kölner feierten das Ende der britischen Besatzung spontan am Dom

4 min
Befreiungsfeier am 1. Februar am Dom nach dem Abzug der Besatzer.

Befreiungsfeier am 1. Februar am Dom nach dem Abzug der Besatzer.

In der Nacht zum 1. Februar 1926 endete die erste britische Besatzung in Köln. Christopher Nonn ordnet das Geschehen ein.

Viele Kölner kamen in der Nacht zum 1. Februar 1926 zu einer spontanen Feier am Dom zusammen. Gefeiert wurde das Ende der britischen Besatzung als Folge des verlorenen Ersten Weltkriegs. Oberbürgermeister Konrad Adenauer sagte: „Schweres haben wir erdulden müssen durch die harte Faust des Siegers in sieben langen Jahren.“ Hat er die Besatzungszeit wirklich so negativ gesehen?

Er hat die Besatzung schon so negativ gesehen, weil alle Deutschen die Besatzung negativ gesehen haben. Allgemeine Auffassung war, dass sie nicht allein schuld waren am Ersten Weltkrieg, dass dieser Alleinschuld-Paragraf des Versailler Vertrags und die daraus abgeleitete Besatzung der linksrheinischen Gebiete zur Sicherung des Waffenstillstands ein Unrecht sei. Und natürlich war diese britische Besatzung unangenehm gewesen. Zivilisten mussten Militärangehörige grüßen, Wohnraum wurde beschlagnahmt, Tennisplätze und Clubs. Die Kölner haben das als Angehörige der deutschen Nation als Demütigung empfunden.

Adenauer soll direkt nach dem Ersten Weltkrieg der Besatzung gar nicht so negativ gegenübergestanden haben …

Ja, das war natürlich in der Revolutionszeit im November 1918, als alles drunter und drüber ging und die deutschen Sicherheitskräfte gar nicht mehr in der Lage waren, Ordnung zu gewährleisten. Adenauer telegrafierte den Briten, dass sie sich ein bisschen beeilen könnten, um die Stadt möglichst schnell zu besetzen, weil sie dann eben für Ruhe sorgen können. Adenauer und die Stadtverwaltung haben dann mit den Briten auch sehr gut kooperiert. Aber dann hat er sicherlich begrüßt, dass die Briten gingen, weil er natürlich ein Deutscher war. In diesem Augenblick gab es niemanden, der nicht nationalistisch gedacht hat.

Sieben Jahre war das britische Militär in Köln. Warum der plötzliche Abschied?

Eigentlich sollte es schon 1925 abziehen. Dann gab es aber Schwierigkeiten. Die Weimarer Republik hatte zum Teil die Rüstungsbeschränkungen, die im Versailler Vertrag festgelegt worden waren, nicht vollständig erfüllt. Dann haben die Alliierten, also die Briten, die Belgier und die Franzosen gesagt: Wenn ihr es nicht erfüllt, verlassen wir nicht die erste Zone, das nördliche Rheinland. Die Voraussetzungen waren aber Anfang 1926 gegeben. Deswegen ging es zumindest für das nördliche Rheinland dann überraschend schnell.

Vergleichsweise wenige britische Soldaten in Köln

Wie hat sich der Alltag für die Bevölkerung in der Besatzungszeit verändert?

Es hat sich nicht so furchtbar viel verändert, abgesehen davon, dass Männer den Hut vor britischen Militärangehörigen ziehen mussten. Deutsche durften am Anfang nur mit einem speziellen Verkehrsschein die Stadt verlassen und das auch nur zu Fuß. Fotos durften in der Öffentlichkeit nicht gemacht werden. Und natürlich haben die Briten, obwohl das nicht offizielle Politik war, zum Teil ihre Überlegenheit genutzt, um Deutsche zu schikanieren. Aber die Militärpräsenz war nicht so groß wie in den französisch besetzten Gebieten.

Britische Panzer während der Besatzungszeit vor dem Dom.

Britische Panzer während der Besatzungszeit vor dem Dom.

Wie viele Briten waren in Köln insgesamt?

Am Anfang waren es rund 50.000 Soldaten, Anfang der 1920er Jahre nur noch 10.000. Im Vergleich zur französischen und belgischen Besatzungszone ziemlich wenig. Was einfach daran lang, dass die Briten das Prinzip der „Indirect Rule“ praktizierten. Das bedeutete, dass sie mit einheimischen Verwaltungen eng zusammengearbeitet haben und nicht alles selbst machten. Sie haben die Behörden ein Stück weit kontrolliert, ihnen aber einen gewissen Spielraum eingeräumt. Die Kölner hatten also in der Regel mit deutschen Verwaltungsmitarbeitern zu tun, während die Franzosen alles selbst übernahmen. Sie haben sich mehr als Feinde der Deutschen gefühlt. Die Kölner hatten eine angenehmere Art der Besatzung.

Waren alle Kölner gleichermaßen erleichtert, als 1926 die Briten abzogen?

Erleichtert waren vor allem diejenigen, die unter bestimmten Schikanen gelitten hatten. Deren Clubs, Tennisplätze oder Wohnhäuser beschlagnahmt worden waren. Das war überwiegend die bürgerliche Oberschicht. Zum Teil haben sich Kölner und Briten aber sehr gut verstanden. Am Abend vor dem Abzug haben viele noch zusammen in den Kneipen Abschied gefeiert. Es wurden auch einige hundert Ehen zwischen Besatzern und deutschen Frauen geschlossen. Die anfängliche Regel, wonach britische Besatzungssoldaten keine freundschaftlichen oder sexuellen Beziehungen zu Deutschen aufnehmen durften, hat überhaupt nicht funktioniert. Die Menschlichkeit konnte durch diese Verordnung nicht unterbunden werden.

Neues Kölner Selbstbewusstsein nach Besatzungsende

Gingen für Köln 1926 die „Goldenen Zwanziger“ los, die Jahre der Stabilität?

Die wirtschaftliche Lage hatte sich schon 1924 massiv verbessert. Aber die Kölner fühlten sich jetzt befreit. Das merkte man zum Beispiel am Karneval, wo richtig vom Leder gezogen wurde über die Briten und Franzosen. In den Büttenreden war ein neues Selbstbewusstsein zu spüren. Auch die politische Landschaft wurde bunter. Die Briten hatten darauf geachtet, die extremistischen Parteien, also Kommunisten und Nationalsozialisten, unter Kontrolle zu halten. Aber 1926 bekamen sie wieder eine Bühne. Die Nazis versuchten, die Kooperation Adenauers mit den Briten für ihre Zwecke auszunutzen, nach dem Motto: der hat gemeinsame Sache mit den Feinden gemacht.

Welche kulturellen Spuren haben die Briten in Köln hinterlassen?

Neben einer ganzen Menge Kindern bestimmte Sportarten. Das Boxen zum Beispiel bekam wesentlich durch die Briten Aufschwung, auch Tennis. Zudem wurden Geschlechterrollen verschoben. Britische Männer waren wesentlich aktivere Väter, die keine Probleme hatten, mit dem Kinderwagen durch den Park zu gehen. In Deutschland wäre das noch vor dem Ersten Weltkrieg undenkbar gewesen. Aber durch die Besatzer färbte dies auch auf die Deutschen ab. Andersherum haben die Briten angefangen, Kölsch zu trinken und „Himmel und Ääd“ zu essen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stand Köln schon wieder unter britischer Besatzung. Hat sich die Geschichte hier wiederholt?

In gewisser Weise ja. Es gibt ja auch Berichte, dass zum Teil dieselben Leute wieder auftauchten oder die Kinder der früheren Besatzer nach Köln kamen. Willy Millowitsch etwa hatte sich nach 1918 mit dem Sohn eines britischen Offiziers angefreundet. 1945 feierten sie ein Wiedersehen. Unterm Strich waren die Kölner zwar wieder nicht begeistert von der Besatzung, aber man hat sich wie früher mit ihr arrangiert.