Abo

Gestern verpönt, heute gefeiert – und umgekehrtWie sich der Zeitgeist auf die kölsche Karnevalsmusik auswirkt

5 min
Verkleidete Menschen singen bei Loss mer singe Sitzung im Theater am Tanzbrunnen

Zuerst verpönt, später geliebt, oder andersherum: Die Einordnung einiger Karnevalslieder ändert sich bereits während der Session. (Archiv)

Mit dem Zeitgeist verändert sich auch der Blick auf Karnevalsmusik. Prominente Beispiele gibt es in die eine als auch die andere Richtung.

Zuerst verpönt, später geliebt. Gestern unproblematisch, heute undenkbar. Nicht alle kölschen Karnevalslieder trafen auf Anhieb den Geschmack der Leute. Umgekehrt würden manche Titel, die einst für Beifall sorgten, heutzutage komplett durchfallen. Der Zeitgeist und damit die Einordnung mancher Lieder hat sich in den vergangenen Jahrzehnten geändert. Einige prominente Beispiele zeigen, dass sich die Stimmung mitunter bereits während der Session drehte.

„Kamelle, Matterhorn & Co.“ war der Titel der WDR-Sendung 2013 zum 90. Geburtstag von Günter Eilemann. Als der Titel „Das Matterhorn“ 1987 erschien, stand es bei dem Sender zunächst auf dem Index. „Das senden wir nicht“, wurde dem Chef des Eilemann-Trios erklärt. Das sei Pornografie, das könne man der Zuhörerschaft nicht zumuten. Die Programmverantwortlichen störten sich an den Zeilen: „Wir steigen auf das Matterhorn, mal von hinten, mal von vorn.“ Eilemann war fassungslos und blieb es. Noch als 90-Jähriger versicherte er, dass er zu keinem Zeitpunkt Hintergedanken bei dem Titel gehabt habe.

Brings-Lied durfte nicht auf offiziellen Sitzungen gespielt werden

Sänger Peter Brings von der Band Brings steht beim Auftakt der Karnevalssession auf dem Heumarkt auf der Bühne.

Peter Brings beim Auftakt der Karnevalssession auf dem Heumarkt  (Archiv)

Mit dem Vorwurf „Sexismus“ sah sich 2004 die Band Brings konfrontiert. Der Titel „Poppe, Kaate, Danze“ durfte daher auf den offiziellen Sitzungen des Festkomitees nicht gespielt werden. Auch „Superjeilezick“ wurde 2000 nicht sofort geliebt. Wegen der Anspielungen auf Rauschgiftkonsum waren manche verschnupft. Während der Session entwickelte sich der Titel zum Superhit. Nur der damalige Festkomiteepräsident Hans Horst Engels verließ stets gemeinsam mit seiner Frau den Saal, wenn Brings auftauchten.

Eine ganze Reihe von Liedern würden heute wohl gar nicht mehr geschrieben, geschweige denn gesungen werden. Das gilt auch für Dinge, die Willi Ostermann eingefallen sind. Wie zum Beispiel in „Paula! Komm gib dem Onkel e Küßche“. Besagtes Mädchen will das aber nicht, wofür es von der Mutter getadelt wird. „Drum gev däm Ohm dä Butz geschwind dat eß doch bares Geld“. Auch der Onkel ist baff. „Ich selvs verstonn als Mann dat nit, wie kann man bloß so sein. Denn wenn man wat gebote kritt, da sagt man doch nicht nein.“

Willi Ostermann

Willi Ostermann

1976 elf Wochen in den Charts, heute nicht denkbar

Der Titel „Met der bläcke Fott“ von den Zwei Kölsche Bibbis hätte über 30 Jahre nach seinem Erscheinen wohl ein Akzeptanzproblem. Denn sie wollten mit besagtem blanken Hintern „üvver de Nüümaat jon, immer do, wo all die Mädcher stonn“. Von Karl Berbuer werden Lieder wie „Heidewitzka, Herr Kapitän“ „Et Campingleed“ und der „Trizonesien-Song“ noch immer gesungen. Seine „Friedenspfeifensamba“ nicht. Das liegt am Refrain: „Die wilden Indianer vom Titicacasee, die wilden Indianer, die rauchen mit Juchhe, Friedenspfeifen, nach jeden Kampf sogleich“.

Ein krasses Beispiel ist „Wenn die Trommel ruft“ von Erik Silvester. Da heißt es im Refrain: „Denn wenn die Trommel ruft, eijeijeijei, wird ein Mensch gesucht, den man in den Kochtopf steckt, weil er allen schmeckt“. Der Mensch hatte im Ozean ein Paradies entdeckt und ein Mädchen – braun und süss – getroffen und geküsst. Der Schlager blieb 1976 elf Wochen in den deutschen Charts und schaffte es auch in den Karneval.

In den Werken von Jupp Schmitz findet sich neben Klassikern wie „Ming herrlich Kölle“, „Am Aschermittwoch ist alles vorbei“ und „Wer soll das bezahlen“ eine Abteilung mit eindeutig zweideutigen Liedern. Dazu zählen „Die Unschuld kann mir keiner nehmen, denn ich besitze sie nicht mehr“ oder „Nicht in jeder blauen Hose, steckt ein strammer Vollmatrose.“ Im Alter von etwa 70 Jahren sei Jupp „dä Schnäuzer“ Schmitz „etwas rösig“ geworden, glaubt Musikexperte Wicky Junggeburth mit Blick auf die frivol-verschmitzten Lieder.

Auch Menschen, die Fleisch essen, schmeckte der „Schnitzel-Song“ nicht

„Wenn mir Kölsche singe, simmer janz dobei. Wenn mir Kölsche singe, stommer all en d’r Reih’“. Wunderbares Lied der Bläck Fööss aus dem Jahr 2003. Ein Jahr später sangen nicht mehr alle mit. Für das neue Lied „Kradechor“ gab es Gegenwind für die Band. Im Refrain sprachen die Fööss eine Einladung aus, die auf heftige Kritik stieß. „Alle Krade dieser Welt, vun Peking bes noh Ihrefeld. Alle Krade lade mer en, kutt zo uns he an d’r Rhing“. Krade? Also Prolete, vulgo Jesocks. Da hörte bei einigen die Gastfreundschaft auf. Der ehemalige Oberbürgermeister Fritz Schramma war regelrecht erbost. Auf der Prinzenproklamation bat er den frisch proklamierten Bauern des Dreigestirns darum, ihn bei der Verteidigung der Stadt gegen die Krade zu unterstützen.

Das Duo „Zwei Hillije“, Bernd und Wolfgang Löhr, auf der Bühne

Das Duo „Zwei Hillije“, Bernd und Wolfgang Löhr (Archiv)

Ein aktuelles Aufreger-Beispiel ist der Titel „Et letzte Schnitzel“ des Duos „Zwei Hillije“. Bernd und Wolfgang Löhr traten 2023 mit ihrem „Schnitzel-Song“ Veganern und Vegetariern auf die Füße, aber auch Menschen, die Fleisch essen, schmeckte das Lied nicht. Derartiges wäre den Leuten früher nicht in den Sinn gekommen. 1914 stellte Ludwig Schmitz klar: „Samstags muss ich min Hämmche han“, Willy Millowitsch sang mit Hingabe „Dat sin vum Ferkel de Schnüssjer, die Hämmcher, dä Speck“ und auch Bömmel Lückerath von den Bläck Fööss adelte das „Hämmche“ als Lieblingsspeise.

Inhaltlich überholte Evergreens

Willy Millowitsch dirigiert während seiner Gesangseinlage die Gäste eines Gala-Abends in der KölnArena.

Willy Millowitsch war der bekannteste Interpret des Liedes „Schnaps, das war sein letztes Wort“ (Archiv)

Willy Millowitsch war der bekannteste Interpret des Liedes „Schnaps, das war sein letztes Wort“. Willi Ostermann verfasste zahlreiche Rhein- und Weinlieder und forderte „Ober, schnell noch eine Runde her“, Willy Schneider brillierte mit Titeln wie „Schütt die Sorgen in ein Gläschen Wein“ und „Wenn das Wasser im Rhein goldner Wein wär“. Mittlerweile sind die Texter beim Thema Alkohol wesentlich sensibler geworden. Bernd Stelters „Ober, zack ein Helles“ ist auch schon 30 Jahre alt.

Manche Evergreens werden gern gesungen, sind aber inhaltlich überholt. Mer rigge nit mieh met däm Esel op d’r Drachefels wie einst Toni Steingass, „Et Stina“ muss nicht mehr unter allen Umständen „ne Mann han“ wie Willi Ostermann vermutete, und über „Unsre Bock eß Meister“ haben sich die Höhner und alle übrigen FC-Fans 1978 zum letzten Mal gefreut.