Das Euskirchener Erdbeben 1951 machte die geologische Aktivität im Rheinland sichtbar und führte zur Gründung der Bensberger Erdbebenstation.
Das Beben, das bliebEuskirchen vor 75 Jahren – und die großen Erdstöße im Rheinland

Die Gesteinsbrocken sind 1951 in die Bankreihen der Kirche in Obergartzem gekracht.
Copyright: Thomas Steinicke
Am Vormittag des 14. März 1951 war in Euskirchen plötzlich nichts mehr selbstverständlich. Ein kurzer, harter Stoß – dann ein unruhiges Nachzittern, klirrendes Glas, rutschende Dachziegel, aufgerissene Risse im Putz. Wer es erlebt hat, sprach später nicht zuerst von Zahlen oder Messwerten, sondern von einem Gefühl: dem Moment, in dem der Boden, dem man vertraut, sich entzieht.
Vor 75 Jahren traf ein starkes Erdbeben die Region zwischen Euskirchen, Köln und Bonn – und machte vielen schlagartig klar, wie dünn die Schicht aus Gewohnheit ist, die man „Sicherheit“ nennt. Euskirchen liegt nicht in einer klassischen Erdbebenregion wie Italien oder Griechenland – und genau darin lag 1951 ein Teil des Schocks.
Ein dumpfes Grollen
Zwar ist die Niederrheinische Bucht geologisch aktiv, ebenso der Übergang zur Eifel. Die Erdkruste wird dort seit langer Zeit gedehnt, in einzelne Schollen zerlegt und gegeneinander verschoben. Wenn sich aufgestaute Spannungen plötzlich lösen, entsteht ein Erdbeben.
Doch im Alltag spielt das kaum eine Rolle. Umso größer war die Verunsicherung, als das Geräusch kam – ein dumpfes Grollen, das Zeitzeugen später mit einem schweren Lastwagen verglichen, der mitten durch das Wohnzimmer fährt.

Zerstörtes Dach
Copyright: Erdbebenmessstation Bensberg
Die Wissenschaft konnte das später präziser fassen: Das Beben hatte eine Magnitude von 5,1 – in anderen Skalen wird es auch mit 5,7 angegeben. Es war stark, aber vergleichsweise kurz. Und es war stark genug, um weit über Euskirchen hinaus deutlich gespürt zu werden: in Köln, in Bonn, und in vielen Orten dazwischen und darüber hinaus. Nach Berichten war das Beben sogar bis Braunschweig, Stuttgart und Lille wahrnehmbar.
Kirchengewölbe stürzte ein
Für Euskirchen und die umliegenden Orte bedeutete das: Schäden. Risse in Wänden, lose Schornsteinköpfe, verrutschte Ziegel, beschädigte Decken – und das ungute Gefühl, dass ein Haus zwar noch steht, aber nicht mehr selbstverständlich „heile“ ist. Besonders stark betroffen war der Raum Euskirchen–Bad Münstereifel, im Epizentrum des Bebens wurde eine Intensität von 7 bis 8 erreicht.
Als Sinnbild für die Wucht des Stoßes gilt, was in Obergartzem geschah. Dort brach ein Gewölbe der Kirche ein, Steine und Beton fielen in die hölzernen Sitzreihen und den Altarbereich des Gotteshauses. Zudem stürzte der Schornstein der Schule ab. In Mechernich musste das Krankenhaus wegen faustdicken Rissen im Mauerwerk geräumt werden. Vom Dach der Berufsschule in Euskirchen fielen die Pfannen herab. Unter den Schülerinnen und Schülern entstand eine Panik, als plötzlich die Wände rissen, die Türen aufsprangen und die Fenster splitterten.

Beim Beben im März 1951 wurde auch Dach der Kirche in Mechernich-Obergartzem zerstört.
Copyright: Thomas Steinicke
Das Euskirchener Beben machte unübersehbar: Das Rheinland ist keine erdbebenfreie Region. Die geologische Struktur der Niederrheinischen Bucht und der angrenzenden Eifel gehört zu den aktivsten Erdbebengebieten Deutschlands. Die Ursachen der Beben indes liegen nicht direkt unter Köln oder Euskirchen. Sondern in einem System, das über große Entfernungen wirkt.
Die Erdkruste im Rheinland ist geologisch geschwächt
Weil die Afrikanische Platte (eine große, starre Gesteinsplatte der Erdkruste unter Afrika) nach Norden drückt, werden Spannungen in die Eurasische Platte (die entsprechende Kruste unter großen Teilen Europas und Asiens) übertragen. Dies hat Auswirkungen bis ins nördliche Vorland des Alpenraums. Die Spannungen bauen sich dann bevorzugt dort ab, wo die Erdkruste geologisch geschwächt ist.
Eine dieser Schwachzonen ist die Niederrheinische Bucht: Hier kann die Erdkruste ruckartig nachgeben, wenn sich genug Druck angesammelt hat. So lässt sich erklären, warum die Region zwar keine Erdbeben wie an den aktiven Plattengrenzen erlebt, aber dennoch in regelmäßigen Abständen Erschütterungen auftreten.
Selbst in Kalifornien wurde das Euskirchener Erdbeben noch registriert
Und doch gab es 1951 ausgerechnet dort, wo es am dringendsten gewesen wäre, ein Messproblem. Das Erdbeben von Euskirchen wurde im Rheinland selbst nicht instrumentell aufgezeichnet, weil es in der Region keine modernen seismischen Messstationen gab. Die nächsten deutschen Stationen lagen in Karlsruhe und Göttingen, jeweils mehr als 200 Kilometer entfernt. Trotzdem war das Beben so stark, dass es anderswo Spuren hinterließ: In Jena und Basel wurden sogar Registrierfedern von Messstationen beschädigt. Und selbst im rund 9000 Kilometer entfernten Pasadena (Kalifornien) wurde das Ereignis noch registriert.

Seismographische Karte des Erdbebens vom 14. März 1951
Copyright: Erdbebenstation Euskirchen
Die wissenschaftliche Auswertung musste sich lokal zunächst auf Schadensberichte und Wahrnehmungen stützen. Erst aus der Verteilung der Schäden ließ sich das Epizentralgebiet eingrenzen. Gerade diese Lücke gab den entscheidenden Impuls: Forschende erkannten, dass eine dauerhaft betriebene seismologische Beobachtung im Rheinland notwendig ist – für die Wissenschaft ebenso wie für den Bevölkerungsschutz.
Die Gründung der Bensberger Messstation
So wurde das Beben von 1951 zum Ausgangspunkt einer Institution, die bis heute prägt, wie die Region ihre tektonische Unruhe versteht: der Erdbebenstation Bensberg. Köln war als Standort ungeeignet. Der lockere Untergrund der Kölner Bucht und die starke Unruhe durch Verkehr und Industrie hätten die Messungen zu stark verfälscht. Bensberg liegt dagegen am festeren Rand des Rheinischen Schiefergebirges. Für seismische Beobachtungen ist das deutlich günstiger.
Nach der Grundsteinlegung im Jahr 1952 ging die Station 1955 in Betrieb und registriert seitdem kontinuierlich die seismische Aktivität im Rheinland. Diese Aktivitäten sind beachtlich und zeigen, dass „selten“ nicht „nie“ bedeutet.

Hochempfindliche Seismographen in der Erdbeben-Messstation Bensberg
Copyright: Universität Köln
Das stärkste Beben im 20. Jahrhundert mit erheblichen Schäden in der Region war das Erdbeben von Roermond 1992. Die Magnitude wird mit 5,9 angegeben. In Nordrhein-Westfalen wurden 30 Menschen verletzt, meist durch herabfallende Dachziegel; Gebäude erlitten erhebliche Schäden, auch der Kölner Dom war betroffen. Gespürt wurde das Beben noch in Berlin, München, Mailand und sogar London.
Mehr als 2000 Mini-Beben im Rheinland
Zehn Jahre später folgte das nächste markante Ereignis: 2002 bebte die Erde bei Alsdorf in der Städteregion Aachen. Mit einer Magnitude von 5 war es nach Auswertungen der Station Bensberg das stärkste Beben in den nördlichen Rheinlanden seit Roermond. Die Erschütterungen reichten bis ins Münsterland, in den Westerwald sowie bis Luxemburg, Belgien und die Niederlande. Die Schäden blieben vergleichsweise gering, aber sichtbar: In Jülich stürzten zwei Schornsteine auf die Straße, an einigen Häusern entstanden Risse, Gegenstände fielen aus Regalen – Verletzte gab es keine.

Martin Zeckra, Leiter der Station Erdbebenstation Bensberg, im Archiv des Messstation
Copyright: Universität Köln
Neben diesen „großen“ Ereignissen gibt es die vielen kleineren, oft kaum spürbaren Erdstöße, die das Messnetz erst als das erkennbar macht, was sie sind: ein kontinuierliches Hintergrundrauschen tektonischer Aktivität. In Bensberg wurden seit 1955 tausende Erdbeben im nördlichen Rheinland und angrenzenden Gebieten registriert – von Mikrobeben unter Magnitude 2 bis zu deutlich stärkeren Ereignissen. „Nahezu jeden Tag messen wir solch ein Ereignis“, erklärt Martin Zeckra, Leiter der Station. Spürbar für den Normalbürger würde das Erdzittern erst ab einer Magnitude von 3.
Im Auftrag der Nasa: Beben auf dem Planeten Mars analysiert
Heute ist die Messstation dem Institut für Geologie und Mineralogie der Universität zu Köln angegliedert. Sie ist das Zentrum eines regionalen Netzes mit 40 Stationen zwischen der Nordeifel, dem Bergischen Land sowie der Grenze zu den Niederlanden und Belgien. Moderne Sensoren registrieren Bodenbewegungen im Nanometerbereich. Alleine fünf dieser Behälter sind im Kölner Dom installiert. Verteilt auf verschiedenen Höhen, beispielsweise in der Ausgrabung, in der Nähe des Chorgestühls und im Nordturm. Alle in der Region gewonnenen Daten fließen in Bauvorschriften und Gefährdungskarten ein.
Die Bensberger Experten aber haben in den vergangenen Jahrzehnten noch durch andere Projekte internationale Anerkennung erhalten. Ihre Expertise reicht von der Analyse von Marsbeben, worum die US-Raumfahrbehörde Nasa gebeten hatte, bis zur Archäoseismologie. „Bei der Erforschung historischer Erdbeben helfen hochauflösende 3D-Scans dabei, die Verformung von Mauern, Kanälen oder Fundamenten zu erkennen und von gewöhnlichen Setzungsschäden zu unterscheiden“, erklärt Martin Zeckra, Leiter der Station: „Seismometer-Aufzeichnungen gibt es erst seit gut 150 Jahren, durch Forschungen meiner Vorgänger konnten wir aber Erdbeben bis ins 8. Jahrhundert zurück analysieren und so in unsere Langzeitprognosen einbeziehen.“

