Eine jesidische Familie aus Köln soll in den Irak ausreisen, bangt aber um ihre Sicherheit und die Zukunft der Kinder – sie wollen bleiben.
Asylantrag abgelehntJesidische Familie aus Köln-Klettenberg fürchtet Abschiebung

Ana (3. von rechts) und ihre Familie möchten in Köln bleiben. Unterstützt werden sie von Sandral Leyva (rechts, mit Tochter) und Deutschlehrerin Dagmar Helmig (4. von links).
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Ana ist ein fröhliches Kind. Sie geht in die vierte Klasse der Rosenzweigschule in Zollstock, sie liebt Katzen und Stracciatellaeis. Sie hat ein offenes Lachen, geht, wie ihre ältere Schwester, begeistert regelmäßig zum Fußballtraining und spielt gerne und viel mit ihren Freundinnen. Ein normaler Alltag einer Zehnjährigen, so scheint es. Für Ana ist dieser Alltag aber nicht selbstverständlich, denn sie kommt aus dem Irak, und dahin soll die Familie nach Entscheidung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) auch wieder zurückkehren. „Ich möchte hierbleiben. Hier habe ich meine Freunde und kann zur Schule gehen. Ich möchte Ingenieurin oder Flugbegleiterin werden. Wenn ich in den Irak zurückmuss, wird nichts aus meinen Träumen“, sagt Ana.
Doch genau das droht. Der Asylantrag der Familie Hakrsh wurde Mitte März vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) abgelehnt. Innerhalb von 30 Tagen sollen die Eltern mit ihren vier Kindern Deutschland verlassen. Die Begründung: Es bestehe kein Anspruch auf Asyl, keinen auf Flüchtlingsschutz und kein Abschiebungsverbot.
Völkermord an Jesiden
Hadi und Adeebah Hakrsch, Anas Eltern, befürchten aber Gewalt und Verfolgung in ihrem Heimatland und wollen keinesfalls zurück. Die Familie gehört zur religiösen Minderheit der Jesiden und stammt aus der Region Shingal im Nordirak. Dort verübte die Terrormiliz „Islamischer Staat“ 2014 schwere Verbrechen an der Bevölkerung – einen Völkermord, wie ihn die Vereinten Nationen und das Europäische Parlament als solchen anerkennen.
Auch Angehörige der Familie wurden getötet. Nach dem Angriff flohen die Hakrshs in die kurdische Region des Irak und lebten dort neun Jahre lang unter schwierigen Bedingungen in einem Camp. 2023 machten sie sich auf den Weg über die Türkei und Griechenland nach Deutschland. Seit März 2024 leben sie hier, zunächst in Mönchengladbach und Düsseldorf und schließlich in Köln.
In Klettenberg wohnt die Familie in einem Mehrfamilienhaus, das der Stadt gehört. Die Kinder gehen in Zollstock und Sülz zur Schule oder in die Kita. Der Vater besucht täglich einen Deutschkurs und würde gerne eine Ausbildung im handwerklichen Bereich machen. Im Irak arbeitete er als Maler und Fahrer. Die Mutter kümmert sich um die Familie.
Kritik von ProAsyl
ProAsyl kritisiert die Entscheidung des BAMF, die jesidische Familie in den Irak abzuschieben. „Die politische und humanitäre Lage der Ezid*innen [Jesiden] im Irak hat sich in den letzten Monaten verschlechtert. Die Heimatregion Sindschar liegt noch immer in Trümmern und rivalisierende Milizen kämpfen weiterhin um Einfluss. Der irakische Staat ist nicht in der Lage, die Sicherheit der Ezid*innen zu garantieren“, sagt Geschäftsführer Karl Kopp. Niemand dürfe an den Ort zurückgezwungen werden, an dem Familienmitglieder und Angehörige ermordet worden seien, betont er.
Auch im Umfeld der Familie ist die Betroffenheit groß. Eine Mutter aus Anas Freundeskreis hat eine Online-Petition gestartet, damit die Hrakschs bleiben können. „Ana würde alles verlieren, was sie sich hier aufgebaut hat: ihre Schule, ihre Freundinnen und Freunde und die Chance auf eine sichere Zukunft“, sagt sie.
Die Familie hat mithilfe eines Rechtsanwalts inzwischen Klage gegen den BAMF-Bescheid beim Verwaltungsgericht Köln eingelegt. Das Verfahren wird voraussichtlich mehrere Monate dauern. Sollte das Gericht die Ablehnung des Asyls bestätigen, kann die Familie in Berufung gehen. Bis dahin dürfen Ana und ihre Familie in Köln bleiben – aber ihre Zukunft bleibt weiterhin ungewiss.
