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Nachruf Franz DeckerEin 68er im Priesteramt

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Franz Decker  Foto: Csaba Peter Rakoczy

Franz Decker Foto: Csaba Peter Rakoczy

Der frühere Kölner Caritasdirektor, Pfarrer Franz Decker, ist im Alter von 83 Jahren gestorben.

Franz Decker war ein 68er. Für jemanden aus dem Jahrgang 1943 ist das zunächst nicht bemerkenswert. Sehr wohl jedoch für einen katholischen Priester. Decker entstammt einer Kölner Familie, deren Wohnhaus im Krieg zerstört wurde, so dass er mit seinen sieben Geschwistern in Bad Godesberg aufwuchs. „Gut katholisch“ nennt seine ältere Schwester Ursula Gödde das familiäre Umfeld. Ein Bruder seines Vaters war Priester. Der Kölner Kardinal Josef Frings gehörte zur weitläufigen Verwandtschaft und war gelegentlich als Besucher im Wohnzimmer der Großeltern anzutreffen.

Als Decker nach dem Abitur selbst die geistliche Laufbahn einschlug, war das für sein Umfeld die Entscheidung für einen „ganz normalen, gängigen Beruf“, auch wenn sie für die Eltern sehr früh gekommen sei. Es habe deshalb bei Mutter und Vater eine gewisse Besorgnis mitgeschwungen, erinnert sich Gödde.

Die Theorien der „Frankfurter Schule“ aufgesaugt

Nach dem Theologiestudium, der Priesterweihe im Jahr 1967 und einem ersten kurzen Einsatz in der Seelsorge beschlich Decker das Gefühl, da laufe etwas schief in seinem Leben. So wollten die Kirchenoberen dem jungen Kaplan eine Haushälterin aufzwingen – „das war nun überhaupt nicht seins“, sagt die Schwester. Ihr Bruder fand, er könne sehr wohl für sich allein sorgen. Und überhaupt gebe es für ihn noch so viel mehr zu lernen und zu wissen als Rüstzeug für ein Leben in Zeiten des Umbruchs – gesellschaftlich und auch in der katholischen Kirche.

Für ein Pädagogik-Studium ging Decker ins Epizentrum der Studentenbewegung, Frankfurt am Main. Er saugte die Theorien der „Frankfurter Schule“ auf, kam mit den revolutionären „Roten Zellen“ in Berührung, sagte sich aber alsbald wieder von ihnen los. Aus einer Institution mit dogmatischem Lehrgebäude kommend, habe er das eine System nicht durch ein anderes ersetzen wollen, sagte er später über diese Zeit. Drei Jahre war Decker als Studentenpfarrer in Frankfurt tätig, danach 24 Jahre als Gemeindepfarrer im Erzbistum Köln. Auch hier verstand er sich stets als „Leutepriester“: weltzugewandt, nahbar, aufmerksam für die Sorgen der Menschen. Zur Zeit der kriegerischen Auseinandersetzungen auf dem Balkan öffnete er das Pfarrhaus für eine Flüchtlingsfamilie.

„Brandbrief“ an den Kölner Kardinal Rainer Woelki

Mit den Beschlüssen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 bis 1965 verband Decker eine Hoffnungsperspektive auf Veränderungen in der Kirche – und auch im eigenen Leben. Er habe, sagt seine ältere Schwester, fest mit einer baldigen Aufhebung der Verpflichtung zur Ehelosigkeit gerechnet.

So wie viele Priester seiner Generation. Zum Goldenen Priesterjubiläum 2017 schrieb Deckers Kölner Weihejahrgang einen bewegenden offenen Brief an Kardinal Rainer Woelki. Nach 50 Jahren im priesterlichen Dienst schildern Decker und zehn seiner Mitbrüder ihre Enttäuschung, Bedrückung und den Schmerz angesichts eines erlahmten Aufbruchsgeists sowie schwindender kirchlicher Praxis. Sie fordern neue Gemeindeformen, die Öffnung der Ämter für Frauen und die Aufhebung des Zölibats. Sehr persönlich sprechen sie hier von ihren Erfahrungen. Der Zölibat führe „immer wieder zu fruchtloser Vereinsamung oder/und hilfloser Arbeitshetze. Eine spirituelle Quelle in der Seelsorge setzt er selten frei. Nicht von ungefähr haben viele von uns diese klerikale Lebensform um des Berufes willen angenommen, aber nicht gewählt.“

Franz Decker glaubte an die Autorität des Arguments

Die aufrüttelnde Rede über Probleme, die viele andere Geistliche stillschweigend teilen dürften, war typisch für Decker. Er glaubte an die Autorität des Arguments, nicht an die Autorität als Argument.

Sollten er und die anderen Unterzeichner des bundesweit wahrgenommenen „Brandbriefs“ jedoch erwartet haben, dass ihr Erzbischof die Problemanzeige -  ja, den Hilferuf - der Weihejubilare mit der gleichen Empathie und Offenheit aufnehmen würde, wie Decker sie zeitlebens gegenüber den ihm anvertrauten Menschen praktizierte, dann hätte Woelki den Enttäuschungen seiner Priester eine weitere hinzugefügt. Die Reaktion des Kardinals fiel frostig und von oben herab belehrend aus: Reizpunkte wie Zölibat und Frauenpriestertum überschritten die Kompetenz des Ortsbischofs und seien letztlich in Rom zu diskutieren.

Elf Jahre an der Spitze des Kölner Caritasverbands

Dass Decker im Jahr 2000 für elf Jahre die Leitung des Kölner Caritasverbands übernahm, entsprach ebenso seinem Verständnis vom Auftrag der Kirche wie anschließend von 2013 bis 2019 der Vorsitz im Trägerverein der Karl-Rahner-Akademie (KRA), die sich dem offenen Dialog in der Kirche verschrieben hat.

Vertreter beider Institutionen würdigten Decker als leidenschaftlichen Kämpfer für soziale Gerechtigkeit, Humanität, kulturelle Vielfalt und gesellschaftlichen Zusammenhalt.  „Er verstand es, soziale Themen in Köln immer wieder auf die öffentliche Agenda zu bringen und war überzeugt, dass die Caritas ihre Stimme dort erheben muss, wo Menschen keine Fürsprecher haben“, schreiben die Vorstände Markus Peters und Markus Nikolaus in ihrem Nachruf.

Widerspruch gegen Machtmissbrauch in Kirche und Gesellschaft

„Seine klaren Worte und seinen Widerspruch gegen Machtmissbrauch in Kirche und Gesellschaft habe ich immer sehr geschätzt“, sagte Deckers Nachfolger bei der KRA, Werner Höbsch, dieser Zeitung. „Das Evangelium leitete ihn zu wacher Zeitgenossenschaft an – kritisch und dialogisch, mutig und klug. Er gab Zeugnis wider die Resignation und war ein glaubwürdiger Botschafter unserer Akademie in Wort und Tat.“

Peters und Nikolaus hoben auch Deckers Innovationsgeist hervor. „Ob die Unterstützung von ‚Kölsch Hätz‘ und die Förderung neuer Formen der Nachbarschaftshilfe, die Weiterentwicklung der Beschäftigungshilfen für Menschen mit Behinderung oder sein Engagement für Jugendliche in Köln: Er war bereit, neue Wege zu gehen, wenn sie den Menschen dienten.“

Deckers letzte Lebensjahre waren überschattet von einer schweren Krankheit, die ihn – so seine Schwester Ursula – immer mehr in sich habe versinken lassen. Seit 2024 lebte er in einem Heim der Kölner Caritas. Jetzt waren die für ihn da, für die er zuvor viele Jahre als Chef tätig war. Bis zuletzt begleitet von seiner Familie, ist Franz Decker am 15. Juni gestorben.


Der Trauergottesdienst für den Verstorbenen findet am Mittwoch, 24. Juni, um 10 Uhr in der Basilika Sankt Gereon statt. Zelebrant ist Pfarrer i.R. Matthias Schnegg. Im Anschluss wird Franz Decker im Grab der Familie auf dem Friedhof Melaten beigesetzt.