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„Menschengucken macht süchtig“So leben die wenigen Bewohner der Hohe Straße in Köln

6 min
Ruth Jatzkowski hat von ihrem Balkon sogar Aussicht auf den Dom.

Ruth Jatzkowski hat von ihrem Balkon sogar Aussicht auf den Dom.

Die Hohe Straße ist eine der meistfrequentierten Einkaufstraßen Deutschlands. Doch es gibt auch Menschen, die hier wohnen. Wir haben sie besucht.

Über die Hohe Straße gehen pro Jahr 17 Millionen Menschen, das sind etwa 46.500 pro Tag. Sie schauen in die Schaufenster, aber selten nach oben. Wenn sie es tun würden, dann sähen sie ganz oben einige wenige bepflanzte Balkone. Tatsächlich leben über dem Gewusel einer der meistfrequentierten Einkaufsstraßen Deutschlands eine Handvoll Menschen.

„Mich fragen oft Leute: Kann man denn hier überhaupt wohnen? Und ich sage: Hier kann man ganz wunderbar wohnen“, sagt Ruth Jatzkowski. Vor 17 Jahren zogen sie und ihr Mann in die Wohnung ein, die sie „ganz normal“ im Internet gefunden hatten. Es sind 80 Quadratmeter auf dem vierten Stock, mit einer durchgehenden Fensterfront zur Hohe Straße und zur Seitenstraße, wodurch die Räume sehr hell und freundlich wirken. Der Clou: Um die gesamte Wohnung herum läuft ein Balkon, der durch mehrere Türen zugänglich ist. „Hier ist den ganzen Tag irgendwo Sonne. Ich habe für jede Tageszeit eine kleine Sitzecke.“ Und nach rechts gibt es den Ausblick auf den Dom.

Vom Seifenladen auf der Hohe Straße zieht der süße Duft herauf

Ist es denn nicht manchmal laut in der Idylle? Nein, sagt die 73-jährige ehemalige Verwaltungsangestellte. „Ich höre nur das Murmeln der Leute.“ Manchmal schaut sie runter auf das Geschiebe, aber das ist irgendwie weit weg. „Man ist hier oben ganz abgeschieden, aber doch mittendrin. Bei dem Gemurmel kann ich wunderbar einschlafen.“ Es gibt keine Autos und kein Bahngeratter. „Das ist ideal.“

Die Frittenbude unten auf der Straße rieche sie eigentlich nie, dafür weht deutlich der süße Duft des Seifenladens herauf. Vom Balkon aus sieht sie auch den Süßwarenhandel, der seine Waren gleich von Paletten verkauft. „Um zehn Uhr wird da jeden Tag angeliefert. Um die Mittagszeit sind die wieder halbleer gekauft. Ich weiß gar nicht, wer so viele Süßigkeiten braucht.“

Die Hohe Straße gehört zu den meistfrequentierten Einkaufsstraßen Deutschlands.

Die Hohe Straße gehört zu den meistfrequentierten Einkaufsstraßen Deutschlands.

Bevor sie auf die Hohe Straße zog, wohnte Ruth Jatzkowski in der Elsaßstraße in der Südstadt – auch in der vierten Etage. „Auch sehr schön, aber in dem Haus gab es keinen Aufzug, das ist im Alter nicht so günstig.“ Hier gibt es einen Aufzug. Und wie ist es mit dem Einkaufen? „Ach, ich gehe ja nicht mehr arbeiten, da braucht man gar nicht mehr so viel Kleidung. Aber Rewe ist in der Breite Straße, Aldi in der Richmodstraße, Bahnhof und U-Bahn sind wenige Hundert Meter entfernt. Ich brauche kein Auto.“  Als ihr Mann vor einigen Jahren starb, dachte sie kurz ans Ausziehen. „Aber dann habe ich gemerkt: Diese Wohnung gibt mir große Geborgenheit.“

Schon seit 35 Jahren wohnt Maria B. (Name geändert) ein paar Häuser weiter – sie möchte wegen der doch recht exponierten Lage der Wohnung anonym bleiben. Die 85-Jährige hatte eine Parfümerie auf der Schildergasse und suchte deshalb eine Wohnung in der Nähe. „Das hier war vorher eine Hausmeisterwohnung. Sie war in einem schrecklichen Zustand, eine Baustelle. Aber es gab 48 Interessenten“, weiß sie noch ganz genau. Mit viel Liebe richtete sie die Wohnung her. „Damals hat es hier noch tolle Geschäfte gegeben: Silber Becker, das Mantelhaus Görtz, der Salamander-Schuhladen. Das hat sehr nachgelassen.“

Klage über die vielen Musiker auf der Hohe Straße

Anders als Ruth Jatzkowski hört sie sehr viel Lärm von der Straße. „Das scheint an jeder Ecke anders zu sein.“ Und: „Früher habe ich mich gefreut, wenn um 11 Uhr die Musiker unten spielten.“ Jetzt seien die Darbietungen oft einfach nur nervig und schlecht. Auch habe es früher nicht so viele Bettler und Obdachlose gegeben. „Da war hier nach Ladenschluss wirklich Totenstille. Jetzt hört man viel Krakeelereien.“

Einiges bleibt aber, zum Beispiel das China-Restaurant. „Das gab es schon immer. Aber im Laufe der Zeit hat sicher zwölfmal der Betreiber gewechselt. Manchmal dreimal im Jahr“, sagt sie und lacht. Von Zeit zu Zeit denkt sie ans Wegziehen. „Aber dazu liebe ich die Wohnung einfach zu sehr. Und in einem Vorort leben, das könnte ich nicht aushalten. Da ist ja kein Mensch auf der Straße.“

Charlotte Stein und Mitbewohner Hendrik Böwer vor der deckenhohen Fensterfront zur Hohe Straße

Charlotte Stein und Mitbewohner Hendrik Böwer vor der deckenhohen Fensterfront zur Hohe Straße

Um zur Wohngemeinschaft gleich in der Nähe zu gelangen, muss man in der Marspfortengasse klingeln – denn zur Hohe Straße hin gibt es nur Schaufenster, aber keine Tür. Sieben Erwachsene und zwei Kinder leben seit vier Jahren in der großen Dachgeschosswohnung mit den vielen Zimmern rund um ein kleines Atrium. „Vor uns wohnte hier ein alter Mann allein bis zu seinem Tod. Warum die Wohnung so angelegt wurde, hat uns niemand sagen können, aber für uns ist das großartig“, sagt Charlotte Stein. Weil die Wohngemeinschaft alles selbst renovierte, habe man sich mit dem Hauseigentümer auf einen „guten Deal“ einigen können. Einige der Zimmer haben deckenhohe Fenster zur Hohe Straße. Die Bewohner arbeiten fast alle in künstlerischen Berufen, es gibt viele Instrumente und Jonglierzubehör.

„Hier kann man nachts um 3 Uhr Schlagzeug spielen oder feiern. Wir haben ja keine Nachbarn“, sagt Florian Theissen. Und man sei in sieben Minuten im Bahnhof, das sei total praktisch. Umgekehrt kämen auch häufig Bekannte mal kurz auf einen Kaffee vorbei, wenn deren Zug eine Stunde Verspätung habe oder sie ihn verpasst haben. „Hier klingelt es eigentlich ständig“, sagt Charlotte Stein. Auch für ihre zwei Kinder sei das Umfeld toll: keine Autos, man ist schnell am Rhein, schnell in der Schule.

Andererseits habe man den „heftigen Konsumkapitalismus“ jeden Tag vor Augen, so Florian Theissen. Und auch das Elend. Obdachlose liegen in den Hauseingängen. Nachts lagere eine ganze Familie schräg gegenüber. Die sei ziemlich laut. Florian Theissen ist hin- und hergerissen. „Ich verstehe, dass die in Not sind. Wie kann man da helfen? Muss die Stadt da nicht etwas machen?“ So sei das jedenfalls kein Zustand.

Hohe Straße: Großstadtstimmung und das Läuten der Glocken des Doms

Doch das Positive überwiege. „Obwohl man mittendrin ist, fühlt man sich so ungesehen“, beschreibt es Charlotte Stein. Draußen das Gewusel, hier die kleine Gemeinschaft hinter den Fenstern, die unten von der Straße nicht einsehbar sind. Florian Theissen sagt: „Hier gehen die Lichter nie aus. Und es gibt jeden Tag viel Input auch von den Touristen, verschiedene Kulturen, richtige Großstadtstimmung. Hier gibt es keine Langeweile. Das Menschengucken macht süchtig.“ Auch das Läuten der Glocken des Doms und des Rathausturms liebe er inzwischen.

Ruth Jatzkowski, Maria B. und die Wohngemeinschaft kennen sich persönlich nicht. Nur manchmal sehe man sich aus der Ferne auf dem Balkon oder dem Dach, erzählen sie. Dass sie hier so allein sind, hat historische Gründe. Die meisten Geschäftshäuser wurden nach dem Zweiten Weltkrieg schnell wieder aufgebaut und dienten nur einem Zweck: dem Verkaufen. Früher ging die Verkaufsfläche oft über mehrere Stockwerke, für Wohnungen war da kein Platz. Diese Aufteilung funktioniert aber schon länger nicht mehr. Der Umsatz wird heutzutage vor allem im Erdgeschoss gemacht, so manche Obergeschosse stehen leer.

Deshalb gibt es große Umbaupläne: das Mediamarkt-Gebäude – es ist der größte Komplex auf der Hohe Straße – und das ehemalige Mantelhaus Goertz werden komplett umgestaltet. Einige kleinere Gebäude werden sogar abgebrochen und dort ganz neu gebaut, etwa an der Ecke Hohe Straße/ Große Budengasse (ehemals Schuhhaus Raphael). Bei allen Projekten sind Wohnungen vorgesehen. Die Straße soll dadurch neu belebt werden. Bis Ruth Jatzkowski, Maria B. und die Wohngemeinschaft neue Nachbarn haben werden, wird es aber noch ein paar Jahre dauern. Vielleicht werden es einmal genug für ein Straßenfest.