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Kölner KlagemauerIst der Märtyrer von der Domplatte ein Volksverhetzer?

Lesezeit 9 Minuten
Walter Herrmann und seine Klagemauer vor dem Kölner Dom.

Walter Herrmann und seine Klagemauer vor dem Kölner Dom.

Köln – An einem viel zu warmen Septembernachmittag unterhält sich Walter Herrmann vor seinen Papptafeln auf der Domplatte angeregt mit einem Holocaustleugner. Der Mann stellt sich als Erwin H. vor, pensionierter Polizist sei er. Erwin H. sagt: „Wenn ich öffentlich sagen würde, was ich über die Judenvergasung denke, wäre ich meine Pension los.“ Der Mann fragt Herrmann, ob er denn glaube, dass es den Holocaust gegeben habe? „Natürlich“, sagt Herrmann, der mit seiner „Klagemauer“ seit über zehn Jahren fast ausschließlich gegen Israel wettert. „Ich sehe das anders“, sagt der Pensionär. „Gas ist ja von vielen Ländern eingesetzt worden.“ „Das kann man so nicht sehen, da ist systematisch ein Volk ermordet worden“, sagt Herrmann. Ob es aber nicht „ein Irrsinn“ sei, dass die Deutschen den Israelis bis heute Waffen lieferten, „für Milliarden von deutschem Steuergeld“? „Ja“, sagt Herrmann, „das kritisiere ich auch.“

Seit 25 Jahren vor dem Dom

Stoisch lächelnd sitzt der 76-jährige Initiator der sogenannten Kölner Klagemauer auf seinem Stuhl auf der Domplatte und hält ein Schild in den Himmel, auf dem er die Angriffe Israels auf Gaza anprangert. Mehrere Zehntausend Menschen gehen jeden Tag an seinen Papptafeln vorbei, wenn sie vom Dom zur Schildergasse und zurück wollen. Im Januar wird Herrmann – mit Unterbrechungen – seit 25 Jahren mit seiner Installation vor dem Dom sein. „Die Demokratie fand im alten Griechenland auf öffentlichen Plätzen statt“, sagt er. „Leider macht das heute niemand mehr.“ Das heißt, logisch: Niemand außer ihm.

Herrmann sagt, dass „die große Mehrheit“ der Menschen seinem Protest zustimme. Wenn man bei ihm sitzt und an mehreren Tagen für einige Stunden beobachtet, was geschieht, dann halten sich Menschen, die ihm auf die Schulter klopfen, und solche, die ihn als Lügner und Antisemiten beschimpfen, eher die Waage. Es sind, nicht nur, aber in der Mehrheit, Muslime, die ihm gratulieren. Ihm ist das egal. Herrmann nimmt von jedem, was sich mit seinen Ansichten deckt. Vom Holocaustleugner die Israel-Kritik. „Bis bald Walter, mach weiter so“, sagt Pensionär Erwin H. zum Abschied.

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Seit 2004 Jahren hat Herrmann sich auf die – sicherlich auch kritisierbare – israelische Palästinenser-Politik als Thema eingeschossen. Weil er Selbstmordattentäter rechtfertigt und Antisemiten, hat er seitdem unter Islamisten und Rechtsradikalen viele Freunde. Anfang der 1990er Jahre hatte er vor allem Stimmen für den Frieden ausgestellt. Der Dalai-Lama und der Schriftsteller Lew Kopelew verewigten sich auf seinen Tafeln. 1998 erhielt er den Aachener Friedenspreis. Er redet gern über die Vergangenheit.

Man darf bezweifeln, ob dem gebürtigen Unterfranken noch an Frieden in der Welt gelegen ist. Man darf bezweifeln – wie ein Großteil der jüdischen Gemeinde und viele andere das tun – ob das, was er tut, keinen volksverhetzenden Charakter hat. Auch wenn die Gerichte ihn bislang nie wegen Volksverhetzung verurteilt haben.

Der Name Klagemauer – angelehnt an die Jerusalemer Klagemauer, in die fromme Juden ihre Gebete stecken – ist zynisch. Im ursprünglichen Sinne demokratisch ist die Installation längst nicht mehr. Herrmann lässt zwar nach wie vor Papptafeln beschriften, das muss er, um seinen Status als öffentliche Versammlung nicht zu gefährden. „Kollektive Teilhabe“ lautet dafür das Schlüsselwort des Bundesverwaltungsgerichts, vor dem Herrmann den Versammlungsstatus erstritten hat. Aber die Stimmen sind äußerst einseitig. Nicht wenige rechtfertigen den Terror der Hamas.

Walter Herrmann betrachtet die Gewalt der Hamas als „natürliche Reaktion und berechtigten Widerstand“, die Zahlen der Opfer sprächen für sich. „Wenn du so brutal angegriffen wirst, musst du dich verteidigen dürfen“, sagt er. Dass viele Juden sich durch die Hamas in ihrem Existenzrecht infrage gestellt fühlen, weil die Terrororganisation zur Vernichtung aller Juden aufruft, ficht ihn nicht an. „Viele Juden stehen auch auf meiner Seite“, sagt er. „Ich bin kein Antisemit. Ich bin nie wegen Volksverhetzung verurteilt worden.“

Von einem Gericht wurde er nie belangt, das stimmt. In der Gründungscharta der Hamas aber steht: „Die Stunde des Gerichts wird nicht kommen, bevor Muslime nicht die Juden bekämpfen und töten, sodass sich Juden hinter Bäumen verstecken, und jeder Baum und Stein wird sagen: Oh Muslim, oh Diener Allahs, ein Jude ist hinter mir, komm und töte ihn.“ Die Hamas ist antisemitisch – und Herrmann rechtfertigt und unterstützt sie.

Sein langjähriger Mitstreiter Klaus der Geiger sagt, dass Herrmann „schon immer ein Provokateur war, genau wie ich“. Es sei das Wesen von Provokateuren, sich über alles und jeden hinwegzusetzen. „Je enger und einseitiger, desto stärker. Denn: Je enger das Rohr, desto stärker der Druck.“ Die Rechtfertigung antisemitischer Terroristen als Provokation – je enger, desto druckvoller. Bislang kommt er damit durch.

Karikatur im „Stürmer“-Stil aufgestellt

Manchmal muss der einseitige Mann von der Domplatte ein bisschen einlenken. Im Jahr 2010 hatte er eine Karikatur im „Stürmer“-Stil aufgestellt. Darauf war ein Mann mit Davidstern zu sehen, der einen Palästinenserjungen verspeist. Es gab Anzeigen mehrerer Bürger wegen Volksverhetzung, auch Vertreter fast aller demokratischen Parteien wendeten sich gegen das Bild. Die Staatsanwaltschaft urteilte, dass das Plakat die „Voraussetzung einer Volksverhetzung“ nicht erfülle. Zur Begründung wurde nicht nur der Schutz der Meinungsfreiheit angeführt und erläutert; das Plakat ziele nicht auf „die Juden schlechthin“. Für typische antijüdische Darstellungen fehlten „überzeichnete Gesichtsmerkmale, die den Juden als hässlich und rassisch minderwertig erscheinen lassen, zum Beispiel die „jüdische Krummnase“. So begründete die Staatsanwaltschaft die Ablehnung der Anzeige wörtlich. Herrmann hängte das Foto ab, weil der Druck zu groß wurde.

Herrmann provoziert bis zur Grenze des Erlaubten und darüber hinaus – Polizei, Bistum und Ordnungsamt klagen und räumen ihn. So ging das jahrelang. Bis 2002 Udo Behrendes Leiter der Inspektion Innenstadt wurde. Herrmann hat seinerzeit täglich Demonstrationen angemeldet, oft wurde er von der Polizei geräumt. Es gab viele Polizisten und einen Ordnungsamtschef, die den Dauerprotestler weghaben wollten, und ihm das auch zeigten. Ein Bild, wie Herrmann mit harscher Gewalt abgeführt wurde, schaffte es zur Hauptsendezeit in bundesweite Nachrichtensendungen.

Udo Behrendes tat, was seine Vorgänger nicht taten: Er sprach mit Herrmann. Der 60-Jährige glaubt, dass die Demokratie Menschen wie Herrmann aushalten muss. Er ist überzeugt, dass die „Kundgebung“ Versammlungscharakter habe – weil sich fast immer mehrere Menschen dort informieren und Papptafeln beschriften. „Diese Auffassung teilt auch das Bundesverwaltungsgericht.“ Akribisch hätten sich die Gerichte mit dem Vorwurf der Volksverhetzung befasst – und bei Herrmann keinen Anhaltspunkt gefunden. Das liegt auch daran, dass im Volksverhetzungsparagrafen 130 nicht definiert ist, wann der öffentliche Friede als gestört oder gefährdet gilt. Es bleibt ein großer Spielraum – und der wird grundsätzlich zugunsten der Meinungsfreiheit ausgelegt. Was im Prinzip gut ist. Aber auch fragwürdig sein kann, wenn in einer Begründung auf eine fehlende „jüdische Krummnase“ verwiesen wird.

Behrendes hat sich damals bei der Polizei viele Feinde gemacht, weil Kollegen ihn für einen Unterstützer Herrmanns hielten. „Mit rechtlichen Winkelzügen könnte man ihn auch heute noch piesacken und öfter räumen“, sagt er, „aber Versammlungsfreiheit ist die Pressefreiheit des kleinen Mannes, ein Grundpfeiler der Demokratie“.

Der ehemalige Polizist sagt, er teile Herrmanns Überzeugungen nicht, habe aber „großen Respekt“ vor seiner Standhaftigkeit. „Ich könnte mir vorstellen, dass es in vielen Jahrzehnten am Dom ein Herrmanngässchen gibt. Und eher keins, das nach einem Ordnungsamtschef benannt wird.“ Dass der Provokateur Walter Herrmann ein Plätzchen in der Kölner Stadtgeschichte erhält, ist schon sicher, wie er selbst meint: Das Kölnische Stadtmuseum habe sich seinen Nachlass gesichert. Wenn er auf Udo Behrendes zu sprechen kommt, klart Herrmanns Stimme auf: „Der war immer auf meiner Seite. Und der neue Polizeipräsident Albers ist auch auf meiner Seite. Die sind beide gut.“

Gut und Böse, Schwarz und Weiß, Freunde und Feinde. So malt Walter Herrmann seine Welt.

Der Protest ist Herrmanns Leben

Als er 1996 sein Schlafdomizil mit Plastikdach direkt am Dom räumen musste, weil der Grund dort dem Bistum gehört, zählte Pfarrer Franz Meurer für ihn noch zu den Guten. Meurer hat 10 000 Klagemauer-Postkarten im Bunker von St. Theodor gelagert und Herrmann beim Abbau geholfen. „Walters Grundidee war ja gut, er hat auch Suppenküchen initiiert und zum Nachdenken angeregt“, sagt Meurer. Der Pfarrer unterstützte Herrmann auch, als der mit einer kleineren Version seiner Mauer auf den städtischen Grund der Domplatte zurückkehrte. „Aber er hat sich radikalisiert. Ich lehne es ab, wie er inzwischen die Gefühle von Menschen verletzt.“

Längst ist Kölns bekanntester Pfarrer kein Unterstützer mehr. „Der Walter wäre am liebsten ein Märtyrer“, sagt Meurer, „und das ist nicht schön. Wenn er das vor meiner Kirche macht, dann tue ich den persönlich weg.“ Das ist aber an der Domplatte nicht so einfach. Er protestiert auf städtischem Grund. Er hat schwarz auf weiß, dass sein Tun vom Versammlungsrecht gedeckt ist. Und: Der Protest ist sein Leben. Seine Existenz abseits der Klagemauer ist überschaubar: Ein kleines Zimmer in Brück, eine Rente von 600 Euro – Herrmann hat ein paar Jahre als Lehrer gearbeitet. Er hat seit Jahrzehnten eine Freundin mit Kind, das nicht von ihm ist, die Freundin kommt ihn ab und zu besuchen. Wenn man Herrmann fragt, warum sich immer mehr Unterstützer von ihm abgewendet haben, sagt er: „Sie haben nicht durchgehalten.“ Er schon. Die Räumungen, die Überfälle, die Anzeigen, die Absicht der Stadtverwaltung und der Politik, ihn wegzukriegen. So sieht er es.

Selbst die Menschen in der Alten Feuerwache im Agnesviertel, wo er seit Jahren seine Tafeln lagert, haben jetzt die Geduld mit Herrmann verloren. Am vergangenen Donnerstag hat der Verein ihm den Lagerraum gekündigt. „Wegen vereinsschädigenden Verhaltens“, wie der Vorstandssprecher Hans-Georg Lützenkirchen sagt. Es sei schon lange ein „Problem gewesen, dass Herrmann Anknüpfungspunkte für antisemitische Klischees bietet“. Das Image der Alten Feuerwache hatte auch wegen Herrmann in den vergangenen Jahren im Kleinen so gelitten wie jenes der Domplatte im Großen.

Walter Herrmann schert sich nicht um sein Image. Im April 2015 war er zuletzt verwarnt worden. Er hatte die Bilder brutal zugerichteter Jugendlicher gezeigt. „Zensiert“ steht jetzt auf den aufklappbaren Pappschildern, dahinter sind die Fotos weiter zu sehen.

Ein warmer Oktobertag, der Klagemaurer sitzt auf der Domplatte, einsam, fast wächsern. Für viele stört dieser Mann den Frieden. Was das genau heißt, sagt das Strafgesetzbuch nicht. Deswegen muss Köln ihn aushalten. Walter Herrmann sagt: „Gesundheitlich fühle ich mich gut. Und solange es mir gut geht, mache ich weiter.“

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