Die erste internationale Außenstelle der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem wird in München entstehen, nicht in Köln.
Erinnerung an HolocaustYad Vashem vergibt Bildungszentrum nach München – Köln geht leer aus

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder bei einem Besuch in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem 2023.
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Die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem wird ihr geplantes Bildungszentrum in Deutschland in der bayerischen Landeshauptstadt München eröffnen. Es wird die weltweit erste Einrichtung dieser Art außerhalb Israels sein. „Was für eine Ehre! Yad Vashem kommt nach Bayern“, kommentierte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) die Entscheidung. Die Stadt Köln hatte sich ebenfalls als Standort für das „Yad Vashem Education Center“ beworben und geht nun leer aus.
„München wurde aufgrund seiner strategisch günstigen Lage und seiner Bildungslandschaft ausgewählt, was die Stadt zu einem idealen Standort für die Holocaust-Bildung macht“, teilte die Jerusalemer Gedenkstätte mit. Das neue Zentrum solle „eine möglichst große pädagogische Reichweite und Wirkung erzielen. Mit dem Standort München soll es als bundesweite Plattform für ein Publikum in ganz Deutschland und den Nachbarländern dienen.“
Eine historisch fundierte Holocaust-Bildung sei „wichtiger denn je“, betonte der Vorsitzende von Yad Vashem, Dani Dayan – insbesondere „zu einem kritischen Zeitpunkt, an dem Relativierung, Instrumentalisierung oder Leugnung des Holocaust sowie Antisemitismus zunehmen. Die Wahl Münchens, der Geburtsstätte der NSDAP, hat eine tiefe symbolische Bedeutung und spiegelt wider, wie wichtig es ist, sich dieser Geschichte dort zu stellen, wo sie ihren Anfang nahm.“
Die Bildungsstätte soll am Karolinenplatz, im ehemaligen NSDAP-Parteiviertel in München, entstehen und innerhalb von drei Jahren eröffnet werden. Außerdem wolle man eine zusätzliche Außenstelle in Leipzig in Sachsen gründen, gab Yad Vashem bekannt. Diese kleinere Einrichtung solle interaktive Lernräume bereitstellen und richte ihre Angebote an Pädagogen in der Region sowie in deren Nachbarländern.
Köln reagiert enttäuscht auf die Entscheidung für München
Die Stadt Köln reagierte mit Bedauern auf die Entscheidung für München. Köln habe sich in den vergangenen Monaten „mit großem Engagement um das einzigartige Projekt beworben“, teilte die Stadt mit. Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD) erklärte: „Natürlich hätten wir uns gewünscht, dass Köln den Zuschlag für dieses bedeutende internationale Bildungszentrum erhält. Die Entscheidung erfüllt uns deshalb auch mit Enttäuschung. Zugleich respektieren wir die Wahl von Yad Vashem ausdrücklich und gratulieren München und auch Leipzig, wo eine zusätzliche Außenstelle aufgebaut werden soll, zu diesem wichtigen Auftrag.“
Köln habe sich, so Burmester, „mit voller Überzeugung beworben – aus unserer besonderen historischen Verantwortung heraus und aus dem Selbstverständnis einer Stadt, die auf über 1700 Jahre jüdisches Leben zurückblickt. Unsere Bewerbung war getragen von dem festen Willen, ein sichtbares Zeichen gegen Antisemitismus, gegen das Vergessen und für eine lebendige Erinnerungskultur zu setzen.“ Gerade in Zeiten, in denen antisemitische Vorfälle wieder zunehmen, bleibe es „unsere gemeinsame Aufgabe, jüdisches Leben zu schützen, sichtbar zu machen und Bildung sowie Aufklärung weiter zu stärken. Köln wird diesen Weg konsequent weitergehen.“
Der OB betonte, Köln verfüge über „eine einzigartige und vielfältige jüdische Infrastruktur“. Er nannte die Synagogen-Gemeinde Köln, die zahlreichen kulturellen und sozialen Einrichtungen sowie das im Bau befindliche jüdische Museum Miqua und das NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln als „bedeutende Institutionen der Erinnerung, Forschung und Bildungsarbeit“. Das NS-Dok leiste seit Jahrzehnten herausragende Arbeit bei der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit und bei der demokratischen Bildungsarbeit für junge Menschen. „Köln wird auch künftig ein zentraler Ort des jüdischen Lebens, des Erinnerns und der historischen Verantwortung in Deutschland bleiben“, unterstrich Burmester.
Idee für ein Bildungszentrum außerhalb Israels stammt aus Köln
Die Stadt Köln hatte Yad Vashem als möglichen Standort das ehemalige Studienhaus des Römisch-Germanischen Museums am Roncalliplatz direkt gegenüber dem Kölner Dom angeboten. Der Architekt Manuel Herz, der den spektakulären Neubau der Synagoge in Mainz entworfen hat, sollte das zurzeit leerstehende Gebäude in bester Lage zu einem Ort für Bildung, Begegnung und Erinnerung umbauen. Zweimal waren Delegationen aus Israel in Köln zu Gast, um sich vor Ort ein Bild von den Möglichkeiten zu machen.
Bitter für Köln: Die Idee, dass Yad Vashem erstmals ein Bildungszentrum außerhalb Israels einrichtet, wurde in der Domstadt ins Leben gerufen, doch nun erhält München den Zuschlag. Die Initiative für das Projekt ging von Abraham Lehrer aus, dem Vorsitzenden der Synagogengemeinde Köln und stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland. Konkretisiert wurde seine Idee 2023 bei einem Treffen des Vorstandsvorsitzenden von Yad Vashem, Dani Dayan, mit dem damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD). Als mögliche Standorte wurden im Vorfeld NRW, Sachsen und Bayern ausgesucht.
Abraham Lehrer sagte unserer Redaktion, er habe sich sehr gewünscht, dass Köln die Heimat des neuen Instituts werden würde. „Die Synagogengemeinde Köln und ihre Mitglieder sind verständlicherweise traurig und ein wenig enttäuscht über die Entscheidung von Yad Vashem. Gerne hätten sie beim Aufbau des Education Center geholfen und seine späteren Angebote genutzt. Voller Respekt werden sie, soweit dies aus der Distanz möglich ist, die Häuser in München und Leipzig unterstützen.“
Zuspruch für Kölner Konzept von israelischer Delegation
Nach welchen Kriterien die Bewertung und Entscheidung für München zustande gekommen sei, wisse er nicht, sagte Lehrer. Er gehe „von einer äußerst knappen Entscheidung“ aus. Am geplanten Standort hat es seiner Ansicht nach nicht gelegen. „Die von der Stadt Köln in der Person des Oberbürgermeisters Thorsten Burmester vorgesehene Immobilie und das darauf angepasste Konzept des Architekten Manuel Herz erfüllen höchste Ansprüche. Das Studienhaus des RGM und die von Manuel Herz aufgezeigten Varianten für eine Nutzung haben sehr großen Zuspruch beim Besuch der zweiten Delegation aus Vad Vashem gefunden.“ Die Reaktion der Delegationsmitglieder sei stets positiv gewesen. „Es gab keine kritischen oder negativen Aussagen zu den Präsentationen.“
Dem Vernehmen nach wurde die Entscheidung für München offenbar auch dadurch begünstigt, dass der Freistaat Bayern das Projekt finanzieren will, während es in NRW bisher bei Absichtserklärungen geblieben sei. Der bayerische Landtag hatte die Landesregierung am 10. Dezember 2025 beauftragt, „die erforderlichen Ressourcen bereitzustellen, die eine nachhaltige und erfolgreiche Ansiedlung des Bildungszentrums in Bayern gewährleisten“. Zwei Wochen zuvor hatte der NRW-Landtag zwar ebenfalls beschlossen, „die Bewerbung Nordrhein-Westfalens als Standort eines Yad Vashem Education Centers mit Nachdruck zu verfolgen“, dabei war das Thema Finanzierung jedoch ausgeklammert worden.
Yad Vashem will Zusammenarbeit mit NRW ausbauen
Hinzu kommt, dass NRW anders als Bayern mit mehreren Städten in die Bewerbung ging. Während sich Bayern klar auf München festlegte, bot NRW anfangs gleich vier Alternativen an: Köln, Düsseldorf, Dortmund und Essen. In die engere Auswahl kamen Köln und Düsseldorf, beide blieben bis zuletzt im Rennen. Beobachter argwöhnen, für die Israelis könne der Eindruck entstanden sein, in NRW könne man sich nicht einigen, zudem gebe es dort womöglich ein Finanzierungsrisiko. In Bayern hingegen sei München gesetzt, die Finanzierung stehe und die angebotene Immobilie in unmittelbarer Nähe des NS-Dokumentationszentrums und der israelischen Botschaft sei attraktiv.
Bei der Bekanntgabe der Entscheidung für München erklärte Yad Vashem auch, man wolle „die langjährige Bildungspartnerschaft mit Nordrhein-Westfalen ausbauen“. Gemeinsam solle das Bildungszentrum zu einem bundesweiten Kooperationsmodell erweitert werden.“ Auf Nachfrage unserer Redaktion erklärte ein Sprecher von Yad Vashem: „Nordrhein-Westfalen war ein Pionier in der Kooperation zwischen Yad Vashem und Deutschland. Wir beabsichtigen, auf dieser Partnerschaft aufzubauen, damit NRW erneut als Vorbild für die Kooperation zwischen dem Yad Vashem Bildungszentrum und anderen Bundesländern dienen kann.“
Die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde für München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, bezeichnete die Errichtung des Holocaust-Bildungszentrums in München als „nötiges Gegengewicht“ zu politischem Extremismus. „Mit ihrer Geschichte als frühere „Hauptstadt der Bewegung“ und ihrer Gegenwart als Ort des Erinnerns und Knotenpunkt des jüdischen Lebens in Europa bietet unsere Stadt perfekte Voraussetzungen für eine Einrichtung, die die Gedenkkultur in einer neuen Epoche stärken soll“, erklärte Knobloch. Die Zahl der Holocaust-Zeitzeugen sinke stetig, gleichzeitig wachse der politische Extremismus, vor allem von rechts. „Dem Judenhass ist ohne Kenntnis der Geschichte nicht beizukommen“, sagte Knobloch. (mit dpa)
