Köln – Kennen Sie das? Man ist guten Willens, einer Rede von Angela Merkel zu lauschen, doch wenn die Sätze endlos vor sich hin mäandern, wenn sich der Tonfall merkelhaft-monoton auf ein Grundrauschen eingepegelt hat, dann macht sich eine geradezu wattige Müdigkeit breit. Die Kanzlerin gilt als große Europäerin, gewiefte Strategin und Perfektionistin in der Kohl’schen Kunst des Aussitzens – als Meisterin der politischen Rhetorik ist sie ganz sicher nicht bekannt. „Sie hat überhaupt kein Talent für Sprache“, sagt selbst ihre Biografin Evelyn Roll. Aber immerhin wisse sie um ihre hoffnungslose Talentlosigkeit.
Doch ist nicht auch die Sprache nur eines der vielen Felder, auf denen man Angela Merkel konsequent unterschätzt hat? Ihre Reden sind nicht schön oder gar elegant, sie neigt dazu, Füllwörter gleich im Viererpack aneinanderzureihen („manchmal vielleicht auch etwas“), sie verhaspelt sich gern. Aber sie ist effektiv.
Merkel will moderieren
Das zeigt sich im Schlagabtausch mit lautsprecherischen Alphamännchen wie in der legendären Elefantenrunde, in der sich Gerhard Schröder sicher war, dass er Kanzler bleiben werde. Diese Einschätzung quittierte Merkel – mit beredtem Schweigen. Oder Martin Schulz im jüngsten Wahlkampf: Im Fernsehduell konterte sie sämtliche Vorwürfe des SPD-Spitzenkandidaten mit den meistgenutzten Begriffen aus dem Merkel-Lexikon, „wir“ und „gemeinsam“. Sie lobte die Arbeit der Koalition und damit den politischen Gegner, und auch, wenn sie damit einlullte, sie nahm Schulz den Wind aus den Segeln.
Ihre rhetorische Strategie fällt mit ihrem Rollenverständnis als Kanzlerin zusammen: Sie will moderieren. Sie ist damit oft präsidialer als der Bundespräsident, und durch und durch protestantisch. „Ich will Deutschland dienen.“ Das heißt, auch sprachlich ordnet sie sich der Aufgabe unter, sie blendet nicht durch ein Wortfeuerwerk.
Die Kanzlerin betont oft falsch
Vermutlich hat sie nie einen Rhetorikkurs absolviert, deswegen betont sie oft falsch, wenn sie überhaupt betont. Doch der Sprachwissenschaftler Joachim Scharloth weist darauf hin, dass ihre Sätze keineswegs emotionslos sind. Sie bittet „herzlich“, sie findet andere „lieb“ – auch dies häufig hervorgeholte Vokabeln aus Merkels Wortschatz. Scharloth attestiert ihr gar einen Hang zur Entpolitisierung politischer Rede, doch dürfte auch die gefühlvolle Emphase dem Ziel dienen, Konsens herzustellen, Gemeinsamkeit zu betonen.
Und dann sind da noch die Sätze, die aus Merkels Sprachfluss herauspurzeln wie Findlinge. Unter ihnen dürfte der Ausruf „Wir schaffen das!“ derjenige sein, der als ihr markantestes rhetorisches Vermächtnis bleibt. Das hat sie geschafft.
