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Führungsriege ausgewechseltStreit an Woelki-Hochschule – Mitarbeiter beklagen „toxisches Klima“

10 min
19.06.2025
Köln:
Fronleichnamsfest - Erzbischof Kardinal Rainer Maria  Woelki feiert auf dem Roncalliplatz die Heilige Messe.
Foto: Martina Goyert
mgoyert@web.de

Kardinal Rainer Maria Woelki feiert an Fronleichnam auf dem Roncalliplatz die Heilige Messe. (Archiv)

Seit bekannt wurde, dass die gesamte Führungsriege der Kölner Hochschule für Katholische Theologie überraschend ihre Posten aufgibt, stellt sich die Frage: Was ist los an der von Kardinal Woelki protegierten KHKT?

Glückliche, junge Menschen, freudestrahlend oder nachdenklich vertieft in die Lektüre. Selten sind sie allein, nicht einmal am Schreibtisch oder in der Bibliothek. Auf einer Blumenwiese liegen sie bäuchlings zu dritt vor einem aufgeklappten Laptop. Hautfarben, Frisuren, Kleidung – alles ruft: Vielfalt! Diversität!

Für die Webseiten der „Kölner Hochschule für Katholische Theologie“ (KHKT) und der ihr verbundenen gleichnamigen Träger-Stiftung hat sich das Marketing, teils mit Hilfe von Agenturfotos, mächtig ins Zeug gelegt. Als sollte illustriert werden, womit der Stiftungsvorsitzende Andreas Reimann in einer achtseitigen Verlagsbeilage der Würzburger Zeitung „Die Tagespost“ um Spender und Unterstützer wirbt: „Die Kirche lebt!“, heißt es da, auch in Deutschland. Die KHKT sei der beste Beweis dafür – als „ein lebendiges Zentrum für Glauben, Dialog und missionarische Verantwortung“.

In der Hochschul-Community gibt es Personen, denen solche Sätze mittlerweile übel aufstoßen. Nicht, weil sie sich mit der Arbeit der KHKT und den dort Tätigen nicht identifizierten. Sondern weil die Selbstdarstellung mit ihrer Hochglanz-Ästhetik sie fatal an den Auftritt des Erzbistums Kölns und seines Erzbischofs erinnert. Von „Leni-Riefenstahl-Events“ ist die Rede, die ein gemeinsames Ziel hätten: Woelki gut aussehen zu lassen. Es gehe „am Ende immer nur um ihn“, sagt einer aus der Hochschul-Gemeinschaft. Woelki ist in Personalunion Großkanzler der KHKT und Vorsitzender des Stiftungsrats. Nicht zuletzt an ihm hängen Wohl und Wehe des Hochschulbetrieb – finanziell gesehen, mit zuletzt 3,4 Millionen Euro Zuschüssen aus Kirchensteuermitteln. Das hat Folgen, auch für das gewünschte Außenbild der KHKT.

19.07.2026: Köln: Die Kölner Hochschule für Katholische Theologie (KHKT)  an der Gleueler Straße 262-268. Foto: Martina Goyert

Der Campus der Kölner Hochschule für Katholische Theologie (KHKT) befindet sich an der Gleueler Straße 262-268 in Lindenthal.

KHKT hat bisher keine Führungsnachfolge präsentiert

Spätestens die jüngsten Turbulenzen an der Spitze der KHKT führen zu der Frage, was dort wohl los ist. Bereits im April gab die Stiftung die Hals-über-Kopf-Demission von Prorektor Elmar Nass bekannt. Am 11. Juli folgte die Mitteilung, dass die gesamte KHKT-Führungsriege um Rektor Christoph Ohly zum Semesterende ihre Ämter verliert. Ein Beben, keine Frage. Die offizielle Lesart für die „Neuordnung“ der Spitze lässt unter glatter Oberfläche keinerlei Unruhe erkennen.

Der Kirchenrechtler Ohly stehe mit Ablauf seiner Amtszeit im September „nicht mehr für eine weitere Wahlperiode zur Verfügung“ und werde künftig „verstärkt seine Lehr- und Forschungstätigkeit fortsetzen“. Auch Geschäftsführer Dominik Heringer, der das Amt 2024 ehrenamtlich übernommen hatte, konzentriere sich nach „übergangsweiser“ Tätigkeit nun wieder auf seine „ursprüngliche Aufgabe“ als Inhaber des Lehrstuhls für Kirchengeschichte. Und Kanzlerin Nina Jungblut lege nach erfolgreichem Studienabschluss mit Promotion ihr Amt nieder.

Alles ganz normal? Der „Ausblick“ in der Mitteilung weist zumindest eine wahrnehmbare Lücke auf: Nicht einmal für die beiden Verwaltungsposten wird eine Nachfolge präsentiert.

Die Redaktion hat mehrfach konkrete Anfragen an die KHKT-Leitung und die Stiftung gerichtet – und darauf bis zuletzt ausweichende bis abschlägige Antworten erhalten. Schriftlich. Zu einem Gespräch waren weder Ohly oder Nass noch Reimann bereit. Im Gegensatz zu einer ganzen Reihe von Personen, die auf die eine oder andere Weise mit der KHKT zu tun haben und die Verhältnisse bestens kennen. Keine von ihnen will sich namentlich zitieren lassen. Alle machten glaubhaft geltend, was ihnen an Konsequenzen drohte, falls sie nach außen erkennbar würden. Dass sie trotzdem einen Blick hinter die Fassade ermöglichen wollten, habe mit zunehmendem Leiden an einer „Trumpisierung der KHKT“ zu tun, hinter der sie die lenkende Hand des Kardinals vermuten. „Ich bin entsetzt über das, was seit Monaten an der Hochschule passiert.“

Kritik von Mitarbeitenden an Führungsstil

Zwei Spuren sind es, die verstehen lassen, was damit gemeint ist. Auf der einen geht es um Inhalte, auf der anderen geht es um Geld. Manchmal überlagern sich diese Spuren – und immer kommen Menschen dabei ins Straucheln.

Im vorigen Jahr, erinnert sich ein Beteiligter, seien erstmals Vorwürfe gegen den Führungsstil der gesamten Hochschulleitung laut geworden. Eine (inzwischen ehemalige) Mitarbeiterin weiß von einem „toxischen Klima“ zu berichten, von Geringschätzung und von Arbeitsabläufen, die krank machten. Namentlich Heringer, Priester des Bistums Aachen, hält sie eine respektlose, kränkende Gesprächsführung vor. Seit ihrem Weggang nach rund zwei Jahren Beschäftigung an der KHKT habe sie mit erheblichen psychischen Problemen zu kämpfen, so schildert es die Frau. Sie befindet sich derzeit in einer psychotherapeutischen Behandlung. Deren Notwendigkeit führt sie auf die belastende Arbeitssituation zurück.

Es soll sich nach Informationen dieser Redaktion um keinen Einzelfall handeln. Es habe Kollegen und Kolleginnen gegeben, die nach Mitarbeitergesprächen in Tränen gewesen seien. Ein Mitarbeiter, der noch heute an der KHKT beschäftigt ist, sagt, dass unter dem bedrückenden Arbeitsklima auch weitere Kolleginnen und Kollegen gelitten hätten. Er wolle die Hochschule nicht generell schlechtreden, betont der Auskunftsgeber. Man müsse da differenzieren. Die Identifikation mit der Institution sei nach wie vor groß, das Kollegium „toll“.

Die überhaupt erst vor einem Jahr gebildete Mitarbeitervertretung (MAV), in kirchlichen Einrichtungen so etwas wie der Betriebsrat, gibt zur Stimmung bei den Beschäftigten und zur Befragung keine Auskunft. Man sei „gesetzlich zur Verschwiegenheit über interne Angelegenheiten der Dienststelle verpflichtet“.

Heringer wollte sich auf Anfrage nicht äußern. Menschen, die ihn mit seiner Arbeit an der KHKT kennen, bestätigen aber, dass er bisweilen einen „durchaus harschen Ton“ anschlage und als Vorgesetzter auftreten könne „wie so ein Typ aus den 1950er Jahren“. Umgekehrt sei Heringer derjenige gewesen, der nach jahrelangem „Chaos“ zusammen mit der Kanzlerin die Bücher in Ordnung gebracht, den Etat bereinigt und die Hochschule auf wirtschaftlich gesunde Füße gestellt habe. So etwas gehe erfahrungsgemäß nicht ohne Reibungen und Konflikte mit der Belegschaft.

Woelki-Hochschule: Mitarbeitendenbefragung in Auftrag gegeben

Wenn man Heringer darauf anspreche, gebe er selbst zu, „dass hier nicht alles gut gelaufen“ sei und dass sein Umgangsstil einschüchternd, womöglich demotivierend und verletzend wirken könne, heißt es weiter aus Heringers Umfeld. Den Vorwurf eines systematischen Mobbings von Mitarbeitenden, der ebenfalls im Raum stand, weise er aber entschieden zurück. Von den konkreten Anschuldigungen der Ex-Mitarbeiterin habe Heringer im Übrigen erst durch die Anfrage dieser Redaktion erfahren. Zuvor habe sich für ihn alles im Vagen und Diffusen abgespielt. „Wie sollte er reagieren, wenn er nicht wusste, was man ihm zur Last legt – und von wem das kommt?“

Nachdem die Beschwerden ruchbar geworden waren, gab Heringer im Januar eine anonyme Befragung der rund 60 Mitarbeitenden in Auftrag – wie es heißt, auf Verlangen der Stiftung. Die Ergebnisse wurden aber nur einem innersten Zirkel zugänglich gemacht. Einzelheiten kennen angeblich weder die Professoren noch die erweiterten Gremien wie der Senat der KHKT. Auch der Redaktion gaben Hochschulleitung und Stiftung keine Auskunft. Der scheidende Rektor Ohly teilte lediglich mit, „dass wir die Anliegen der Mitarbeitenden – sowohl die positiven als auch die kritischen – ernstnehmen“. Reimann, der in der KHKT-Community als „Intimus“ Woelkis mit forschem Auftreten gilt, ging auf die ihm gestellten Fragen erst gar nicht ein und verwies an die Pressestelle der KHKT. „Wir legen großen Wert darauf, uns nicht in hochschulinterne Vorgänge einzumischen.“

Dieses Zitat hat in Hochschulkreisen wiederholt Hohngelächter ausgelöst. Tatsächlich habe die Stiftung sehr wohl versucht, in die Arbeit der Hochschule hineinzuregieren. Der Redaktion wurden anonym Unterlagen zugespielt, die diese Schilderung stützen.

Vor gut einem Jahr kam aus der Stiftung das Ansinnen, den höchst umstrittenen US-Bischof Robert Barron, einen Trump-Anhänger und – so die Universität Münster – Verfechter einer ausgrenzenden Identitätspolitik unter katholischem Vorzeichen, auch nach Köln einzuladen, nachdem er im Juli gegen heftigen Widerstand in Münster den „Josef-Pieper-Preis“ der dort ansässigen gleichnamigen Stiftung erhalten hatte. Die Hochschule wollte nicht. Was die Stiftung jedoch nicht daran hinderte, ein von ihrer Fundraiserin akquiriertes unverbindlich-allgemeines Lob Barrons für die KHKT in der erwähnten Verlagsbeilage vom 20. November 2025 zu platzieren. Auch das, heißt es, geschah gegen Wunsch und Wille anderer Autorinnen und Autoren. „Ich habe mich für diese Art der Außenwerbung geschämt“, sagt jemand aus der KHKT-Community.

Von Studierenden werden Auftritte der Stiftung an der Hochschule als „befremdlich“ geschildert. „Die hätten am liebsten eine frömmelnde Show, bei der die Studenten freundlich lächelnd katholische Weisheiten von sich geben“, sagt einer. Selbst das Wort „Studenten“ dürfte hier mit Bedacht gewählt sein. Als eine Person aus dem Lehrkörper einmal hochschulöffentlich von „Studierenden“ sprach, soll ein Stiftungsvertreter aus dem Hemd gesprungen sein: Gender-Ideologie habe an der KHKT nichts verloren.

Student berichtet anonym vom Klima an der KHKT

„Ich wusste, dass die KHKT einen bestimmten Ruf hat, und bin trotzdem gekommen“, sagt der Student. „Es gibt auch Veranstaltungen und Angebote jenseits des Lehrbetriebs, die man an einer staatlichen theologischen Fakultät schwerlich fände. Aber wenn wir ein akademischer Betrieb sein wollen, dann müssen die Standards im Programm doch auch akademisch sein – und nicht in erster Linie fromm.“

In internen Runden, heißt es aus KHKT-Kreisen weiter, hätten Stiftungsvertreter für eine Öffnung der KHKT in Richtung des konservativen US-Katholizismus geworben. Von dessen Lebendigkeit und (Finanz-)Kraft habe sich Kardinal Woelki auf einer USA-Reise persönlich überzeugen können. Ein Netz zwischen diesen Kreisen und der Hochschule könnte ihr mittelfristig die dringend gesuchte private Förderung sichern und wäre nicht zuletzt Ausdruck der Dankbarkeit, die Woelki für seine spendable Bezuschussung der KHKT aus Bistumsmitteln mehr als verdient habe.

Ein zweiter Streitpunkt zwischen der KHKT und ihrer Stiftung betraf den „Marsch für das Leben“, auf dem selbst ernannte Lebensschützer, streng konservative Katholiken, Anhänger rechter Bewegungen und Politiker der AfD gemeinsam gegen Abtreibung antreten. In Köln habe der Stiftungsvorstand bei der KHKT eine „Begleitveranstaltung“ an der Hochschule angefragt – und sei wiederum abgeblitzt. Das Argument, sinngemäß: Im Kontext von Wissenschaft hätten unterschiedliche, ja konträre Positionen zu Wort kommen müssen. Das sei aber offenbar nicht gewünscht gewesen. „Wenn es nach denen geht, dann sollen gläubige Christen für ihre Sache brennen – und nicht reflektieren.“ So gibt einer, der die Stiftungsvertreter häufiger erlebt hat, seinen Eindruck wieder.

Spätestens nach diesen Konflikten sei die Stimmung in diesem Jahr gegen die Hochschulleitung gekippt: „Die Bremser sollten weg.“ Letztlich, so schildern es Kenner der KHKT, sei damit auch die Mitarbeitendenbefragung („an und für sich ja eine gute Sache“) zu einem Hebel oder – so ein wörtliches Zitat – zu einer „Brechstange“ geraten, um Ohly, Heringer und die eng mit ihnen kooperierende Kanzlerin Jungblut zu schassen. Ein Solidaritätsschreiben zahlreicher Mitarbeitender an die Stiftung verteidigt die Leitung, schildert sie „nicht nur als engagiert, verantwortungsvoll und der Einrichtung gegenüber sehr verbunden …, sondern auch stets als gesprächsbereit und offen“ und bittet um das Vertrauen der Stiftung für die Amtsinhaber. Ohne Wirkung, was die Verfasserinnen und Verfasser womöglich schon geahnt hatten: Im Rahmen der Befragung, schreiben sie bedauernd, sei es „dem zufriedenen Teil der Mitarbeiterschaft nicht gelungen, die positiven Erfahrungen hinreichend klar zum Ausdruck zu bringen“.

19.07.2026: Köln: Die Kölner Hochschule für Katholische Theologie (KHKT)  an der Gleueler Straße 262-268. Foto: Martina Goyert

Der Campus der Kölner Hochschule für Katholische Theologie (KHKT) an der Gleueler Straße in Lindenthal

Woelki-Hochschule: Ungeklärter Weggang von Prorektor Nass

Der Abgang von Nass als Prorektor und Professor einen Monat zuvor wurde in einer Verlautbarung der Stiftung mit dem mehr als fadenscheinigen Argument bemäntelt, der Sozialethiker – mit zahlreichen öffentlichen Stellungnahmen und Auftritten so etwas wie das akademische Aushängeschild der KHKT – habe sich „nach reiflicher Überlegung und Gebet entschlossen, sich wieder stärker anderen priesterlichen Aufgaben zuzuwenden“. Welche das sind? Unklar.

Nass schweigt dazu beharrlich. Von einer angeblichen neuen Stelle in seinem Heimatbistum Aachen war gerüchteweise die Rede. Welche das sein könnte? Das wissen selbst Insider nicht zu sagen. Zu den mutmaßlichen, ungenannten Gründen für Nass‘ Weggang habe er „inzwischen bestimmt schon fünf oder sechs Versionen“ gehört, sagt einer, der Nass seit langem kennt. Eine davon, mehrfach kolportiert: „Furchtbare“ Konflikte mit Woelki und Nass‘ Weigerung, einen Rechtsausleger-Kurs ohne Wenn und Aber mitzutragen.

Gleiches gilt für das scheidende Führungstrio. „Die wollten nicht zum ‚Hurra, Herr Kardinal‘-Club gehören und als Woelkis Marionetten bedingungslos seinen Kulturkampf führen“, sagt jemand aus dem weiteren Umfeld der drei. Mit einem Mal galt Gründungsrektor Ohly, der seit 2019 Gesicht und Stimme der KHKT war und sie öffentlich als einladende, attraktive und dialoginteressierte Institution präsentierte, als zu „irenisch“, zu wenig kämpferisch im Eintreten für Woelkis Ziele und Pläne.

Ein Kommentar der „Tagespost“ zu Ohlys Ende als Rektor beruft sich ausdrücklich auf die Einschätzung von „Freunden und Förderern der KHKT“. Sie hätten bezweifelt, „dass Ohly die Energie und Kommunikationsstärke hat, um die Hochschule in den nächsten Jahren voranzubringen“. Und auch eine Kanzlerin müsse „als weibliches Gesicht der Hochschule“ stärker öffentlich präsent sein als die „medienscheue“ Jungblut.

An der KHKT wird dieses Verdikt als „schäbig“, „ehrabschneidend“ und „unverschämt“ wahrgenommen. Es klinge für ihn allerdings so, sagt einer aus der Hochschul-Community, dass es auch von der Stiftungsspitze hätte formuliert sein können.

Als Großkanzler und Vorsitzender des Stiftungsrats hat Kardinal Woelki einer schon vor längerer Zeit geäußerten Bitte der Hochschulgremien um ein Gespräch zur Gesamtsituation bisher nicht entsprochen.