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Kölner Schwestern (91) über die Kessler-Zwillinge„Der liebe Gott soll bestimmen, wer zuerst geht“

6 min
15.12.2025, Köln: Margarete Herrmann und Eva Berndorf  (91) sind eineiige Zwillinge und leben beide in den Riehler Heimstätten.
Im Bild v.r.n.l. Eva Berndorf und Margarete Herrmann.

Foto: Michael Bause

Eva Berndorf (l.) und Margarete Herrmann und Eva Berndorf (91) sind eineiige Zwillinge und leben in Riehl im gleichen Haus. 

Eva Berndorf und Margarete Herrmann haben nicht ihr ganzes Leben zusammen verbracht. Sie haben sich wiedergefunden und sind sehr glücklich darüber.

Nein, zusammen sterben wollen sie nicht. „Auf keinen Fall, das geht ja nicht, ganz furchtbar, dass sich die Kessler-Zwillinge dazu entschlossen haben. Was war da nur los?“, sagt Eva Berndorf. „Gar nicht geht das“, sagt Margarete Herrmann. „Der liebe Gott soll bestimmen, wer zuerst geht, niemand sonst. So nah wir uns stehen.“ „Ich wünsche mir für uns, dass Du zuerst gehst“, sagt Berndorf. „Wenn ich zuerst ginge, würdest Du zugrunde gehen. Ich käme besser damit klar.“ „Wenn Du meinst“, sagt Herrmann. „Das ist so!“, bestimmt die Schwester. „Aber wir haben es nicht in der Hand. Und das ist gut. Jeder Tag bringt neue Wunder.“ Herrmann schaut die Schwester an und lächelt. „Ja.“

Die Zwillingsschwestern sitzen auf der Couch von Berndorfs kleiner Wohnung im 2. Stock auf dem Gelände der früheren Riehler Heimstätten, in der Vitrine stehen Bilder von Papst Benedikt, Franziskus und Leo. Engel, Kreuze und Krippe sind im Zimmer präsent.

Immer wieder nehmen sich die Schwestern an der Hand. Eva Berndorf trägt die Haare etwas länger, Margarete Herrmann etwas kürzer. Herrmann trägt Ohrringe und eine silberne Halskette mit Kreuz, Berndorf nicht, „das Gedöns finde ich inzwischen lästig“, sagt sie. „Verwechselt werden wir trotzdem bis heute fast jeden Tag. Das war schon immer so.“ Herrmann nickt.

Die eine redet, die andere hört zu, bestätigt oft, widerspricht selten. Oder lächelt bloß. „Ich brauche nicht so viel zu reden“, sagt Herrmann, „das hat immer Eva gemacht. Für mich ist das gut so.“

15.12.2025, Köln: Margarete Herrmann und Eva Berndorf  (91) sind eineiige Zwillinge und leben beide in den Riehler Heimstätten.
Im Bild v.r.n.l. Eva Berndorf und Margarete Herrmann.

Foto: Michael Bause

Eva Berndorf (91) und Margarete Herrmann

91 sind die Zwillingsschwestern im September geworden. Margarete Herrmanns Geburtstag ist der 6. September, Eva Berndorf kam am 7. September in Breslau zur Welt. „Warum ich mir Zeit gelassen habe, wissen wir nicht – aber so steht es im Pass“, sagt Berndorf. Als Kinder trugen sie immer Zöpfe, die gleichen Kleider, mochten beide keine Rosinen, bewegten sich gleich, guckten gleich, lachten gleich, das tun sie bis heute: ein „haha“, das dunkel aus der Brust ertönt, die eine etwas lauter, die andere etwas leiser, wie sie sind.

Immer wussten sie, dass ihre Verbindung außergewöhnlich ist. Ihr Aussehen, die Stimme, die Kleidung, der Geschmack, die Verwechslungen – dass die Leute sie oft als Zwillinge wahrnahmen, als Gretchen und Eva, als Ihr und Wir, fast nie als Ich. Das änderte sich im Krieg.

Zu leben und so alt zu werden, ist ja nicht selbstverständlich, es ist ein Geschenk
Eva Berndorf (91)

1944 flüchteten Eva und Margarete mit ihrer Mutter von Breslau nach Frankenstein und fanden Obhut in einem katholischen Waisenheim. Die Borromäer-Schwestern erzogen sie streng und gütig. Die Mutter musste arbeiten und besuchte sie gelegentlich, vom Vater erfuhren sie nie. „Wir kannten ihn nicht, also haben wir ihn nicht vermisst“, sagt Eva Berndorf. „Es war, wie es war“, sagt ihre Schwester. Dankbarkeit und Demut hätten sie im Heim gelernt, Vertrauen in Gott, in einer Zeit, in der es Vertrauen in die Welt kaum gab. Oft saßen sie zusammen im Bunker und beteten, während die Bomben über ihnen einschlugen. „Zu leben und so alt zu werden, ist ja nicht selbstverständlich, es ist ein Geschenk“, sagt Berndorf. „Ja, das stimmt wohl“, sagt die Schwester.

Als Kinder lernten die Schwestern, dass das Leben oft einfach ertragen werden muss. Heute hilft ihnen diese Erfahrung, das Altern und seine Begleiterscheinungen gelassen hinzunehmen. „Wir haben ja alles“, sagt Berndorf. „Heute wollen die Leute immer mehr, als sie brauchen, das liegt auch an diesen Handys, diesen schrecklichen Dingern, auf die alle immer schauen und die kein Mensch braucht.“ Ihre Schwester lacht.

Ich habe immer gefroren und meiner Mutter gesagt, dass ich nicht mit möchte, da mir zu kalt ist. Dann ist meine Mutter allein mit Gretchen losgefahren
Eva Berndorf

Als die Mutter zurückkam und ihre Töchter abholen wollte, um weiter zu fliehen, war es Winter und sehr kalt. „Ich habe immer gefroren und meiner Mutter gesagt, dass ich nicht mit möchte, da mir zu kalt ist“, erinnert sich Eva Berndorf. „Dann ist meine Mutter allein mit Gretchen losgefahren. Mir ist bis heute noch immerzu kalt.“ Sie fasst ihre Schwester an der Hand und drückt ein bisschen zu, wie zur Vergewisserung, dass sie da ist. In der Folge flüchtete Eva mit den Nonnen vor der russischen Armee, Margarete mit ihrer Mutter. Es dauerte mehr als ein Jahrzehnt, bis sie sich wiedersahen.

„Ich habe nach dem Krieg einen Brief ans Rote Kreuz geschrieben, dass ich meine Zwillingsschwester suche, und erhielt irgendwann Antwort, dass sie in Olpe im Bergischen ist“, sagt Eva Berndorf, die in einem Dorf in der DDR gestrandet war. Von Staatschef Walter Ulbricht habe sie eine Sondergenehmigung erhalten, um in den Westen zu reisen. Als sie sich wiedersahen, in Olpe, „da wollte Gretchen erstmal mein Passfoto sehen, um zu überprüfen, dass ich es bin“, sagt Berndorf. Die Schwester nickt. „So war es wohl.“ Eva hat dann auch irgendwann ihre Grimassen geschnitten, so wie sie es schon als kleines Kind gemacht hatte, um Gretchen zum Lachen zu bringen, wie sie es bis heute macht. „Ich erzähle gern und mache gern Spaß, Gretchen lacht gern“, sagt Eva Berndorf. Die Schwestern lachen jetzt fast synchron.

15.12.2025, Köln: Margarete Herrmann und Eva Berndorf  (91) sind eineiige Zwillinge und leben beide in den Riehler Heimstätten.

Foto: Michael Bause

Margarete Herrmann und Eva Berndorf (91)

Nach dem Wiedersehen unterhielten sie sich, stundenlang, tagelang. „Ich habe immer daran geglaubt, dass wir uns wiedersehen“, sagt Berndorf. „Ich habe viel an Gretchen gedacht und wusste, dass sie noch leben muss.“ Gebetet habe sie dafür, jeden Tag.

Für Frieden beten die Zwillinge jeden Morgen und jeden Abend, allein

1962 lernte Eva Berndorf Matthias aus dem Rheinland kennen und zog nach Köln. Margarete Herrmann zog später auch nach Köln, wann das war, weiß sie nicht mehr genau, „aber es war schön, wieder nah bei meiner Schwester zu sein“. Kinder haben beide nicht, die meisten Freunde sind inzwischen tot, aber sie haben sich. Margarete Herrmann lebt schon seit mehr als 25 Jahren auf dem Gelände der früheren Riehler Heimstätten an der Boltensternstraße, sie hat hier lange als „Mädchen für alles“ gearbeitet. Eva Berndorf, die als Altenpflegerin gearbeitet hat, wohnte in Ehrenfeld, bis im Januar im Haus ihrer Schwester eine kleine Wohnung frei wurde. Jetzt lebt sie im 2. Stock und ihre Zwillingsschwester im 5.

Jeden Morgen trinken sie zusammen Kaffee, Jakobs Krönung, Herrmann mit Kondensmilch, „Bärenmarke“, Berndorf „lieber nur mit Milchpulver“. Sie gehen zusammen Mittagessen und Abendessen, Berndorf lieber deftig, Herrmann lieber leicht (auch wegen der Diabetes), sie kaufen auch zusammen ein, „manchmal muss Gretchen mich dann stützen, wenn mir schwindelig wird“, sagt Eva Berndorf. Abends schauen sie zusammen fern. Volksmusik mögen sie und André Rieu.

„Manchmal ist es mir auch zu viel, wenn sie mir auf die Nerven geht, schicke ich sie hoch“, sagt Berndorf. „Mir auch! Dann gehe ich hoch!“, sagt Herrmann. Sie lachen.

Wenn man sie fragt, was sie sich für die Zukunft wünschen, sagt Eva Berndorf: „100 werden, das wäre natürlich was. Vor allem aber will ich keinen Krieg mehr erleben.“ Die Berichte in der Zeitung über den Krieg in der Ukraine beschäftigen die Schwestern sehr. „Ja, nochmal Krieg zu erleben wäre furchtbar, kein Mensch will Krieg“, sagt Herrmann. „Dann lieber vorher gehen.“

Für Frieden beten die Zwillinge jeden Morgen und jeden Abend, allein.